
Der irische
Dichter Seamus Heaney greift zur Feder, um den verstorbenen
Czeslaw Milosz zu betrauern. Neben einer ausführlichen Würdigung des Werks erinnert sich Heaney an zwei Begegnungen mit dem bereits
betagten Milosz in Krakau Anfang der Neunziger: "Beim ersten Mal war er
ans Bett gefesselt, zu krank um eine Konferenz zu seinen Ehren zu besuchen. Das zweite Mal hatte er sich in seinem Wohnzimmer niedergelassen, genau im Angesicht der
lebensgroßen Bronzebüste seiner zweiten Frau Carol. 30 Jahre jünger als er, starb sie 2002 einen schnellen und grausamen Tod an Krebs. Und als er so da saß auf der einen Seite des Raums, die Büste ihm gegenüber, schien der alte Dichter sie und alles andere bereits v
on fernen Gestaden aus zu betrachten. Zu dieser Zeit wurde er von seiner Schwiegertochter gepflegt, und vielleicht war es neben seiner
entrückten Erscheinung auch ihre über allem schwebende Aufmerksamkeit, die an den alten Ödipus denken ließ. An den alten
König Ödipus, bewacht von seinen Töchtern im
Hain auf Kolonos, der nun den Ort erreicht hatte, von dem er wusste, er würde hier sterben. Kolonos war nicht sein Geburtsort, aber es war der Ort, an dem er zu sich selbst zurückkehrte,
zur Welt und ins Jenseits; genau das könnte man auch von Milosz in Krakau sagen." (Von Milosz selbst gelesene Gedichte gibt es
hier)