9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2017 - Geschichte

Zur Idee, in Berlin ein Mahnmal für die von den Deutschen ermordeten Polen zu errichten (unser Resümee), wendet der Holocaust-Historiker Stephan Lehnstaedt in der taz ein: "Dabei wird vergessen, dass für die Mehrheit der ermordeten Polen bereits ein Denkmal existiert - das Holocaust-Mahnmal: Etwa zwei Drittel aller von Deutschen getöteten Polen waren jüdischer Herkunft. Am Berliner Stelenfeld allerdings wollte Präsident Dudas Kabinettschef keinen Kranz niederlegen. Darauf beziehen sich die Befürworter eines neuen Denkmals: Es gebe keinen Ort des Gedenkens an die polnischen Opfer. Aber waren diese Juden denn keine polnischen Bürger?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2017 - Geschichte

In der Welt gibt der Historiker Andreas Wirsching, Leiter des Instituts für Zeitgeschichte München, Götz Alys im Perlentaucher publizierter Kritik an der Aufarbeitungspraxis des Instituts zwar praktisch in allen wesentlichen Punkten Recht, aber so war der Zeitgeist eben damals, meint er. Das sei noch lange kein Grund für Alys von "Theaterdonner" und "martialischen Überschriften" begleitete "Skandalisierungsbemühungen": "In jedem Fall ist alles dies das Gegenteil eines seriösen Umgangs mit dem Holocaust in Wissenschaft und Öffentlichkeit. Kampagnen wie die von Aly inszenierte schaden am Ende allen Beteiligten und ermutigen auch die Trittbrettfahrer, die ganz andere Motive haben und nur darauf warten, den Holocaust zu relativieren." Nach diesem Argument mit dem Fallbeil fordert er "höchste Sensibilität" für den Umgang mit der Holocaust-Forschung, womit er wohl sein Institut meint.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2017 - Geschichte

In einem NZZ-Interview über die blutige Geschichte Russlands überlegt der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski, warum Aufarbeitung in Russland etwas anderes ist als in Deutschland: "Wir vergessen, dass sich die Aufarbeitung in Deutschland unter Aufsicht der Alliierten vollzog. Der Aufarbeitungsprozess fand nicht in einem souveränen Staat statt. Man darf sich keinen Illusionen darüber hingeben, was passieren kann, wenn Opfer und Täter ohne Schiedsrichter einander begegnen. Man mag sich nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn Chruschtschow gesagt hätte: '20 Millionen Tote. Jetzt arbeiten wir das mal auf.' Die Deutschen haben ihre Gewalt vor allem ins Ausland getragen, was die Aufarbeitung leichter machte. In der Sowjetunion war die Gewalt nach innen gerichtet. Wie hätte man einer solchen Tragödie gerecht werden können - wenn nicht durch Schweigen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2017 - Geschichte

In der SZ schreibt Gustav Seibt zum 200. Geburtstag des Alter­tums­wis­sen­schaft­lers Theo­dor Momm­sen, in der FAZ Simon Strauss.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2017 - Geschichte

Über die 68er lässt sich Erfreuliches und Unerfreuliches sagen: Beides steht uns demnächst mit dem 50-jährigen Jubiläum ins Haus. Was bei den Sonntagsreden aber wohl nur selten zur Sprache kommen wird, sind die unerfreulichen Zustände vor 68, denkt sich Urs Hafner, der für die NZZ die Ausstellung "1968 Schweiz" im Bernischen Historischen Museum besucht hat. "Wie bieder, wie korsetthaft eng müssen die Zeiten vor 1968 gewesen sein! Wahrscheinlich waren die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg die miefigsten überhaupt seit dem eidgenössischen Bauernkrieg von 1653. Um 1960 schockierten die 'Halbstarken' die Öffentlichkeit, indem sie Töffli fuhren und Bluejeans mit selbstgebastelten Nietengürteln trugen, auf denen sie 'Elvis' aufgemalt hatten. Viele der damaligen Forderungen und Protestformen sind aus heutiger Sicht erschreckend harmlos."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2017 - Geschichte

In der Berliner Zeitung unterstützt Götz Aly die von Rita Süssmuth und Wolfgang Thierse angeregte Initiative für ein Denkmal für vertriebene und verfolgte Polen in Berlin. Zwangsarbeit, Deportationen, Euthanasie und der Versuch, polnische Kultur auszulöschen spielen im öffentlichen Gedächtnis heute eine geringe Rolle, so Aly: "Egal, welche Partei in Warschau regiert: Die deutsche Seite muss versöhnend vorangehen. Angesichts der Vorgeschichte verstehe ich, dass viele Polen heutige flüchtlingspolitische oder rechtsstaatliche Belehrungen Deutschlands befremdlich finden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2017 - Geschichte

In London soll ein Holocaust-Museum gebaut werden (mit der Planung beauftragt ist der Architekt David Adjaye). Sehr schön, meint Afua Hirsch im Guardian, fragt sich aber auch, warum es eigentlich kein Museum gibt, dass an das Empire erinnert. Und daran, dass es nicht nur "irgendwo Übersee" passierte, sondern auch das Leben auf der britischen Insel formte: "Unsere bevorzugte Lösung für diese unangenehme Wahrheit war es, nicht auf der Sklaverei rumzureiten und lieber die Abolition zu feiern. Immerhin wird an Britanniens Rolle im Sklavenhandel in dem hervorragenden Museum in Liverpool erinnert. Aber einige auf Sklaverei fokussierte Museen sondern das Thema vom Mainstream der britischen Geschichte ab. ... Nur wenige Briten verstehen, wie fundamental der Sklavenhandel für das britische Empire war und in welchem Ausmaß die Geschichte des Empires die Geschichte Britanniens ist. Dass es nicht ein einziges Museum gibt, dass dem Empire gewidmet ist, der historischen Episode mit den tiefsten Auswirkungen auf die moderne britische Identität, ist wirklich bemerkenswert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2017 - Geschichte

Die Russen interessieren sich kaum für die Oktoberrevolution, meint Anna Schor-Tschudnowskaja in der NZZ. "Zwar widmen sich diverse kulturelle Einrichtungen in der Stadt auf je eigene Weise dem Jahrestag der Revolution, und auch die Werbung auf der Straße und in den Massenmedien spielt mit diesem symbolträchtigen Begriff; dennoch ist es ein erstaunlich stilles Jubiläum in einem Land, dessen politisches, soziales und kulturelles Leben über mindestens sieben Jahrzehnte hinweg im Zeichen der Folgen von '1917' stand. ... Die Ereignisse von damals sind jedenfalls für die Mehrheit der Gesellschaft und der politischen Elite kein positiver Bezugspunkt, kein Gründungsakt, kein Mythos mehr - doch auch keine nationale Tragödie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2017 - Geschichte

Marc Tribelhorn erzählt in der NZZ, wie die Hirnanatomie nach Lenins Tod die Genialität des Revolutionsführers anhand seines verschrumpelten Gehirns ermittelte. Federführend war dabei der deutsche Wissenschaftler Oskar Vogt: "Vogt erhielt in Moskau ein eigenes Institut für Hirnforschung, das in einem noblen Palais unweit des Roten Platzes untergebracht war. Und das Engagement des Deutschen sollte sich für die Sowjetführung auszahlen. Unter dem Mikroskop fand der Forscher in den Hirnschnitten nämlich 'auffallend große und besonders zahlreiche Pyramidenzellen in der III. Schicht, wie der Athlet durch eine besonders stark entwickelte Muskulatur charakterisiert ist'. Ein Meister des vernetzten Denkens sei Lenin folglich gewesen, ein 'Assoziationsathlet', verkündete Vogt. Die Parteizeitung Prawda jubilierte, dieser Befund sei 'ein bedeutender Beitrag zur materialistischen Erklärung des Psychischen überhaupt'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2017 - Geschichte

In einem FR-Interview mit Michael Hesse spricht der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar noch einmal ausführlich über die RAF und fragt sich wie links oder politisch die Terrorgruppe überhaupt war: "Bei der RAF gab es politische Begründungsmuster, aber ich glaube dennoch nicht, dass diese für die RAF wirklich zentral gewesen sind. Man muss sich ja nur einmal vorstellen, dass es vom Mai 1970 bis zum Mai 1972, also zwei geschlagene Jahre gedauert hat, bis sie über ihre logistischen Vorbereitungen hinaus gelangt war und Bombenanschläge hat verüben können."