Magazinrundschau - Archiv

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91 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 10

Magazinrundschau vom 12.01.2010 - Rue89

Louis Mesple ist sehr angetan von dem kleinen Buch "A cercle. Histoire veridique d'un symbole". Schriftsteller, Musiker und Semiologen schreiben darin über Herkunft und Geschichte eines Symbols, das die politischen Kämpfe der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts prägte: das Anarchisten-A, also ein eingekreistes großes A - die Autoren widerlegen dabei nebenbei die Wikipedia-Artikel zur Geschichte des Symbols, die von einem viel älteren Ursprung ausgehen. "Tatsächlich ist dieses Zeichen eine sehr junge ikonografische Kreation... Nun weiß man, dass sich das erste eingekreiste A ins Jahr 1964 zurückverfolgen lässt. Im April tauchte es im Bulletin des Jeunes Libertaires auf, wo es im Rahmen eines Projekts als Zeichen 'für die gesamte anarchistische Bewegung' vorgeschlagen wurde. Laut Text, der diese Idee lancierte, handelte es sich darum, 'ein praktischeres und schnelleres Mittel zu finden, um die Länge von Unterschriften unter Texten und Slogans sowie den Zeitaufwand dafür auf ein Minimum zu beschränken'."
Stichwörter: Rue89, Wikipedia

Magazinrundschau vom 05.01.2010 - Rue89

Bereits 2001 besuchte der Schriftsteller Jonathan Littell ("Die Wohlgesinnten") Tschetschenien, 2009 kehrte er noch einmal zurück und hat seine Erlebnisse und Begegnungen in dem kleinen Reportageband "Tchetchenie, An III" versammelt. Obwohl geplant, gelang es ihm nicht, Tschetscheniens neuen Präsidenten Ramzan Kadyrov zu treffen, der von Putin eingesetzt worden war. Ein Glück findet Rezensent Jean-Pierre Thibaudat, so habe sich Littell nicht auf die Beschreibung der Person, sondern ihres Systems konzentrieren können. Demnach verfolge Kadyrov das System eines "selektiven Terrors", das darin bestehe, Rivalen, auch aus dem Ausland, sowie emblematische Personen wie Natalia Estemirova ermorden und Störenfriede entfernen oder verschwinden zu lassen. Laut Littell beruht es auf "fünf Säulen: dem versteckten Terror; dem Wiederaufbau des Landes (mit der damit einhergehenden Korruption, darunter der Bereicherung des Kadyrov-Clans); dem Islam als Pseudotradition, der den Kampf gegen die Modernisierung und die Geringachtung der Frauen fördert; die Aussöhnung und/oder die Rückkehr der alten Separatisten; und der zentralen Säule, der Unterstützung Putins..."

Magazinrundschau vom 15.12.2009 - Rue89

Im Online-Magazin regt sich Jerome Godard sehr amüsant über die Verschwendung französischer Steuergelder auf, die in diesem Fall in Form einer dämlichen Meinungsumfrage zum Fenster rausgeworfen wurden. Das nationale Agrarforschungsinstitut Inra interessierte sich demnach für die Beurteilung der Herkunft von Garnelen, dafür versuchte man mit einiger Penetranz, das ökologische Gewissen der Probanden zu mobilisieren, und nervte sie mit einem ebenso "tendenziösen wie nutzlosen" Fragebogen, der auf Nachfrage aber immerhin "europäischen Normen" entsprach. Godards Fazit: "Ich bin nicht stolz darauf, mich zum Komplizen dieses erbärmlichen Mummenschanzes gemacht zu haben. Die 15 Euro dafür behalte ich trotzdem. Ich werde mir davon Garnelen aus der Dritten Welt kaufen, die von umweltverpestenden Garnelenhändlern unter empörenden und entwürdigenden Bedingungen gezüchtet wurden. Und mit dem Geld von Inra könnte ich mir als Dreingabe sogar einen Klacks Mayonnaise leisten."

Magazinrundschau vom 15.09.2009 - Rue89

Auch in Frankreich gibt es Polemik ums Internet, das der (in anderen Dingen hellsichtigere) Philosoph Alain Finkielkraut als "Mülleimer der Information" bezeichnete und das ausgerechnet von Journalisten in Staatssendern wegen mangelnder Recherchen kritisiert wird - als seien nicht gerade die französischen Medien berühmt fürs kommunikative Schweigen über nicht genehme Informationen. Pierre Haski hält in rue89 dagegen. "Ich glaube, dass die geschätzten Kollegen lieber im Irrtum verharren statt zuzugeben, dass sie die Epoche des stillschweigenden Einverständnisses und der kleinen Gefälligkeiten bei weitem lieber mochten. Wenn das Internet etwas angerichtet hat, dann doch einen Aufruhr in einer abgeriegelten Welt, die in den Augen der Franzosen aus gutem Grund so schlecht dastand. Und das ist gut so: für die Presse, für die Journalisten, für die Information."

Magazinrundschau vom 18.08.2009 - Rue89

In Frankreich konnte sich das so genannte Hadopi-Gesetz, das illegales Herunterladen aus dem Netz mit Sanktionen gegen die Nutzer ahnden will, bisher nicht durchsetzen. Nun meldet Rue89, dass in England ein Gesetzentwurf vorbereitet wird, der sich eng am französischen Vorstoß orientiert. Laut einem Bericht des Independent sei Wirtschaftsminister Peter Mandelson mit dessen Formulierung befasst. Netzpiraten sollen durch ihre IP-Adresse dingfest gemacht und mit einer Verlangsamung ihres Internetzugangs sowie Geldstrafen bis zu 50.000 Pfund (mehr als 58.000 Euro) bestraft werden können. Die Debatte hat bereits begonnen: Viele britische Künstler begrüßen das Gesetz, ebenso viele andere sind strikt dagegen. Für die Sängerin Lily Allen stehen die Verantwortlichen für die Probleme der Musikindustrie jedenfalls fest: "Die Netzpiraten, weil durch das illegale Runterladen kein Geld mehr für die Musiker bleibt." Pikant findet Rue89, was derweil die Times herausgefunden hat: dass Mandelson vor einer Woche im Griechenlandurlaub mit David Geffen gespeist hat - einem der einflussreichsten Musik- und Filmproduzenten der USA.

Magazinrundschau vom 12.05.2009 - Rue89

Ist es "links", Downloadern den Computer wegzunehmen und sie den Internetanschluss weiterbezahlen zu lassen? Die sozialistische Partei in Frankreich meint "nein" und stimmt darum gegen die entsprechende loi Hadopi von Sarkozy. Letzte Woche haben sich aber "linke" Künstler zu Wort gemeldet, um Sarkozy zu unterstützen, darunter Michel Piccoli und Juliette Greco. Sie schreiben in einem offenen Brief an die Sozialisten in Le Monde: "Sie verkörperten einst den Widerstand gegen die Deregulierung, gegen das Gesetz des Dschungels, das die kulturelle Vielfalt zerstört. Nun sind Sie, durch eine seltsame Ironie der Geschichte, zu Advokaten eines entfesselten Kapitalismus geworden, der sich im Moment der Digitalisierung gegen die Rechte der Künstler stellt. Vergesssen Sie nicht: Das Urheberrecht ist ein Menschenrecht. Die Chefs der neuen Multis mögen Jeans und T-Shirts tragen, das ändert nichts an ihrer Gier." Darauf entgegnet der Komponist Pierre Sauveageot in Rue89: "Links sein bedeutet, die Debatte über den Hunger nach Kultur und ihre Finanzierung auf ein europäisches Level zu heben. Links sein bedeutet, eine kulturelle Vielfalt zu entwickeln, die auf öffentlicher Finanzierung und ... der Teilhabe am Internet beruht. Links sein bedeutet zu wollen, dass die Rechte renommierter Autoren aufstrebende Künstler finanzieren."

Magazinrundschau vom 06.01.2009 - Rue89

Sonderlich prickelnd hat Roland Barthes ihn offenbar nicht gefunden, diesen Betriebsausflug, den er gemeinsam mit den Betreibern der Zeitschrift Tel Quel 1974 ins maoistische China unternahm. Das ist jedenfalls seinem Reisetagebuch zu entnehmen, das jetzt versehen mit einem Vorwort des Tel Quel-Begründers und seinerzeit hochmodischen Maoisten Philippe Sollers erscheint ("Carnets du Voyage en Chine", Christian Bourgois). Demnach hat er sich auf dieser "extravagantesten Reise der französischen Intelligenzija" - neben ihrem Initiator Sollers waren unter anderem dessen Frau Julia Kristeva, der Lyriker Marcelin Pleynet und der Philosoph Francois Wahl mit von der Partie, Jacques Lacan dagegen trat kurz zuvor davon zurück - vor allem eines: gelangweilt. Vier Tage nach der Ankunft jedenfalls notierte Barthes während der stereotypen Ansprache eines maoistischen Offiziellen: "Todlangweilige Rede, Vergleich Vergangenheit/Gegenwart. Ich betrachte mein Teeglas: Die grünen Blätter haben sich entfaltet und bilden am Glasboden eine Schicht. Aber der Tee ist sehr dünn, fade, kaum Tee, sondern eher heißes Wasser." Nach seiner Rückkehr schrieb Barthes für Le Monde einen Artikel, der nichts von seinen eigentlichen Gefühlen verlauten ließ. Simon Leys, einer der frühesten Kritiker des Maoismus in Europa, nannte ihn in einer berühmten Polemik einen "winzigen Hahn für Lauwarm".

Die Januarausgabe des Magazine Litteraire druckt Auszüge aus dem Tagebuch, online ist ein kreuzbraves Interview mit Philippe Sollers über Barthes und diese Reise zu lesen.

Magazinrundschau vom 25.11.2008 - Rue89

Wer hat die Romane des kongolesischen Schriftstellers und Dramatikers Sony Labou Tansi geschrieben? Hatte er Ghostwriter? Dieser Frage geht Barry Saidou Alceny von der westafrikanischen Tageszeitung L'Observateur Paalga nach. Argwohn habe es schon lange gegeben, nun stelle das Buch "Sony Labou Tansi, ecrivain de la honte et des rives magiques du Kongo" des Dozenten und Forschers Jean-Michel Devesa klar, was es damit auf sich hat: Offenbar haben Lektoren seines Verlags Seuil stark in die Texte eingegriffen. "Verbesserungen unter dem Vorwand, dass Sony Labou Tansis Texte etwas Lifting benötigten, um vom Lektorat akzeptiert zu werden. (...) Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass andere Sony Labou Tansi beim Umschreiben seiner Bücher geholfen haben sollten, wäre das eher bedauerlich als tadelnswert. Welcher junge Autor hätte die Entschlossenheit, kleine Variationen abzulehnen, wenn dies der Preis für die Veröffentlichung seines ersten Romans ist?" Endgültige Klärung werde es geben, sobald der Forschung Tansis Manuskripte und Notizbücher zur Verfügung stünden und damit eine "wahrhaft 'genetische' Kritik" möglich werde.
Stichwörter: Kongo, Lektor, Rue89, Sony, Ghostwriter

Magazinrundschau vom 11.11.2008 - Rue89

Angesichts der - nicht nur in Frankreich virulenten - Zeitungs- und Zeitschriftenkrise und einem Rückgang der Print-Umsatzzahlen um gut 30 Prozent macht die Wirtschaftswissenschaftlerin Francoise Benhamou für den Leserschwund neben allgemeinen ökonomischen Zwängen mit negativen inhaltlichen Auswirkungen zwei weitere Faktoren ursächlich verantwortlich: die Standardisierung der Presseerzeugnisse und die scheinbar beliebige Austauschbarkeit von Journalisten. Dabei seien gerade unverwechselbare Autoren deren wichtigstes Kapital: "Die Stärke eines Presseorgans besteht in seiner spezifischen Besonderheit, in den Federn, die darin schreiben. In der heutzutage hyperkonkurrenten Presselandschaft ist für das Überleben eines Blatts nicht nur die Schaffung einer Marke eine unverzichtbare Bedingung, sondern der Aufbau eines Redaktionsteams, dem der Leser darin begegnet und das seinen Ton und Inhalt ausmacht."
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Magazinrundschau vom 30.09.2008 - Rue89

Judith Sibony berichtet über einen Sturm der Kritik, den Jacques Attali, Wirtschaftswissenschaftler und ehemaliger Berater von Francois Mitterrand, entfacht hat. Er hat ein Theaterstück geschrieben, mit dem er Experten für die Geschichte der Shoah gegen sich aufbringt. "Du cristal a la fumee" (erschienen bei Fayard und aufgeführt am Theatre du Rond Point) thematisiert ein Nazi-Treffen unter Leitung von Hermann Göring zwei Tage vor der so genannten "Reichskristallnacht". Attali hält sich nach eigenen Angaben zu "95 Prozent" an den Wortlaut dieser Zusammenkunft und glaubt, damit deren "geheime Wahrheit" an den Tag gebracht zu haben: Aus diesem Treffen sei die Endlösung der Judenfrage hervorgegangen - gut zwei Jahre also vor der Wannseekonferenz, die als eigentlich Geburtstunde des Holocaust gilt. Eine "historische Unwahrheit mehr, die sich ungestraft verbreiten wird ", empört sich nun etwa die Historikerin Annette Wieviorka ("Mama, was ist Auschwitz?"). Und Elisabeth de Fontenay, Präsidentin der Commission Enseignement au Memorial de la Shoah meint: "Um ein solches Thema zu behandeln, muss man entweder ein großer Schriftsteller sein oder ein Historiker. Attali ist keins von beidem und die Vermischung, die er hier vornimmt, ist katastrophal: Er öffnet Verdrehungen Tür und Tor und bekundet einen gewaltigen Mangel an Respekt vor den Toten."

Zu lesen ist außerdem ein hübscher Artikel über Sinn, Wesen und Zweck der neuerdings immer riesiger werdenden Brillengestelle. "Einziges Credo: Sehen, vor allem aber gesehen werden."