
Am Freitag wurde in München die kritische Edition von
Hitlers "Mein Kampf" vorgestellt - dass der Originaltext darin auf knapp 2000 Seiten von rund
3500 Fußnoten regelrecht "umzingelt" wird, war das erklärte Ziel der Herausgeber (so die federführenden Historiker Andreas Wirsching heute in der
SZ und Christian Hartmann unlängst im
SZ Magazin). Die große Aufregung um das Erscheinen
erklärt sich Nils Markwardt auf
Zeit Online damit, dass "das faschistische Buch in der deutschen Nachkriegsdemokratie hermeneutisches Neuland darstellt. Anders gesagt: originale Film-, Ton- und Bildaufnahmen des Nationalsozialismus gehören hierzulande zur
täglichen Dosis Hitlertainment, mit Originaltexten gibt es in der Masse jedoch wenig Erfahrung." Klaus Hillenbrand
gibt in der
taz zu bedenken: "Ob das breite Publikum, an das sich die Ausgabe richtet, nun eher die Fußnoten oder den Originaltext oder beides zur Kenntnis nehmen wird, weiß niemand - das mussten auch die Editoren eingestehen."
"Kritische Aufklärung schadet nie",
meint Peter von Becker im
Tagesspiegel, fragt sich jedoch, ob der enorme editorische Aufwand überhaupt nötig war - "gegenüber einem wegen seiner
Geschraubtheit und rassistischen Besessenheit kaum noch lesbaren Text". Durchaus,
glaubt Sven Felix Kellerhoff in der
Welt: "Wenn es eine solche Ausgabe schon vor fünf, zehn oder 20 Jahren gegeben hätte, hätte es die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sicherlich befördert." Weil es die Ausgabe nicht bei trockenen Sachhinweisen belasse,
so Jürgen Kaube in der
FAZ, handle es sich bei ihr vielmehr um "eine
gedruckte historische Vorlesung über 'Mein Kampf', die in die Binnenstruktur der autobiografischen und politischen Verlogenheit ebenso eindringt, wie sie den
völkischen Gedankensumpf analysiert, aus dem sie sich entwickelte, samt der furchtbaren Wirklichkeit, zu der die Phrasen führten. Bei all dem setzt sie ein Publikum voraus, das nicht aus Hitlerforschern besteht. Der Kommentar ist eine Form, dem
historischen Wahnsinn ins Auge zu schauen und die Methode, die er hatte, darzustellen." Ebenfalls in der
FAZ referiert Rainer Blasius noch einmal die wechselhafte Entstehungs-, Rezeptions- und Editionsgeschichte des berüchtigten Buches.