9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2015 - Geschichte

Marc Zitzmann besucht in der NZZ die große Ausstellung in Versailles über den Tod Ludwig XIV vor 300 Jahren und lernt vor allem viel über Verkörperung und Staat: "Den berühmt-berüchtigten Satz 'L'Etat, c'est moi' hat der Sonnenkönig nie formuliert, er wurde ihm zweihundert Jahre nach seinem Tod in den Mund gelegt. Attestiert ist hingegen, dass er auf dem Sterbebett die Worte sprach: 'Ich gehe, aber der Staat wird immer bleiben.' Wohl stilisierte sich Louis XIV gezielt zur Verkörperung des Staats. Doch die Strukturen, die er geschaffen hatte, überdauerten ihn und seine Minister. Wo zuvor Klientelismus herrschte, schälte sich eine von den Seilschaften des Hochadels unabhängige Frühform der Fonction publique heraus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2015 - Geschichte

William Karel hat einen kritischen Film zum zwanzigsten Todestag von François Mitterrand gemacht, der gestern Abend auf Arte Frankreich lief und die Empörung der obersten Mitterrand-Höflinge - allen voran Jack Lang - provoziert hat. (Die Deutschen dürfen den Film am Donnerstag früh um 9 Uhr sehen.) Im Gespräch mit Libération äußert sich Karel zu den Kritiken: "Arte hat hatte nach meinem Sarkozy-Film die Idee zu diesem Film... Es wird so viele Hommagen zu seinem Todestag geben, dass ich Lust hatte, die Schattenseiten seiner Päsidentschaft auszuleuchten. Man erinnert sich, dass er die Todestrafe abgeschafft hat, aber man muss sich auch erinnern, dass er als Innenminister in den fünfziger Jahren fünfzig Algerier guillotinieren ließ."

Eike Vogel erinnert in der Berliner Zeitung daran, wie die DDR-Führung vor fünfzig Jahren, auf dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees einen kulturpolitischen Kahlschlag gegen Nihilismus, Pornografie und Skeptizismus beschloss: "Die Schriftstellerin Christa Wolf saß damals als ZK-Kandidatin in der 'Kahlschlag'-Sitzung - und hielt dagegen, forderte Freiheit für die Kultur. Kunst sei nun einmal nicht möglich ohne Wagnis. Ein mutiger Auftritt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.12.2015 - Geschichte

Jan Feddersen unterhält sich in der taz mit dem polnischen Historiker Krzysztof Ruchniewicz über die bislang höchst unglücklich dastehende "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung". Eines ihrer Probleme ist ihre CDU-Nähe und der zu starke Einfluss des Bundes der Vertriebenen, so Ruchniewicz, und daraus folgt das zweite Problem: "Man konnte bislang den Eindruck gewinnen, dass sich andere Parteien beziehungsweise Vertreter der Kirchen und wichtige gesellschaftspolitische Akteure zu wenig engagiert haben und vieles im Stiftungsrat eher der national-konservativen Mehrheit überlassen haben. Aus diesem Grund wird die Bundesstiftung in den Medien fälschlicherweise als Vertriebenenstiftung bezeichnet. Dabei zeigt die aktuelle Flüchtlingsfrage, wie dringlich Fragen der Stiftung uns alle angehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2015 - Geschichte

Regine Sylvester erinnert in der Zeit an das berüchtige 11. Plenum des ZK der SED vor fünfzig Jahren, bei dem Künstler, die sich nach dem Mauerbau Hoffnung auf eine umhegte Liberalisierung gemacht hatten, mit der Nase auf die Realität des realen Sozialismus gestoßen wurden. Ebenfalls in der Zeit fragt sich der Historiker Ulrich Herbert, ob sein Kollege Peter Longerich seine Einsichten über Hitler wirklich in die x-te monumentale Biografie packen musste oder ob nicht ein konziser Essay gerecht hätte ("aber ein großes Publikum wäre damit nicht erreicht worden, das ist sicher richtig").

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2015 - Geschichte

In der taz will Kolumnist Aram Lintzel dem amerikanischen Historiker Timothy Snyder nicht unbedingt Revisionismus vorwerfen, stört sich aber sehr daran, dass der Holocaust zu einem Genozid herabgestuft wird, der sich jeden Tag wieder ereignen kann: "Sicher gehörten die Massaker in Osteuropa und die Lebensraum-Ideologie zum Holocaust dazu. Die Singularität, die sich nicht in Millionen Ermordeten quantifizieren lässt, gerät in Snyders Perspektivwechsel jedoch in Vergessenheit. Die industriell organisierte Vernichtung, die Dehumanisierung der sogenannten Muselmänner, die Perfidie, mit der die 'Sonderkommandos' zur Kooperation genötigt wurden und die völlige Verlassenheit der Juden machen das Unvergleichliche aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2015 - Geschichte

Begeistert kommt taz-Autor Ambros Waibel aus der Ausstellung "Krieg - Eine archäologische Spurensuche" in Halle, die die Geschichte des Krieges aus archäologischen Funden rekonstruiert. Hauptausstellungsstück ist ein Massengrab aus der Schlacht bei Lützen unweit von Halle im Jahr 1632. Aber die Idee ist schon ein bisschen älter: "Überhaupt - der Kopf. Durch die Jahrtausende der Gemetzelgeschichte erweist er sich als das bevorzugte Angriffsziel. Der erste nachweislich tödlich-beabsichtigte Schlag, sagt uns die Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte, geschah vor 430.000 Jahren, in Spanien. Die 'akribische forensische Untersuchung von Cranium 17 schließt die Möglichkeit eines Sturzes aus, da es bei einem Sturz unmöglich ist, zweimal in verschiedenen Winkeln gegen denselben Felsen zu prallen.' Hörst du das, Kain?!"

Andreas Rödders weithin gepriesene "Kurze Geschichte der Gegenwart" stellt für Hans Monath im Tagesspiegel einen bedeutsamen Paradigmenwechsel dar: "Der 46-Jährige ist einer der klügsten Vertreter einer Generation deutscher Historiker, von denen einige zwar den zentralen Stellenwert der Erinnerung an Krieg und Nationalsozialismus (noch?) nicht infrage stellen, den Holocaust und seine Vorgeschichte aber zur Erklärung der Gegenwart nicht mehr für zentral halten. Das 'Entschwinden des 20. Jahrhunderts' nennt er das Phänomen in seinem Buch. Folgt man Rödder, dann verblasst der Schatten Adolf Hitlers ziemlich schnell."

Außerdem: In der SZ untersucht der Historiker Jörn Leonhard das wechselhafte Verhältnis der Deutschen zu ihrem Nationalstaat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2015 - Geschichte

Über neue, bislang geheim gehaltene Fotos und grauenhafte Details über die Geiselnahme der israelischen Olympiamannschaft in München 1972 berichtet Sam Borden in der New York Times, der auch mit den Witwen von zwei Sportlern, Ilana Romano und Ankie Spitzer, gesprochen hat: "zu den bestürzenden Details gehört, dass Mitglieder der Mannschaft geschlagen wurden und dass einer gar kastriert wurde. 'Sie haben ihm unter der Unterwäsche die Genitalien abgeschnitten', sagt Frau Romano über ihren Ehemann Yossef. Ihre Stimme wird lauter. 'Können Sie sich die neun anderen vorstellen, die drumherum sitzen und sich das ansehen müssen?'. Frau Romano und Frau Spitzer, deren Mann Andre ein Trainer war und bei dem Anschlag starb, haben über das Ausmaß der Grausamkeit erstmals in dem Film 'Munich 1972 & Beyond' gesprochen, einen Dokumentarfilm, der den langen Kampf der Opferfamilien um Anerkennung schildert und Anfang nächsten Jahres herauskommen soll." Romano und Spitzer haben die Fotos selbst erst Anfang der Neunziger Jahre gesehen, nachdem die deutsche Polizei sie für sie freigab. Yossef Romano wurde angeschossen, als er die Attentäter überwältigen wollte. "Dann ließ man ihn vor den Augen der anderen sterben und kastrierte ihn."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2015 - Geschichte

Die Israelis sollen verdammt nochmal Arabisch lernen, um mit ihren Nachbarn kommunizieren zu können, sagt Menachem Ben-Sasson, der Präsident der Hebräischen Universität Jerusalem, im Gespräch mit Alan Posener in der Welt. Und es gehe dabei auch um jüdisches Erbe, denn "fast alle großen Werke jüdischer Gelehrter zwischen dem siebenten und elften Jahrhundert wurden auf Arabisch geschrieben, darunter selbst Bücher über die hebräische Sprache. Über die biblische Zeit wissen wir wenig. Wann aber gab es eine Zeit, da die Juden unter einer Regierung lebten, den gleichen Gesetzen folgten, eine Sprache sprachen, international miteinander kommunizierten? Das war die Zeit der arabischen Reiche, die von Südfrankreich und Marokko über Süditalien und Sizilien, Nordafrika und den Nahen und Mittleren Osten bis nach Indien reichten."

Ebenfalls in der Welt glossiert Berthold Seewald ironische russische Vorschläge, die Hagia Sophia wieder zur Kirche zu machen, wo es in Istanbul doch gerade Bestrebungen gibt, sie zur Moschee umzuwidmen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2015 - Geschichte

Eine Grenze funktioniert nur dann, wenn auf beiden Seiten Frieden herrscht, lernt Arno Widmann in der FR beim Blick zurück auf den Limes, den berühmten Römischen Verteidigungswall. Und: "Die Umgebung des Limes wurde nicht entvölkert, damit die Grenztruppen freies Schussfeld hatten. Es gab auch keine Zonenrandförderung, damit das Leben an der Grenze nicht ganz erstarb. Die römische Verwaltung wusste, die Grenze ist nur dann zu halten, wenn dort Menschen gerne leben. Die Grenze wurde in erster Linie nicht mit Palisaden und Mauern gesichert, sondern mit Städten und Dörfern, mit römischen Siedlungen, in denen römisch gelebt wurde: mit Bädern und Amphitheatern zum Beispiel. Aber auch zum Beispiel mit römischem Bürgerrecht."

Volker Breidecker besucht für die SZ eine neue Gedenktstätte für die Deportierung Frankfurter Juden, die auf dem Geländer der heutigen EZB gelegen ist: "Die Schnittstelle zwischen Innen und Außen markiert eine Panzerglasplatte. Auf öffentlichem Terrain führt zu dieser Stelle ein betonierterWeg, der die letzten Passagen markiert, die die Verschleppten auf dem Weg zum Sammelpunkt und von da zur Verladestation zurücklegen mussten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.11.2015 - Geschichte

In der Welt resümiert Igor Mitchnik eine Berliner Tagung über die Zukunft des Holocaustgedenkens.