9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.05.2016 - Geschichte

War Nero vielleicht doch nicht nur der mörderische Tyrann, der die Leier zupft, während Rom brennt? In einer Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum in Trier erfährt Sven Felix Kellerhoff für die Welt, dass die Christenverfolgung unter Nero eigentlich eher milder ausfiel als spätere Progrome: "Möglicherweise starben Paulus und Petrus wirklich in Rom, aber eine Verbindung ihres Todes mit der Christenverfolgung ist erst Jahrzehnte später angedeutet, sogar erst Jahrhunderte später vom Kirchenvater Hieronymus ausgeschmückt worden." Und Tilman Spreckeslen schreibt in der FAZ Neros historische Totalverdammung seinen Gegnern im Senat zu: "Nero war im Senat, dem Hüter über die Tradition der Stadt, unmöglich geworden, weil er die übliche Symbolik römischer Imperatoren mit einer neuen, ganz eigenen überschrieb: Statt besiegte Feinde und reiche Kriegsbeute nach Rom zu bringen, führte er exakt 1808 goldene Lorbeerkränze mit sich, die er auf seiner Griechenland-Fahrt im Künstlerwettkampf gewonnen hatte."

Urs Hafner zeichnet in der NZZ nach, wie der Gotthard zum Schweizer Großmythos wurde: "Dieser ist vielerlei, ein Massiv, ein Pass, ein Wasserschloss, eine Kulturgrenze - vor allem aber, obschon nicht eigentlich sichtbar, da ohne prägnante Konturen, der Schweizer Berg schlechthin. Als ob er dies schon immer gewesen wäre, thront er im nationalen Kollektivbewusstsein. Daher die Enttäuschung des Passgängers, daher die in diesen Tagen wachsende Aufregung um die bevorstehende Eröffnung des Gotthard-Basistunnels." In der Welt schürt Martin Ebel aus diesem Anlass prompt ein bisschen Tunnelangst.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.05.2016 - Geschichte

Vor ziemlich genau fünfzig Jahren begann in China die "Kulturrevolution" (die damals auch die 68er so begeisterte). In der taz erinnert Felix Lee: "Kaum eine Familie in China blieb verschont. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass 20 Millionen Menschen für Jahre zur Zwangsarbeit aufs Land geschickt wurden. Rund 200 Millionen Menschen hätten an chronischer Unterernährung gelitten, weil in den wirren Jahren die Versorgung zusammenbrach. Die Zahl der Toten wird auf anderthalb Millionen Menschen geschätzt, die meisten von ihnen wurden umgebracht oder in den Suizid getrieben."

Im Gespräch mit Norbert Seitz ebenfalls in der taz nennt Gerd Koenen, Historiker der Linken, die Kulturrevolutiopn das "ungewöhnlichste Ereignis in der Geschichte des Kommunismus". Die Anziehungskraft auf die westlichen 68er schildert er so: "Viele dieser Grausamkeiten wurden von der Basis begangen. Wenn alte Kader mit Schandhüten vorgeführt wurden, kam uns das vor wie ein Scherbengericht, das empörte Massen anrichteten. Und das schien etwas anderes zu sein als das, was in den Folterkellern und Lagern der Sowjetunion geschah. Zudem muss man wissen: Grausamkeit stößt nicht per se ab. Sie kann auch sehr attraktiv sein."

Besprochen wird eine Ausstellung in der Stiftsbibliothek St. Gallen über Medizin im Mittelalter (NZZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.05.2016 - Geschichte

Eine Reihe von Künstlern wie Fatih Akin und Christian Petzold und Repräsentanten aus Kulturinstitutionen wie Hortensia Völckers fordern Bundeskanzlerin Merkel und den Bundestag auf, den Völkermord an den Armeniern offiziell anzuerkennen, meldet sueddeutsche.de: "Es gehe um mehr als eine historische Einordnung, um mehr als eine Entschuldigung gegenüber den Nachkommen der Opfer, heißt es weiter. 'Stellen Sie sich vor, Sie lebten in Deutschland und der Holocaust würde geleugnet - wäre das nicht die Fortsetzung der eigentlichen Tat?'" Hier der ganze Text des Aufrufs.

Außerdem: In der NZZ berichtet Thomas Ribi über eine Kontroverse unter Frühgeschichtlern und Archäologen über den Trojanischen Krieg und das angebliche oder tatsächliche, vom Geophysiker Eberhard Zangger ins Spiel gebrachte Volk der Luwier.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2016 - Geschichte

Janne Teller, dänische Autorin mit deutsch-österreichischen Eltern, bewundert in der FAZ die Deutschen für ihren Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Obwohl: "Als ich vor ein paar Jahren die x-te Dokumentation über die Frage sah, wie Deutsche der dritten Generation mit den fürchterlichen Taten der Großelterngeneration umgehen - wie unterschiedlich sieben Kinder auf die Hinrichtung ihres Vaters nach den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen reagierten: von Verleugnung bis hin zum Ausschluss aus der Familie -, da war mein erster Gedanke: Das ist zu viel. Keine andere Nation empfindet solche Scham über vergangene Untaten, ganz gleich wie viele Tote zu beklagen waren oder welche fürchterlichen Grausamkeiten ihre Soldaten oder Nationen begangen haben." Seit der Flüchtlingskrise findet sie aber, dass sich die Anerkennung von Schuld und Scham in mehr Menschlichkeit ausgezahlt hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2016 - Geschichte

Unzufrieden mit Stefan Reineckes Biografie äußert sich der ehemalige RAF-Anwalt und heutige Grünen-Politiker Christian Ströbele im Interview mit Anne Ameri-Siemens in der FAS: "Für das Buch gab ich ihm Interviews und stellte Material zur Verfügung. Darüber hinaus hat mich selbst gerade dieser Teil meiner Vergangenheit stark beschäftigt. Aber nicht nur über diese Zeit grübelte ich, wenn ich zuweilen nachts wach lag. Was hatte sich damals abgespielt, und wird es richtig verstanden, wenn jetzt darüber geschrieben wird? Irgendwann werde ich mich hinsetzen und eine Autobiografie schreiben - und die Unterlagen, die ich aufgehoben habe, einbeziehen. Es wird wohl ein sehr dickes Buch."

In der taz gedenkt Wolfgang Gast des Selbstmords Ulrike Meinhofs vor vierzig Jahren und zitiert als Moral von der Geschichte Klaus Wagenbachs damalige Grabrede: "Was Ulrike Meinhof umgebracht hat, waren die deutschen Verhältnisse: Der Extremismus derjenigen, die alles für 'extremistisch' erklärten, was eine Veränderung der Verhältnisse auch nur zur Debatte stellte. Das wollen wir nicht vergessen. Es sind unsere Verhältnisse, die wir nicht vergessen wollen."

Im Interview mit der FR erklärt der Historiker Peter Longerich, was neu ist in seiner Hitler-Biografie: Sie zeichnet Hitler nicht als Charismatiker oder "Unperson", sondern als gewieften, direkt eingreifenden Politiker: "Das erkennt man erst allmählich, weil die Vorgänge häufig nicht ausreichend schriftlich dokumentiert sind. Je mehr aber die Forschung dieses System durchdringt, umso mehr sehen wir seine aktive Rolle. Bei mir hat sich in diesem Punkt vor einigen Jahren ein Umdenken eingestellt, als ich in einem Gutachten Hitlers Rolle im Zusammenhang mit der Judenverfolgung darstellen musste und sah, wie sehr er den gesamten Prozess gesteuert und auch in Detailfragen eingegriffen hat. Es gilt aber auch für andere Bereiche wie die Kirchenverfolgung."

Geschichtspolitisch gibt es ein Tauwetter in Weißrussland, berichtet Felix Ackermann in der NZZ. Aber nur ein ganz kleines: "In der heroischen Kriegserzählung der offiziellen Erinnerungspolitik ist nach wie vor kaum Platz für die Opfer. Dabei sind im Kriegsmuseum die wichtigsten Opfergruppen, die nicht an der Front starben, durchaus erwähnt: sowjetische Kriegsgefangene, die Zivilbevölkerung in Städten und Dörfern, Zwangsarbeiter und Juden. Doch die Führung für die Schulklasse hält an den Vitrinen, die dem Holocaust gewidmet sind, kaum inne. Dass von den etwa zwei Millionen weißrussischen Opfern die meisten Kriegsgefangene und Juden waren, ist weithin unbekannt, denn ihr Tod widerspricht dem allgegenwärtigen heldenhaften Sieges-Narrativ."

Weitere Artikel: Kerstin Holm besucht für die FAZ das Moskauer GULag-Museum. Arno Widmann erinnert in der FR an Ferdinand Cohen-Blinds fehlgeschlagenes Attentat auf Otto von Bismarck 1866. In der Welt begrüßt Hannes Stein die Ablösung des Konterfeis des "Volkstribunen, Demokraten, Sklavenhalters, Kriegshelden, Antikapitalisten, Rassisten, Völkermörders" und amerikanischen Präsidenten Andrew Jackson durch das der Sklavenrechtlerin Harriet Tubman auf der neuen 20-Dollar-Note.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2016 - Geschichte

Eigentlich müsste die Welt am 7. Mai des Kriegsendes gedenken. Denn an diesem Tag unterzeichnete der Oberbefehlshaber der Wehrmacht, General Jodl, in Reims die Kapitulation, erzählt Matthieu Balu in Huffpo.fr. Stalin war sauer und ließ die Zeremonie in Berlin am 8. Mai wiederholen. Da es aber schon elf Uhr abends war, war in Moskau bereits der 9. Mai angebrochen. Und noch einer war sauer: "Von französischer Seite beharrte De Gaulle darauf, dass der 8. Mai im kollektiven Gedächtnis bleibt. Der Chef der France Libre war nämlich ebenfalls nicht in die Zeremonie des 7. Mai einbezogen worden: Darum stellte er sicher, dass Général de Lattre de Tassigny zumindest bei der Berliner Zeremonie zugegen war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2016 - Geschichte

In diesem Jahr gibt es einen besonderen Gedenktag, erinnert Götz Aly in der Berliner Zeitung. Vor 75 Jahren, am 22. Juni 1941, begann der deutsche Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion. 27 Millionen sowjetische Männer, Frauen und Kinder fielen ihm zum Opfer. Wie werden die Deutschen mit diesem Tag umgehen? "Was wird unseren politischen Repräsentanten zum 75. Jahrestag einfallen? Hat das Deutsche Historische Museum eine spezielle Ausstellung vorgesehen? Was wird das Militärhistorische Museum in Dresden, betrieben von der Verteidigungsministerin, beitragen? Plant die Kulturstaatsministerin eine Sonderausstellung und eine neue Datenbank zu den Kunstwerken, Buchschätzen und Museumssammlungen, die deutsche Soldaten in der Sowjetunion plünderten und zerstörten? Werden die Berliner Philharmoniker in St. Petersburg, Kiew und Minsk versöhnende Konzerte veranstalten? Nichts davon!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2016 - Geschichte

Johannes Munzinger zitiert in der FAS den Historiker Günter Dippold zu den Bamberger Hexenprozessen im 17. Jahrhundert, bei denen 900 Menschen umgebracht wurden. Er korrigiert manches Vorurteil: "Die Masse der Hexenprozesse fand nicht im Mittelalter statt, sondern in der frühen Neuzeit, vor allen Dingen im späten 16. und im 17. Jahrhundert. Auch war nicht die katholische Kirche am Werk, wenngleich Vertreter beider Konfessionen als geistige Brandstifter in Erscheinung treten. Die Verfolgung aber lag in der Hand der weltlichen Kräfte. Es wurden auch keineswegs nur Frauen verbrannt, auch Männer und Kinder beiderlei Geschlechts waren die Opfer. Jede, jeder hätte Opfer werden können."

Außerdem: Tilman Krause besucht für die Welt die Thüringer Landesausstellung "Die Ernestiner. Eine Dynastie prägt Europa" in Gotha und Weimar.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2016 - Geschichte

Roman Bucheli besichtigt in der NZZ mit großer Erleichterung das neue Frankfurter Museum Judengasse. Bisher waren die Überreste des jüdischen Lebens der Stadt in seinen Augen erschreckend lieb- und hilflos präsentiert worden: "Nach einem gründlichen Umbau präsentiert sich das Museum nun von einer völlig neuen Seite. Die spektakulären archäologischen Funde der aus mehreren Jahrhunderten stammenden Fundamente verbinden sich mit Einblicken ins Alltagsleben im jüdischen Ghetto, soweit es aus Akten und Überlieferung zu erschließen war. Vor allem aber: Unter der umsichtigen Führung der vom Berliner Jüdischen Museum herkommenden Direktorin Mirjam Wenzel dokumentiert das Museum auch die Geschichte seiner eigenen Entstehung. Denn sie markiert einen fulminanten Wendepunkt in der Erinnerungspolitik. Einer mutwilligen Fortsetzung des Werks von Auslöschung und Zerstörung war Einhalt geboten worden."

Für die FAZ hat Kerstin Holm das Moskauer GULag-Museum besucht und stellt fest, dass es "hinter westlichen Anforderungen an eine Terrorgedenkstätte weit zurückbleibt. Einzelheiten über die Methoden, wie zumal politische GULag-Häftlinge zugrunde gerichtet wurden, bleiben ebenso ausgespart wie Hinweise auf den Verbleib der Gebeine oder eine Analyse, wer für die Verbrechen verantwortlich ist... Vielleicht kann man in Zeiten, da der Stalinkult wieder in Mode ist und das Regime repressiver wird, von einem staatlichen Museum nicht mehr erwarten. Dafür besitzt die Gedenkstätte für Opfer eines Unrechtssystems, das nicht überwunden wurde, eine eigene beklemmende Authentizität."

In Berlin haben sich 19 Institutionen zu einem Netzwerk zusammengetan, das den Schutz von Kulturschätzen und den Wiederaufbau antiker Stätten in Syrien zur Aufgabe hat, meldet Rolf Brockschmidt im Tagesspiegel: "'Wir wissen, dass es im Fall von Syrien eine 'Stunde Null' im Sinne eines singulären Einschnittes nicht geben kann und wird', so Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier beim Empfang... Man solle nicht über der Rekonstruktion beschädigter Tempel brüten, während in Syrien Menschen sterben. Auf der Basis der Erfahrungen der eigenen Geschichte 'wollen wir gemeinsam klügere Konzepte entwickeln helfen als das Ausdrucken und Aufstellen von Repliken'. Gelingen könne das eines Tages nur, wenn die Zusammenarbeit mit den Partnern in der Region, den Nachbarstaaten, der Zivilgesellschaft, Antikenbehörden und staatlichen Institutionen erfolge."

Jeweils unter der Überschrift "Hallo, Lenin" berichten außerdem Michael Pilz (in der Welt) und Jens Bisky (in der SZ) von der Dauerausstellung "Enthüllt - Berlin und seine Denkmäler", die gestern im Proviantmagazin der Zitadelle Spandau eröffnet wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2016 - Geschichte

Frank-Walter Steinmeier hat in einer vielbeachteten Rede Fehler der deutschen Außenpolitik beim Thema der Colonia Dignidad in Chile eingeräumt, in der Pinochet-Gegner gefoltert wurden. Bernd Pickert in der taz reicht es allerdings nicht, wenn Steinmeier das Versagen auf die Ebene eines individuellen Fehlverhaltens schiebt: "Man darf das getrost bezweifeln. Zwar ist die Colonia Dignidad mit ihrer Perfidie nach innen und ihrer Rolle als Folterlager von Pinochets Geheimdienst einzigartig. Aber, wie Steinmeier selbst andeutet: 'Die Wahrung der Menschenrechte auf anderen Kontinenten war... nicht zentraler Gegenstand in der Außenpolitik der Europäer - auch nicht in der deutschen Außenpolitik.' Nicht Einzelnen war der Kompass verloren gegangen. Sie wussten sich im Einklang mit einer Politik des Wegschauens. Aber das will Steinmeier so nicht sagen. Auch das Wort 'Entschuldigung' wird tunlichst vermieden."