9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Europa

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2026 - Europa

Zwar genießen Russen in der EU kein freies Reiserecht, aber unter bestimmten Bedingungen können sie sich in der EU noch recht problemlos bewegen. Margus Tsahkna, Außenminister der Republik Estland, fordert nun in der FAZ ein generelles Reiseverbot für ehemalige russische Soldaten, die in der Ukraine eingesetzt waren. "Die Gefahr ist nicht abstrakt. Ohne ein einheitliches Einreiseverbot ist es realistisch, dass Personen, die an Gräueltaten an Orten wie Butscha beteiligt waren, eines Tages frei durch Europa reisen. Jemand, der dort ein Gewehr getragen hat, könnte später unter denselben Schengen-Regeln wie ein gewöhnlicher Reisender einen Zug von Warschau nach Berlin, Paris oder Amsterdam besteigen. Bleibt dies unverändert, werden die Sicherheitsrisiken, die Europa bereits erlebt hat, erneut auftreten - diesmal als direkte Folge des russischen Angriffskriegs."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2026 - Europa

Die Musikerin Maria Kalesnikava war fünf Jahre lang in belarussischer Haft bis sie durch einen Gefangenenaustausch freikam. Im Zeit-Interview mit Alice Bota und Michael Thumann erzählt sie, was ihr während dieser Zeit Kraft gab, auch als sie drei Jahre lang in Einzelhaft keine Sonne gesehen hat: Musik, Literatur, ihre Familie und ihr eigener unerschütterlicher Humor hätten sie gerettet. Was könnten die Europäer tun, um Lukaschenko zu schwächen? Sanktionen sind nicht der richtige Weg, meint Kalesnikava: "Je mehr Belarus jetzt selbstständig Beziehungen zu westlichen Ländern aufbaut, desto schneller entfernt es sich von Russland. (...) In Belarus leben Menschen, die Europäer sind. Belarus war einmal führend bei der Vergabe von Schengen-Visa. Die Belarussen identifizieren sich mit der EU und der europäischen Mentalität. Sehr viele von ihnen sind innerlich isoliert von der Welt, zu der sie gehören. Sie können nicht normal in die EU reisen. Das liegt an den Sanktionen. Diese Menschen müssen sich fast zwangsläufig Russland zuwenden. Das ist sehr gefährlich."

Außerdem: Die Welt druckt (zuerst erschien es bei Le Figaro) ein Interview mit dem französischen Schriftsteller Emmanuel Carrère, der den Film "Der Magier im Kreml", basierend auf der Buchvorlage von Giuliano da Empoli, mit Olivier Assayas realisiert hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2026 - Europa

Der in Dänemark lehrende britische Politologe Jeremy Morris ist einer der wenigen westlichen Sozialforscher, die noch ethnografische Feldforschung in Russland betreiben. Im Zeit-Online-Gespräch mit Paul Simon teilt er seine Einblicke jenseits der Zensur. In der russischen Bevölkerung herrsche zwar Pessimismus - viele Russen halten eine nationale Katastrophe für wahrscheinlicher, als dass es Russland gelingen könnte, die Ukraine zu unterwerfen, so Morris. Aber Putin habe es geschafft, die meisten Russen von den Folgen des Krieges abzuschirmen. Das sei auch ein Versagen des Westens, denn "wenn die europäischen Staaten es ernst meinten, müssten sie die Ukraine viel entschlossener ökonomisch, militärisch und diplomatisch unterstützen. Das würde wiederum die russische Regierung zwingen, selbst mehr Ressourcen und Soldaten für den Krieg zu mobilisieren und das brächte für das Regime die Gefahr einer Destabilisierung. Eine erneute Mobilmachung wäre nur schwer durchzusetzen." Stattdessen "wurde derart viel politische Energie auf diese Visa-Beschränkungen verwendet, dass man nicht zynisch sein muss, um zur Schlussfolgerung zu kommen, dass es den Europäern darum geht, von ihrer Untätigkeit in anderen Bereichen abzulenken. Putin irrt bei vielem, aber auf eins verlässt er sich zurecht: Die Europäer meinen es mit ihrem Widerstand gegen den Krieg nicht wirklich ernst."

"Stand Januar 2026 sind durch Bombardements fast alle thermischen Kraftwerke in der Ukraine zerstört, wodurch mehr als 20 Gigawatt Kapazität ausfallen", berichtet Stefan Locke in der FAZ: "Ukrainische Behörden und der Netzbetreiber Ukrenergo schätzen den Gesamtschaden am Energiesystem bis jetzt auf mehr als 70 Milliarden Dollar. Um den massiven Kapazitätsverlust zu mildern, importiert die Ukraine seit Dezember 2025 täglich bis zu 2,5 Gigawatt aus der EU und dort vor allem aus Ungarn, der Slowakei, Rumänien und Polen, berichtet die Dixi-Gruppe. Zudem arbeiten Reparaturtrupps am Limit; allein in Kiew seien derzeit 174 Brigaden im Einsatz, teilte am Montag der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit. Das sei 'eine beträchtliche Ressource', doch angesichts der Schäden 'unzureichend'."

Welche Auswirkungen das auf die ukrainische Bevölkerung hat, kann man in der taz nachlesen, wo Anna Klochko die Lage in den ukrainischen Städten beschreibt: "Russland hat den Frost zu einem Druckmittel gemacht. Wenn die Temperaturen niedrig sind, sind die Angriffe auf die Energieinfrastruktur besonders zerstörerisch. Infolgedessen sieht sich die Ukraine mit einer noch nie dagewesenen humanitären Krise konfrontiert. Mitten im Winter bleiben die Menschen ohne Strom, Heizung und Wasser. Besonders schlimm ist dies in den frontnahen Gebieten und der Hauptstadt Kyjiw." Beim Rentnerehepaar Sinaida und Oleksandr Loskutow liegt "die Temperatur in der Wohnung seit drei Wochen bei 7 Grad plus. 'Warm angezogen, unter drei Decken und mit mehreren Wärmflaschen einzuschlafen, ist noch machbar', sagt Sinaida Loskutowa. 'Aber den ganzen Tag in der Wohnung zu bleiben, ist unerträglich.'"

"Der Blick in die Endphase der römischen Republik mag uns daran erinnern, was geschieht, wenn die Ehrgeizigen zu mächtig und große Teile des Volkes verzweifelt sind", mahnt der Politikwissenschaftler Dirk Jörke in der FAZ. Statt der Vergleiche, die in letzter Zeit zwischen Trump und römischen Kaisern angestellt wurden (unsere Resümees), sollte man lieber die ganze römische Gesellschaft in den Blick nehmen, meint Jörke. Die ging nämlich zu Grunde, weil die Reichen zu reich waren. Sowohl in den USA als auch hierzulande sei die ungleiche "(private) Vermögensverteilung" eine Bedrohung für die Demokratie: "Der Anteil von Menschen mit niedrigen Einkommen an der Wählerschaft der AfD steigt jedenfalls kontinuierlich. Ihre Hochburgen hat diese Partei in Vierteln, die gemeinhin als sozial schwach gelten (...) Gewiss zeichnet sich die AfD nicht durch eine Politik für 'die kleinen Leute', geschweige denn eine Umverteilungspolitik von oben nach unten aus. Doch ihre Forderung nach niedrigeren Energiekosten und einer deutlichen Begrenzung der Migration hat auch eine verteilungspolitische Dimension, die schwerlich zu leugnen ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2026 - Europa

Die ukrainischen Schriftstellerinnen Iya Kiva und Iryna Tsilyk senden der taz erschütternde Berichte aus dem inzwischen vierten Kriegswinter in der Ukraine, wo die russische Armee weite Teile der Energie-Infrastruktur zerstört hat. Kiva warnt: "Nicht alle ukrainischen Kinder werden diesen Winter überleben, denn ihre schwachen Immunsysteme haben noch nicht gelernt, der russischen Aggression zu widerstehen. Nicht alle alten Menschen, Menschen mit Behinderungen und einfach nur einsame Menschen werden diesen Winter überleben. Nicht alle Häuser, auch wenn sie äußerlich unbeschädigt bleiben, können wieder in einen bewohnbaren Zustand zurückversetzt werden. Ganz zu schweigen davon, was aufgrund von Stromausfällen in Krankenhäusern, Operationssälen und Intensivstationen geschieht."

Ebenfalls in der taz ruft Juri Konkewitsch derweil: "Europa, Welt - hört her! Ich kann es nicht fassen, dass ihr euch an die Nachrichten aus der Ukraine über die täglichen(!) Angriffe dieser russischen Barbaren auf Wohnhäuser und zivile Ziele in der Ukraine und ihre Versuche, Großstädte mit über einer Million Einwohnern lahmzulegen, gewöhnt habt. Man sollte sich eine einfache Sache vor Augen halten: Das russische Vorgehen erinnert an den Holodomor." Auf den Medienseiten der taz blickt Nicholas Potter indes auf die Brutalität der rechtsextremen Einheit Rusitsch, die an der Front und im Netz gegen die Ukraine kämpfen: "Die Einheit verkauft ihr eigenes Merchandising über einen Webshop, darunter Schlüsselanhänger und Proteinpulver - Letzteres beworben mit dem Spruch 'Cooler als Butscha' in Anspielung auf die ukrainische Kleinstadt, die zum Synonym für russische Kriegsverbrechen wurde."
Stichwörter: Ukraine

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2026 - Europa

Die Brandmauer hat diese Woche ein ziemliches Loch bekommen: Die Grünen haben im EU-Parlament zusammen mit Rechts- und Linksextremen dafür gestimmt, das Mercosur-Abkommen vom Europäischen Gerichtshof überprüfen zu lassen. Im Interview mit der Zeit eiert der Grüne Erik Marquardt, der für die Überprüfung stimmte, ziemlich herum: Man wolle doch mit einer gerichtlichen Überprüfung nur Rechtssicherheit herstellen. Und dass er mit Rechten stimmen würde, hätte er nicht geahnt: "In der politischen Realität im Europaparlament mit 27 unterschiedlichen Öffentlichkeiten ist viel schwerer abzusehen, wie eine Abstimmung ausgeht. Den Ausschlag haben hier nicht nur die Stimmen der Grünen gegeben, sondern eben auch Konservative, 24 Liberale, 34 Sozialdemokraten und die gesamte Linksfraktion. Ich kann das nur bedauern. Wir müssen solche Ergebnisse in Zukunft vermeiden, als Grüne und als Europaparlament. ... Hätte ich vorher gewusst, dass es zu dieser Entscheidung nur mit den Stimmen von Rechtsextremen und Antieuropäern kommen würde, hätte ich anders abgestimmt. Für mich kann ich sagen: Im Nachhinein war das ein Fehler." 

In der SZ kann Henrike Roßbach das Abstimmungsverhalten der Grünen kaum fassen: Was für eine Steilvorlage für die Antieuropäer. "Dass ausgerechnet die Grünen sich so verhalten haben, die sonst bei jeder Gelegenheit und mit gutem Grund vor den Gefahren wackelnder Brandmauern warnen, ist ein Witz, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Denn wenn die Kommissionspräsidentin das Mercosur-Abkommen nun vorläufig in Kraft setzt, wozu es keine vernünftige Alternative gibt, werden die Rechts-außen-Parteien das natürlich umgehend nutzen, um die EU und ihre Institutionen zu diskreditieren - als abgehobenen Machtapparat, der sich über das vom Volk gewählte Parlament hinwegsetzt."

Außerdem: Bülent Mumay schildert in seiner FAZ-Kolumne ein weiteres Mal die wirtschaftliche Depression und Korruption unter Erdogan - und teilt zugleich mit, dass er sich wegen seiner Äußerungen mit neuen Repressalien der Justiz konfrontiert sieht, die ihm jahrelange Haft einbringen könnten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2026 - Europa

Zum ersten Mal haben die Europäer in der Grönland-Frage schüchtern gegen Donald Trump aufgemuckt. Und gestern Abend ist er in Davos zurückgerudert. Auf Twitter fragt man sich, ob es sich um  einen Kreislauf handelt:



Die Dänen sind irritiert und wütend über Trumps Drohungen gegen Grönland, berichten Poul Fritz Kjær und Philipp Alexander Ostrowicz, beide an der Copenhagen Business School lehrend, in der FAZ. Waren sie bis jetzt doch immer verlässliche und treue Verbündete der USA. Auch was Grönland angeht: "Die Verträge zwischen Dänemark und den USA in puncto Grönland machen dies deutlich. Die Vereinigten Staaten besitzen eine Militärbasis in Grönland, die sich außerhalb grönländischer oder dänischer Jurisdiktion befindet. Auf Grundlage der Verträge von 1951 haben die USA die Möglichkeit, autonom militärische Entscheidungen zu treffen und Aktivitäten einzuleiten, die ihnen wichtig erscheinen - eine Art Carte blanche für das mächtigste Land der Erde. Grönland kann bereits jetzt als De-facto-Protektorat der Vereinigten Staaten betrachtet werden. Auch deshalb ist Trumps Anspruch vielen Dänen unverständlich." Sie versuchen dem jetzt ihre bewährte Konsenspolitik entgegenzusetzen, doch ob die bei Donald Trump fruchtet?

Im Welt-Interview mit Boris Pofalla spricht der Politikwissenschaftler Michael Paul über die Gefahr eines amerikanischen Angriffs auf Grönland, die er als nicht sonderlich hoch erachtet. Außerdem erklärt er den Unabhängigkeitsprozess der Grönländer gegenüber Dänemark, der jetzt neue Aktualität erhält. "Ein ideales Szenario ist schlichtweg, dass die grönländische Regierung den Unabhängigkeitsprozess weiter vorantreibt und es dann eines Tages tatsächlich zur Unabhängigkeit kommt. Die Bevölkerung kann dann frei entscheiden, wem sie sich zuordnen will. Das wäre mein Ideal. (...) Nachdem die Amerikaner so viel Druck auf Grönland ausüben, ist die Bereitschaft, weiterhin in dem Verbund mit dem Dänischen Königreich zu bleiben, natürlich gestiegen, aber ebenso die Ablehnung einer Übernahme durch Amerika."

Die ukrainische Armee ZSU fiel zuletzt immer wieder durch Korruption und schlechte Ausstattung auf, Soldaten sind desertiert oder versteckten sich vor der Mobilisierung, die Armee braucht aber dringend Soldaten. Die Fehler drohen, die Unterstützung für die Ukraine zu unterminieren. Mit Hilfe der Verbündeten können die Fehler jedoch behoben werden, meinen die Politikwissenschaftler Jakob Hedenskog und Andreas Umland in der NZZ. "Ausländische Partner können und sollten der ukrainischen Armee dabei helfen, ihre Soldaten zu rekrutieren und zu halten. Sie können etwa dafür sorgen, dass die Soldaten eine attraktive Bezahlung, eine hervorragende Ausrüstung, erstklassige medizinische Versorgung und modernste sowie ausreichende Waffen erhalten. Die Fähigkeit der ZSU, das Land mittels Langstreckenwaffen zu verteidigen und mithilfe unbemannter Fahrzeuge so viele Aufgaben an der Front wie möglich zu lösen, muss gestärkt werden. Ukrainische Organisationen und Politiker, die sich für Militärreformen und Massnahmen zur Korruptionsbekämpfung einsetzen, sollten von außen unterstützt werden." Währenddessen leidet die Zivilbevölkerung unter dem Dauerfrost und den russischen Angriffen: Viele sitzen frierend in ihren Wohnungen, weil sie weder Heizung noch Strom haben, berichtet aus Kiew taz-Reporterin Julia Surkowa.

Wladimir Putins Regime hat seit dem Krieg mehrere Begriffe so umgedeutet, dass sie im russischen Alltag die Wahrheit verschleiern, konstatiert der noch in Moskau lebende russische Autor Andrei Kolesnikow in der NZZ. "In der Realität von Putins Russland wimmelt es von Euphemismen: Eine Explosion ist ein 'Knall', wirtschaftlicher Abschwung 'negatives Wachstum'. Einmal bezeichnete Waleri Fadejew, Vorsitzender des Präsidialrats für Menschenrechte (!), politische Repressionen als 'sanitäre Massnahmen'. Im Zuge der 'militärischen Spezialoperation' gegen die Ukraine (normale Bürger und unabhängige Medien dürfen diese im Gegensatz zu Kreml-Politikern immer noch nicht 'Krieg' nennen) erleben wir die 'Befreiung von Gebieten'. Die 'Spezialoperation' war nötig, weil 'wir angegriffen wurden' und 'der Westen in Gestalt der Ukrainer Krieg gegen uns führt'."

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Der Historiker Hartmut Berghoff  will in der FAZ zwar nicht gegen den Föderalismus plädieren, aber gegen Miniländer wie Bremen, das Saarland oder einige der nur rudimentär bevölkerten neuen Länder schon (obwohl er sich bewusst ist, dass es derzeit keine Chance für eine Reform gibt): "2020 gab es 157 Landesministerien, die mit großem Aufwand lähmende Komplexität produzierten. Die Koordinierung der Politik ist mühsam, man denke nur an die teuren Sonderbehörden wie die Kultusministerkonferenz und die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz oder auch an die Runden der Ministerpräsidenten und der Landesminister. Schließlich stehen fast ständig Landtagswahlen an, sodass wahltaktische Überlegungen den Mut zu unpopulären Entscheidungen ersticken. Die Existenz von 16 Vetospielern streut ungeheuer viel Sand in das Getriebe der Politik." Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Band "Trügerischer Wohlstand - Eine Wirtschaftsgeschichte der Berliner Republik seit 1990".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2026 - Europa

In der FAZ berichtet Ninve Ermagan von der Demonstration, die den syrischen Staatschef al-Scharaa in Berlin empfangen hätte - hätte er nicht kurzfristig seinen Besuch verschoben. "Unter den Teilnehmenden sind viele Kurden, Drusen, Alawiten, Jesiden und Vertreter jüdischer Organisationen - jene Minderheiten also, die sich von der Bundesregierung verraten fühlen", die einerseits die schnelle Abschiebungen von Straftätern fordere, andererseits "ausgerechnet den 'größten Straftäter'" hofiere. Spürbar war für Ermagan auch, "die Enttäuschung darüber, wie wenige Menschen aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft anwesend sind. 'Es sind fast nur Betroffene hier', sagt Mehmet Tanriverdi von der Kurdischen Gemeinde Deutschland. ... 'Für die Kurden ist dies das mit Abstand dunkelste Kapitel seit dem Völkermord des 'IS' an den Jesiden im Jahr 2014', sagt die Politikwissenschaftlerin Dastan Jasim der FAZ. Gemeint ist nicht nur die aktuelle Gewalt, sondern das Gefühl eines endgültigen Scheiterns. Scharaa wisse, so Jasim, 'dass das Vorgehen gegen Minderheiten international nicht sanktioniert wird'. Seine Strategie sei, 'bestehenden arabischen Nationalismus mit Islamismus zu verschmelzen - ähnlich wie Saddam Hussein in den Neunzigerjahren'. Für viele Kurden sei es erschütternd zu sehen, dass ihr massiver Einsatz gegen den 'IS' nicht zählt."

"Was wir erleben, ist kein tragisches Versehen. Es ist politischer Verrat", ruft der SPD-Politiker Sercan Celik bei den Ruhrbaronen. "Europa hat die Kurden benutzt - und entsorgt sie jetzt. Jahrelang galten sie als 'Partner im Kampf gegen den Terror', heute sind sie ein Störfaktor in neuen diplomatischen Rechnungen. Plötzlich gelten islamistische Akteure als 'Gesprächspartner', während jene, die den IS bekämpft haben, politisch marginalisiert werden. Das ist nicht Realpolitik. Das ist Zynismus. Besonders deutlich wird das an der neuen diplomatischen Annäherung an Akteure wie Ahmed al-Scharaa. Man muss nicht behaupten, er sei 'der Teufel', um festzustellen: Diese Politik dient nicht den Menschenrechten, nicht der Stabilität und nicht der Sicherheit. Sie dient Interessen. Und sehr wahrscheinlich auch einem Ziel, über das man in Berlin und Brüssel lieber nicht laut spricht: der Vorbereitung von Abschiebungsdeals, der politischen 'Normalisierung' Syriens, um unbequeme Verantwortung loszuwerden. Nicht, weil sich die Lage vor Ort verbessert hätte - sondern weil Europa die Lage hier innenpolitisch nicht mehr aushält."

Was Trump mit Grönland tut, entspricht eigentlich der US-Politik des ganzen 19. Jahrhunderts, erklärt der Historiker Daniel Immerwahr im Zeit-Online-Interview: "Wir sind nur so schockiert darüber, weil wir bislang in einer Ausnahme der US-Geschichte gelebt haben: der Pax Americana nach 1945. Die USA schafften es, die internationale Ordnung relativ stabil zu halten. Sie konnten ihre Macht ausüben, ohne riesige Überseegebiete zu annektieren." Für Immerwahr sind die Drohungen Trumps allerdings vor allem ein Zeichen der Schwäche: "Es gibt deutliche Anzeichen für einen Niedergang. 1945 hatten die USA einen hohen Anteil an der Weltwirtschaft, heute ist er geringer. Trumps Drohungen können als Todesröcheln der US-Hegemonie gesehen werden. Der Rückgang der globalen Macht der USA könnte zu einer anarchischeren Welt, einer Hegemonie Chinas oder Russlands oder einer demokratischeren Welt führen. Anstatt mit einem Wimmern könnte die Pax Americana mit einem Knall enden."  

"Europa ist eingeklemmt zwischen einem Feind im Osten und einem Gegner im Westen", hält Kurt Kister in der SZ fest. Trump hat sich gedanklich nämlich schon von der Nato verabschiedet, wie seine Grönland-Drohungen zeigen. Das einzige, was Europa tun kann, ist zusammenhalten: "Kein einzelner Staat der EU könnte sich allein hinreichend gegen eine russische Aggression verteidigen. Vor allem nicht jene Staaten, die in Putins Großrussland-Träumen als 'eigentlich russisch' eine Rolle spielen: Estland, Litauen, Lettland, Teile Polens, Moldau (wenn die Ukraine 'fiele') Auch ohne die Amerikaner muss in Europa das Musketier-Prinzip gelten: Einer für alle, alle für einen."

Inna Hartwich präsentiert in der NZZ den Fall des russischen Archäologen Alexander Butjagin, der sich zwischen die Fronten des Ukrainekrieges manövrierte. Butjagin forschte "in der antiken griechischen Siedlung Myrmekion aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus in der Nähe der heutigen Stadt Kertsch" auf der Krim. Und hörte damit nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges nicht auf. Da er ohne Genehmigung forschte, ist er nun in der Ukraine angeklagt und sitzt derzeit in U-Haft in Polen. Auch Archäologie kann also politisch sein, stellt Hartwich fest: "Bereits 2014 versicherte der Archäologe Russland in einem selbstverfassten Gedicht seine Treue zum Staat. 'Bereit für Gefängnis und Armut, tue ich das, was ich für Russland tun muss', schrieb er - und grub weiter auf der Krim aus. Die Gedichtzeilen legen die politische Dimension von Butjagins Handeln offen. Damit zeigt er sich als jemand, der Loyalität zum Staat, in dem er lebt und für den er arbeitet, höher gewichtet als rechtliche Grauzonen. Genau das werfen ihm seine Kritiker vor. Auch Archäologie sei nie neutral. Wer auf besetztem Gebiet grabe, entscheide mit darüber, wessen Geschichte sichtbar werde - und unter wessen Hoheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2026 - Europa

Robert Sarner porträtiert für die Times of Israel die junge französische Journalistin Nora Bussigny, die für ihr Buch "Les Nouveaux Antisemites" monatelang undercover in der linksextremen antisemitischen Szene Frankreichs recherchierte. Die Autorin ist selbst halb jüdischer, halb muslimisch-marokkanischer Herkunft. Für ihr Buch hat sie in Frankreich den vom Senat verliehenen Preis für das beste politische Buch des Jahres bekommen. Der 7. Oktober kam der extremen Linken wie gerufen, sagt sie im Gespräch mit Sarner: "Es ist ironisch, denn historisch gesehen war die extreme Linke zersplittert. Viele radikale Gruppen kamen nie miteinander klar, obwohl sie von einer Vereinigung ihrer Kämpfe träumten. Vor dem 7. Oktober war ich überzeugt, dass sie sich nur durch ihren gemeinsamen Hass auf die Polizei und das, was sie für sie symbolisiert, vereinen könnten. Aber jetzt habe ich gesehen, dass ihr Hass auf Juden, oder besser gesagt Zionisten, um ihren Begriff zu verwenden, sie wirksamer für eine gemeinsame Sache zusammenbringt." Bussignys Buch ist ein Bestseller, wenn auch nicht ohne Widerstände, wie die Autorin erzählt: "Viele Buchhandlungen haben mein Buch boykottiert. Einige haben Kunden, die es bestellen wollten, sogar gesagt, dass sie diese Art von Büchern nicht bestellen wollen."

"Nur wenn die Sanktionsschrauben deutlich angezogen werden, könnte das jetzige Wirtschaftsmodell Russlands infrage gestellt sein - mit entsprechenden Konsequenzen für seine Kriegsanstrengungen", betont in der NZZ der emeritierte Professor für Friedens- und Konfliktforschung Herbert Wulf: "Die russische Wirtschaft hat die ersten Jahre des Krieges überstanden, zwar mit einigen Blessuren, ohne aber unter dem Druck von außen einzubrechen. Durch Umstrukturierung in Russland selbst und Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern, vor allem mit China, aber auch mit vielen Ländern des globalen Südens, ist es gelungen, den Bruch der Beziehungen mit dem Westen weitgehend zu kompensieren. Entsprechend könnte der Krieg in der Ukraine von Russland weiterhin ökonomisch unterfüttert werden."
Stichwörter: Russland, Ukrainekrieg

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2026 - Europa

Putins Krieg gegen die Ukraine (und Europa) dauert seit dem 11. Januar länger als der "große vaterländische Krieg" Stalins gegen Nazideutschland. Und er wird nicht so bald enden, fürchtet Viktor Jerofejew in der FAZ: "Putin wird in diesem Krieg gesiegt haben, wenn in Kiew seine Marionette sitzt, jemand wie Lukaschenko in Belarus. Deswegen unternimmt Russland alles, um den Durchhaltewillen der ukrainischen Bevölkerung aufzureiben. Doch selbst wenn das gelänge, würde der Krieg nicht enden, sondern sich in eine Partisanenbewegung verwandeln, wie es nach 1945 in der West-Ukraine geschah. Falls Putin den Krieg nicht beendet, wird der ihn bis zu seinem Tod begleiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2026 - Europa

In der FAZ beschreibt der Kultur- und Literaturwissenschaftler Moritz Schramm das komplizierte, lange von Diskriminierung geprägte Verhältnis der Grönländer zu Dänemark - Zwangsadoptionen und Zwangssterilisierungen sind noch nicht allzu lange her. Obwohl die meisten Grönländer keineswegs von den USA übernommen werden wollen, hat Trumps Anspruch die Verhältnisse verändert: "Die geopolitische Situation zwingt Dänemark heute erstmals, Grönland wirklich auf Augenhöhe zu behandeln. Und damit vielleicht auch eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte stärker voranzutreiben."

Die Zeiten waren vor 50 Jahren andere, gesteht der Inuit-Dichter Kelly Berthelsen im Interview mit der NZZ zu. Immerhin sei Grönland seit 1979 innerhalb des Königreichs Dänemark autonom. Er würde Dänemark jedenfalls den USA vorziehen: "Wir sind Grönländer und wollen Grönländer bleiben. Und wir wissen, wie unsere Inuit-Brüder in Alaska und die anderen Ureinwohner von den Amerikanern behandelt wurden. Heute haben wir in Grönland ein gutes und bezahlbares Gesundheits- und Sozialsystem. Ob das unter den USA so bleiben würde, ist zweifelhaft. Mir scheint ein Wechsel überhaupt nicht attraktiv."

Donald Trump will übrigens nicht nur Grönland, er will vor allem an die Bodenschätze in der Tiefsee, berichtet Petra Ahne in der FAZ, obwohl die "laut dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen ein 'gemeinsames Erbe der Menschheit'" sind.

2027 geht Emmanuel Macrons Amtszeit zu Ende. In der NZZ zieht der Philosoph Pascal Bruckner eine niederschmetternde Bilanz: "Sein Bestreben, die Rechte und die Linke durch die Schaffung einer 'extremen Mitte' zu versöhnen, treibt ihn dazu, Gegensätze zu vereinen, die sich nicht vereinen lassen. Mit ihm, so glaubt er zunächst, könnten fundamentalistische Burkini-Trägerinnen und Anhängerinnen des Oben-ohne-Sonnenbadens genauso in gutem Einvernehmen nebeneinander existieren wie Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder Befürworter der Homo-Ehe und Anhänger der traditionellen Familie. ... Ein Politiker kann Widersprüche nicht lange auflösen und nach dem Prinzip 'gleichzeitig' argumentieren, ohne sich wie eine unverantwortliche Wetterfahne zu verhalten."

Nach Berichten der Financial Times und anderer internationaler Medien haben die Vereinigten Arabischen Emirate britische Universitäten aus ihrer Liste staatlich förderfähiger Hochschulen gestrichen, weil sie fürchten, emiratische Studenten könnten sich dort islamistisch radikalisieren. Dass ein islamisches Land den Islamismus eher als Gefahr erkennt als Europa, ist eine ziemlich Blamage, findet Ahmad Mansour in der Welt. "Die Entscheidung aus Abu Dhabi ist deshalb so entlarvend, weil sie Europas inneren Widerspruch offenlegt. Wir reden gern von Menschenrechten, scheuen aber die Konsequenzen, wenn es unbequem wird. ... Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieser Affäre: Europa verliert nicht, weil es zu tolerant ist. Europa verliert, weil es nicht mehr unterscheiden kann: zwischen Toleranz und Blindheit, zwischen Religionsfreiheit und politischer Ideologie, zwischen Integration und Anpassung an extremistische Narrative."

In der NZZ stößt sich der marokkanisch-schweizerische Essayist Kacem El Ghazzali an dem Massenbeten von Muslimen an prominenten westlichen Plätzen wie dem Times Square, dem Trafalgar Square oder dem Pariser Platz: "Was als Ausdruck von Religiosität präsentiert wird, ist in Wahrheit Reterritorialisierung: die symbolische Inbesitznahme des öffentlichen Raums. Aufschlussreich ist, dass es für solche Straßengebete kaum ein Pendant in muslimischen Ländern gibt." Hierzulande würden jedoch die Massengebete in Teilen muslimischer Social Media "ausdrücklich als 'Siege für den Islam' gefeiert", so Ghazzali. "Was bedeutet dieser 'Sieg des Islams'? Hier wird die These von der Islamisierung des Westens nicht von Rechtspopulisten formuliert, sondern von Muslimen selbst - mit umgekehrtem Vorzeichen. Was die einen als Bedrohung brandmarken, feiern die anderen als Verheißung. ... Die Erzählung ist dieselbe, nur die Bewertung differiert."

Hier ein Beispiel aus London: