Magazinrundschau - Archiv

The Spectator

157 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 16

Magazinrundschau vom 13.10.2009 - Spectator

Nicht Rassismus ist das Problem in Großbritannien, schreibt Samir Shah, sondern das Zusammenglucken kultureller Milieus. Das aber betrifft nicht nur eine Gruppe, sondern zieht sich durch alle Schichten. "Eltern bestimmter muslimischer Gruppen neigen dazu, ihre Kinder so aufziehen, dass sie niemals mit Mitgliedern anderer Kulturen interagieren müssen und vermindern so die Fähigkeit ihrer Kinder voranzukommen." Auf der anderen Seite haben in den eher linken Medien Rechte kaum eine Chance. Denn die Leute, die in den Medien Entscheidungen treffen - "weiße Mittelschicht, großstädtisch, liberal, männlich - glauben alle, die besten Leute für den Job seien, äh, weiße Mittelschicht, liberal, großstädtisch und männlich. Dieses Phänomen als institutionellen Rassismus zu beschreiben, wie viele geneigt sind, geht meilenweit an der Sache vorbei. Denn das eigentliche Problem ist, was ich 'kulturelles Klonen' nenne - der menschliche Hang, sein eigenes Abbild zu bevorzugen. Bei Einstellungen geht es nicht mehr darum, die besten Leute herauszusuchen, sondern darum, Leute wie diejenigen zu finden, die bereits da sind. Das überwältigende Bedürnis nach einer kulturelle Wärmedecke gewinnt vor allen anderen Überlegungen Vorrang - und sondert die aus, deren Hintergrund nicht ganz passt. Das sollte eine Gleichstellungskommission im 21. Jahrhundert im Blick behalten."
Stichwörter: Mittelschicht, Rassismus

Magazinrundschau vom 22.09.2009 - Spectator

Philip Hensher freut sich über Italo Calvinos gesammelte Erzählungen "Cosmicomics", die jetzt endlich auf Englisch erschienen sind, und applaudiert dem Autor: "Einige Schriftsteller verbringen ihre Karrieren zufrieden damit, das immer gleiche Buch zu variieren. Andere scheinen mit jedem neuen Werk ihre Idealvorstellung von einem Buch noch einmal zu überdenken. Nur einige wenige jedoch haben eine Karriere, die wie eine geplante Flugbahn in völlig unbekanntes Gebiet anmutet. Man würde Tolstois späte Fabeln nicht von seinen ersten autobiografischen Sketchen ableiten oder die opaque Magie von James Joyces 'Finnegans Wake' im robusten Realismus der 'Dubliners' vermuten. Und doch sind alle Zwischenschritte ganz genau geplant, und die Karriere ist vollkommen schlüssig."
Stichwörter: Joyce, James

Magazinrundschau vom 25.08.2009 - Spectator

Philip Hensher kniet nieder vor der Kurzgeschichten-Königin Alice Munro und ihrem neuen Band "Too much Happiness". Abgesehen von der "katastrophalen" Titelgeschichte, die im historischen Russland und nicht wie sonst im zeitgenössischen Kanada spielt, findet er beinahe alle Stücke ausgezeichnet. Besonders gut gefallen ihm Munros gemeine Gören. "Kinder sind eines von Munros fruchtbarsten Feldern, und sie hat ein genaues Auge dafür, wie ermüdend, und auch wie gemein - ein ungleich leichteres Thema - sie sein können. In 'Deep Holes' bekommt ein langweiliger, fieser kleiner Angeber von einem Jungen eine schreckliche, aber wohlverdiente Abreibung, die sein ganzes Leben bestimmt. Viele von Munros Geschichten erstrecken sich über eine lange Zeitspanne hinweg, und Munro hat das Talent, überzeugende Erwachsende aus kindlichen Anfängen zu entwerfen."

Kate Williams wappnet sich. Quentin Tarantinos Nazi-Burlesque "Inglourious Basterds", seufzt sie in einem Kommentar, ist das Fanal dafür, auch die schlimmsten Momente der menschlichen Geschichte durch den großen Fleischwolf der globalen Unterhaltungsindustrie drehen zu dürfen. "Als Mel Brooks' 'The Producers' in Berlin anlief, wurden die Beschwerden über die Nazi-Symbole in der Marketingkampagne als letzte übersensible Seufzer einer älteren Generation vom Tisch gewischt. Diejenigen, die den Holocaust eher schmerzhaft als unterhaltsam sehen, werden als alte Garde verstanden. Wenn keiner mehr betroffen ist und das Nachdenken über die Schuld passe ist, dann steht alles zur Verfügung. Was kommt als nächstes - ein Film, der Nazi-Ärzte für ihre Pionierarbeit in der Gentechnik preist?"

Magazinrundschau vom 18.08.2009 - Spectator

Quentin Wilson beschwert sich mit launiger Selbstironie über die verbissene Professionalität in "Strictly Come Dancing", einer BBC-Tanzshow, in der mehr oder weniger bekannte Menschen über mehrere Runden vor Juroren bestehen müssen. Der Autojournalist Wilson weiß, wovon er spricht. Im Jahr 2004 bekam er die niedrigste Wertung aller Zeiten. "Dieses Quartett von Schiedsrichtern mit Herzen aus Stein gaben mir beklagenswerte acht von vierzig Punkten für eine Cha-Cha-Kür, die konsequent und leidenschaftlich hoffnungslos war. Ein Rekord, wie ich mit stillem Stolz vermerke, der bis heute Bestand hat. Ich tanzte in der Haltung eines halbgeöffneten Liegestuhls und ließ John Sergeant wie Tinkerbell aussehen. Der teuflische Craig gab mir einen einzigen jämmerlichen Punkt, und Bruno beschrieb meinen Auftritt mit der Tanzsaal-Königin Hazel Newberry (die arme Frau), es hätte ausgesehen, als würde sich ein 'anhängliches Rotkehlchen mit einem Ferrari vermählen'. Sogar der gute alte Len konnte sein Stirnrunzeln kaum verbergen. Ich flog in der ersten Runde raus."
Stichwörter: Ferrari

Magazinrundschau vom 21.07.2009 - Spectator

18 Tage saß der Journalist Iason Athanasiadis im Evin-Gefängnis in Teheran. Athanasiadis, der seit Jahren für internationale Medien aus dem Iran berichtet und einen britischen Pass besitzt, war am Flughafen festgenommen und der Spionage für England beschuldigt worden. In einer Zelle mit Dauerbeleuchtung und einem Exemplar des Koran dachte er über das iranisch-bristische Verhältnis nach. "Woher kommt diese fast übernatürliche Angst vor den Engländern? Im Gefängnis hatte ich Zeit zum Nachdenken, und ich beschloss, dass es viel mit Irans geografischer Lage im Hinterland des britischen Weltreiches zu tun hat. Im Gegensatz zu den Indern haben die Iraner nie mit britischen Verwaltern zu tun gehabt, sie lebten nie in von den Briten entworfenen Städten und lernten sie nie aus der Nähe kennen. Das einzige, was sie von dem berüchtigten Empire zu sehen bekamen, das sich jenseits der Pufferzone von Belutschistan aufbaute, waren halbseidene Spione, die sich im Großen Spiel engagierten, und Diplomaten, die an den Höfen der Salafiten, Qajaren und Pahlevis in flüssigem Persisch parlierten. In Evin wollte mir mein Vernehmungsbeamter den 'endgültigen Beweis' präsentieren, dass ich ein Spion war. Er reichte mir den Abzug eines Farbfotos, als sei es ein Todesurteil. Das Foto zeigte eine jüngere Ausgabe von mir, die sich in einer überfüllten Konferenzhalle mit einem großen Mann unterhielt, den ich als den Presseattache der britischen Botschaft erkannte."

Magazinrundschau vom 14.07.2009 - Spectator

Andrew Gilligan hat sich als investigativer Journalist bei der BBC einen Namen gemacht. Umso weniger versteht es Rod Liddle, dass er bei PressTV angeheuert hat, einem Fernsehkanal der iranischen Regierung. Ein Symptom für den moralischen Verfall der ganzen Zunft, fürchtet der wackere Liddle, der den Tag des Jüngsten Gerichts nahen sieht. "Als nächste werden sich die Journalisten der Wut der Öffentlichkeit stellen müssen, einer Öffentlichkeit, die sie als geldgierige, amoralische, privilegierte Elite sieht. Vollkommen zu Recht, wie ich befürchte. Unsere Spesen sind nicht so hoch, auch wenn wir immer wieder drüber witzeln, abgesehen von ein, zwei Ausnahmen. Aber an wen wir uns verkaufen, ohne allzuviel nachzufragen - 500 Eier für einen 500-Wörter Quickie? Kein Problem, Ayatollah - das wird man uns bald vorwerfen, fürchte ich."
Stichwörter: Wacken

Magazinrundschau vom 30.06.2009 - Spectator

Der britische Maler David Hockney lebte lange Zeit in Kalifornien, vor einigen Jahren ist er allerdings wieder nach Yorkshire zurückgekehrt, genauer gesagt nach Bridlington. Dort hat ihn Martin Gayford nach seinen neuen iPhone-Bildern befragt und Folgendes herausgefunden: "Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich die Technik entwickelt hatte", sagt Hockney. "Meistens zeichne ich mit dem Daumen. Ich habe gemerkt dass das großartige Vorteile bietet. Die Technik lässt einen mutig werden, und das ist ziemlich toll." Am schönsten sei das Licht ihn Bridlington "von 5.15 Uhr, wenn die Sonne schon ein bisschen draußen ist und die ersten Schatten erscheinen, bis ungefähr 8.30 Uhr. Die meisten Leute verschlafen das. Ich wache beim ersten Licht des Tages auf und mache kleine Zeichnungen von der Dämmerung, während ich noch im Bett bin." Hier ein Beispiel von Hockneys iPhone-Frühsport. Hockney male aber auch noch konventionell, schreibt Gayford, und zwar mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Ein Bild pro Tag sei keine Seltenheit.

Magazinrundschau vom 19.05.2009 - Spectator

Dies ist die Zeit der Mediävisten, ruft Dan Jones, denn wir leben in mittelalterlichen Zeiten, und er zählt Parallelen zwischen dem 14. und dem 21. Jahrhundert auf: "Während Geoffrey Chaucer und seine Zeitgenossen es mit dem Schwarzen Tod, dem Bauernaufstand, dem Hundertjährigen Krieg und der mittelalterlichen Warmperiode zu tun hatten, haben wir die Schweinegrippe, die G20-Unruhen, Afghanistan und Al Gore. Die Namen mögen sich geändert haben, doch die Reiter der Apokalypse sind immer noch die gleichen. Nehmen wir den G20-Aufruhr in London. Viele der Demonstranten fühlten sich zweifellos sehr modern , als sie Handys, Facebook und so weiter verwendeten, um sich zu treffen, zu marschieren, zu campen, schreien und Flaschen zu werfen. Für den Mediävisten ist das alles ein alter Hut. Tatsächlich wurde der G20-Protest ziemlich auf die gleiche Weise organisiert, geschürt, ausgeführt und schließlich auseinandergetrieben wie Wat Tylers Rebellion im Jahr 1381. Es gab kein Lager auf Blackheath oder eine Schlacht bei Smithfield, aber sonst stimmte so ziemlich alles überein."

Magazinrundschau vom 14.04.2009 - Spectator

Rod Liddle würde in der Konkurrenz der Welreligionen und Weltanschauungen gerne ein "muskulöses Christentum" hinter sich wissen. Stattdessen erinnert ihn die Kirche von England, o Graus, an die Kollegen vom Staatsfunk. "Die Kirche von England sieht sich selbst als altehrwürdigste aller altehrwürdigen Wohlfahrtseinrichtungen: neutral, unabhängig, völlig säkular, nicht wirklich christlich, wenn man genau hinsieht. Ein wenig ist sie wie die BBC, unsere Kirche von England. Wir wussten alle, warum sie gegründet wurde und befürworteten ihre Existenz, damals. Und wir haben vielleicht immer noch eine Schwäche für beide Institutionen, weil wir nostalgisch sind und und uns gerne in die Tasche lügen. Und doch, mit jedem Jahr, das vorübergeht, fragt man sich, warum die beiden immer noch da sind, was sie eigentlich bezwecken sollen."
Stichwörter: Christentum, England

Magazinrundschau vom 07.04.2009 - Spectator

Die New Yorker Met hat damit angefangen, jetzt wollen es alle nachmachen und Opernaufführung nicht nur auf einer Bühne zeigen, sondern in Kinosäle weltweit übertragen. Ariane Bankes hat so Jules Massenets "Manon" des Royal Opera House in London gesehen. Als Zuschauer findet sie das großartig, ob es sich für die Opern lohnt, da ist sie sich nicht so sicher. "Bei den großen Mengen an Steuergeldern, die in die Opern fließen, ist es nur zu unterstützen, ein so großes Publikum wie möglich anzusteuern. Die Kinoketten sehen sich sowieso gerade nach alternativen Inhalten um, damit sie die Häuser auslasten. Es könnte eine Win-Win-Situation sein und mehrere große Opernhäuser - darunter die Scala und Glyndebourne - sind mit gefeierten Aufführungen wie David McVicars schäumendem 'Giulio Cesare' stark hingezogen zu diesem neuen Markt. Glyndebourne, das eine kurze Saison mit hohen Kartenpreisen verbindet, hält das für eine gute Möglichkeit, das eigene Programm zu ergänzen. Aber erreicht es damit neue Publikumsschichten oder macht es sich einfach nur zugänglicher für das alte? Schließlich war die Oper das Kino des 19. Jahrhunderts. Führt diese Fusion der Kunstformen zu einer Fusion des Publikums?"