Magazinrundschau
Flucht vor Persönlichkeit
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
28.10.2025. Im New Statesman wischt John Gray den Postliberalismus vom Tisch. Und Amit Chaudhuri erklärt, warum Autofiktion nichts mit Bekenntnisliteratur zu tun hat. New Lines sieht den Libanon am Scheideweg. Elet es Irodalom unterhält sich mit den Jazzbois. n+1 erinnert sich an den Musiker, Tramp und Freak Michael Hurley. Der New Yorker denkt über Monster nach, die London Review über den Zusammenhang zwischen Serienkillern und Umweltverschmutzung.
New Statesman (UK), 28.10.2025
Der grassierende Post-Liberalismus wird, da ist sich John Gray sicher, Britannien nicht retten. Die gegenwärtige Version des Liberalismus, die sich vor allem als ein ungebändigter Subjektivismus manifestiert, hat zwar in seinen Augen gründlich abgewirtschaftet, aber eine Rückkehr zur vermeintlichen Harmonie vormoderner Gemeinschaften - von der rechte wie linke Liberalismuskritiker gleichermaßen träumen - ist erst recht unmöglich. In der Welt, in der wir leben, "sind post-liberale Fantasien einer kulturellen Wiederherstellung eine Ablenkung. In jeder realistisch vorstellbaren Zukunft wird dieses Land weiterhin eine Vielzahl von Glaubensrichtungen und Werten umfassen. Nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt ist das Zeitalter der großflächigen Migration zwar vorbei. Aber es kann kein Zurück mehr zur monokulturellen Nationalstaatlichkeit der Vergangenheit geben. Die Frage ist nicht, wie man Minderheiten in eine übergreifende Kultur integriert; vielmehr geht es darum, einen modus vivendi zu finden, in dem Lebensweisen, die divergent bleiben werden, miteinander koexistieren können. Der Weg vorwärts besteht darin, Gemeinschaften zu begrenzen, statt sie zu verfestigen. Jeder sollte dem Rechtsstaat unterworfen sein, der für alle gleichermaßen durchgesetzt wird. Niemandem sollte die Freiheit, seine Gemeinschaft zu verlassen, verweigert werden oder von anderen Gemeinschaften zu diesem oder jenem gezwungen werden. Der Tyrannei von Minderheiten, die die freie Meinungsäußerung ersticken, sollte entschieden Widerstand geleistet werden. Die individuelle Freiheit muss gegen die aufdringlichen Ansprüche kollektiver Identität wieder behauptet werden. Aber kann der politische Wille aufgebracht werden, um eine derart radikale Richtungsänderung herbeizuführen?"
Außerdem: Rachel Cunliffe liest die kaum erträglichen Erinnungen Eli Sharabis an seine Geiselhaft durch die Hamas: "491 Tage. In den Tunneln der Hamas".
New Lines Magazine (USA), 27.10.2025
Laurent Perpigna Iban blickt in den Libanon, der im Moment vor einer der womöglich größten politischen Veränderungen der letzten Jahre steht. Die USA und Israel fordern die Entwaffnung der schwer angeschlagenen Hisbollah - würde diese den Forderungen nachkommen, "hätte die libanesische Armee zum ersten Mal seit 1969 und den Kairoer Abkommen das Monopol der legitimen Gewaltanwendung im Libanon und damit einen Staat, der nicht länger von nichtstaatlichen Akteuren als Geisel gehalten wird", erklärt Karim Emile Bitar, Professor für Internationale Beziehungen an der Saint Joseph University in Beirut. Die Bevölkerung ist tief gespalten, zwischen Hisbollah-Anhängern, ihren Gegnern und jenen, die zwar die Hisbollah nicht unterstützen, aber der Regierung nichts zutrauen. Vor allem in den südlichen Gebieten, zum Beispiel den Vororten Beiruts, herrscht außerdem nach wie vor die Angst vor israelischen Angriffen: "Allein die Erwähnung der Rolle und Präsenz der libanesischen Armee löste allgemeines Gelächter aus. Mohamed, ein 41-jähriger Maler, ergriff das Wort: 'Seit dem Bürgerkrieg in den 1980er Jahren sind wir fast ein vom Rest des Landes abgetrenntes Gebiet. Wenn es keinen starken Staat gibt, entsteht etwas anderes an seiner Stelle. Wir haben die Armee während des Krieges kein einziges Mal gesehen.' 'Wir wollen einen starken Staat, wir wollen nicht unter der Kontrolle einer Miliz stehen, aber es bleiben Fragen: Wir lehnen einen Staat ab, der sich nicht der Pflicht stellt, uns zu verteidigen, das Land zu verteidigen und Widerstand zu leisten', unterbrach ihn ein junger Fotojournalist. Etwas weiter entfernt, außer Hörweite, machten Hisbollah-Gegner, die anonym bleiben wollten, ihrem Ärger Luft: 'Natürlich sind die Israelis eine Gefahr für uns, sie sind eine Gefahr für die gesamte Region. Aber die Hisbollah ist eine Katastrophe für dieses Land. Wie können wir akzeptieren, dass sie ihr Überleben über das der Nation stellt?'"Elet es Irodalom (Ungarn), 22.10.2025
Die Gruppe Jazzbois ist eine feste Größe im ungarischen Jazzleben, mit regelmäßigen Auftritten im deutschsprachigen Raum (z.B. in Wien am 14.11, in Hamburg am 18.11. und in Berlin am 19.11., sowie in Frankreich und dem UK), aber auch Gastauftritten bei den diesjährigen Festivals in Montreux und Montreal. Einordnungen geben wenig Orientierung, während man über Begriffe wie POV:, Escape Room, Stomp oder Holler stolpert. Jazzbois ist die Musik der Gen Y und Gen Z - aber nicht nur. Der Bassist Viktor Sági erzählt im Gespräch mit Iván Csaba, wie sich die Musiker vor jedem Konzert auf das Publikum einstellen: "Es ist vor allem unsere Geschmackspalette, die uns ausmacht. Wenn man sich unsere Aufnahmen betrachtet, handelt es sich um zeitgenössische Musik mit Spurenelementen aus dem Jazz. Live kommt vielleicht etwas mehr Jazz dazu. Wir schreiben die Setliste immer erst ein paar Stunden vor den Auftritten. Das gilt vor allem für Auftritte im Ausland, wo man einfach hingehen und das Publikum und die Stimmung einschätzen muss, um zu sehen, ob es ein Steh- oder Sitzkonzert wird und ob akustische oder elektronische Klänge besser ankommen. Ich glaube, deshalb ist die Zugehörigkeit zu einer Generation weniger wichtig, sondern eher die Umgebung: der Veranstaltungsort und das Publikum. Ähnlich wie bei Handwerkern, die eine Begutachtung ihres Arbeitsbereichs vornehmen. Hier entscheidet sich, ob die Party eher lebhaft sein soll, ob Funk oder House dominieren oder ob Standards und Balladen akustisch auf dem Klavier gespielt werden sollen. Bei den Leverkusener Jazztagen muss man beispielsweise zwischen Cory Henry und José James ein anderes Set spielen als in einem Berliner Club."Zum Reinhören der "Song of Hope":
Le Grand Continent (Frankreich), 27.10.2025
Meduza (Lettland), 21.10.2025

n+1 (USA), 09.10.2025
Zugegeben, das Album ist schon im September erschienen. Und gestorben ist Michael Hurley im April. Aber wenige Musiker sind so unbekannt und wurden so geliebt. Und einer der von Devendra Banhart, Yo La Tengo und Cat Power geliebt wird, der verdient diese Liebe! Sam Dembling nimmt Hurleys letztes Album nochmals zum Anlass, um in die einsamen Loblieder einzustimmen. Hurley ist ein bisschen wie ein Tom Waits, der sich zeit seines Lebens anstrengte, nur nicht so berühmt zu werden wie der. Seine Songs haben sehr häufig dieselbe lädierte Schönheit. Seine Stimme ist allerdings ganz anders, heller. Kleine Kiekser zeigen, dass er hätte jodeln können wie Jimmie Rodgers, und wie bei Jimmie Rodgers ist sein Folk im Blues geerdet, was man noch im ersten Stück seiner letzten Platte hört.Dembling schreibt: "In seiner selbst gewählten Obskurität war er ein Weltklasse-Vagabund, eine Art professioneller Faulenzer - 'Nur ein Tramp, nenn mich, wie du willst', sang er -, der paradoxerweise immer äußerst produktiv war. So hatte das Etikett 'Freak', das er stets ablehnte, doch etwas Wahres: Es konnte sowohl einen beruflichen Weg weg von Ambitionen bezeichnen als auch eine Rolle, die man annimmt und ausfüllt. Selbstbewusst projizierte er sich in eine Reihe solcher Persönlichkeiten: 'Snock', 'Jocko', der 'Werwolf', 'Light Green Fellow', 'Blue Navigator', 'Ol' Ratface', 'Mr. Whiskerwits'. ('Ich bin das, was man einen CC nennt: einen colorful character', bemerkte er in einem Lied.) Welche dieser Figuren ein echter Spitzname und welche eher fiktiv waren, war schwer zu sagen, was ihren Reiz noch verstärkte. Was alle diese Figuren gemeinsam hatten, war ein Gefühl der Delinquenz. Sie waren allesamt Faulenzer, Trinker, Wanderer, manchmal auch Frauenhelden. Sie waren schlecht darin, Arbeit zu finden, und noch schlechter darin, sie zu behalten. Sie waren faul, aber auch ruhelos." In der FAZ hatte vor ein paar Wochen Ulrich Rüdenauer Hurleys "anrührende Beiläufigkeit" gepriesen. In der taz hatte es einen Nachruf gegeben, und auch in der New York Times.
Sein meistgespielter Song ist "I Paint a Design".
Blätter f. dt. u. int. Politik (Deutschland), 27.10.2025
Wie geht es jetzt in Israel und Gaza weiter? Die Politologin Seyla Benhabib denkt in ihrem Artikel, der bei Eurozine auf Englisch frei lesbar ist, über das Konzept einer "multinationalen Konföderation" nach: "Lassen wir unsere politische Kreativität spielen: Ein Staat, Zwei Staaten, eine Art Konföderation - internationale Juristen und politische Philosophinnen Flüchtlingswissenschaftler und Menschenrechtsexpertinnen müssen ihren ganzen Willen und ihre Vorstellungskraft einbringen, damit die Völker dieses Landstrichs, zu denen Juden, Palästinenser Christen Drusen und Beduinen gehören, gemeinsam eine Zukunft aufbauen können. Die Formel aus dem 19. Jahrhundert - ein Land, ein Volk, ein Staat - hat sich in diesem Teil der Welt, und nicht nur hier, als katastrophal erwiesen: Fragen Sie die Armenier, die Kurden oder die Aleviten! Wir brauchen eine multinationale Konföderation, in der orthodoxe Juden am Grab Abrahams beten und glaubige Muslime die Al-Aksa-Moschee betreten konnen, ohne Angst haben zu müssen, getötet oder vertrieben zu werden! Eine Konföderation bedeutet auch Selbstverwaltung der Völker innerhalb eines kooperativen Rahmens, der gemeinsame Luftverkehrsrechte für internationale und inländische Flüge, die gemeinsame Nutzung von Wasser und Bodenschätzen und eine gemeinsame Umweltpolitik umfasst." Das klingt gut, wie genau die Umsetzung dieser Utopie von statten gehen soll, erklärt uns Benhabib in ihrem Artikel aber nicht.New Yorker (USA), 27.10.2025
Wann und warum sind Monster in Büchern und Filmen eigentlich von furchteinflößenden Kreaturen zu solchen geworden, mit denen wir Mitleid haben und für deren Hintergrundgeschichte wir uns interessieren, fragt sich Manvir Singh im New Yorker: "Eine vergleichende Studie semi-menschlicher Monster aus zwanzig verschiedenen Kulturkreisen - von den Apachen bis zu den Alten Griechen - hat 2001 eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen ihnen festgestellt. Die Kreaturen waren immer Außenseiter, viele waren Kannibalen. Alle hatten sichtbare Abweichungen: Ein Monster aus dem nordwestlichen Südamerika hatte Augen auf den Knien, der Oger der Apachen war mit so massiven Hoden belastet, dass er kaum laufen konnte. In jeder Kultur wurden die Monster von Helden besiegt, meistens getötet, deren Mutter die moralische Ordnung wiederhergestellt hat. Die Bosheit der Kreaturen kam nicht von Traumata oder unglücklichen Lebensumständen. Anderssein allein hat gereicht. Für Jahrtausende hat der Reflex - Anderssein mit Gefahr gleichsetzen - die Imagination bestimmt. Empathie (…) wäre einst undenkbar gewesen. Es brauchte eine langsame Revolution der Frage, wie wir das Monströse denken. Die Romantik säte die Saat und machte Bosheit von einer ansteckenden Äußerlichkeit zu einem inneren Problem. Freuds Konzeption des Unheimlichen versetzte die Monstrosität auf eine andere Weise ins Innere: Was uns verstört, ist nicht das radikal Andere, sondern die plötzliche Erkenntnis dessen, was elementar zu uns gehört - die Wiederkehr des Verdrängten. In seinen Händen hörte das Monster auf, ein Besucher von außen zu sein und wurde das unheimliche Gesicht des eigenen Selbst. Aber Empathie wurde erst zu einem Credo nach den Konvulsionen des 20. Jahrhunderts. Faschismus und die radikale Mythologie einer überlegenen Rasse hatten gezeigt, was daraus folgte, wenn man entscheiden konnte, wer als menschlich galt und wer nicht. In den moralischen Nachbeben des Genozids wurde die Idee des Monströsen selbst suspekt. Zu dämonisieren, stigmatisieren, entmenschlichen - Worte, die einst theologischen Wert hatten - wurde zu säkularen Sünden."London Review of Books (UK), 28.10.2025

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