Magazinrundschau - Archiv

The New Republic

168 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 17

Magazinrundschau vom 27.10.2003 - New Republic

Eine höchst interessante und ausführliche Auseinandersetzung mit Kafka legt die Erfolgsautorin Zadie Smith (mehr hier und hier) im liberal-konservativen New Republic vor. Wir zitieren den Anfang: "Kafka ist das schlechte Gewissen des Romans. Sein Werk bezeugt eine Reinheit der Intention, eine Präzision der Sprache und ein metaphysisches Niveau, die zwar in der Regel zu den Fähigkeiten des Genres zählen, die der Roman aber an sich nicht voll entfalten kann ohne aufzuhören, ein Roman zu sein. Darum macht Kafka Romanautoren nervös. Er scheint anders zu schreiben als wir alle. Entweder ist er zu gut für den Roman, oder der Roman ist nicht gut genug für ihn - wie auch immer: Nachahmer sind selten. Warum ist das so? Wo sind Kafkas Nachfolger?"

Magazinrundschau vom 11.08.2003 - New Republic

Daniel W. Drezen, Assistant Professor der Politikwissenschaften an der University of Chicago, hält eine Demokratisierung des Iraks durchaus für möglich. Anhand geschichtlicher Beispiele versucht er klarzustellen, dass eine längere Präsenz der USA vor Ort völlig legitim ist, um diesen Prozess zum Erfolg zu führen. "Was prinzipiell die Erfolge von den Misserfolgen unterscheidet, ist nicht ihr Niveau westlicher Kultur, ökonomischer Entwicklung oder kultureller Homogenität. Vielmehr ist es die Höhe der Anstrengungen, welche die USA und die internationale Gemeinschaft in die demokratische Transformation stecken. In Deutschland und Japan zum Beispiel verringerte die umfangreiche Hilfe der Amerikaner soziale, politische und andere Hindernisse und führte zur Wiederherstellung des politischen Parlaments und ermöglichte den Übergang zur Demokratie."

Ruth Franklin sieht Günther Grass' Novelle "Im Krebsgang" in Zusammenhang mit der W.G. Sebald losgetretenen Debatte über die deutsche Literatur und den Bombenkrieg. Aber leider fällt das neue Buch gegenüber der Danziger Trilogie für sie stark ab. "Grass' Romane waren immer eng an die Aktualität gebunden", schreibt sie in ihrer langen Rezension. "Diesmal aber scheint er sie nicht sosehr widerzuspiegeln als mit dem Strom zu schwimmen. Bei Grass ist das um so schlimmer, weil er mehr als jeder andere deutsche Schriftsteller die Falschheit der neuen Debatte über Deutschland als Opfer darstellen müsste."

Magazinrundschau vom 21.07.2003 - New Republic

Erschüttert zeigt sich Cynthia Ozick von der autobiografischen Erzählung "Reading Lolita in Tehran" der iranischen Literaturwissenschaftlerin Azar Nafisi. Nafisi beschreibt den unerträglichen Zustand in der iranischen Hauptstadt während des Kriegs zwischen Irak und Iran, der insbesondere unerträglich für die Frauen war, erzählt Ozick. Denn mit der Einführung der Sharia durch Khomeini wurde das "Heiratsalter für Frauen von achtzehn auf neun Jahre heruntergesetzt. Prostitution und Fremdgehen wurde von nun an durch Steinigung bestraft. Frauen mussten sich von Kopf bis Fuß verschleiern, im Bus hinten sitzen und durften keine farbigen Mäntel, Schals oder Schnürsenkel tragen." Nafisi praktizierte ihren persönlichen Aufstand gegen das repressive Regime durch konspirative Treffen mit sieben ihrer ehemaligen Studentinnen, berichtet Ozick. Bei Tee und Keksen lasen sie "Lolita", "Der große Gatsby" oder auch "Geschichten aus 1001 Nacht" und bewahrten sich so ihre Individualität und den Glauben an Demokratie und Selbstbestimmung, wie Ozick schildert. 1997 nutzt Nafisi die Lehren der großen Literatur, nämlich das Recht auf die freie Wahl ihrer Lebensumstände, für sich, meint Ozick: sie emigriert in die USA.

Magazinrundschau vom 23.06.2003 - New Republic

In einem riesigen Hintergrundartikel analysiert das an sich kriegsfreundliche Magazin die Argumentation der Bush-Regierung für einen Krieg und kommt zum Schluss, dass sie auf Lügen und Übertreibungen beruhte: "Die Regierung ignorierte oder unterdrückte Uneinigkeit in den Geheimdiensten und drängte die CIA, ihre Lieblingsversion von der irakischen Bedrohung zu stützen. Außerdem versuchte sie, internationale Waffeninspektoren zu diskreditieren, deren Untersuchungen ihre Behauptungen zu unterminieren drohten. Drei Monate nach der Invasion mögen die Vereinigten Staaten noch chemische und biologische Waffen entdecken. Aber sie werden wohl kaum Hinweise auf ein Atomprogramm oder Verbindungen zu Al Qaida finden... Wie auch immer: Für die amerikanische Demokratie ist es wesentlich, dass die Amerikaner ihr Wissen ehrlich darstellten. Bis jetzt sieht es so aus als hätten sie dies nicht getan. Der amerikanischen Demokratie könnte das auf Jahre hinaus schaden."

In einem Kommentar legen die Redakteure der Zeitschrift noch einmal ihre kriegsfreundliche Position dar, die vor allem auf der Annahme eines irakischen Atomprogramms beruht habe. Da nichts gefunden wurde, "ist eines der Hauptargumente des Magazins für den Krieg geschwächt worden", wie man in bemerkenswerter Offenheit zugibt. Dennoch revidiert das Magazin seine bellizistische Position nicht: "Dieser Krieg, für den mit betrügerischen Argumenten geworben wurde und der somit der Demokratie daheim schadete, mag Demokratie in eine der Ecken der Welt bringen, die sie am dringendsten braucht."

Magazinrundschau vom 20.01.2003 - New Republic

Gregg Easterbrook schreibt sehr ausführlich über die Popularität der großen Geländewagen, der SUV ("sport utility vehicle"). Anlass ist Keith Bradshers Buch "High and Mighty" (Auszug), das in einer offensichtlich sehr detaillierten Recherche erzählt, wie die Autioindustrie diese Wagen an den Mann brachte, obwohl sie mehr Unfälle versuursachen und mehr Benzin verbrauchen als normale Autos. "Bradshers Buch bringt eine deprimierende Chronik über die Desinformation der Autoindustrie zu Sicherheitsmängeln und darüber, wie der Kongress dabei kollaborierte." Easterbrook führt auch die "Road Rage", den Krieg auf den Straßen, der in den USA zum Schlagwort wurde, auf übermächtige Geländewagen zurück. Deutsche Produzenten spielen dabei eine nicht unwesentliche Rolle: "Porsche bringt gerade einen Geländewagen mit 450 PS heraus, der in 5,6 Sekunden von null auf 60 Meilen beschleunigt - Rennwagengeschwindigkeit. Mit diesem Missverhältnis zwischen extrem aggressiver Beschleunigung und dürftiger Sicherheit stellt das Produkt ein Todesurteil für viele Porsche-Kunden dar. Wir erwarten einen Bevölkerungsschwund bei jener Art Leuten, die Porsche-Geländewagen kaufen."

Magazinrundschau vom 26.08.2002 - New Republic

Der berühmte Spekulant und Mäzen George Soros wettert in einem langen, teilweise etwas technisch zu lesenden Artikel gegen die Theorie des laisser-faire, die sich seit Thatcher und Reagan in der Wirtschaft durchgesetzt habe. Fundamentalismus sei das: "Der Marktfundamentalismus ist eine falsche und gefährliche Ideologie. Falsch ist sie zumindest unter zwei Gesichtspunkten. Zunächst missversteht sie, wie der Markt funktioniert. Sie behauptet, dass der Markt zum Gleichgewicht tendiert und dass dieses Gleichgewicht die beste Verteilung der Ressourcen gewährt. Universitäre Wirtschaftswissenschaftler haben diese These längst hinter sich gelassen - vielfältige Gleichgewichte sind jetzt der letzte Schrei - aber die Marktfundamentalisten glauben weiterhin, dass sie den Segen der Wissenschaft haben, und zwar nicht nur der Ökonomie, sondern auch der darwinistischen Theorie vom Überleben der Stärksten. Der zweite Irrtum liegt in der Gleichsetzung von öffentlichem und Privatinteresse - hier verleiht der Marktfundamentalismus dem Eigeninteresse moralische Qualitäten."

Magazinrundschau vom 29.04.2002 - New Republic

(Coverdatum: 29.4.2002) Arundhati Roys politische Essays, darunter die beiden berühmten Essays über den 11. September (hier und hier) sind als Bücher erschienen (mehr hier und hier). Ian Buruma (Autor von "Anglomania") rezensiert sie für The New Republic der letzten Woche. Jetzt ist der Artikel online. Er würdigt Roys Interventionen gegen indische Staudammprojekte, wenn auch mit kritischen Untertönen, um dann eine scharfe Attacke gegen ihre Position zum 11. September zu lancieren: "Wenn Roy versucht, die weite Welt in Angriff zu nehmen und gegen die amerikanische Intervention in Afghanistan oder gegen die 'Globalisierung' zu wüten, beginnen ihre stilistischen Ticks zu irritieren. Ihre Dämonologie der Vereinigten Staaten erinnert an die schäumende, augenrollende Rhetorik verrückter Evangelisten. Dummerweise hat sie gerade hiermit, und nicht mit ihren Kampgnen gegen die Staudammprojekte, weltweites Gehör gefunden. Roy wurde zur perfekten Stimme der Dritten Welt, für antiamerikanische, antiwestliche oder sogar anti-weiße Gefühle. Diese Gefühle liegen Intellektuellen in aller Welt am Herzen, sogar in den Vereinigten Staaten." Buruma selbst hat einen ebenfalls umstrittenen Essay über "Occidentalism" geschrieben, auf den wir hier schon mehrfach verwiesen haben.

Magazinrundschau vom 02.04.2002 - New Republic

Ist Jed Perl ein wichtiger Kunstkritiker in den USA? Immerhin schreibt er für The New Republic, und was er über Gerhard Richter im Speziellen (aber auch über deutsche Künstler im allgemeinen) zu sagen hat, klingt überaus unfreundlich: "Gerhard Richter is a bullshit artist masquerading as a painter. His retrospective, at the Museum of Modern Art until May, is a colossal bummer -a hymn to deracination, a visual moan. This seventy-year-old artist works in paint on canvas, but what he sends out into the world are not paintings so much as they are Neo-Dadaist puzzles engineered to inspire philosophical flights of fancy among art professionals who are more interested in massaging their world-weary minds than in using their jet-lagged eyes." Kann so einer denn ein wichtiger Kunstkritiker sein?