Magazinrundschau - Archiv

Nepszabadsag

215 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 22

Magazinrundschau vom 05.11.2013 - Nepszabadsag

Vergangenheitspolitik, mal wieder. Ein offizielles Geschichtsinstitut mit dem sektenähnlichen Namen "Veritas" soll in Ungarn gegründet werden - Ziel: "die würdige Vorstellung der ungarischen Traditionen im Interesse der Stärkung des nationalen Zusammenhalts, sowie die authentische, unverzerrte und das nationale Bewusstsein stärkende Aufarbeitung der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse der letzten anderthalb Jahrhunderte." Der Politologe György Földes meint dazu im Interview mit Róbert Friss: "So wird die Nation in die Vergangenheit eingesperrt... Die Erinnerungspolitik hat sich in ihrem Wesen nicht geändert: die rechte Tradition bildet ihre alleinige Grundlage. Sie macht aus dem Ersten Weltkrieg so etwas wie einen Präventivkrieg, der Trianon vermeiden sollte. Und der Grund für Ungarns Teilnahme im Zweiten Weltkrieg ist - nach dem verdienstvollen Kampf gegen die Türken -, dass wir Europa vor dem Kommunismus beschützen wollten. Diese Erinnerungspolitik ist die Politik des kalten Bürgerkriegs."

Magazinrundschau vom 29.10.2013 - Nepszabadsag

Auch die Wochenendausgabe von Népszabadság beschäftigt sich mit der geplanten Holocaust-Gedenkstätte. Csaba Sós fordert, dass sich die Regierung klar von der Horthy-Ära distanzieren soll. "Es gibt keinen Anlass an der Lauterkeit der Regierungsabsichten zu zweifeln. Aber es muss weitergedacht werden, denn über Konzeption und Entscheidung gab es keine breite fachliche, demokratische Konsultation. Der ungarische Holocaust ist keine jüdische, sondern eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit. (...) Eine würdige Erinnerung am 70. Jahrestag des ungarischen Holocaust ist nicht möglich, ohne dass die ungarische Regierung klar mit dem Geist des Horthy-Regimes bricht. Sie muss es eindeutig vor der Öffentlichkeit verurteilen. Und sie muss ermöglichen, dass die Holocaust-Institutionen ihre Arbeit autonom, in fachlicher und personeller Unabhängigkeit und mit ausreichender Finanzierung verrichten können."
Stichwörter: Unabhängigkeit, Autonome

Magazinrundschau vom 08.10.2013 - Nepszabadsag

Bence Svébis stellt den jungen Autor Péter Gerőcs vor, dessen erster Roman, "A betegség háza" (Das Haus der Krankheit, Kalligram) in diesem Jahr erschienen ist. Gerőcs, der aus der Schule von László Márton, Péter Nádas und Miklós Mészöly kommt, ist damit einen großen Schritt weiter, meint Svébis, er verlässt sich immer weniger auf die Krücken kanonisierter Stimmen, sondern entwickelt eine eigene Sprache: "Der Erzähler Barnabás ist ein Menschenhasser, eine verbitterte, zynische Figur. Er analysiert alles, reflektiert nicht nur seine Umgebung, sondern auch sich selbst. Er nimmt das Leben auseinander, statt zu genießen will er es interpretieren. Er sucht nach Fehlern, damit er stets Fehler finden kann. Er isoliert sich zunehmend, geht zunächst aus der Stadt in ein Haus am Plattensee, dann in sich selbst. (...) Tatsächlich ist es so, als gäbe es zwei Erzähler und Kapitel für Kapitel würden sie sich abwechseln. Die geraden Kapiteln sind nüchtern, real, hier sind die Geschichten rund, die ungeraden Kapiteln sind krank, erschöpft, mit Erinnerungslücken versehen. Die geraden erzählen von der Vergangenheit, die ungeraden versuchen die Gegenwart zusammenzustellen. Zwei unterschiedliche seelische Verfassungen derselben Person."
Stichwörter: Nadas, Peter

Magazinrundschau vom 24.09.2013 - Nepszabadsag

Der ungarische Wirtschaftswissenschaftler Tibor Frank macht sich in der Wochenendausgabe von Népszabadság Gedanken über die politische Entwicklung seit der Wende und die gegenwärtige Situation: "Unter den OECD-Ländern sind wir gerade die Letzten. Die große Mehrheit der Menschen ist von den Politikern enttäuscht, enttäuscht auch von den letzten 25 Jahren. Innerhalb eines Vierteljahrhunderts ist das Land vom Gulasch-Kommunismus zum Puszta-Kapitalismus mutiert. Zum drittärmsten Land in Europa… Gibt es niemanden in Ungarn, der mit der Entschlossenheit Churchills siegen möchte? 'Sieg um allen Preis, denn ohne Sieg, gibt es kein Überleben.' Genau darum geht es heute in Ungarn. Ums Überleben. Ohne Demokratie gibt es keine Prosperität, ohne Freiheit gibt es kein Brot."

Außerdem bespricht Zoltán Ádám die politischen Schriften des Philosophen János Kis, der seit 25 Jahren als unbestrittene geistige Figur des ungarischen Liberalismus gilt: "Die politische Geschichte von 20 demokratischen Jahren durch die Brille des größten liberalen Denkers unserer Zeit: das behandelt dieser Band - darum ging es in den freiesten 20 Jahren in der Geschichte Ungarns. Diese Ära ist vorbei. Unser Glück im Unglück, dass wir diese Zeit auf so hohem Level studieren können."
Stichwörter: Liberalismus

Magazinrundschau vom 03.09.2013 - Nepszabadsag

Vor kurzem wurde in Ungarn "Blendwerk" veröffentlicht, der 2009 auf Deutsch erschienene zweite Band des autobiografischen Romans "Die gelöste Zunge" des deutschen Exilschriftstellers und Übersetzers aus dem Ungarischen, Hans-Henning Paetzke. Lajos Csordás ist überrascht von der politischen Klarsicht des Autors: "Die Neugier des Lesers über den politischen Underground der Vorwendezeit und dessen organische Beziehungen zur Literatur wird bestens befriedigt. Es dauerte eine gewisse Zeit, so schreibt Paetzke, bis sich hinter den blendenden Kulissen des Operettenlandes die gähnenden Schluchten auftaten. Nach dieser Erkenntnis suchte er immer öfter Erklärungen für die Urlügen des Kádár-Systems und die fortdauernden Sünden der Rákosi-Ära bei den Zeitzeugen. Paetzke kam zu der Erkenntnis, dass zwischen Täter und Opfer in vielen Fällen nur ein Haar liegt. Er half aktiv der liberalen Opposition, bis er 1984 des Landes verwiesen wurde. Das Buch ist ein subjektives Bild der Zeit des Gulyás-Kommunismus der 70er und 80er Jahren in Ungarn und Osteuropa. Der wahre Wert des Buches ist aber nicht literarisch, sondern das überraschend ehrliche Festhalten der Wirklichkeit."

Magazinrundschau vom 13.08.2013 - Nepszabadsag

Ervin Tamás kritisiert die Fernsehtalkshows in Ungarn, die ihr immer weniger der Diskussion als der Spaltung zu dienen scheinen: "Es gibt auch einen runden Tisch, aber nur mit Diskutanten, die dieselbe Meinung haben. Zusammen verunglimpfen sie dann auf hoher Drehzahl den gemeinsamen Gegner. An einem kleineren Tisch bekommt auch 'der Eindrittel' seinen Platz - er tut aber dasselbe. Jede Seite heizt ihr eigenes Lager an. Diese Meinungsghettos entstehen heutzutage auch, weil die Protagonisten der eigentlichen Diskussion nicht mehr gewohnt sind zu debattieren. Sie reden lieber parallel als miteinander. Was noch schlimmer ist: der Zuschauer-, Zuhörerbasis erwartet diese Art Talkshow. Wir haben uns eingerichtet in den Schützengräben, jeder in seinem."
Stichwörter: Talkshows

Magazinrundschau vom 06.08.2013 - Nepszabadsag

Der Schriftsteller Gábor Németh ("Bist du Jude?" edition atelier, 2012) denkt über die Situation nach, die durch die Neuverteilung des landesweiten Tabakhandels seit dem 1. Juli 2013 in Ungarn entstanden ist. Im Mittelpunkt stehen die sogenannten "Nationalen Tabakläden", mit ihrem einheitlichen Aussehen eine doch seltsame Erscheinung: "(...) Jetzt, wo der Gesundheitsfaschismus zur Ideologie der zentralisierten Korruption wurde, kam die entschlossene Empfindung auf, dass er wieder mit dem Rauchen anfangen sollte. Eine Zigarette wäre dazu notwendig. Sich gegenüber dem Geschäft hinsetzen, sich die Zigarette anzünden und fertig rauchen. 'Ich liebe dieses Land nicht mehr, was zu lieben bis zu meinem Tode meine Schweinepflicht wäre. Es ist wahr, dass das Land mich auch nicht liebt, obwohl dies seine Schweinepflicht wäre.' (...) Verursacht und erklärt wurde die Verschlechterung durch die Distribution von Tabakprodukten nach den Regeln der Märkte. Solange Zigaretten und Arbeitskräfte keinen Preis hatten, denn der Tauschwert kann ohne einen Markt kaum als Preis bezeichnet werden, konnte jeder von jedem überall und immer um eine Zigarette bitten, unabhängig von seinem gesellschaftlichen Status, denn in der erwachsenen, demokratischen Bedeutung des Wortes, also im hierarchischen Sinne, hatte niemand einen solchen Status."
Stichwörter: Nemeth, Gabor, Zigarette

Magazinrundschau vom 23.07.2013 - Nepszabadsag

Die ungarischen Verlage versuchen mit seltsamen Mitteln ihren Lesern die neuen Ebooks schmackhaft zu machen, lernt man aus diesem Artikel von Gábor Dombi. "Die namhaften Vertreter unsere Buchkultur sprechen immer noch befremdet über das Ebook. Sie sagen: 'Ich mag den Duft der Bücher' (es gibt bereits Deos für die Tablets in 'Bücherduft'), 'man kann keine Notizen machen' (selbstverständlich kann man), 'der Büchermarkt wird durch sie zerstört' (nicht wahr), 'die digitale Version wird gestohlen' (das kann passieren). (…) Nach Meinung von László Földes, Leiter der Online-Redaktion des Budapester Kossuth Verlages, nutzen die meisten namhaften ungarischen Verlaghäuser die Möglichkeiten des Ebooks nicht. 'Die Auswahl wird an den richtigen Stellen und in die richtige Richtung erweitert, aber sie ist immer noch winzig, darum ist die Anzahl der illegalen Downloads enorm. Aber auch die internationalen Anbieter bringen Gefahr. Wenn Google und Amazon ankommen - was früher oder später unumgänglich sein wird - werden sie ihre Überlegenheit auf dem Markt ausnutzen. Keine der ungarischen Akteure wird ein ernsthafter Konkurrent sein, nicht einmal mittelfristig', sagt Földes."
Stichwörter: Amazon, Buchkultur, Duft, Ebooks

Magazinrundschau vom 16.07.2013 - Nepszabadsag

Mit einem politischen Akt betreten Ungarn und Serbien nach siebzig Jahren auch offiziell den Weg der Versöhnung. János Áder, der Präsident der Republik Ungarn bat um Vergebung im serbischen Abgeordnetenhaus für die ungarischen Verbrechen während der Horthy-Ära. Und das serbische Abgeordnetenhaus verurteilte in einer Erklärung die Hinrichtung unschuldiger Ungarn. Die symbolische Geste könnte als Beispiel für die gesamte Region dienen, aber was sie im alltäglichen Leben bedeuten wird, ist schwer vorherzusehen. Der Schriftsteller László Végel kommentiert: "Als ich Material für meinen Roman 'Neoplanta - Novi Sad. Eine Stadt am Rande Europas' sammelte, haben mir mehrere älter Menschen ihre streng gehüteten Familiengeheimnisse verraten: Dass der eine oder andere Vorfahre den Einzug der Horthy-Armee in die Vojvodina herzlich bejubelte und vier Jahre später auf dem Hauptplatz in der selben Weise den Einzug der Partisanen begrüßte. (...) Mich hat interessiert, wie die Stimmung in der Zeit von 1941 war. Ich wollte aber dann wissen, warum sie weiterhin die Geschichten ihrer Vorfahren verheimlichen wollen. Das ist die größte Schande, sagten sie. (...) (...) Nach dem Versöhnungsakt betonen manche, dass die Kollektivschuld der Ungarn in der Vojvodina endgültig Vergangenheit ist, (...) aber schon nach 1945 sprach das Tito-System nicht mehr vom Kollektivschuld. Es ging mit der Vergangenheit auf die schlimmste Art und Weise um: Es machte ein Tabu aus ihr. Die Frage ist, was in den neuen Schulbüchern stehen wird."

Magazinrundschau vom 02.07.2013 - Nepszabadsag

Népszabadság hat sich mit dem Schriftsteller und Dramatiker György Spiró über historische Romane im allgemeinen und seinen eigenen, "Der Verruf", im besonderen unterhalten. "Historische Schundliteratur war immer beliebter als die sogenannte 'hohe Literatur', die ich auch nicht besonders mag", bekennt Spiró. "Sympathischer ist mir die angelsächsische Sichtweise: kann das Werk verkauft werden oder nicht? Kann das Interesse des Publikums geweckt werden oder nicht? Wenn ja, dann ist das Werk wahrscheinlich gut. Was man nicht verkaufen kann, kann auch nicht wirklich gut sein. Selten gibt es Romane, die gut sind, aber nicht zu verkaufen. Die Grundfunktion des Romans ist ein gutes Märchen mit interessanten Figuren, aufregend vorzustellen. Es ist ein Genuss beim Schreiben und beim Lesen. Dostojewski und Cervantes schrieben nur 'Schundliteratur', Shakespeare war erregt von Horror und Pornografie, ähnlich wie die Zuschauer des Globe Theatre. Ästhetik hatte er nicht im Sinn, nur die Wirkung. Er schrieb und brachte nur das auf die Bühne, was wirkte. Er hatte Recht. Das Werk, das keine Wirkung hat, ist nicht gut."