9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2016 - Geschichte

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts strömten tausende deutsche Auswanderer - vor allem aus der völlig verarmten Pfalz - nach England in der Hoffnung, dort Arbeit und ein besseres Leben zu finden. Wie viele Briten fragte sich auch Daniel Defoe, wie man all diese Leute unterbringen sollte, erzählt Christian Staas auf Zeit online. Den Brief konnte er in einer Ausstellung in Bremerhaven über deutsche Auswanderer lesen: "Daniel Defoe betrachtete die Krise in seiner Review als Chance. Doch die Sache ging nicht so aus, wie er es sich wünschte: Die britische Regierung verhängte einen Aufnahmestopp. Die Katholiken unter den Flüchtlingen, die sich weigerten zu konvertieren, expedierte man schon im Sommer 1709 zurück nach Rotterdam - ihnen wollte man im protestantischen England kein Asyl gewähren (zumal man im Krieg mit dem katholischen Frankreich lag). Auch als sich herausstellte, dass die meisten protestantischen Pfälzer nicht akuter religiöser oder politischer Unterdrückung entronnen waren, sondern als 'Wirtschaftsflüchtlinge' kamen, waren die Engländer not amused."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2016 - Geschichte

In der NZZ erzählt Thomas Macho eine kleine Kulturgeschichte der Mauer: "Zu den Weltwundern des Altertums zählten auch die Mauern Babylons, die in der Regierungszeit Nebukadnezars um 600 v. Chr. durch einen zweiten Wall ergänzt wurden. Seither wurden immer wieder Doppelmauern errichtet: Sie trennten die Funktionen der Inklusion und der Exklusion, als wollten sie der Maxime architektonische Gestalt verleihen, dass mit Feinden nicht einmal Grenzen geteilt werden dürfen."

Für die FR besucht Arno Widmann eine Ausstellung Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zur Geschichte des Krieges, der vor allem Sesshaftwerdung und Hierarchisierung der Gesellschaft begleitete: "Die Ausstellung endet mit der Schlacht von Kadesch. Kadesch war eine Stadt im heutigen Syrien, um die Hethiter und Ägypter 1274 v. u. Z. kämpften. Am Ende der Schlacht stand ein Friedensvertrag. Der älteste erhaltene der Welt. Er hielt nicht lange."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2016 - Geschichte

Sehr unzufrieden äußert sich Götz Aly in der Berliner Zeitung über die kritische Edition von Hitlers "Mein Kampf", deren detailhuberische Kommentare kaum erklären könnten, was Hitler und dieses Buch so populär machten - während der Literaturteil die wichtigsten essayistischen Auseinandersetzungen mit Hitler ausspare: "So wie die kritische Edition von 'Mein Kampf' gemacht ist, kann sie allenfalls Fachleuten lexikalische Dienste erfüllen. Sie umzingelt den Text mit Kommentaren, so als gelte es einen Cordon sanitaire zu errichten. Womöglich ist das eine notwendige Pause auf dem verstörenden Weg, sich der monströsen deutschen Vergangenheit immer wieder neu zu stellen."

Noch eine Hitler-Biografie hätte der Historiker Norbert Frei nicht unbedingt haben wollen, aber über die kritische "Mein-Kampf"-Edition seiner Münchner Kollegen äußert er sich im SZ-Interview nur positiv. Das giftige Kompliment geht eher gegen Journalisten und Kritiker: "Ich halte die Edition aber insgesamt für gelungen - soweit man das an einem Wochenende übersehen kann. Es gibt ja Kollegen von Ihnen, die offenbar in der Lage sind, fast 2000 Seiten an einem Nachmittag zu lesen, um anderntags ein definitives Urteil abzugeben. Da kann ich nur sagen: Hut ab."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2016 - Geschichte

Am Freitag wurde in München die kritische Edition von Hitlers "Mein Kampf" vorgestellt - dass der Originaltext darin auf knapp 2000 Seiten von rund 3500 Fußnoten regelrecht "umzingelt" wird, war das erklärte Ziel der Herausgeber (so die federführenden Historiker Andreas Wirsching heute in der SZ und Christian Hartmann unlängst im SZ Magazin). Die große Aufregung um das Erscheinen erklärt sich Nils Markwardt auf Zeit Online damit, dass "das faschistische Buch in der deutschen Nachkriegsdemokratie hermeneutisches Neuland darstellt. Anders gesagt: originale Film-, Ton- und Bildaufnahmen des Nationalsozialismus gehören hierzulande zur täglichen Dosis Hitlertainment, mit Originaltexten gibt es in der Masse jedoch wenig Erfahrung." Klaus Hillenbrand gibt in der taz zu bedenken: "Ob das breite Publikum, an das sich die Ausgabe richtet, nun eher die Fußnoten oder den Originaltext oder beides zur Kenntnis nehmen wird, weiß niemand - das mussten auch die Editoren eingestehen."

"Kritische Aufklärung schadet nie", meint Peter von Becker im Tagesspiegel, fragt sich jedoch, ob der enorme editorische Aufwand überhaupt nötig war - "gegenüber einem wegen seiner Geschraubtheit und rassistischen Besessenheit kaum noch lesbaren Text". Durchaus, glaubt Sven Felix Kellerhoff in der Welt: "Wenn es eine solche Ausgabe schon vor fünf, zehn oder 20 Jahren gegeben hätte, hätte es die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sicherlich befördert." Weil es die Ausgabe nicht bei trockenen Sachhinweisen belasse, so Jürgen Kaube in der FAZ, handle es sich bei ihr vielmehr um "eine gedruckte historische Vorlesung über 'Mein Kampf', die in die Binnenstruktur der autobiografischen und politischen Verlogenheit ebenso eindringt, wie sie den völkischen Gedankensumpf analysiert, aus dem sie sich entwickelte, samt der furchtbaren Wirklichkeit, zu der die Phrasen führten. Bei all dem setzt sie ein Publikum voraus, das nicht aus Hitlerforschern besteht. Der Kommentar ist eine Form, dem historischen Wahnsinn ins Auge zu schauen und die Methode, die er hatte, darzustellen." Ebenfalls in der FAZ referiert Rainer Blasius noch einmal die wechselhafte Entstehungs-, Rezeptions- und Editionsgeschichte des berüchtigten Buches.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2016 - Geschichte

Noch vor sechzig Jahren weigerte sich der BGH, den Sinti und Roma Entschädigungen für die Verbrechen der Nazis zuzugestehen und begründete dies mit rassistischen Argumenten, erinnert Christian Bommarius in der FR: "Zwar hat der BGH 1963 doch noch anerkannt, dass die Verfolgung der Sinti und Roma auch schon vor 1943 rassistische Gründe gehabt haben könnte. Damit konnten Überlebende entsprechende Entschädigungen erhalten. Allerdings stellten die Karlsruher Richter die rassistischen Gründe nun aber nur neben die weiterhin akzeptierten vermeintlich polizeilichen Erwägungen. Eine inhaltliche Distanzierung von dem 1956er Urteil war darin nicht enthalten."

Außerdem: In der FAZ erklärt der Historiker Andrii Portnov die so komplexe wie finstere Figur des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2016 - Geschichte

Völlig absurd findet der Germanist Jeremy Adler in der SZ das vom Institut für Zeigeschichte betriebene Unterfangen einer "kritischen Ausgabe" von Hitlers "Mein Kampf", die nur einer Nobilitierung gleichkomme: "Die Textkritik verfügt nicht über die Mittel, Aussagen zu neutralisieren. Der Autor kommt zu Wort, jetzt aber mit allen Ansprüchen eines Klassikers."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2015 - Geschichte

Patrick Bahners hat zwar noch nicht die kommentierte Fassung von "Mein Kampf" gelesen, die nach dem Verfall der Urheberrechte Anfang Januar herauskommt, aber er berichtet in der FAZ, dass das Buch 3.500 Fußnoten enthalten wird, dass es an Schulen behandelt werden soll, und er hat mit dem Herausgeber Christian Hartmann gesprochen: "Nicht nur den Legenden der autobiografischen Partien werden quellenkritisch gesicherte Tatsachen gegenübergestellt. Angesichts des welterklärenden Anspruchs des Autors wird die nationalsozialistische Weltanschauung in allen Einzelheiten Gegenstand wertender Kommentierung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2015 - Geschichte

In der taz hält Klaus Hillenbrand Befürchtungen, die bevorstehende kritische Edition von Hitlers "Mein Kampf" könnte toxische Wirkung entfalten, für abwegig: "In diese Richtung will auch Christian Hartmann sein Projekt verstanden wissen: 'Wir sind eine Art Kampfmittelräumdienst, der Relikte aus der Nazi-Zeit unschädlich macht', sagte er."
Stichwörter: Hitler, Adolf, Mein Kampf

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2015 - Geschichte

In der NZZ unterhält sich Carmen Eller mit den beiden Schriftstellern Per Leo (mehr hier) und Sergej Lebedew (mehr hier), die beide über ihre Großväter geschrieben haben, SS-Mann der eine, Lagerkommandant der andere. Lebedew: "In meinem Fall können wir nicht über reale Großväter oder Großmütter sprechen. Die Generationen unserer Großeltern waren die Generationen der Götter. Sie waren wie griechische Helden. Etwas Mythisches. Die Großväter sprachen nie über den Krieg. Das war das Monopol des Staates. Es gab keine private Geschichte. Mein Roman 'Der Himmel auf ihren Schultern' ist ein Versuch, diesen Zauber zu zerstören und an die echten Personen heranzukommen." Leo: "Der Ausgangspunkt bei Sergei ist ein gewaltiger Mangel an Erinnerung, bei mir ein gewaltiges Überangebot."

Die bis heute weit verbreitete Vorstellung, die "Rote Kapelle" sei ein kommunistisches Spionagenetz gewesen, ist in Wahrheit ein von der Gestapo geschaffenes Märchen, das von verschiedenen Interessengruppen nach dem Krieg aufrecht erhalten wurde, schreibt Gerhard Sälter von der "Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND" im politischen Teil der FAZ: "Die ideologisch überformte Fehldeutung der Gestapo hielt sich bis zum Ende des Kalten Krieges. An ihrem Weiterleben arbeiteten aus unterschiedlichen Gründen die Täter von ehedem, westliche Geheimdienste und die Organisation Gehlen. Unterstützt wurden sie von der ostdeutschen Propaganda, die das relative Versagen der KPD im Dritten Reich zu kaschieren suchte, indem sie ebenfalls von einer kommunistischen Roten Kapelle sprach."

Außerdem: Stefan Borger besuchte für den Standard die Ausstellung "Artist & Empire" in der Tate Britain über die britische Kolonialvergangenheit.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2015 - Geschichte

Seit dem Krimkrieg rankt sich die Rivalität zwischen der Türkei und Russland, wie Ulrich M. Schmid in der NZZ erinnert, um die Hoheit über Krim, Schwarzes Meer und orthodoxe Christenheit: "Dieser Krieg hat vor allem durch Ilja Repins berühmtes Bild 'Die Saporoscher Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief' aus dem Jahr 1880 Eingang in das kollektive russische Bewusstsein gefunden: Die Kosaken auf diesem Gemälde denken sich mit diebischem Vergnügen immer neue Beleidigungen für den Sultan aus, der sie zur Unterwerfung aufgefordert hatte."