Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 23.12.2008 - Salon.eu.sk

Wie ist das, wenn man jemanden wie ein Idol bewundert hat, es Jahrzehnte später nur noch peinlich findet und dann feststellt, dass der Rest der Welt dieses Idol immer noch mehr respektiert als einen selbst? So geht es dem Schriftsteller Stefan Chwin mit Lech Walesa. Und er ahnt, warum das so ist: "Seine große Karriere, sein glamouröser Aufstieg in die höchsten Höhen der polnischen Republik demonstriert das Versagen der polnischen Intelligentsia, das Versagen der polnischen Opposition, das Versagen Jacek Kurons, Adam Michniks, Litynskis, Modzelewskis, der Kaczynskis, Macierewicz und anderer, das Versagen der sichtbaren und unsichtbaren Eliten, ja, das Versagen der gesamten polnischen Elite, die es nicht geschafft hat, in einem historischen Schlüsselmoment einen intellektuellen Führer von der Statur Vaclav Havels aufzustellen, der auch noch von der Mehrheit der Polen gemocht wird. Und die Tschechen mochten ihren Havel. ... Der gegenwärtige panische Kult um Walesa ('Wir müssen die Legende verteidigen!') ebenso wie die panische Dekonstruktion des Mythos ('Die Legende muss demaskiert werden!') ist ein weiterer Beweis für das Versagen unserer Intelligentsia, deren Mitglieder nicht fähig sind, ihren Führungsanspruch zu formulieren."
(Salon.eu.sk hat Chwins unbedingt lesenswerten Text aus Tygodnik Powszechny ins Englische übersetzt.)

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - Salon.eu.sk

Salon.eu.sk hat einen Artikel von Martin Simecka, Chefredakteur von Respekt, übersetzt, der sich - mit Blick auf die Kundera-Affäre - an seinen Vater Milan erinnert, einen gläubigen Kommunisten, den der sowjetische Einmarsch 1968 zum Umdenken brachte. Sein Sohn erinnert sich gut an die stundenlangen Diskussionen zwischen denen, die schon in den Fünfzigern in Arbeitslagern schufteten wie Karel Pecka und Zdenek Rotrekl, und denen, die viele Jahre Privilegien im kommunistischen System genossen hatten, bevor sie ihre Meinung änderten und ihr Leben literarisch aufarbeiteten. "Die Kundera-Affäre ist explosiv, weil sie die Dominanz dieser Generation zerstört, die mit Hilfe der Literatur die Vergangenheit in wahrerem Licht zeigen wollte als das Leben selbst es konnte, mit seinen banalen und beschämenden Wahrheiten, repräsentiert zum Beispiel durch ein krudes Polizeidokument, wonach ein Herr Kundera einen Herrn Dvoracek verraten hat. In der tschechischen Gesellschaft hat literarische Fiktion wirksam die realen Erinnerungen ersetzt, die niemand hören wollte, nicht in der Vergangenheit und nicht in der Gegenwart. Übrigens waren gerade Kunderas Romane besonders erfolgreich in der Erfüllung dieser Aufgabe der Literatur."

Ebenfalls ins Englische übersetzt ist das Gespräch zwischen Vaclav Havel und Adam Michnik aus der Gazeta Wyborcza letzte Woche. Auch hier geht es - unter anderem - um Kundera. Michnik fragt Havel, warum die Medien diese Art von Enthüllung nötig haben. Dazu Havel: "Die Medien wollen Profit machen. Und wie wir wissen, ist 'kleines Erdbeben in Chile, wenige Tote', keine Meldung. Aber wenn die Medien sagen können, 'XY' war ein Informant oder dass er geschieden wurde oder jemanden vergewaltigt hat, dann werden sie das tun, weil es ihnen Profit bringt."

Magazinrundschau vom 11.11.2008 - Salon.eu.sk

Martin Butora gratuliert in der slowakischen Tageszeitung Sme Barack Obama zum Wahlsieg (hier auf Englisch). Er ist auch gut für die Slowakei, meint er. "Wenn Obamas Regierung es schafft, die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise zu überwinden, wird das dazu beitragen, den Glauben an den demokratischen Kapitalismus wiederherzustellen, das ist nicht ganz unwichtig für uns Slowaken. Mit demokratischem Kapitalismus meine ich ein soziales System, das nicht doktrinär sondern offen ist, das fähig ist zur Selbstkorrektur und aus seinen Fehlern lernen kann. Unser Glaube in dieses System ist schwer erschüttert und es wäre unglücklich, wenn dies die Tür zu einem anderen, weniger wünschenswerten Modell eines staatskontrollierten oder autoritären Kapitalismus führen würde."
Stichwörter: Obama, Barack, Slowakei

Magazinrundschau vom 28.10.2008 - Salon.eu.sk

Seit Mitte letzter Woche ist die englischsprachige Version des slowakischen Internetmagazins Salon online. Salon bietet Presseschauen mit Schwerpunkt auf den zentraleuropäischen Ländern, sprich Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei. Außerdem werden ganze Artikel von Autoren aus diesen Ländern ins Englische - und später auch ins Deutsche - übersetzt. Links zu den Originalversionen findet man am Ende jedes Artikels. Eine der Inspirationen für dieses Projekt war übrigens Perlentaucher. Wir sind stolz wie Oskar!

Und was gibt's zu lesen? Neben Artikeln zur Kundera-Affäre widmen sich die ersten ins Englische übersetzten Texte den gespannten Beziehungen zwischen Ungarn und der Slowakei (mehr hier und hier). In beiden Ländern gibt es starke rechtsextremistische Strömungen, die gegen Minderheiten hetzen. Der slowakische Politikwissenschaftler Miroslav Kusy findet das vollkommen irrational: Jan Slota, "der Vorsitzende der slowakischen Nationalpartei, die Teil der regierenden Koalition ist, hat jetzt die letzten Reste von Selbstkontrolle verloren und, immer undeutlicher klingend, die ungarische Außenministerin beleidigt (wie alle Trunkenbolde war er nicht sehr erfinderisch und wiederholte immer wieder das Wort 'zerzaust'). Die Premierminister beider Länder beschuldigen sich gegenseitig, den Streit angefangen zu haben und die Opposition versucht die Situation auszunutzen, in dem sie sich noch patriotischer gibt als die Nationalisten." Kusy erinnert daran, dass die Slowaken tausend Jahre Teil der ungarischen Nation waren: "Mit den Ungarn teilen wir eine längere Geschichte als mit jeder anderen Nation". (Man kann diesen Artikel auch hier auf Ungarisch lesen.)

Was kann der homo intellectualis in dieser verfahrenen Situation tun, fragt Rudolf Chmel, letzter Botschafter der Tschechoslowakei in Ungarn und slowakischer Kulturminister von 2002 bis 2005. Er sollte, so Chmel, den Politikern sagen, was er von ihnen denkt: "Politiker, die an einem Minderwertigkeitskomplex leiden, die bis jetzt - vielleicht nicht durch eigenes Verschulden - nie ihr Bergdorf verlassen haben, versuchen jetzt, ihre atavistischen Stereotype und Traumata auf das ganze Land zu übertragen."

Der ungarische Philosoph Gaspar Miklos Tamas stellt das Problem in einen gesamteuropäischen Zusammenhang: "Nachdem die Konföderationen (Sowjetunion, Tschechoslowakei, Jugoslawien) sich aufgelöst haben, wurden die Angehörigen einst dominierender Nationen (Russen, Serben), die außerhalb ihrer Staatsgrenzen, etwa in Kroatien oder den baltischen Staaten lebten, hart diskriminiert. (...) Die einzige verbleibende multinationale Struktur (Bosnien unter der Aufsicht der Nato und EU) steht kurz vor dem Zerfall. Im österreichischen Kärnten verfolgt die Provinzregierung Slowenen, während die Slowenen wiederum zehntausende ihrer Einwohner - ehemalige Bürger Jugoslawiens ohne slowenischen Pass - angewiesen hat, das Land zu verlassen. In Mazedonien bedroht die slawische Mehrheit die albanische 'Minderheit', die fast die Hälfte der Bevölkerung ausmacht. Der Frieden wird gewahrt durch die USA und andere Nato-Kräfte. Die EU, die die Minderheiten schützen soll, hat sich als hilflos erwiesen."