9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2016 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren brach in China die Kulturrevolution aus, die Hunderttausende Tote forderte. In der NZZ erinnert sich die Übersetzerin Wei Zhang weniger an die Ereignisse als an das große Schweigen darüber. 1975 sollte sie aus ihrer Schule als einzige für eine privilegierte Fremdsprachen-Mittelschule vorgeschlagen werden. Nur die politische Überprüfung der Familie stand noch bevor. "Als ich abends nach der Schule die Wohnung betrat, wollte ich nur eines - dass mein Vater die Stirn endlich nicht mehr runzeln würde. 'Ich habe es geschafft', rief ich in atemloser Eile und suchte ihm darauf alles über meine Kandidatur zu erklären. Zu meinem Erstaunen faltete sich seine Stirn zu einem übergroßen Knoten. Während des Essens wurde geschwiegen. Als ich abwaschen ging, hörte ich, wie meine Mutter anfing zu weinen. Danach unternahm ich zum ersten Mal einen langen Spaziergang allein mit dem Vater. Wir gingen über die verlassenen Geleise, weil es dort menschenleer war. Vater verriet mir seine Sorgen durch die Blume. Er vermied es, eingehend über meinen Großvater zu reden, bezeichnete ihn jedoch als einen unglücklichen Menschen."
Stichwörter: China, Kulturrevolution

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2016 - Geschichte

Dreißig Jahre Tschernobyl - ureigenes Terrain der taz, ja, sogar das Thema, das die taz groß machte, wie Ute Scheub schreibt. Peter Unfried führt in dem Dossier, das die taz dem Thema widmet, ein Gespräch mit Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch und der Grünen Rebecca Harms. Alexijewitsch schrieb in ihrem Tschernobyl-Buch den Satz "Tschernobyl ist unsere Zukunft". Und im Gespräch erläutert sie ihn: "Seither ist es offensichtlich, dass der Mensch von seinem ihm von der Natur zugewiesenen Platz abgerückt ist und mit der Natur aus der Position des Stärkeren spricht. Und natürlich nimmt die Natur Rache an uns... Das Böse ist total geworden. Der Mensch bekam plötzlich Angst vor Gras, vor Wasser, vor den Vögeln. Ich kann mich noch gut an die Gesichter der Menschen erinnern, als die Militärs sie anwiesen, ihre Eier und Hühner zu begraben. Der Soldat schaute genauso verrückt drein wie die alte Frau, der er das befahl."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2016 - Geschichte

Paul Ingendaay porträtiert für die FAZ den in München geborenen Historiker Nikolaus Wachsmann, der mit "KL: Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager" eine monumentale Gesamtschau über das nationalsozialistische Lagersystem vorliegt: "'Wer kann sich denn Nazideutschland ohne Konzentrationslager vorstellen?', fragt Wachsmann. Wir führen das Gespräch auf Englisch, der Sprache, in der sein Buch geschrieben ist, der Sprache seiner akademischen Karriere seit mehr als zwanzig Jahren. 'Doch diese Entwicklung war nicht in Stein gemeißelt, und es ist wichtig, das im Kopf zu behalten. Im Jahr 1935 saßen weniger als viertausend Männer in Konzentrationslagern, mehr als hunderttausend dagegen im Gefängnis.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2016 - Geschichte




Foto: Deutsches Historisches Museum.

Heute nutzen die Leute Facebook, früher artikulierten sie ihren Antisemitismus mit Klebezetteln, die gerade im Deutschen Historischen Museum ausgestellt sind, schreibt Maik Söhler in der taz: "Bereits 1920 erwirkt der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dass der Reichspostminister alle Dienststellen anweist, Briefe mit antisemitischen Aufklebern nicht zu befördern - oft erfolglos. Über andere jüdische Verbände und die 'Eiserne Front' um die SPD in der Weimarer Republik bis zu heutigen zivilgesellschaftlichen Gruppen zieht sich eine Klebespur des Widerstands, die sich aus Gegenpropaganda, juristischen Mitteln, kreativen Verfremdungen und ironischen Brechungen speist." Mehr auch in der Berliner Zeitung.

Ebenfalls in der taz setzt sich Ilko-Sascha Kowalczuk sehr kritisch mit einem Band zum Stand der historischen DDR-Aufarbeitung auseinander: "Die 'Aufarbeitungslandschaft DDR' erstarrt immer mehr. Ermüdungserscheinungen und Langeweile sind unübersehbar. Immer neue Kommissionen versuchen, die Aufarbeitungslandschaft neu zu ordnen. Bislang geschah nichts. Tatsächlich aber ist der Tanker der Aufarbeitung, die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU), erheblich ins Schlingern geraten. Die Stasi-Akten kommen demnächst ins Bundesarchiv. Was mit dem Rest der Behörde geschehen soll, vor allem der kleinen Forschungsabteilung, ist ungewiss."

Die Zeitzeugen des Holocaust sterben aus. Was das für Ausstellungen zum Thema bedeutet, lernt Barbara Möller (Welt) nach dem Besuch der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Buchenwald: Sie beginnt bei Null. "Als Kind der Beteiligtengeneration ist man gleich mal ein bisschen gekränkt. Sehr sogar. Hat man nicht als Schülerin tagelang im Majdanek-Prozess gesessen? Ist man nicht in Lidice und Oradour gewesen? Hat man nicht die Eltern auf dem heißen Stuhl geröstet und so gut wie alle Augenzeugenberichte gelesen? Aber diese Kränkung hält nicht lange an, wenn man erkennt, was die Ausstellung bietet: den Rundumblick durch einen nationalsozialistischen Mikrokosmos, der als Pars pro Toto steht."

Besprochen werden außerdem zwei Ausstellungen zur Geschichte der Brauereien in München: "Bier. Macht. München" im Münchner Stadtmuseum und "Bier ist der Wein dieses Landes" im Jüdischen Museum München (NZZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2016 - Geschichte

In der SZ lobt Franziska Augstein die neue Dauerausstellung der Gedenkstätte Buchenwald.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2016 - Geschichte

Ziemlich peinlich für die FAZ liest sich eine Erwiderung Lukasz Kaminskis vom Institut für Nationales Gedenken in Warschau auf einen Artikel Joseph Croitorus, der das neue polnische Museum für christliche Polen, die Juden retteten, unter Verdacht stellte, "nur die polnische Opferrolle zementieren" zu sollen (unser Resümee und Link). Familien, wie die Ulmas, die viele Juden vesteckten, seien alles andere als typisch gewesen. Darauf Kaminski: "Die Haltung der Ulmas und Tausender ähnlicher Familien war nicht typisch, wie man auch die Haltung derer nicht als typisch betrachten kann, die versteckte Juden und ihnen helfende Polen erpressten und den Deutschen auslieferten. Auf diese Tat stand nach dem Recht des polnischen Untergrundstaats seit 1943 die Todesstrafe. Dieses Urteil vollstreckte der polnische Untergrund auch an dem Polizisten, der die Ulmas denunziert hatte. Das Museum in Markowa ist nicht ins Leben gerufen worden, um zu suggerieren, die Haltung der Ulmas sei typisch gewesen. Ganz im Gegenteil - es soll darauf hinweisen, welche Ausnahme ihr Opfer darstellte." Beschämend an Kaminskis Artikel besonders die Aufzählung der Verbrechen, die die Deutschen an Polen verübten und hier kaum bekannt sind.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2016 - Geschichte

Anfang der Siebzigerjahre wurden Schweizer Flugzeuge wiederholt zum Ziel palästinensischer Terroristen. In der taz stellt Wolfgang Kraushaar neue Erkenntnisse vor, nach denen es eine Vereinbarung mit der PLO gegeben habe, dass Schweizer Objekte von weiteren Anschlägen verschont bleiben und die Schweiz im Gegenzug als Rückzugsraum für Terroristen dienen soll. "Will man in diesem Zusammenhang eine Hypothese formulieren, dann würde es wohl darum gehen - und das macht die Angelegenheit gewiss noch um einiges brisanter -, ob die Schweiz bei ihrem durchaus nachvollziehbaren Versuch, Schutz vor weiteren terroristischen Übergriffen zu erlangen, in Wirklichkeit zum unfreiwilligen Steigbügelhalter einer der gefährlichsten palästinensischen Terrorgruppen in Europa wurde." Gemeint ist die Organisation Schwarzer September, die 1972 einen blutigen Anschlag auf die Olympischen Spiele in München verübte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2016 - Geschichte

Gereon Asmuth erzählt in der taz, an welcher Stelle der Mentor der Zeitung und ehemalige RAF-Anwalt Christian Ströbele widersprach, als Stefan Reinecke im taz-Café seine Biografie vorstellte: "'Ich kann bis heute nicht begreifen, dass die Unterstützung hungerstreikender Gefangener strafbar sein soll', sagt Ströbele. Die Behauptung, der Hungerstreik sei nichts als ein Propagandatrick von Andreas Baader gewesen, sei Quatsch. 'Ich habe das anders erlebt', sagt Ströbele. Er malmt mit dem Kiefer und schüttelt sanft den Kopf, wenn der 20 Jahre jüngere Reinecke später erklärt, dass man 'die Sache zwar aus der Zeit beschreiben' müsse, er sich als Vertreter einer anderen Generation aber auch einen anderen Blick darauf erlaube."

Außerdem: Für die SZ fährt Tim Neshitov hundert Jahre nach dem irischen Osteraufstand nach Dublin.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2016 - Geschichte

In der NZZ wundert sich Rolf Stucky über Behauptungen, Palmyra sei längst nicht so zerstört wie befürchtet. Das könne man erst sagen, wenn Archäologen die Schäden vor Ort begutachten können. Auch Vorschläge für den Wiederaufbau findet er verfrüht: "Anstatt gute Ratschläge zu erteilen, wäre es jetzt vielmehr an der Zeit mitzuhelfen, die notwendigen Finanzen aufzutreiben, damit die gesamte fotografische und zeichnerische Dokumentation zu den Antiken Palmyras gesichtet und über die Landesgrenzen hinweg gesammelt werden kann, so dass sich der syrische Antikendienst zusammen mit den seit Jahrzehnten in Palmyra tätigen Archäologen ein Bild des Status quo ante, das heißt des Zustands vor der Einnahme der Stadt durch den IS, machen kann."
Stichwörter: Palmyra, Anternet, Wiederaufbau

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2016 - Geschichte

Brüssel ist nicht zum ersten Mal Hort sich streitender, um Macht und Einfluss kämpfender, radikaler Migranten, erzählt Arno Widmann in der FR am Beispiel von Karl Marx, der sich mit Zähnen und Klauen eine Position in der dortigen Emigrantenszene zu sichern suchte: "Marx' Versuch, sich mit einem selbstgegründeten Kommunistischen Korrespondenz-Komitee eine eigene Organisation aufzubauen, scheiterte. Mangels Nachfrage. Also kaperte er Wilhelm Weitlings 'Bund der Gerechten'. Marx und Engels und noch ein paar ihrer Kampfgenossen traten dem Handwerkerverein bei und übernahmen ihn. Der Club wurde umbenannt in 'Bund der Kommunisten', und Marx bekam den Auftrag, für diese Organisation eine Grundsatzerklärung, ein Manifest zu verfassen. So entstand das 'Manifest der Kommunistischen Partei'. Man weiß nicht, wie viel Mitglieder der Bund der Kommunisten hatte. Sollten es 200 in ganz Europa gewesen sein, es wären viele. [...] Das Operettenhafte dieser Vorgänge ist fast Stunde für Stunde nachzuvollziehen. Jeder kennt jeden. Jeder belügt jeden und dauernd öffnen und schließen sich lautstark Türen. Dass es die Haupt- und Staatsaffären eines winzigen Staates sind, macht sie nicht weniger lebensgefährlich."

Ein Museum, das christlichen Polen gewidmet ist, die im Zweiten Weltkrieg Juden halfen, ist nur Ausdruck der neuen nationalistischen Geschichtspolitik in Polen, schreibt Joseph Croitoru in der FAZ, der sich auf den kritischen Holocaust-Historiker Jan Grabowski, bezieht: "Grabowski hält dem polnischen 'Institut für Nationales Gedenken' (IPN) vor, es versuche, immer mehr Polen ausfindig zu machen, die Juden gerettet hätten, um die polnische Opferrolle zu zementieren. Diese Sichtweise könnte sich auch bei der Gestaltung des Ulma-Museums in Markowa durchsetzen, warnte der Historiker."