
Es gibt zur Zeit kaum ein besseres Medium, um sich ein fundiertes Bild von der Ideologie und Kultur des
Trumpismus zu machen als
Le Grand Continent, ein Medium aus dem Dunstkreis der renommierten Ecole Normale Supérieure. Marin Saillofest
führt ein "entretien fleuve" mit der
Politologin Maya Kandel, die vor einigen Wochen eine
"Erste Geschichte des Trumpismus" veröffentlicht hat. Hier geht es um die
intellektuellen Satelliten, die Donald Trump zum Teil schon seit der ersten Amtszeit umschwirren (wie die Motten das Licht) und die versuchen, seinen Marotten und Obsessionen einen tieferen Sinn zu geben. Der Einfluss der Heritage Foundation ist bekannt, aber da ist auch das
Claremont Institute, das eigentlich aus dem Neokonservatismus kommt und schon in der ersten Amtszeit zu Trump schwenkte. Dabei brechen die Trumpianer aber mit dem Neokonservatismus und entwickeln ihm gegenüber eine Feindseligkeit, die zum Teil an den Antiamerikanismus der Linken erinnert, die die Neocons ebenfalls verabscheute: Die Denker des Instituts "stellen fest, dass zwei Faktoren für Trumps Sieg im Jahr 2016 entscheidend waren. Zum einen die Ablehnung der
Kriege von Bush, der 'endlosen Kriege', was sich in einer Ablehnung des Neokonservatismus niederschlägt, die auch heute noch sehr präsent ist - als 'Neokonservativer' bezeichnet zu werden, ist fast schon zur schlimmsten Beleidigung geworden." Nicht mit der Linken teilen die Trumpianer allerdings die
Ablehnung der Einwanderung. "Das ist etwas, das Trump ab 2010/11 entdeckt, als er seine Kandidatur ernsthaft vorbereitet, sich auf Twitter engagiert und Steve Bannon trifft. Zuvor war das Thema Einwanderung für ihn kein Thema, weder in seiner Kolumne von 1987 noch in seinen Büchern."
Europa kann sich übrigens brüsten, Trump und die Seinen zutiefst beeinflusst zu haben, erläutert Kandel, die auch über Trumps "Ästhetik" spricht: "Diese 'vulgäre' Seite haben wir bereits in Italien bei
Berlusconi gesehen - Italien ist in der Tat ein politisches Laboratorium, das den Trumpismus über Bannon und seine Verbindungen zu
Nigel Farage und Raheem Kassam inspiriert hat, die sich die
Fünf-Sterne-Bewegung genauer angesehen hatten, um sich von deren digitaler Strategie inspirieren zu lassen. Wie bei Berlusconi findet man auch bei Trump den Einsatz von
Vulgarität als Zeichen von Aufrichtigkeit und die Überschreitung von Grenzen als PR-Trick. Dies sind auch zwei wesentliche Triebkräfte von Reality-TV und Algorithmen, das Rezept für Viralität im digitalen Zeitalter."
Ebenfalls in
Le Grand Continent: ein
Gespräch mit dem Schriftsteller
Hervé Le Tellier, dessen
Roman "Die Anomalie" vor ein paar Jahren ein Bestseller war - sein neues
Buch "Der Name an der Wand" stößt ebenfalls auf positive Reaktionen.