Magazinrundschau - Archiv

Reportajes

28 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 3

Magazinrundschau vom 27.02.2007 - Reportajes

Nun äußert sich auch Mario Vargas Losa zu der jüngst in der Zeitschrift Letras Libres aufgestellten Behauptung, im Mausoleum von Santa Clara, der offiziellen Grabstätte Che Guevaras auf Kuba, sei in Wirklichkeit jemand anderes beerdigt (Perlentaucher berichtete): "Ich kann hier nicht alle Argumente der Journalisten Maite Rico und Betrand de la Grange aufführen, es sind zu viele. Aber wieso ist zum Beispiel die Entdeckung der sterblichen Überreste des Che von keiner der internationalen wissenschaftlichen Institutionen in Frage gestellt worden, obwohl, anders als versprochen, vom Grabungsteam nie eine DNS-Analyse durchgeführt wurde? Es ist jedenfalls durchaus möglich, dass die Behauptung der beiden Journalisten zutrifft. Fidel Castro kam das Auffinden von Ches Leichnam damals sehr gelegen, um die Aufmerksamkeit von der wirtschaftlichen Krisensituation und den ungewissen Zukunftsaussichten abzulenken. Den Rest erledigte anschließend der Mythos, würde ich sagen. Dieser Mythos erwartete, dass die sterblichen Überreste des Che irgendwann auftauchen würden. Deshalb glaubten auch alle daran, als es endlich geschah, ohne genauer darüber nachzdenken. So wird manchmal die Geschichte geschrieben. Und so bereichern schöne Fiktionen die graue Realität."
Stichwörter: Castro, Fidel, Kuba

Magazinrundschau vom 16.01.2007 - Reportajes

In einem lesenswerten Interview erzählt der berühmt-berüchtigte chilenische Waffenhändler Carlos Cardoen von seinen abenteuerlichen Erlebnissen u. a. mit Saddam Hussein, Augusto Pinochet, Fidel Castro und George Bush: "Verfügt ein autokratischer Herrscher über Intelligenz, kann er die beste Regierung der Welt organisieren, aber jeder Mensch hat seine Beschränkungen. Am besten von allen habe ich Fidel Castro kennen gelernt. Er schien mir extrem intelligent, jedoch verblendet. Saddam Hussein machte auf mich den Eindruck einer sehr ausgeglichenen Persönlichkeit, bestens informiert und höchst aufmerksam. Trotzdem hat Saddam den Westen nie richtig verstanden. Mit Fidel Castro habe ich oft darüber gesprochen, wir waren beide derselben Meinung: Saddam hat durch seine Ungeschicklichkeit das Vorgehen der USA gegen den Irak erst möglich gemacht."

Norberto Fuentes beschreibt den Sicherheitskordon, den Fidel Castro um seine Familie errichtet hat: "Nicht einmal Fidels Bruder Raul hatte Zugang zu Fidels Familie. Raul jubelte, als sein Sohn Alejandro mit 20 endlich seine Vettern kennen lernen durfte."

Magazinrundschau vom 05.12.2006 - Reportajes

Pedro Schwarze stellt Ramiro Valdes vor, den neben Fidel Castro und seinem Bruder Raul "dritten Mann" im aktuellen kubanischen Machtgefüge: "Dass Valdes, langjähriger Geheimdienstchef und 1985 auf Betreiben Raul Castros als Innenminister abgesetzt, vor kurzem wieder in die Regierung berufen wurde, sehen die einen als Geste, die Einheit symbolisieren soll, während er für andere der Aufpasser ist, den Fidel in einer Demonstration seiner fortwährenden Macht seinem Bruder Raul an die Seite stellt. Der 'Zerberus der Revolution', wie ihn Raul Castro vor wenigen Tagen selbst bezeichnete, ist nach Ansicht von Alcibiades Hidalgo, dem ehemaligen Büroleiter wiederum Raul Castros, 'ein Unterdrücker wie er im Buche steht, ein tropischer Beria'."

Norberto Fuentes, Ex-Castro-Kombattant und Castro-Biograf, bestätigt "die große, ja allergrößte Bedeutung, die dieser politische Schachzug besitzt: einundzwanzig Jahre nach seinem Fenstersturz ist Ramiro Valdes wieder da!"

Alvaro Vargas Llosa resümiert die zehn Wahlen, die dieses Jahr in Lateinamerika stattgefunden haben, und konstatiert "ein momentanes Gleichgewicht zwischen Fleischfressern a la Chavez, Morales oder Ortega und Vegetariern wie Lula, Bachelet oder dem Peruaner Alan Garcia".
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Magazinrundschau vom 29.08.2006 - Reportajes

Nun hat sich auch Mario Vargas Llosa zum "Fall" Günter Grass geäußert. Ihm scheinen weder die literarischen noch die politisch-moralischen Verdienste Grass' grundlegend in Frage gestellt - nach Vargas Llosas Ansicht geht es bei der heftigen Kritik an Grass im Grunde genommen vielmehr um "die Vorstellung vom Schriftsteller, die Grass zeitlebens verzweifelt zu verkörpern versucht hat: die von jemandem, der zu allem seine Meinung kundtut, für den sich das Leben - wie in der Literatur - den eigenen Träumen und Ideen anpassen soll, der den Schriftsteller als absolute Nummer eins betrachtet, weil er gleichzeitig unterhält, erzieht, führt, Orientierung gibt, Lektionen erteilt: Dieser Fiktion, lieber Günter Grass, haben wir uns lange genug mit Wonne hingegeben. Aber damit ist es vorbei."

Magazinrundschau vom 20.06.2006 - Reportajes

Spürbar erleichtert kommentiert Mario Vargas Llosa den Ausgang der peruanischen Präsidentschaftswahlen, nimmt den mit viel Glück zum zweiten Mal an die Spitze des Landes gehievten Alan Garcia aber auch umgehend in die Pflicht: "Der Sieg Alan Garcias bedeutet einen schweren Rückschlag für die größenwahnsinnigen Pläne des venezolanischen Quasi-Diktators Hugo Chavez, sich kreuz und quer durch Lateinamerika ein Netz von Satellitenstaaten zu schaffen, die seinem populistisch-nationalistisch-etatistischen Modell folgen, das Venezuela im Eilschritt in eine typische Drittewelt-Bananenrepublik verwandelt. In den letzten fünf Jahren ist die peruanische Wirtschaft um 25 Prozent gewachsen, das Land genießt weltweit ausgezeichnete Kreditwürdigkeit und die internationalen Investoren warten bloß auf grünes Licht von der neuen Regierung. Sollte Präsident Alan Garcia verantwortlich und intelligent vorgehen und auf jede Art von Demagogie verzichten, könnte das Land während seiner Amtszeit, wie zuvor in Chile und Spanien geschehen, endgültig auf den Weg eines nachhaltigen Fortschritts gebracht werden - diese Gelegenheit für eine Modernisierung Perus nicht zu nutzen, wäre schlichtweg unverantwortlich."

Magazinrundschau vom 14.03.2006 - Reportajes

Am 28. März feiert Mario Vargas Llosa seinen 70. Geburtstag. Seinem chilenischen Hausblatt Reportajes gewährte er ein ausführliches Vorab-Interview zu Leben und Werk: "Ich glaube, in vielerlei Hinsicht bin ich ein sogenannter Linker: jemand, der an die Trennung von Staat und Kirche glaubt, an gesellschaftliche Reformen, der die Homosexuellen-Ehe, das Recht auf Abtreibung und die Legalisierung der Drogen befürwortet. Aber zugleich liebe ich die Freiheit, und das bringt mich oftmals in radikalen Gegensatz zur Linken, weil Teile der Linken anderer Auffassung sind, sie sind bereit, die Freiheit zugunsten der Macht zu opfern. Also attackiere ich Diktatoren, auch linke Diktatoren wie Castro oder Chavez, so wie ich vom ersten bis zum letzten Tag Pinochet kritisiert habe."

Sohn Alvaro Vargas Llosa hat für dieselbe Ausgabe den brasilianischen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva befragt. Angebliche hegemonische Bestrebungen Brasiliens für den südlichen Teil Amerikas bestreitet Lula: "Nehmen wir uns doch lieber die europäische Einigung zum Vorbild: Wer hat dort das Sagen - Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien? Was ich dort entdecke, ist der von allen geteilte Versuch, eine Integration herbeizuführen."

Magazinrundschau vom 07.02.2006 - Reportajes

Lobende Worte für die neue chilenische Präsidentin Michelle Bachelet aus dem Munde von Sebastian Ewards, Ex-Weltbank-Ökonom und Kolumnist der chilenischen Reportajes: "Die Präsidentin hat den ersten Schritt mit dem rechten Fuß getan. Sie hat eine genuine Fähigkeit zu raschen und wohl überlegten Entscheidungen an den Tag gelegt. Der beste Beweis dafür ist die Qualität des von ihr ernannten Kabinetts, bei dessen Zusammenstellung sie sich strikt an die im Wahlkampf gegebenen Versprechen gehalten hat: Geschlechterparität und viele neue Gesichter - schon allein diese Einhaltung von Wahlversprechen ist eine für hiesige Verhältnisse wohltuende Seltenheit."

Der Schriftsteller Roberto Ampuero spekuliert über den Einfluss, den Bachelets Erfahrungen mit der sozialistischen "Gerontokratie" während ihrer Exiljahre in der DDR auf ihren so unkonventionellen wie pragmatischen Politikstil gehabt haben dürften. Die grundlegenden Veränderungen seit jener Zeit illustriert Ampuero, der seinerseits einige Zeit als Emigrant in Ost-Berlin zubrachte, so: "Die einstige Vertretung der von den Putschisten gestürzten chilenischen Regierung in der DDR - die 'Oficina Chile Antifascista' - ist heute ein Swinger-Club mit dem kuriosen Namen 'Pärchen Contact' - dessen Kürzel prangt als rotes Graffiti über dem Eingang: PC."

Magazinrundschau vom 06.12.2005 - Reportajes

Ein ziemlich ernüchterndes Bild der lateinamerikanischen Gegenwart entwirft Moises Naim, ehemaliger Weltbankdirektor und jetzt Chefredakteur der Zeitschrift Foreign Policy im Interview: "Man hat Lateinamerika immer als den 'Hinterhof' der USA bezeichnet. Aber seit den Attentaten vom 11. September ist dieser Hinterhof zu einem neuen Atlantis geworden, zu einem verlorenen Kontinent. In Washington und an der Wall Street interessiert sich kein Mensch mehr für Lateinamerika. Das Problem dieses Teils der Welt ist nicht die Globalisierung, sondern dass er immer mehr an den Rand gerät: Lateinamerika ist dabei sich zu 'entglobalisieren'. Womit keiner gerechnet hätte: Die einflussreichste Figur in Lateinamerika ist heute nicht Bush, sondern Fidel Castro."

Passend hierzu kommentiert Alvaro Vargas Llosa den laut jüngsten Umfragen kometenhaften Aufstieg des 'nationalpopulistischen' peruanischen Präsidentschaftskandidaten Ollanta Humala. Vargas Llosas Fazit könnte düsterer nicht sein: "Es mag noch zu früh für eine sichere Wahlvoraussage sein. Aber eins ist sicher: Peru setzt einmal mehr auf die Barbarei. Die selbstzufriedene Barbarei."

Vater Mario Vargas Llosa wiederum erinnert an den vor 75 Jahren erschienenen berühmten Essay "Der Aufstand der Massen" des spanischen Kulturphilosophen Jose Ortega y Gasset: "Ortega hätte die Krawalle dieser Tage in Frankreichs Vorstädten als genuine Bestätigung seines Begriffs von 'Masse' betrachtet."

Magazinrundschau vom 25.10.2005 - Reportajes

Nach einem Kurzbesuch in Berlin, wo ihm die Humboldt-Universität am 13. Oktober die Ehrendoktorwürde verlieh, bedankt sich Mario Vargas Llosa mit einem Bericht, der wie Honig in den Ohren krisengeplagter Hauptstädter klingen muss: "Ich komme alle paar Monate nach Berlin und jedes Mal finde ich neue Galerien, Museen, Inszenierungen vor, alle möglichen künstlerischen Initiativen, Symposien, Werkstätten, Vorträge - Künstler, Denker, Kreative aus allen fünf Erdteilen, die Zen-Buddhismus und Modern Dance zusammenführen oder über die Beziehungen zwischen Jazz und Philosophie diskutieren. Diese Unternehmungen gehen nicht nur von öffentlichen Institutionen aus, viele sind das Ergebnis privater Initiative, wie etwa das Internationale Literaturfestival. Meine Berliner Freunde sagen, die Stadt sei eigentlich bankrott, aber das bringt die Berliner - zumal weder Städte noch Länder je gänzlich bankrott gehen können - nur dazu, sich umso begieriger auf die andere Wirklichkeit der Kunst und Literatur zu stürzen." (Sein Wort im Ohr des Bundesrechnungshofs!)

Pablo Marin hat den Schriftsteller Ian McEwan interviewt, dessen neuer Roman "Saturday" auch in der spanischen Übersetzung viel gelesen und diskutiert wird: "Es ging mir vor allem um die Darstellung der seltsam widersprüchlichen Gefühle der Bewohner westlicher Großstädte: Einerseits genießen sie große Privilegien und relativen Frieden, auf der anderen Seite steht die Furcht vor dem Terrorismus. Viele Dinge betrachten wir als selbstverständlich gegeben, und zugleich bedrückt uns das Wissen, dass wir soviel zu verlieren haben."

Magazinrundschau vom 27.09.2005 - Reportajes

Alvaro Vargas Llosa hat einen mit viel statistischem Zahlenmaterial unterfütterten Bericht aus New Orleans verfasst, in dem er die These vertritt, dass es "in Wirklichkeit in den USA viel weniger Armut gibt, als dieser Tage im Ausland unter dem Eindruck der Verwüstungen im Süden von Louisiana behauptet. Und die nordamerikanische Armut unterscheidet sich wesentlich von derjenigen in anderen Teilen der Erde. Isabel Sawhill von der Brookings Institution zufolge ist 'die Armut unter der schwarzen Bevölkerung dreimal so groß wie unter der weißen', weswegen in einer Stadt wie New Orleans, mit hohem schwarzem Bevölkerungsanteil, der Anteil an Armen ähnlich hoch ist wie unter allen Schwarzen der USA. Aber die bedeutsamste Tatsache - wodurch sich die USA von einem Großteil der übrigen Welt unterscheiden - ist, dass, immer Sawhill zufolge, 'für die meisten US-Amerikaner Armut etwas zeitlich Begrenztes ist'. Nur drei Prozent der Bevölkerung sind länger als acht Jahre arm. Folglich profitieren die Armen, obwohl es manchen von ihnen nicht gelingt, diesen Zustand hinter sich zu lassen, weiterhin von einer sozialen Mobilität, die ihr größter Trumpf ist." (S. a. vom selben Autor: "Das Elend der Statistiken")

Pamela Gutierrez erinnert an den vergeblichen Versuch Simon Wiesenthals, von Chile die Auslieferung des NS-Verbrechers Walter Rauff, des Erfinders der berüchtigten 'Gaswagen', zu erreichen. Eine bislang wenig bekannte Intervention Ronald Reagans hätte seinerzeit fast zum Erfolg geführt - zuletzt setzte sich jedoch offensichtlich James D. Theberge, damals US-amerikanischer Botschafter in Chile, mit der Meinung durch, übermäßiger Druck in diesem Fall "könne zum Schaden der nordamerikanischen Interessen sein".