Magazinrundschau - Archiv

Le Grand Continent

30 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 3

Magazinrundschau vom 29.07.2025 - Le Grand Continent

Ah, die französischen Elite-Institutionen haben doch auch ihr Gutes. Höchst kenntnisreich und dabei interessant zu lesen entfaltet Michel Foucher, ehemaliger Diplomat, und Professor an der Ecole Normale Supérieure und an Sciences Po, alle Aspekte, die den aktuellen Konflikt zwischen Kambodscha und Thailand erklären - dass die beiden Länder sich jetzt erstmal wieder vertragen, sollte von der Lektüre nicht abhalten. Zunächst einmal ist da die uralte Konkurrenz zwischen den Khmer und den Thailändern, so Foucher - die übrigens auch Thema der Tempelfriese an den von den Franzosen wiederentdeckten Anlagen von Angkor wat sind. Der eigentliche Grenzkonflikt, bei dem es unter anderem um einige Tempel geht, ist auch schon mehr als hundert Jahre alt. Nach dem Krieg hatten die Thailänder die Anlagen erobert, so Foucher: "Als Reaktion darauf brachte Kambodscha den Streit vor den Internationalen Gerichtshof (IGH), der 1962 zugunsten Kambodschas entschied." Dies sei einer der Faktoren, die zu Spannungen führen. "Er hat dazu beigetragen, die tiefsitzenden und feindseligen Gefühle zwischen den beiden Völkern zu kristallisieren. Da es sich um einen der großen Klassiker der internationalen Rechtsprechung handelt, den Fall des Tempels von Preah Vihear (aber auch um einen aktuellen Fall mit der Entscheidung von 2013), findet er weltweite Resonanz, was die Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenze noch mehr erzürnt, da sie vor der ganzen Welt, die ihrer Meinung nach auf sie schaut, ihr Gesicht wahren will." Der Konflikt wird immer wieder neu belebt, so Foucher, wenn es in einem der beiden Länder darum geht, Sündenböcke für innenpolitische Geplänkel zu finden. "Da die Frage der Grenzen die Bevölkerungen der jeweiligen Seite stark eint, nutzen politische Entscheidungsträger dieses Einheitsmoment für interne politische Zwecke, beispielsweise bei Wahlen, oder um politische Krisen zu überwinden."
Stichwörter: Thailand, Kambodscha

Magazinrundschau vom 22.07.2025 - Le Grand Continent

Nvidia, die Firma, die die Chips für unser aller Künstliche Intelligenz herstellt, ist auch die erste Firma in der Weltgeschichte, die an der Börse 4.000 Milliarden Dollar wert ist, etwa doppelt so viel wie alle vierzig Firmen des DAX. Der Nvidia-Chef ist letzte Woche nach China gereist, ein Ereignis, das Beachtung verdient, findet Alessandro Aresu, denn unter Joe Biden hat man Exportbeschränkungen für die avanciertesten Chips erlassen. Mit - milde gesprochen - paradoxem Ergebnis. "Seit der Verschärfung der Exportkontrollen im Sommer 2022 hat Nvidia die US-Politik immer wieder kritisiert. Bill Dally, wissenschaftlicher Direktor des Unternehmens - eine der wichtigsten Persönlichkeiten der angewandten Forschung dieses Jahrhunderts - erklärte im November 2023 an der Cornell University: 'Die Exportbeschränkungen gegenüber China haben in Wirklichkeit Tausende chinesischer Programmierer, die Software für unsere Maschinen entwickelten, dazu getrieben, sich Huawei und anderen lokalen Unternehmen wie Biren zuzuwenden. Kurz gesagt, diese Strategie schadet langfristig der amerikanischen Industrie, ohne den Fortschritt Chinas im Bereich der künstlichen Intelligenz zu bremsen. Aber in Washington tut man so, als würde man diese Stimme nicht hören.' Mit anderen Worten: Die Beschränkungen haben China nicht gebremst, sondern im Gegenteil seine technologischen Fähigkeiten gestärkt und gleichzeitig die Position der USA geschwächt." Nicht nur hat China die Welt vor einigen Monaten mit "Deepseek" geschockt, das billiger ist, aber genauso effizient wie die amerikanischen Konkurrenten. Jetzt kommt auch noch die Sofware "Kimi K2" des Unternehmens Moonshot AI aus Shanghai, berichtet die FAS, das "beste offene Modell der Welt " - und besser als Chat GPT sowieso.

Magazinrundschau vom 15.07.2025 - Le Grand Continent

Vielleicht gibt es ja noch deutsche Verlage, die nicht nur "Young Adult" machen wollen? Oder sind die Rechte zu diesem Buch vielleicht schon verkauft? Paula Klein führt ein fesselndes Gespräch mit der argentinischen Journalistin und Autorin Leila Guerriero. Ihr Buch "La llamada", das demnächst auch auf Französisch erscheint, ist einer der größten spanischen Verkaufserfolge des letzten Jahres - und das bei einem bitterernsten Thema. Der Titel ist unübersetzbar, er heißt so viel wie "Der Anruf", der "Appell". Guerriero kommt in einem Porträt des einstigen Diktaturopfers Silvia Labayru auf die finsteren Jahre des Militärregimes zurück. Labayrus Geschichte ist deshalb so tragisch, weil sie - immer unter der Drohung, gefoltert oder ermordet zu werden oder dass Familienangehörige mit hineingezogen werden  - bei einer perfiden Aktion der Generäle kooperierte. Sie spielte die Schwester eines V-Manns, der sich das Vertrauen einer Gruppe von Opferangehörigen erschlich und diese dadurch ans Messer liefern konnte. Die beiden sprechen Primo Levis Begriff der "Grauzone" an - auch Levi hatte darüber nachgedacht, dass der grausamste Aspekt an einem Zwangsregime die Notwendigkeit der Kooperation durch Opfer sein kann, wenn diese überleben wollen. Labayru ging nach ihrer Freilassung ins spanische Exil. Sie hat heute auch einen kritischen Blick auf die radikalperonistische Guerilla-Truppe der Montoneros, zu der sie gehört hatte. Man hat ihr Verrat vorgeworfen. Guerriero sagt: "Wenn ich den Begriff 'Verräter' im Zusammenhang mit diesen Ereignissen lese, läuft es mir kalt den Rücken hinunter, denn ich bin fest davon überzeugt, dass es unter diesen Umständen - die ich glücklicherweise nicht erleben musste - unmöglich ist, die Handlungen eines Menschen zu beurteilen. Klar ist, dass Silvia gezwungen wurde, dass sie wie so viele andere Menschen eine Art Sklavin war, ein Stück Fleisch, das jeden Tag aufstand und dachte, dass man sie an diesem Tag töten, in ein Flugzeug setzen und in den Río de la Plata werfen könnte. Vielleicht sind wir eher bereit, Aussagen von jemandem zu akzeptieren, dessen Geschichte nicht so kompliziert ist, der sich leichter in die radikale Forderung des Aktivismus jener Jahre einfügt und keine Aussagen macht, die zwiespältig oder gar gefährlich erscheinen könnten - in dem Sinne, dass sie den Rechten Argumente liefern könnten."

Magazinrundschau vom 08.07.2025 - Le Grand Continent

Es gibt zur Zeit kaum ein besseres Medium, um sich ein fundiertes Bild von der Ideologie und Kultur des Trumpismus zu machen als Le Grand Continent, ein Medium aus dem Dunstkreis der renommierten Ecole Normale Supérieure. Marin Saillofest führt ein "entretien fleuve" mit der Politologin Maya Kandel, die vor einigen Wochen eine "Erste Geschichte des Trumpismus" veröffentlicht hat. Hier geht es um die intellektuellen Satelliten, die Donald Trump zum Teil schon seit der ersten Amtszeit umschwirren (wie die Motten das Licht) und die versuchen, seinen Marotten und Obsessionen einen tieferen Sinn zu geben. Der Einfluss der Heritage Foundation ist bekannt, aber da ist auch das Claremont Institute, das eigentlich aus dem Neokonservatismus kommt und schon in der ersten Amtszeit zu Trump schwenkte. Dabei brechen die Trumpianer aber mit dem Neokonservatismus und entwickeln ihm gegenüber eine Feindseligkeit, die zum Teil an den Antiamerikanismus der Linken erinnert, die die Neocons ebenfalls verabscheute: Die Denker des Instituts "stellen fest, dass zwei Faktoren für Trumps Sieg im Jahr 2016 entscheidend waren. Zum einen die Ablehnung der Kriege von Bush, der 'endlosen Kriege', was sich in einer Ablehnung des Neokonservatismus niederschlägt, die auch heute noch sehr präsent ist - als 'Neokonservativer' bezeichnet zu werden, ist fast schon zur schlimmsten Beleidigung geworden." Nicht mit der Linken teilen die Trumpianer allerdings die Ablehnung der Einwanderung. "Das ist etwas, das Trump ab 2010/11 entdeckt, als er seine Kandidatur ernsthaft vorbereitet, sich auf Twitter engagiert und Steve Bannon trifft. Zuvor war das Thema Einwanderung für ihn kein Thema, weder in seiner Kolumne von 1987 noch in seinen Büchern." Europa kann sich übrigens brüsten, Trump und die Seinen zutiefst beeinflusst zu haben, erläutert Kandel, die auch über Trumps "Ästhetik" spricht: "Diese 'vulgäre' Seite haben wir bereits in Italien bei Berlusconi gesehen - Italien ist in der Tat ein politisches Laboratorium, das den Trumpismus über Bannon und seine Verbindungen zu Nigel Farage und Raheem Kassam inspiriert hat, die sich die Fünf-Sterne-Bewegung genauer angesehen hatten, um sich von deren digitaler Strategie inspirieren zu lassen. Wie bei Berlusconi findet man auch bei Trump den Einsatz von Vulgarität als Zeichen von Aufrichtigkeit und die Überschreitung von Grenzen als PR-Trick. Dies sind auch zwei wesentliche Triebkräfte von Reality-TV und Algorithmen, das Rezept für Viralität im digitalen Zeitalter."

Ebenfalls in Le Grand Continent: ein Gespräch mit dem Schriftsteller Hervé Le Tellier, dessen Roman "Die Anomalie" vor ein paar Jahren ein Bestseller war - sein neues Buch "Der Name an der Wand" stößt ebenfalls auf positive Reaktionen.

Magazinrundschau vom 01.07.2025 - Le Grand Continent

Arnaud Miranda und Andrea Venanzoni haben sich ein wenig Eukalyptussalbe in die Nasenlöcher geschmiert, Schutzhandschuhe und Gummistiefel übergezogen und sind hinabgestiegen in den Sumpf der Neoreaktion, kurz "NRx", also in das Gewimmel jener neoreaktionären Blogger, Spinner und Professoren von Curtis Yarvin, Patrick Deneen, Bronze Age Pervert oder Nick Land, von denen sich Trump und seine Quislinge inspirieren lassen (wenn sie in ihrem Zerstörungswerk einmal die Zeit zum Lesen finden). Ob man diese Autoren wirklich lesen muss, ist nochmal eine andere Frage. Aber andererseits zitiert Gilles Gressani, der das Interview mit den beiden führt, eine Devise Giuliano da Empolis: "Toute résistance commence par la connaissance" - aller Widerstand beginnt mit Kenntnis. Die beiden Autoren breiten in Le Grand Continent einen veritablen Atlas dieses Denkens aus mit kleinen Porträts der wichtigsten Akteure. Viele Texte der genannten Autoren, zu denen übrigens auch der deutsche Habermas-Schüler Hans-Hermann Hoppe gehört, lassen sich kostenlos als pdf herunterladen. So muss man nur mit Lebenszeit dafür bezahlen. Venanzoni beschreibt diese intellektuelle Sphäre, die den Hallraum für Trump bildet, so: "Das neoreaktionäre Denken zeichnet sich durch seine schwer fassbare, diffuse und stets provokative Natur aus. Es wäre irreführend, darin die strukturierte Kohärenz einer Schule oder einer politischen Bewegung im klassischen Sinne zu suchen. Das zweite Missverständnis entsteht aus seinem Namen zusammen: Auch wenn sie eine Wiederbelebung der Lehren von Joseph de Maistre, Thomas Carlyle, Louis de Bonald, Donoso Cortés, Nicolás Gómez Dávila oder Karl Ludwig von Haller anzukündigen scheint, behält die Neoreaktion (oder NRx) in Wahrheit nur sehr wenig davon bei. Zwar finden sich hier und da Zitate, Fragmente, Aphorismen oder sogar die Beschwörung einer gewissen Aura der genannten Autoren - doch das Ganze ist eingebettet in einen großen psychedelischen und flüchtigen digitalen Strudel, der eher dazu neigt, ein ganzes Buch von Julius Evola zu einem einfachen Meme zu verdichten, als eine strukturierte Doktrin zu produzieren. Denn die Neoreaktion ist in erster Linie dies:ein langes, ununterbrochenes Meme - das plötzlich zu einem Instrument der Machtergreifung wird."

Magazinrundschau vom 03.06.2025 - Le Grand Continent

Wer ist der neue polnische Präsident Karol Nawrocki? Olivier Lenoir stellt zehn Fakten über den PiS-Kandidaten zusammen, der die Wahlen haarscharf gewonnen hat. Die Zusammenfassung lässt einem die Haare zu Berge stehen, zugleich wirkt das hier entstandene Profil unangenehm bekannt: Nawrocki hat keine politische Laufbahn hinter sich, sondern war Boxer und Fußballer mit guten Verbindungen zu Hooligan und Neonazi-Kreisen. Während seiner politischen Karriere jagte eine skandalöse Enthüllung die nächste, so Lenoir: "Der jüngste Skandal brach wenige Tage vor der Stichwahl aus: Laut der Online-Zeitung Onet soll Nawrocki als Sicherheitsbeamter im Grand Hotel in Sopot, einem Badeort an der Ostsee, gearbeitet und an der Deckung eines Prostitutionsrings für Hotelgäste mitgewirkt haben." Lenoir dokumentiert außerdem eine besonders bizarre Episode, die sich im Jahr 2018 abspielte - und die Nawrockis Wähler anscheinend schon lange wieder vergessen haben: "Im Jahr 2018 trat ein gewisser Tadeusz Batyr, der gerade eine Biografie über einen Gangster aus Danzig veröffentlicht hatte, im lokalen öffentlich-rechtlichen Fernsehen TVP Gdańsk auf, das damals von der regierenden PiS betrieben wurde. Er lobte Karol Nawrocki, den damaligen Direktor des Museums des Zweiten Weltkriegs. Daraufhin schrieb dieser auf seinem Facebook-Account: 'Ich habe mehrere Jahre lang das organisierte Verbrechen studiert […] Tadeusz Batyr hat mich daher um Rat gefragt.' Doch im März 2025 kam die Überraschung: Der berühmte Batyr war in Wirklichkeit Nawrocki selbst, verkleidet mit einer Mütze und einer Brille. Während die beiden vorangegangenen Skandale einen Großteil der polnischen Öffentlichkeit hinsichtlich der öffentlichen Sicherheit und der Seriosität der Person des Präsidenten beunruhigten, ist die Batyr-Affäre geradezu grotesk und löste bei seinen Gegnern in den sozialen Netzwerken allgemeine Heiterkeit aus. Zu dieser x-ten Kontroverse in Nawrockis Wahlkampf könnten noch weitere Skandale hinzugefügt werden, wie die Tatsache, dass er angeblich eine Wohnung zu einem Spottpreis von einem bedürftigen alten Mann erworben hatte, dass er während seiner Präsidentschaft im Museum des Zweiten Weltkriegs der Vetternwirtschaft beschuldigt wurde und schließlich, dass die polnische Sicherheitsbehörde eine negative Stellungnahme zu seiner Ernennung zum Leiter des Instituts für Nationales Gedenken abgegeben hatte - die Präsident Duda zur Seite wischte."
Stichwörter: Nawrocki, Karol, Polen

Magazinrundschau vom 13.05.2025 - Le Grand Continent

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Le "Grand Continent": Das ist Europa. Die Zeitschrift hat auch einen Literaturpreis - und mit diesem ist der polnische Autor Tomasz Rozycki für seinen Roman "Die Glühbirnendiebe" ausgezeichnet worden - in Deutschland ist der Roman im kleinen und so für die osteuropäischen Literaturen engagierten Verlag Edition FotoTapeta erschienen (und wie es der Zufall will, haben ihn die PerlentaucherInnen Benita Berthmann und Lukas Pazzini für das erste Perlentaucher-Podcast ausgewählt, das wir in ein paar Tagen veröffentlichen). Rozycki, der ein Frankophiler ist, wird von Olivier Lenoir und Florent Zemmouche zu den polnisch-französischen Beziehungen befragt, die nicht unbedingt von großer gegenseitiger Kenntnis geprägt sind. Aber Rozycki beschreibt in seinem Roman ein Haus und ein Stadtviertel vor dem Mauerfall. Und an dieses Haus erinnert ihn auch Europa in seinem heutigen Zustand: "Man lebt in einer Gesellschaft, einem Haus, einer Bar, zusammen. Man muss sich nicht unbedingt mögen, denn man ist hier zufällig zusammengewürfelt, aber man hat nicht wirklich eine Wahl: Man muss kooperieren, anfangen, gemeinsam etwas zu tun, um aus einer sehr schwierigen Situation herauszukommen. Ich glaube, dass wir uns heute in Europa in einer schwierigen Situation befinden und wir uns gemeinsam durchschlagen müssen, wir müssen kooperieren, wir müssen solidarisch sein. Ansonsten werden wir einer nach dem anderen in Einsamkeit zerquetscht und die anderen werden aus der Ferne zuschauen, ohne etwas zu tun. Im Moment geht es uns in unseren Wohnungen sehr gut, wir haben alles, was wir brauchen. Das Problem liegt bei den Nachbarn. Im Moment..."

Magazinrundschau vom 06.05.2025 - Le Grand Continent

Rumänien hat eine alte Tradition des Faschismus - wer sich ein Bild davon machen will, lese die Tagebücher von Mihail Sebastian. Die rumänischen Wahlen 2024 und 25 gehören zu den unheimlichsten Ereignissen einer unheimlichen Wiederkehr und wurden kaum in gebührendem Maße wahrgenommen. Die Wahlen des letzten Jahres waren bekanntlich unter nicht ganz klaren Umständen annulliert worden. Gewonnen hatte sie überraschend der Kandidat Calin Georgescu, eine Art Fantasyfaschist, der einem düsteren Comic entstiegen zu sein schien - jüngst hieß es, dass er seinen Wahlsieg weniger Putin als innerrumänischen Ränkespielen verdankte (unser Resümee). Am Sonntag fand nun also ein neuer Wahlgang statt. Georgescu durfte nicht antreten. Stattdessen liegt nun der Rechtsextremist George Simion vorn, der in Rumänien schon länger sein Unwesen treibt und sich nach den annullierten Wahlen sofort mit Georgescu solidarisierte. Le Grand Continent bringt ein informatives Dossier zu den rumänischen Wahlen. Simion, so zeigt sich, spielt mit allen Versatzstücken des neuen, globalisierten und an Trump angelehnten Rechtsextremismus. Interessant ist, dass bei ihm antisemitische Elemente offensichtlicher zu sein scheinen als bei anderen Varianten in Europa - George Soros spielt hier die übliche Rolle. Außerdem ist Simion Nationalist und will Moldawien nach Rumänien "zurück"-holen, er ist Klimaleugner, aber relativ vorsichtig bei Russland, dessen Gefährlichkeit er kleinredet. Die Startrampe waren für ihn Coronaleugnung und Impfskepsis: "Am 14. Februar 2022, als bereits mehr als 61.000 Rumänen an Covid-19 gestorben waren, erklärte George Simion im Fernsehsender Antena 3, dass die Pandemie nie stattgefunden und keine Auswirkungen gehabt habe, oder genauer gesagt, dass es sich um eine 'Plandemie' gehandelt habe, um eine von Globalisten ausgeheckte Verschwörung mit dem Ziel, die rumänische Bevölkerung zu unterjochen. Der verschwörungstheoretische Neologismus 'Plandemie' … tauchte ab dem Frühjahr 2020 in verschwörungstheoretischen Kreisen auf, die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus bekämpften, und wurde dann durch eine Pseudo-Dokumentation mit dem Titel 'Plandemic: The Hidden Agenda Behind Covid-19' weit verbreitet. George Simion weigerte sich stets, einen Mundschutz zu tragen, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben und von Epidemiologen empfohlen wurde."

Magazinrundschau vom 29.04.2025 - Le Grand Continent

Der Historiker Alexander Clarkson überlegt, wie Europa auf Trump reagieren sollte. Sein Szenario ist dramatisch. Europa, so meint er, steht einem drastisch geschwächten Amerika gegenüber. Denn Trump handele in einem entscheidenden Punkt anders als Putin oder Orban - und genau damit könnte er Amerika in den Abgrund führen: "Dies ist eines der krassesten Paradoxa in der Machttheorie der neuen konterrevolutionären Elite in Washington: Theoretisch sichert ihnen die Politisierung der Steuerbehörde, der Bundespolizei oder der Sicherheitsbehörden einen dauerhaften Griff nach der Macht, in der Praxis aber schwächt das durch dieses überstürzte Vorgehen verursachte Chaos den Staatsapparat so sehr, dass er nicht mehr funktionsfähig ist. Wo Putins Russland, Erdogans Türkei oder Orbans Ungarn ihren Autoritarismus konsolidiert haben, indem sie die Institutionen nach und nach gleichschalteten, verfolgt die Trump-Administration eine massive und methodisch unausgereifte Zerstörungsstrategie. Das Ergebnis ist heute deutlich: eine überforderte, gespaltene, unterbesetzte und vor allem unfähige Zentralregierung, die ihre Autorität nicht durchsetzen kann."

Magazinrundschau vom 01.04.2025 - Le Grand Continent

Olivier Roy ist als Politologe dafür beliebt, dass er den Islamismus aus dem Islamismus wegerklären kann. Islamismus bei Jugendlichen im Westen sei eine Islamisierung der Radikalität, nicht eine Radikalisierung von Religion. In vorliegendem Essay denkt er über die verschiedenen Strömungen der populistischen bis extremistischen Rechten nach, die sich hinter Trump versammeln - und bei denen es sich um durchaus widersprüchliche Ideologien handele. Als guter französischer Intellektueller leitet er sie aus den drei klassischen Strömungen der Rechten im französischen 19. Jahrhundert ab: Legitimisten, also Anhänger eines fundamentalistischen Monarchismus und Klerikalismus, Bonapartisten, also Populisten und Anhänger eines Führerkults, und Orleanisten, Verfechter der konstitutionellen Monarchie, die Roy ziemlich schräg mit heutigen Liberalen gleichsetzt. Den heutigen Liberalismus sieht Roy so: "Die Überbleibsel des Liberalismus denken den Staat nunmehr in einer Vision, die Schmitt näher steht als Locke, denn sie gehen von der Existenz eines Feindes aus: die Einwanderung (für Europa der Islam) und die Werte der 68er (nunmehr mit dem Label 'Wokismus' versehen) seien die beiden Hauptursachen für die Krise des sozialen Zusammenhalts. Der Islam und der Wokismus sind die beiden Feinde, die unter dem Begriff 'Islamo-gauchisme' zu Verbündeten erklärt werden. Um sie zu bekämpfen, bedarf es nicht eines Schiedsrichterstaates, sondern eines eines starken Staates... Sie wollen den Staat zurückerobern - und genau das war der Sinn der Besetzung des Kongresses in Washington am 6. Januar 2021. Der Orleanismus ist definitiv tot."