Magazinrundschau

Vom Sarg bis zur Beerdigungslingerie

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
02.12.2025. Der Guardian berichtet, wie die Friedfertigkeit des Buddhismus in Ländern wie Sri Lanka oder Myanmar einem gewalttätigen Nationalismus und männlichem Dominanzgehabe weicht. La vie des idees taucht ein in das Universum der "dark romance". Eurozine erkundet die Russland-Liebe der Italiener. Die New York Times blickt besorgt auf die steigenden Todesfälle durch E-Bikes. Der New Yorker erliegt dem morbiden Charme Jessica Mitfords.

Guardian (UK), 02.12.2025

Sonia Faleiro fragt, warum der im Westen für seine Friedfertigkeit gefeierte Buddhismus sich in einigen ostastiatischen Ländern mehr und mehr zu einem politischen Machtfaktor entwickelt, der Anschluss sucht an nationalistische Bewegungen: "In Sri Lanka sind die safranfarbenen Roben buddhistischer Mönche für die muslimische Minderheit des Landes zu einem furchteinflößenden Symbol geworden, da Gruppen wie die Bodu Bala Sena ihre Anhänger unter dem Banner des 'Schutzes' des Buddhismus mobilisieren. In Myanmar tragen Figuren wie Ashin Wirathu, der Hass gegen die Rohingya schürte, ähnliche Roben. Die Mönche, die diese gewaltsamen Bewegungen anführen, scheinen nicht von der Suche nach Nirwana im Jenseits getrieben zu sein, sondern von einem Streben nach Dominanz in diesem Leben. Ihre Handlungen werden zum Teil von historischen Kräften wie dem Kolonialismus geprägt, der rassische Hierarchien einführte und bestimmte Religionen über andere stellte. Wirtschaftliche Ungleichheit verschärfte diese Spannungen, was die Bevölkerung dazu brachte, Trost in der Religion zu suchen - und den Mönchen dadurch unverhältnismäßig großen sozialen und politischen Einfluss verlieh. So entstand ein Muster, das auch in anderen Teilen der Welt zu beobachten ist: gewaltsame nationalistische Bewegungen gewinnen auf Kosten von Minderheiten an Schwung, während die Machthabenden ein Gefühl der Opferrolle instrumentalisieren, um ihre Kontrolle zu festigen. Die Mönche machen zudem eine weniger bekannte Dimension des Buddhismus sichtbar: seine patriarchale Struktur. In Süd- und Südostasien, besonders in der Theravada-Tradition, genießen männliche Mönche Privilegien, die Frauen systematisch verwehrt werden. Figuren wie Wirathu, die von ihren Anhängern verehrt und durch ihre Roben legitimiert werden, machen diese Hierarchien sichtbar: wer erhoben wird, wer gehört wird, wer zum Schweigen gebracht wird. Ihr Aufstieg zeigt, wie Nationalismus sich mit männlich geprägten Ideologien verbindet und männliche Dominanz weiter festigt."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Buddhismus

La vie des idees (Frankreich), 01.12.2025

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Ivan Jablonka taucht für uns ein in das Universum der "dark romance", ein Genre, das vor allem unter jungen Frauen erheblichen Zuspruch findet und die Buchhändler ob der hohen Verkaufszahlen jubeln lässt. Die Stories ähneln sich, wie zum Beispiel im Roman "Captive" von Sarah Rivens: Das Buch "erzählt die Liebesgeschichte zwischen Ella, einer 22-jährigen Waise, und Asher, 24, Bandenführer und 'schrecklicher launischer Psychopath'". Ella wird von Asher festgehalten, erklärt uns Jablonka, und da er ein wahrhaftiger Mörder ist, muss sie permanent um ihr Leben bangen - gleichzeitig entwickelt sich zwischen den beiden eine ambivalente Liebesgeschichte: "Das ist das Paradoxon, das die dunkle Romantik besiegelt: Die Frau fühlt sich von dem Mann beschützt, der sie töten könnte, sich aber dafür entscheidet, sie nicht zu töten (jedenfalls nicht sofort). Die Liebe verbindet dich mit demjenigen, der dir Schaden zufügen könnte, bis hin zur Zerstörung deines Lebens, der aber - großer Prinz - das Damoklesschwert zurückhält." Jablonkas Artikel liest sich so ambivalent wie die Story dieses Romans: Einerseits lässt sich argumentieren, wie es Eva Illouz in Bezug auf den Bestseller "Fifty Shades of Grey" tat, "dass 'harte' Romanzen dazu beitragen, dass sich die Leser ihre Sexualität wieder aneignen, indem feministische Codes geschickt in die Beziehung zwischen Anastasia und dem jungen CEO integriert werden. Weibliche Fantasien und männliche Dominanz werden artikuliert." Hier jedoch liegt ein etwas anderer Fall vor, der Jablonka eher besorgt zurücklässt: "Es ist eines der beunruhigendsten Paradoxe unserer Zeit, dass diese Kultur des Femizids von jungen Frauen produziert und konsumiert wird. Es ist wahr, dass wir sowohl Versklavungsfantasien hegen als auch #MeToo-Kämpfe unterstützen können, wie einige Frauen mutig erkennen. Aber die dunkle Romantik mit ihren bis zu Ekelgefühlen aufgewärmten Mustern ist heute Verbündete des Maskulinismus. Während Influencer Jungen beibringen, zu dominieren, raten Autoren Mädchen, sich zu unterwerfen."

Eurozine (Österreich), 01.12.2025

Woher kommt die Russland-Liebe der Italiener? Eine IPSOS-Umfrage aus dem Jahr 2025 zeigt, "dass die Unterstützung für die Ukraine in Italien in den letzten dreieinhalb Jahren stark zurückgegangen ist, von 57 Prozent im Jahr 2022 auf 32 Prozent im Jahr 2025", berichtet Aleksej Tilman. Eine aktuelle SWG-Umfrage zeige außerdem, "dass 41 Prozent der Befragten der Meinung waren, dass Italien aufhören sollte, Waffen an die Ukraine zu schicken. Unterdessen erklärten elf Prozent der Befragten ihre Unterstützung für Russland." Der unkritische Blick der Italiener auf Russland ist einerseits historisch bedingt, immerhin war die PCI, die kommunistische Partei Italiens, einst die größte kommunistische Partei Westeuropas, erklärt Tilman. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine ging die italienische Unterstützung für Russland in der Bevölkerung zwar stark zurück, doch blieb eine kleine politische Minderheit, die sich mit der Zeit wieder Gehör verschaffte: "Die offene Unterstützung für Russland nahm erheblich ab und blieb größtenteils auf die äußerste Linke und die äußerste Rechte des politischen Spektrums beschränkt. Dies zeigte sich deutlich an einer Vielzahl kleiner politischer Bewegungen, Medienunternehmen und Kulturorganisationen, die allgemein als 'Rossobruni' (ein Kunstwort aus Rot, das den Kommunismus repräsentiert, und Braun wie die Braunhemden, die erste paramilitärische Gruppe der Nazis) bezeichnet wurden. Eine dieser Gruppen ist dafür verantwortlich, dass im Jahr 2024 in italienischen Städten Hunderte von pro-russischen Werbetafeln aufgehängt werden. Gleichzeitig kam es in den ersten Tagen der Invasion zu einer Welle 'pazifistischer' Proteste, die Menschen unter dem Motto 'weder Russland noch die NATO' zusammenbrachten. Anders als die Antikriegsbewegung von 2003, die den amerikanischen Imperialismus im Irak eindeutig verurteilte, haben diese Proteste Russland selten für seine Aggression angeprangert, sondern stattdessen eine neutrale Haltung eingenommen. Wie sich dieser allgemeine Friedensruf in einen gerechten Frieden für die Ukraine umsetzt, bleibt unklar."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Italien, Russland, Ukrainekrieg

New York Times (USA), 30.11.2025

Auch in den USA sind E-Bikes schwer angesagt. Sie fahren zum Teil noch schneller als in Europa, und noch weiß Amerika nicht, ab welchem Grad sie einen Führerschein und ein Kennzeichen erfordern. Aber eins ist klar: Die Zahl der tödlichen Unfälle, in die E-Bikes verwickelt sind, ist drastisch gestiegen - so wie auch in Deutschland, auch wenn nicht so viel darüber geredet wird - 2022 wurden laut taz immerhin 5.600 Fußgänger in Deutschland durch Zusammenstöße mit E-Bikes verletzt: "Unfallforscher fordern Konsequenzen." In Amerika, so berichtet David Darlington in einer langen Recherche, herrscht absolutes regulatorisches Chaos. Jede Stadt erlässt andere Vorschriften. Die fettesten E-Bikes werden auch in New York von Lieferfahrern gefahren, was die Regulierung schwieriger macht: "Bürgermeister Eric Adams hat mit der Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 15 Meilen für E-Bikes reagiert, aber da so viele Lieferanten Einwanderer sind, hat das Thema eine gesellschaftspolitische Dimension angenommen. Um benachteiligte Menschen nicht zu kriminalisieren oder ihnen 'gute Beschäftigungsmöglichkeiten' nicht vorzuenthalten, empfiehlt Ben Furnas vom Fahrradverband 'Transportation Alternatives', den Verkauf von E-Bikes der Klasse 3 zu verbieten (solche E-Bikes haben einen Gashebel und können beschleunigen, ohne dass man die Pedale benutzt, d.Red.). Er fügt hinzu, dass er sich auch 'weitaus strengere Vorschriften für das Ökosystem der Liefer-Apps' wünscht, 'damit die Arbeitnehmer nicht unter Druck gesetzt werden, gegen die Regeln zu verstoßen, um ihre Ziele zu erreichen' - eine Position, die auch der designierte Bürgermeister Zohran Mamdani teilt." Und bis dahin gilt Augen auf auf Fußwegen.
Archiv: New York Times
Stichwörter: E-Bikes

Le Grand Continent (Frankreich), 29.11.2025

Rana Foroohar ist die Trump-Expertin der Financial Times. Trump mag sich ja in die Brust werfen, aber innen ist er hohl, meint sie. Und auch rein wirtschaftlich sieht sie im Gespräch mit Louis de Catheu schwarz: "Trump ist ein Mann, der seine Karriere auf den Immobilienmärkten gemacht hat; das zeigt sich daran, wie er Europa unter Druck setzt, die Technologievorschriften zu lockern. Für ihn dreht sich alles um Geld, Transaktionsdenken und Kommerz - dort, wo seine Interessen liegen. Ich glaube, dass genau diese Eigenschaft sein Untergang sein wird. Die Art und Weise, wie die Regierung Kryptowährungen unterstützt, erinnert an die afrikanischen Diktatoren der 1970er Jahre, die durch Deregulierung und Sonderinteressen die Taschen ihrer Familien füllten. Ich glaube, dass eine solche Situation die nächste Finanzkrise auslösen wird. Wenn ich Xi Jinping wäre, würde ich die USA einfach immer tiefer in diese Kryptowährungsblase sinken lassen. Und wenn sie zu platzen beginnt, würde ich Staatsanleihen verkaufen und dem IWF sagen, dass die USA nicht mehr vertrauenswürdig sind, dass es Zeit für eine Neugewichtung ist, dass wir einen Währungskorb brauchen und dass wir uns vom dollarbasierten System entfernen müssen. Wie man aus der gegenwärtigen Situation Kapital schlagen kann, ist leicht vorstellbar."
Stichwörter: Foroohar, Rana

New Yorker (USA), 08.12.2025

Fast märchenhaft wirken die Mitford-Schwestern auf Rachel Syme. Ein bisschen was von ihrem Mythos klärt Claire Kaplan in ihrem Buch "Troublemaker: The Fierce, Unruly Life of Jessica Mitford" auf, das sich der zweitjüngsten Schwester widmet, die als Kommunistin versuchte, dem Standesdünkel des Elternhauses zu entfliehen. Als Schriftstellerin schrieb sie nicht nur über ihre Familie, sondern auch über Abseitiges wie Beerdigungsunternehmen - und hatte damit großen Erfolg: "Decca (ihr Spitzname, d.Red.) hat jeden nur erdenklichen Aspekt des Beerdigungsvorgehens recherchiert, vom Sarg bis zur 'Beerdigungslingerie'. Sie hatte Spaß daran, in Bestattungsunternehmen zu gehen, sich als potentielle Kundin auszugeben und dann, wie Kaplan schreibt, ihren Protagonisten zu erlauben 'sich zu blamieren'. Ihr Buch beschreibt detalliert Einbalsamierungen, sie hat einen großen Teil des Manuskripts auf die blutigen Einzelheiten der Prozedur verwendet. Deccas Einbeziehung solcher Details verursachte einen Streit mit ihrem Verleger, der sie darum gebeten hatte, 'die Albernheiten wegzulassen'. Decca weigerte sich. In der letzten Minute wurde das Buch von Robert Gottlieb gerettet, einem jungen Lektor bei Simon & Schuster (und später bei diesem Magazin). 'Wir hatten zu allem die gleiche Meinung', so Gottlieb - was heißt, dass sie beide der Meinung waren, guter Journalismus sollte nerven und angstlos sein. Von 'The American Way of Death' wurden hunderttausende Exemplare verkauft, es führte zu einer Reihe von Anhörungen im Congress und hat Menschen im ganzen Land dazu verleitet, nach einer abgespeckten, günstigen Beerdigung zu fragen, die als 'Mitford Service' bekannt wurde."

Außerdem: Merve Emre fragt: Was macht Goethe so besonders? Alex Ross hört Francisco Colls Oper "Ein Volksfeind" nach Ibsen. Richard Brody sah im Kino Kleber Mendonça Filho Triller "The Secret Agent".
Archiv: New Yorker

HVG (Ungarn), 27.11.2025

Die in Berlin lebende, aus Siebenbürgen stammende ungarische Regisseurin Réka Kincses spricht im Interview unter anderem über die gefühlte Situation der ungarischen Minderheit im rumänischen Siebenbürgen angesichts der politischen Situation in Ungarn: "Die Mehrheit der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen ist vielleicht noch nicht reif für den politischen Wandel in Ungarn. Die Ängste sind groß, das Bedürfnis nach Stabilität ist größer, ebenso wie das Gefühl der Bedrohung. Es ist nicht leicht, die Psychologie einer Minderheit zu verstehen, wenn man selbst noch nie in einer solchen Situation des Ausgeliefertseins war. In Berlin zum Beispiel, wo das Umfeld viel aufgeschlossener ist als in Budapest, musste ich oft erklären, dass ich zwar aus Rumänien komme, aber Ungarin bin. Die Reaktion war immer: 'Ja, ja, warum muss man so darauf herumreiten? Wenn du aus Rumänien kommst, bist du eben Rumänin, und damit hat sich's.' Ich fand das empörend, obwohl ich zu Hause mit meiner Familie stets darum gekämpft hatte, dass wir nicht ständig unsere ungarische Identität zur Schau stellen. Meine Erfahrungen mit Diskriminierung haben mir sehr dabei geholfen, die manchmal übertrieben wirkenden Narrative anderer Minderheitengruppen zu verstehen. Es ist leicht zu urteilen, vor allem wenn man zur Mehrheit gehört."
Archiv: HVG
Stichwörter: Kincses, Reka

Elet es Irodalom (Ungarn), 28.11.2025

Der Philosoph András Kardos macht sich Gedanken über eine Fehlinterpretation der gegenwärtigen politischen wirtschaftlichen und kulturellen Situation aufgrund veralteter bzw. fehlender sprachlicher Mittel: "Es geht darum, dass die Sprachmittel, die uns seit etwa zweihundert Jahren zur Interpretation unseres Lebens und unserer Geschichte zur Verfügung stehen, kaum noch geeignet erscheinen, um unsere Welt angemessen zu beschreiben, geschweige denn, um Kritik und Alternativen zur gegenwärtigen Epoche zu entwerfen. Unsere Freunde auf der Linken sind in der postmarxistischen Kategorie- und Anschauungslehre der Kapitalismuskritik stecken geblieben und sprechen daher immer noch in der Sprache des 19. Jahrhunderts von Ausbeutung, Klassengesellschaft (…). Ob es nun um die Klimasituation, die Bevölkerungskrise oder die Armut geht, sie sprechen oberflächlich in apokalyptischer Sprache, aber der geheime Zusatz handelt von nichts anderem als dem Traum vom zukünftigen Sozialismus. (...) Die Rechte (...) spricht jetzt nicht mehr von der Wohlstandsgesellschaft und traditionellen Werten, sondern präsentiert sich auf dieser Grundlage als patriotisch, souveränistisch, nationalistisch und als Verteidigerin der Werte der kleinen Gemeinschaft (Volk, Nation usw.) (...) In Wirklichkeit ist dies nichts anderes als ein sprachlicher Trick, genau wie das sprachliche Spektakel der Linken, mit einem wesentlichen Unterschied: Diese Rechte hat keinerlei geheime Vorannahmen oder Ideale. (…) Sie fühlt sich in der oligarchischen Welt sehr wohl und macht keinen Hehl aus ihren Absichten, sondern 'verpackt' sie nur: Sie baut eine Autokratie auf und präsentiert ihrem Volk ein populistisches Spektakel, das nur ein 'starker Führer' (...) vor den Intrigen der linksliberalen Kräfte retten kann."
Stichwörter: Kardos, Andras

3:AM Magazine (Frankreich), 18.11.2025

Die ambitionierteste, seitenreichste, radikalste und zugleich ruinöseste Form der Gegenwartsliteratur könnte man mit dem Begriff "nekromodernistisch" beschreiben, schlägt der Literaturwissenschaftler David Vichnar mit furioser Geste vor. Darunter versteht er Konvolutromane an der Grenze zur Lesbarkeit - von David Foster Wallace über Alan Moore und Mark Z. Danielewski bis zu Louis Armand und vielen, vielen weiteren mehr. Es handelt sich dabei um Romane nach dem "Tod des Romans", wie er in der Nachkriegsmoderne ausgerufen wurde. Vichnar beschreibt eine "nekromodernistische Verfassung, in dem das Schreiben in den Ruinen der einstmals modernen Ambitionen an sich festhält. Der Nekromodernismus feiert das Neue nicht und betrauert auch nicht nostalgisch das Alte. Stattdessen haust er in einem Raum, in dem das kulturelle Gedächtnis, die Mediengesättigtheit und der infrastrukturelle Kollaps in einer Textpraxis zusammenfließen. Es handelt sich weder um einen Nachruf auf den Modernismus, noch um eine Vorhersage dessen, was als nächstes kommt, sondern am ehesten um eine Praxis des Durchhaltens. ... Diese Ziegelsteinromane erweitern nicht bloß den Roman als Form - sie setzen eine Praxis um, die zugleich nekromantisch und architektonisch ist. Ihr Schreiben konstruiert prozesshaft Ruinen, weite Labyrinthe aus Sprache, die auf keine innere Geschlossenheit mehr abzielen und sich damit der 'Funktion' der Literatur als kommunikatives Instrument verweigern. Sie nutzen Literatur als Entropiemaschine, als eine Nekropole der Signifikanten. Eine Literatur, die überlebt wie Infrastruktur überlebt - gebrochen, provisorisch, gespenstisch heimgesucht -, während Sinn nicht mehr länger konstruiert wird, sondern aus Trümmern zusammengekratzt wird. ... Dies ist ein Schreiben, das im Leichnam des Romans west, ihn mit geisterartigen Signalen weiterhin am Leben erhält."
Archiv: 3:AM Magazine