
Seit Mitte letzter Woche ist die
englischsprachige Version des slowakischen Internetmagazins
Salon online. Salon bietet
Presseschauen mit Schwerpunkt auf den
zentraleuropäischen Ländern, sprich Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei. Außerdem werden
ganze Artikel von Autoren aus diesen Ländern ins Englische - und später auch ins Deutsche - übersetzt.
Links zu den Originalversionen findet man am Ende jedes Artikels. Eine der
Inspirationen für dieses Projekt war übrigens
Perlentaucher. Wir sind stolz wie Oskar!
Und was gibt's zu lesen? Neben Artikeln zur
Kundera-Affäre widmen sich die ersten ins Englische übersetzten Texte den gespannten Beziehungen zwischen
Ungarn und der
Slowakei (mehr
hier und
hier). In beiden Ländern gibt es starke rechtsextremistische Strömungen, die gegen Minderheiten hetzen. Der slowakische
Politikwissenschaftler Miroslav Kusy findet das vollkommen irrational:
Jan Slota, "der
Vorsitzende der slowakischen Nationalpartei, die Teil der
regierenden Koalition ist, hat jetzt die letzten Reste von
Selbstkontrolle verloren und, immer undeutlicher klingend, die ungarische Außenministerin
beleidigt (wie alle
Trunkenbolde war er nicht sehr erfinderisch und wiederholte immer wieder das Wort 'zerzaust'). Die Premierminister beider Länder beschuldigen sich gegenseitig, den Streit angefangen zu haben und die
Opposition versucht die Situation auszunutzen, in dem sie sich noch patriotischer gibt als die Nationalisten." Kusy erinnert daran, dass die Slowaken tausend Jahre Teil der ungarischen Nation waren: "Mit den Ungarn teilen wir eine
längere Geschichte als mit jeder anderen Nation". (Man kann diesen Artikel auch
hier auf
Ungarisch lesen.)
Was kann der
homo intellectualis in dieser verfahrenen Situation tun,
fragt Rudolf Chmel, letzter Botschafter der Tschechoslowakei in Ungarn und slowakischer
Kulturminister von 2002 bis 2005. Er sollte, so Chmel, den Politikern sagen, was er von ihnen denkt: "Politiker, die an einem
Minderwertigkeitskomplex leiden, die bis jetzt - vielleicht nicht durch eigenes Verschulden -
nie ihr Bergdorf verlassen haben, versuchen jetzt, ihre atavistischen Stereotype und Traumata auf das ganze Land zu übertragen."
Der ungarische
Philosoph Gaspar Miklos Tamas stellt das Problem in einen gesamteuropäischen Zusammenhang: "Nachdem die
Konföderationen (Sowjetunion, Tschechoslowakei, Jugoslawien) sich aufgelöst haben, wurden die Angehörigen einst dominierender Nationen (Russen, Serben), die außerhalb ihrer Staatsgrenzen, etwa in Kroatien oder den baltischen Staaten lebten, hart diskriminiert. (...) Die einzige verbleibende
multinationale Struktur (Bosnien unter der Aufsicht der Nato und EU) steht kurz vor dem Zerfall. Im österreichischen Kärnten verfolgt die Provinzregierung Slowenen, während die
Slowenen wiederum zehntausende ihrer Einwohner - ehemalige Bürger Jugoslawiens ohne slowenischen Pass - angewiesen hat, das Land zu verlassen. In
Mazedonien bedroht die slawische Mehrheit die albanische 'Minderheit', die fast die Hälfte der Bevölkerung ausmacht. Der Frieden wird gewahrt durch die USA und andere Nato-Kräfte. Die
EU, die die Minderheiten schützen soll, hat sich als
hilflos erwiesen."