9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2017 - Geschichte

Arno Widmann bespricht für  die Berliner Zeitung Hermann Pölkings riesigen Dokumentarfilm über das originelle Thema "Hitler": "Für den Film wurden in 120 Archiven in 14 Ländern Quellen ausgewertet, 850 Stunden Film gesichtet. Die Arbeit am Film ist ein imponierender Kraftakt. Wenn ich sage, er teile mir nichts Neues mit, dann ist das wahr. Und es ist eine schreckliche Wahrheit, denn am Ende hat ein Berg gekreißt und ein Mäuslein geboren."
Stichwörter: Pölking, Hermann

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2017 - Geschichte

In Berlin hat sich eine Initiative gegründet, die sich für ein Denkmal zum Gedenken an die polnischen Opfer der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg einsetzt, berichtet der Dlf Kultur. "Der Journalist Martin Sander hat im Deutschlandfunk Kultur die Idee für das neue Denkmal erläutert. Wichtig sei der angestrebte Standort: Die Initiative schlägt vor, es am am Askanischen Platz neben dem Anhalter Bahnhof zu errichten. So stünde das Denkmal direkt gegenüber vom künftigen Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Klar sei, dass es um ein Denkmal und nicht um einen Gedenkort gehe. Parallel gebe es seit einiger Zeit auch Pläne, mit einem Gedenkort an die Opfer der deutschen 'Lebensraum'-Politik in Polen und auch anderswo zu erinnern. Absprachen habe es aber offensichtlich nicht gegeben, sagte Sander."

Im Interview mit der Berliner Zeitung erinnert Wolfgang Thierse daran, dass die Idee für so ein Denkmal auf den verstorbenen Publizisten und Politiker Władysław Bartoszewski zurückgeht: "Er hat immer und immer wieder gesagt, dass wir auf intensive Weise an die Verbrechen der Vergangenheit erinnern. Das hat er begrüßt und auch bewundert. Aber er war auch der Meinung, dass wir im Verhältnis zu den Polen etwas - ich formuliere es nun salopp - 'unterbelichtet' seien. Da gibt es nicht die gleiche intensive Auseinandersetzung mit deutscher Schuld, wie, richtigerweise, im Fall der Ermordung der Juden oder im Fall deutscher Verbrechen in der Sowjetunion. Dem ein stärkeres Gewicht zu geben, ist das Motiv, das uns dazu geführt hat, die Idee eines Denkmals umsetzen zu wollen."

Endlich setzt sich die Forschung auch mit dem Kunstraub der Nazi-Besatzer in Griechenland auseinander, schreibt Esther Widmann in der SZ. Da gebe es noch einiges zu tun, so Widmann und berichtet von einem der "dreisteten Diebstähle von Kulturgut aus Griechenland. Begangen hat ihn der österreichische Generalmajor Julius Ringel, Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP. Auf Kreta stationiert, nahm er im September 1941 dem griechischen Wächter in Knossos den Schlüssel ab und bediente sich im von den Briten dort angelegten Museum an antiken Fundstücken. ... Die Objekte ließ er nach Graz bringen, wo ihm ein 'Kreta-Institut' an der Universität vorschwebte. So landete ein Teil der Objekte in der Sammlung der Universität. Nach 76 Jahren sollen nun voraussichtlich in diesen Tagen 26 Keramikgefäße an Griechenland zurückgegeben werden. Zu Ende ist dieser Fall damit nicht: Zahlreiche Stücke hortete Ringel auch einfach zu Hause. Sie sind heute im Besitz seiner Erben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2017 - Geschichte

Das Jahr 1917 ist für Wladimir Putin kein bequemes Datum, sagt der Historiker Juri Piwowarow im Gespräch mit Klaus-Helge Donath von der taz: "Kremlnahe Historiker sehen in der Februarrevolution 1917 eine Verschwörung, an der das Bürgertum, die russischen Generäle, die Intellektuellen und Freimaurer beteiligt waren. Die Oktoberrevolution erscheint unterdessen wie eine bolschewistisch-deutsche Verschwörung. Jedoch wird den Bolschewiki zugutegehalten, dass sie das Imperium bei erstbester Gelegenheit wiedererrichteten. Sie erwiesen sich als 'gosudarstweniki': Leute, die trotz Umsturzes den Erhalt und die Größe des Staates über alles stellten. Die Hauptschuld am Zusammenbruch trifft somit Bürgertum und liberale Kräfte. Das stimmt so natürlich nicht."

In der SZ beschreibt der Historiker Gerd Koenen die "überspannte Selbsteinschätzungen" deutscher Politiker, die erst die Oktoberrevolution während des Ersten Weltkriegs und später den Bolschewismus für sich zu nutzen hofften.

Anders als in der Bundesrepublik gab es in der DDR nie eine Aufarbeitung der Frage, welchen Rückhalt der Nationalsozialismus in der Bevölkerung hatte. Darum kommt die AfD im Osten besonders gut an mit ihrer Forderung, es müsse mal Schluss sein mit dem "Schuldkult", meint der Historiker Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, im Interview mit Zeit online. "Es gibt unterschiedliche Entwicklungen in beiden Teilen Deutschlands. Und im Moment müssen wir offensichtlich - weil die AfD es herausfordert - bestimmte Debatten, die in Westdeutschland schon geführt, aber zum Teil auch bereits wieder vergessen worden sind, noch einmal führen. Man sollte sie nicht unterdrücken, sondern fördern - unterstützt durch Schulen, Gedenkstättenarbeit, politische Bildung. Und man muss deutlich machen, dass das echte Selbstbewusstsein der Bundesrepublik als demokratischer Rechtsstaat, als offene Gesellschaft, und überhaupt deren Ansehen in der Welt, sich aus der selbstkritischen Aufarbeitung der NS-Vergangenheit speist. Diese Aufarbeitung hat die Demokratie in der Bundesrepublik elementar gestärkt."

Außerdem: Die FAZ bringt einen Vorabdruck aus dem Buch "Für Islam und Führer -  Die islamische Welt und das Dritte Reich" über die Islam-Politik der Nazis des britischen Historikers David Motadel.
David Motadel

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2017 - Geschichte

Es gibt keinen Grund, die Oktoberrevolution zu feiern, meint Arno Widmann in der FR. Von Beginn an war sie ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, schreibt er etwa mit Blick auf das Frauenbataillon, das den Petersburger Winterpalais vergeblich gegen die Erstürmung verteidigen wollte, jedoch von den Bolschewiki überrannt, vergewaltigt und nach Finnland deportiert wurde: "Es gibt keinen Grund, der Sowjetunion nachzutrauern. Die größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts war nicht der Zusammenbruch der Sowjetunion, sondern ihre Etablierung. Bis heute wird sie als 'gescheiterte Hoffnung' verkauft, als ein verzweifelter Versuch, dem Kapitalismus etwas entgegenzuhalten. Wer das behauptet, der zeige einen einzigen Augenblick, in dem die Sowjetunion so gehandelt hat. Die Räte, auf die sich die Revolution doch stützen sollte, wurden, so wie sie nicht der Partei gehorchten, zerschlagen, ihre Führer erschossen."

Außerdem zum Thema: Heinrich August Winkler klärt ebenfalls in der FAZ über den Unterschied zwischen bürgerlicher und proletarischer Revolution auf. Ebenfalls in der FAZ (aber im politischen Teil) legt der Historiker Manfred Hildermeier dar, dass Lenin seinen Staat von vornherein auf Terror aufbaute.

Vor fünfzig Jahren zeigten zwei Hamburger Studenten bei einer Rektorenkonferenz das berühmt gewordene Transparent mit dem Spruch "Unter den Talaren / Muff von 1000 Jahren". Jan Feddersen bestreitet in der taz Nord, dass damit in erster Linie eine Kritik an der Nazivergangenheit der Professoren gemeint war: "Tatsächlich geht aus den - protokollierten - Sitzungen der Gremien von Professoren und Studenten nicht mal in einer Nebenbemerkung hervor, dass das Publikum, die Kritisierten wie die Kritiker, irgendeinen Hintersinn in Sachen Nazi im Blick hatten. Auch wenn Gert Hinnerk Behlmer aktuell sagt, 'die Anspielung auf das 'Tausendjährige Reich' (...) war von mir gewollt, allerdings damals kaum beachtet.'"

Pawel Ukielski, Direktor des Museums des Warschauer Aufstands beklagt in der FAZ bei dem neuen Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel "ein stark ideologisiertes Narrativ, das sich auf eine neomarxistische Vision der Geschichte Europas stützt. In deren Sinne befindet sich Europa seit der Französischen Revolution auf dem Weg eines unaufhaltsamen Fortschritts mit Richtung auf eine ideale, klassenlose und der Nationen entledigte Gesellschaft. In einer solchen Erzählung gibt es praktisch keinen Raum für das, was vor der Französischen Revolution stattfand - etwa für die berühmte Trias der Grundlagen unserer Zivilisation, die griechische Philosophie, das römische Recht und den jüdisch-christlichen Geist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2017 - Geschichte

Der Kulturhistoriker Wolfgang Müller-Funk denkt im Standard über die Oktoberrevolution und Trotzki im Exil nach und empfiehlt, Joseph Roth zu lesen, der 1926 in die Sowjetunion gereist war und ernüchtert zurückkam. Roths "geistiges Exil wurde die retrospektive Utopie eines multiethnischen Kaiserstaates, den es so nie gegeben hat. Die Oktoberrevolution von 1917, historischer Widerhall von 1789, war der Archetyp sozialistischer Umwandlungen, die vornehmlich an der kapitalistischen Peripherie stattgefunden haben. Dass diese allesamt so schmählich endeten, hat auch damit zu tun, dass sich nachhaltiger gesellschaftlicher und kultureller Wandel nicht durch dramatische Gesten und Aktionen vollzieht. ... Dass wir nicht mehr an die Revolutionen glauben, die wie in einem magischen Akt alles plötzlich verändern, gehört zu jenen Enttäuschungen, die uns nicht lähmen brauchen, sondern auch ermuntern können."

Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg sitzen im deutschen Bundestag Vertreter einer rechten Partei. Zugleich ergab kürzlich eine Forsa-Umfrage, dass nur noch jeder vierte Deutsche etwas mit dem Begriff Auschwitz verbindet. Im Tagesspiegel warnt der Schriftsteller und Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees Christoph Heubner davor, den Rechten das Reden über Auschwitz zu überlassen: "Was verliert unsere Gesellschaft, wenn das Wissen um Auschwitz aus dem Blick gerät und nur noch als brüllende Metapher und Drohung in der Ideologie der extremen Rechten auftaucht? Die Antwort scheint eine Binsenweisheit: So lange sich vielerorts Gedankenlose, Rechtspopulisten und Rechtsextreme das Wort Auschwitz höhnisch und gewaltbereit auf der Zunge zergehen lassen; so lange hat jeder Bildungspolitiker und Geschichtsdidaktiker die Pflicht, darüber nachzudenken, wie, wann und wo das Wissen um die Ursachen und die Geschehnisse von Auschwitz ergänzt werden sollte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2017 - Geschichte

In zwei Artikeln kommt die NZZ auf die Oktoberrevolution zurück. Karl Schlögel denkt über den Kult um Lenin nach. Sylvia Sasse erzählt, wie ein berühmtes Foto der Revolution manipuliert wurde - damals schon! Ulrich M. Schmid lässt Säuberungen der KP in den eigenen Reihen Revue passieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2017 - Geschichte

In Zeit online äußert sich René Schlott, Autor einer Biografie über Raul Hilberg, über die von Götz Aly in einem im Perlentaucher veröffentlichten Vortrag vorgebrachten Vorwürfe gegen das Institut für Zeitgeschichte, das sich in  zwei Gutachten gegen eine Veröffentlichung von Hilbergs Standardwerk "Vernichtung der europäischen Juden" wandte. Auch er spricht die "Anmaßung des Hauses" an, "wonach nur die eigene Geschichtsschreibung Objektivität beanspruchen könne, die der von der NS-Verfolgung Betroffenen aber subjektiv und 'biografisch eingefärbt' sei. Dass dieser Vorbehalt nun ausgerechnet von Deutschen kam und von einer deutschen Institution, die ausdrücklich mit dem Auftrag gegründet worden war, über die NS-Herrschaft aufzuklären, entbehrt nicht einer bitteren Ironie."

Außerdem: Julia Smirnova besucht für die Welt eine Ausstellung im Lenin-Museum von Karasnojarsk über die Auswirkungen der Oktoberrevolution auf das russische Dorf.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2017 - Geschichte

Der Historiker Götz Aly hatte vor einer Woche in einem im Perlentaucher veröffentlichten Vortrag belegt, dass das IfZ jahrzehntelang die Übersetzung von Raul Hilbergs Maßstäbe setzender Studie über den Holocaust hintertrieben hatte. Im Interview mit Alan Posener von der Welt macht er klar, dass es ihm dabei nicht nur um die Geschichte geht: "Wenn man ehrlich ist, setzt sich diese Linie bis zur annotierten Ausgabe von 'Mein Kampf' fort, wo man penibel Hitlers Lügen, Irrtümer und Halbbildung nachweist, als ob das entscheidend sei - und nicht die Tatsache, dass ein Gros der deutschen Akademiker einschließlich der Juristen und Historiker ihm als Führer folgten. Ich verstehe die damalige Abwehrhaltung aus der Zeit heraus. Aber wenn ich darüber schreibe, ist das keine Skandalisierung. Schon gar nicht ist es eine 'Diffamierung', wenn der junge Forscher Nicolas Berg diese Zusammenhänge aufdeckt, wie das leider auch bei Ihnen in der Welt stand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2017 - Geschichte

Eine Studie belegt, dass deutsche Schüler wenig über den Holocaust wissen. Eine Hiobsbotschaft, so Hannah Bethke in der FAZ: "Auschwitz ist den Heranwachsenden, zumindest der Hälfte von ihnen, kein Begriff mehr. An den Lehrplänen dürfte das allerdings kaum liegen, denn die schreiben vor, dass die Zeit des Nationalsozialismus meistens ab der neunten Klasse behandelt wird."
Stichwörter: Geschichtsunterricht

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.10.2017 - Geschichte

Joachim Käppner sammelt für die Seite 3 der Süddeutschen Zeitung Reaktionen des Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) auf die Enthüllungen Götz Alys. Der Historiker hatte vor einigen Tagen in einem im Perlentaucher veröffentlichten Vortrag belegt, dass das IfZ jahrzehntelang die Übersetzung von Raul Hilbergs Maßstäbe setzender Studie über den Holocaust hintertrieben hatte. Ablehnung war die erste Reaktion der akademischen Zunft: Das habe man doch alles schon gewusst, der "Enthüllungsgestus" Alys (so der Historiker Norbert Frei) sei pathetisch, berichtet Käppner und widerspricht: "Ganz unbekannt war dieser Umstand nicht, schon der Autor Nicolas Berg hat darüber berichtet. Aber so konkret wusste man es dann doch nicht." Magnus Brechtken, Vizechef des Instituts für Zeitgeschichte, bedankt sich dagegen bei Aly. "Brechtgen erklärt die bizarre Nichtwahrnehmung Raul Hilbergs folgendermaßen: 1969 interviewte der Publizist Joachim Fest Hitlers Rüstungsplaner, den aus alliierter Haft entlassenen Albert Speer. Fest fragte, ob Speer vom Los der Juden in Auschwitz gewusst habe, und der Mann, der Auschwitz mitfinanziert und ausgebaut hatte, sagte: Nein. Und kam damit durch. 'Unglaublich', sagt Brechtken, der gerade eine Speer-Biografie veröffentlicht hat, 'dabei hätte man alles in der englischen Ausgabe von Hilberg nachlesen können - die Namen und Orte, die Speer mit dem Mordsystem verbinden'."

Im Gespräch mit Hansjörg Müller von der Basler Zeitung, erzählt der Schweizer Historiker Oliver Zimmer, warum er nach Oxford ging, um sich mit dem Phänomen der Nation zu beschäftigen -  die deutsche Geschichtsschreibung nach dem Bielefelder Modell von Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka , unter der deren Einfuss auch die Schweizer Historiker standen, war ihm zu ideologisch: "Der britische Historiker Richard Evans hat für diese Wissenschaftskultur eine schöne Metapher gefunden: Er nennt die klassische Bielefelder Dissertation das Bielefeld-Sandwich. Am Anfang steht eine theoretische Einleitung, in der man schon sagt, wie alles sei, am Ende eine Zusammenfassung. Das Fleisch und der Käse in der Mitte, das ist das Futter, die Illustration der Wahrheit. "

Außerdem: In einem Luther-Dossier der NZZ blickt Stefan Rhein auf die Geschichte des Luther-Gedenkens zurück.