Sonderlich prickelnd hat
Roland Barthes ihn offenbar nicht gefunden, diesen Betriebsausflug, den er gemeinsam mit den Betreibern der Zeitschrift
Tel Quel 1974 ins
maoistische China unternahm. Das ist jedenfalls seinem Reisetagebuch zu
entnehmen, das jetzt versehen mit einem Vorwort des
Tel Quel-Begründers und seinerzeit hochmodischen Maoisten
Philippe Sollers erscheint (
"Carnets du Voyage en Chine", Christian Bourgois). Demnach hat er sich auf dieser "extravagantesten Reise der französischen Intelligenzija" - neben ihrem Initiator Sollers waren unter anderem dessen Frau Julia Kristeva, der Lyriker Marcelin Pleynet und der Philosoph Francois Wahl mit von der Partie, Jacques Lacan dagegen trat kurz zuvor davon zurück - vor allem eines:
gelangweilt. Vier Tage nach der Ankunft jedenfalls notierte Barthes während der stereotypen Ansprache eines maoistischen Offiziellen: "Todlangweilige Rede, Vergleich Vergangenheit/Gegenwart. Ich betrachte mein Teeglas: Die grünen Blätter haben sich entfaltet und bilden am Glasboden eine Schicht. Aber
der Tee ist sehr dünn, fade, kaum Tee, sondern eher heißes Wasser." Nach seiner Rückkehr schrieb Barthes für
Le Monde einen Artikel, der nichts von seinen eigentlichen Gefühlen verlauten ließ.
Simon Leys, einer der frühesten Kritiker des Maoismus in Europa, nannte ihn in einer berühmten Polemik einen "winzigen
Hahn für Lauwarm".
Die Januarausgabe des
Magazine Litteraire druckt Auszüge aus dem Tagebuch,
online ist ein kreuzbraves Interview mit
Philippe Sollers über Barthes und diese Reise zu lesen.