9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2016 - Geschichte

Drei Artikel erinnern an das vor 500 Jahren abgezirkelte Ghetto für die Juden in Venedig. Für die Juden bedeutete das damals: nächtliches Ausgehverbot, Verbot freundschaftlicher Kontakte zu Christen, hohe Sondersteuern und ein gelber Hut. Trotzdem war das Ghetto eine Erleichterung, schreibt Dirk Schümer in der Welt: Denn "die Lage der Juden [war] im christlichen Europa - Polen ausgenommen - so demütigend, dass jüdische Gelehrte bereits ab 1540 in Traktaten das Loblied der venezianischen Republik mit ihrer Sicherheit, Konstanz und Gerechtigkeit sangen". Erst Napoleon sollte den Juden gleiche Bürgerrechte geben.

In der FR erinnert Arno Widmann daran, dass christliche Orden sich bei der Hetze gegen Juden besonders hervortaten: "Zur antijüdischen Hetze der christlichen Hassprediger gehörte auch ihr soziales Engagement. Bruder Bernardino da Feltre zum Beispiel zog von Ort zu Ort, erklärte den Christen, die die Juden verteidigten, sie sollten endlich begreifen, dass die Juden ihr Unglück seien, versuchte die Städte 'judenrein' zu machen. Das gelang ihm erschreckend oft, aber nie langfristig. Waren die Juden vertrieben, richtete er einen sogenannten 'Monte di Pietá' ein, eine christliche Pfandleihanstalt, die die Armen mit Minikrediten versorgten. In den Jahren 1484 bis 1492 hatte er zweiundzwanzig solcher Institute allein auf dem Territorien Venedigs etabliert. Die Verbindung von Sozialversorgung und religiös fundierter Menschenverachtung ist keine Erfindung islamistischer Gruppierungen des 20. Jahrhunderts."

Heute leben kaum mehr Juden in Venedig. Ihre Gemeinde zählt noch etwa 450 Mitglieder, erzählt Henning Klüver in der NZZ. "Seit einigen Jahren ziehen vermehrt Lubawitscher Juden nach Venedig, die zwar nicht im Ghetto wohnen, dort aber ihre Gemeinschaftseinrichtungen und auch Restaurants gründen. Die aus den USA stammende, extrem konservative Glaubensrichtung steht in Opposition zur traditionellen jüdischen Gemeinde der Lagunenstadt. Die wiederum ignoriert die 'chassidischen Brüder', soweit sie es kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2016 - Geschichte

Vor hundert Jahren fand der irische Osteraufstand gegen die Briten statt, aus dem später die irische Republik hervorging. Gina Thomas zitiert in der FAZ Autoren wie John Banville, die den katholisch-irischen Nationalismus, der sich mit diesem Ereignis verbindet, ablehnen: Er manifestiert sich auch heute noch, etwa "in der gefühlsduseligen Propagandaausstellung 'Revolution', welche die irisch-republikanische Partei Sinn Fein im historischen 'Ambassador'-Kino in Sichtweite des Hauptpostamts ausgerichtet hat. Dort wird eine direkte Linie gezogen von den 'Märtyrern' des Aufstands zu den zehn Mitgliedern der Terrororganisation IRA, die sich 1981 im Belfaster Maze-Gefängnis zu Tode hungerten. Der Eintritt in die Ausstellung kostet stolze achtzehn Euro und fließt einer politischen Organisation zu, die im Osteraufstand eine Legitimation für die Waffengewalt sieht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2016 - Geschichte

Wolfgang Ruppert, Autor eines Bandes über "Künstler im National­sozialismus", bespricht für die taz Meike Hoffmanns und Nicola Kuhns Biografie über den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, dessen Nachlass vor drei Jahren zur Sensation wurde und seinen Sohn Cornelius in Bedrängnis brachte. Aber mit wenigen Ausnahmen, so Ruppert, war die Sammlung nicht zu beanstanden: "Weshalb aber diese Dämonisierung im November 2013? Um nicht 'mitzumachen' hätte es eines oppositionellen politischen Bewusstseins bedurft, das er wie die ganz überwiegende Mehrheit des national eingestellten deutschen Bürgertums nicht hatte. So mag die Erkenntnis der Kontinuität über die 1950er Jahre hinweg, als Hildebrand erneut als Direktor des Düsseldorfer Kunstvereins amtierte, bis zur Gegenwart der Sammlung einen Teil des Erschreckens unserer Zeitgenossen ausmachen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2016 - Geschichte

Leicht lokalpatriotisch liest sich ein namenloser Blogeintrag in der Dublin Review of Books, der behauptet, es habe in Irland nie Antisemitismus gegeben - und das trotz des großen Einflusses katholischer englischer Autoren wie GK Chesterton oder Hilaire Belloc, die sehr wohl Antisemiten waren. Aber wie auch immer: Karacho hat eine im Blog zitierte zeitgenössische Antwort Aodh de Blacams (alias Hugh Blackhams) auf Chestertons Behauptung, Juden hätten die Engländer bei der Bekämpfung der irischen Unabhängigkeitsbewegung angetrieben: "De Blacam betont, dass es Gewalt gegen Zivilisten schon im Jahr 1798 und zur Zeit Williams und Elizabeth' I. gegeben habe: 'War Oliver Cromwell ein Jude?', fragt er. 'Bezahlten ihn Juden, um Frauen in Kirchen aufzuschlitzen, waren es Juden die Iren als Sklaven verkauften? War der Edelmann und Dichter Edmund Spenser, der dazu aufrief, 'alle, die das Vieh die Hügel hochtreiben', zu peinigen, Jude? Aber angesichts all des Elends und der zum Himmel schreienden Verzweiflung fällt den Chesterbellocites (die ich so bewundere) kein anderes Mittel ein, als ein unglückliches Volk im Exil, das kaum einen Einfluss auf die englische Politik hat, an den Pranger zu stellen."

Felix Ackermann schreibt in der FAZ über die Schwierigkeit der Litauer, die eigene Beteiligung am Holocaust zu thematisieren - auch wenn es wichtige institutionelle Initativen und mutige Historikerinnen wie Ruta Vanagaite gibt: "Noch gedenkt man an der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften am Fuße des Burgbergs von Wilna des Waldbruders Jonas Noreika ausschließlich als eines Opfers des Stalinismus. Noreika wurde 1947 im Gebäude des heutigen Genozid-Museums, des damaligen Sitzes des sowjetischen Geheimdienstes, wegen seiner Beteiligung am bewaffneten Widerstand gegen die sowjetische Besatzung Litauens hingerichtet. Dass er zuvor im August 1941 auch die Erschießung von Juden im nordlitauischen Zagare mit organisierte, ist bekannt, aber für die Akademie der Wissenschaften kein Grund, die Ehrentafel zu entfernen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2016 - Geschichte

Wir sprechen alle noch Etruskisch, hat Matthias Heine (Welt) aus einem Buch des Sprachwissenschaftlers Harald Haarmann gelernt, denn viele etruskische Wörter wurden ins Lateinische übernommen: "Zu den heute noch im Deutschen gebräuchlichen Wörtern, die über das Lateinische aus dem Etruskischen zu uns gekommen sind, gehören Fachbegriffe aus Verwaltung, Militär, Bautechnik, Handwerk, Ritualwesen und Lebensmitteln - aber auch Begriffe der Intimsphäre wie Vagina."
Stichwörter: Etruskisch

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2016 - Geschichte

Geradezu beschämt fühlt man sich nach Lektüre von Benedikt Erenz' Zeit-Essay über die Geschichtsvergessenheit der Deutschen, besonders was die Kämpfer und Kämpferinnen (Mathilde Anneke, Emma Herwegh, Henriette Venedey!) für Demokratie im 19. Jahrhundert angeht. Kein Gedenktag, kein Gedenkort, und keiner hat Ahnung: "Es sind gerade die vermeintlich Aufgeklärten, es sind die professionellen Politikmacher und -vermittler in den Parteien und Medien, die hier indolent versagen. Sie kennen weder die Vorkämpfer der deutschen Demokratie zur Zeit der Französischen Revolution noch die Vormärzstreiter, die 1832 auf dem Hambacher Fest Flagge zeigten, noch die Revolutionäre und Verfassungautoren von 1848, noch die großen Parlamentarierer des Kaiserreichs."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.03.2016 - Geschichte

Jan Feddersen kritisiert in der taz, dass manche mit Fritz Bauer befassten Historiker, etwa eine Gruppe, die jüngst in Berlin tagte und die im Forschungsjournal Soziale Bewegungen publiziert, lieber nicht erwähnt, dass Bauer schwul war - dabei war ihm die Kritik der "Sittlichkeitsgesetzgebung" der Nachkriegszeit selbst ein wichtiges Anliegen: "Niemand von den Historiker*innen des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt war geladen, um die hagiografische Weihestimmung in Sachen Fritz Bauer historisch zu balancieren. Diese Tendenz hatte sich bereits im Forschungsjournal gezeigt. Kein Text über das, was Fritz Bauer am stärksten nach 1949 bewegte: die Sittlichkeits- und Sexualstrafgesetzgebung in der BRD."

In der taz porträtiert Andreas Fanizadeh den Historiker Heinrich August Winkler, der nächste Woche auf der Buchmesse mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung 2016 ausgezeichnet wird, als Konservativen und Gegner von Merkels Flüchtlingspolitik: "Natürlich soll hier nicht unterschlagen werden, dass Heinrich August Winkler sich entschieden gegen rechte Populisten abgrenzt, gegen AfD oder Pegida. Winkler ist dem (westlichen) Antifaschismus verpflichtet. Doch haben seine mahnenden Wortmeldungen in den Medien, die er als 'Interventionen' versteht, auch etwas von den sich selbst erfüllenden Prophezeiungen eines Verteidigers des Status quo. So negierte er von Anfang an Merkels 'Wir schaffen das' und konterkarierte die - aus humanistischer Perspektive - alternativlose Grenzöffnung des Spätsommers 2015. Sie stelle einen illegitimen deutschen Alleingang in Europa dar, so Winkler."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.02.2016 - Geschichte

Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt die Historikerin Gundula Bavendamm, neue Leiterin der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, wie sie die Spannungen in der Stiftung - etwa im Beirat, den die polnischen wie die tschechischen Mitglieder inzwischen verlassen haben - beheben will: Es wäre "sehr wünschenswert, wenn wir wieder Experten aus Polen und auch aus Tschechien gewinnen könnten. Das zeigt diesen Ländern, dass wir ihre Positionen ernst nehmen und im Dialog bleiben wollen. Ich kann mir vorstellen, gegebenenfalls auch auf ausgeschiedene Mitglieder zuzugehen. Und ich werde mich im westlichen Ausland umschauen. Experten aus nicht betroffenen Ländern haben wieder eine andere Perspektive."

In der NZZ erinnert Michael Schefczyk an einen Streit um die deutsche Schuldfrage 1945 zwischen Karl Japsers und Ernst Robert Curtius.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2016 - Geschichte

Gustav Seibt unternimmt in der SZ eine Tour d'horizon durch zwei Jahrhunderte Geschichte und findet wie Metternich, dass man die kleinen Nationen nicht aus dem Zugriff der großen Reiche hätte entlassen sollen. Auch den EU-Beitritt der Türkei nicht zu betreiben, sei ein Fehler gewesen: "Als es in den frühen Nullerjahren um Beitritt oder die Assoziierung der Türkei zur EU ging, polemisierten deutsche Historiker wie Hans-Ulrich Wehler und Heinrich August Winkler mit kulturalistischen Argumenten dagegen, aber auch mit einem geopolitischen Hinweis: Die EU bekomme dadurch eine Grenze zu Syrien. Diese Grenze aber rückte seit 2015 immer näher an Österreich und Deutschland heran - zuletzt konnte man glauben, sie läge bei Freilassing."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2016 - Geschichte

Der Historiker Stephan Stach schildert in der FAZ, wie sich in Polen, unter anderem durch Interventionen des Historikerkollegen Bogdan Musial, ein nationalkonservatives Geschichtsbild durchsetzt, das von der Regierung zur offiziellen Linie der Politik gemacht wird: "Dass sich die moderne, international vernetzte, streitlustige polnische Geschichtswissenschaft widerspruchslos in den Dienst solcher staatlichen Geschichtspolitik stellt, ist nicht zu erwarten. Jan Źaryn, Senator und geschichtspolitischer Vordenker der PiS, soll auf der erwähnten Veranstaltung im Präsidentenpalast denn auch gesagt haben, in der Geschichtspolitik solle keine Demokratie herrschen. Der Staat müsse die für ihn nützliche Sichtweise durchsetzen."

Das Interview mit Wolfgang Kneese in der Zeit ist nichts für zarte Gemüter. Ohne Weichzeichner schildert Kneese seine Erlebnisse in der Baptistensekte Colonia Dignidad in Chile, aus der er als erster fliehen konnte: "Also, es war der Sommer 1966. Das Schlimmste nach meinen zwei missglückten Fluchten schienen mir die Blicke der anderen: Verräter! Vorher fühlte ich mich nur einsam, jetzt hatte ich 320 Feinde. Und dann lockten sie meine Mutter nach Chile und folterten sie mit Elektroschocks. Die Brandwunden an den Schläfen sah man bis an ihr Lebensende. Ich habe diese Folterer, die sich Christen nannten, abgrundtief gehasst."