9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2015 - Geschichte


Alexander Gardner, Group about Fort Laramie, Dakota, 1868

Ronald D. Gerste besucht für die NZZ eine Ausstellung in Washington über den Fotografen Alexander Gardner, der den amerikanischen Bürgerkrieg dokumentiert hat und die amerikanische Landschaft, die durch den Bau der Eisenbahn endgültig verändert wurde: "Die Landschaft, durch die der Schienenstrang sich frisst, mag über Hunderte von Meilen öde sein - unbewohnt ist sie nicht. Gardners Kamera hält eine ganz andere amerikanische Lebensform fest: die Tipis der Dakota, der Crow, der Cheyenne. Er ist dabei, als die Repräsentanten der Regierung im fernen Washington, typischerweise in Uniform, mit den Ureinwohnern 'verhandeln' und 'Abkommen' schließen - beides ist eine Farce ... 'Es gibt nichts zu feiern, nur zu erinnern', so sagt die Direktorin der National Portrait Gallery in Washington, Kim Sajet, mit Blick auf die neue Ausstellung zum Wirken des aus Schottland stammenden Fotografen Alexander Gardner."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.11.2015 - Geschichte

Im FR-Interview mit Arno Widmann stellt der Historiker Michael Borgolte klar, dass es damals wie heute keine "Völkerwanderung" gegeben hat. Und: "Das Römische Reich brach nicht an den Migranten zusammen, sondern umgekehrt: Es war zusammengebrochen und darum unfähig geworden, die Migranten zu integrieren. Im Römischen Reich gab es ein politisches Vakuum. In das stießen die Immigranten, sie füllten es aus. Die einzelnen gentes umfassten nicht mehr als einige Tausend Menschen. Diese Stämme ließen sich irgendwo nieder. Dann brachen einige von ihnen wieder auf. Ihnen schlossen sich andere an."

Die FAZ bringt die Rede von Raphael Gross zum Gedenken an den 9. November 1938 und Gross zeigt mit einer Zahl, dass das jährliche Gedenken immer noch Sinn hat, und sei es durch die Korrektur einer Zahl: "Fälschlich hat sich die Zahl von 91 Toten und 267 zerstörten Synagogen und Gebetsräumen eingeprägt - wir wissen dabei, dass es mehr als 1300 Tote gab und mindestens 1400 zerstörte Synagogen und Gebetsräume. Die verharmlosenden Zahlen, die der Sicherheitsdienst der NSDAP ausgab, finden sich selbst häufig in der Kommemoration dieses Verbrechens."

Und in der Welt berichtet Berthold Seewald über das Vorhaben, den Koloss von Rhodos zu rekonstruieren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2015 - Geschichte

In der taz erzählt Richard Rother, wie er noch im September 1989 mit seiner Freundin über Ungarn in den Westen floh: "Am nächsten Morgen sind wir in Budapest. 'Tschüss', sagen wir im Abteil - und ernten verständnisvolle Blicke. Am Bahnhofsvorplatz steigen wir in ein Taxi. 'Zur Deutschen Botschaft, bitte!" Der Taxifahrer antwortet: 'Ihr wollt bestimmt in den Westen. Da müsst ihr nicht zur Botschaft, sondern zum Auffanglager. Ich bringe euch dorthin.'"

Der Historiker Stephan Stach erinnert in der FAZ an Gedenkveranstaltungen der DDR-Bürgerbewegung zum 9. November 1938 schon in den frühen achtziger Jahren, die ein Keim für die Wende gewesen seien: "Damit wurde nicht nur der Opfer der Pogromnacht gedacht. Die Demonstranten wehrten sich auch gegen den einseitigen Umgang mit der Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands. Sie protestierten gegen das Verschweigen von Antisemitismus, gegen Rassismus in der DDR und schließlich gegen das feindselige Verhältnis zum Staat Israel."

Franziska Augstein begutachtet in der SZ zwei neue internationale Museumsprojekte, das Haus der europäischen Geschichte in Brüssel und das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Der internationale Ansatz gefällt, aber nicht der pädagogische. Sie zitiert Volkhard Knigge, den Direktor der Gedenkstätte Buchenwald: "Zunehmend würden historische Museen konzipiert als 'eine Zeitreise, die nicht wehtut'. Als mediales Rambazamba."

Rudolf Walther schreibt in der taz den Nachruf auf den Soziologen Helmut Dubiel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2015 - Geschichte

In der taz unterhält sich der Historiker Timothy Snyder mit Tania Martini über sein neues Buch "Black Earth", in dem er als Voraussetzung für den Holocaust die Zerstörung staatlicher Strukturen ausmacht: "Wenn man Jude war und den Pass eines Staates hatte, den die Nazis anerkannten, überlebte man. Ein US-amerikanischer Jude in Warschau war nicht in Gefahr. Die Nazis töteten keinen rumänischen oder ungarischen Juden ohne Zutun des rumänischen oder ungarischen Staats. In Deutschland hat man versucht, den Juden die Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Bis zum Ende des Kriegs überlebten Juden, die mit Nichtjuden verheiratet waren. Wir denken immer vor allem an die lange Prozedur der Ausbürgerung deutscher Juden nach. Aber der schnellste Weg zur Ausbürgerung war die Vernichtung anderer Staaten."

Nachrufe auf Hans Mommsen schreiben Ulrich Herbert (FAZ), Arno Widmann (FR), Christoph Jahr (NZZ) und Sven Felix Kellerhoff (Welt).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.11.2015 - Geschichte

Russland sucht nach einem Verhältnis zur Oktoberrevolution, die in zwei Jahren ein rundes Jubiläum hat, schreibt der Historiker Jan Plamper in der FAZ. In der Historikerzunft dagegen habe "überhaupt das Interesse an der Revolution seit der Zeitwende 1989-91 stark nachgelassen. Was früher das Allerheiligste der Sowjetgeschichte war und Gegenstand von Grabenkämpfen in studentischen Wohngemeinschaften des Westens, beschäftigt heute weltweit gerade einmal ein halbes Dutzend Doktoranden - mehr promovieren derzeit nicht zu einschlägigen Themen."

Außerdem: Im FAZ.net schreibt Patrick Bahners zu Tod des Historikers Hans Mommsen. In der SZ schreibt Franziska Augstein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2015 - Geschichte

In der Zeit fühlt sich Hans-Ulrich Gumbrecht in diesem November - nach dem VW-Skandal, dem Fußball-Skandal und der Flüchtlingswelle - an einen anderen deutschen Herbst erinnert, 1977: "Vor allem in der Verunsicherung von zwei verschiedenen, damals und heute etablierten Selbstbildern der Nation liegt die Affinität zwischen dem Herbst 1977 und dem von 2015."

Der Vorwurf der Zensur hat mal wieder Hochkonjuktur, stellt Matthias Heine in der Welt fest - ein sicheres Indiz, dass der Vorwurf unbegründet ist: "Niemals war in Deutschland so wenig von Zensur die Rede wie während der Naziherrschaft in den späten Dreißigerjahren und den frühen Vierzigerjahren. Für die DDR gibt es keine gesonderten Statistiken, aber man darf davon ausgehen, dass auch dort selten das Wort Zensur mit Bezug auf die Gegenwart und das eigene System zu lesen war. Immer wenn es eine zensierte Lügenpresse gab, durfte keiner sie so nennen. Heute, wo es keine Zensur mehr gibt, wird darüber mehr geredet als je zuvor."

Regina Mönch kommentiert in der FAZ recht verärgert den Rückzug des Historikers Winfrid Halder, der vom Verband der Vertriebenen und gegen den Widerstand der polnischen Seite als neuer Direktor der Stiftung Flucht und Vertreibung durchgesetzt worden war.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.10.2015 - Geschichte

Der Holocaust begann mit einer Flüchtlingskrise, sagt Timothy Snyder im Gespräch mit Thomas Seifert von der Wiener Zeitung. Und mitverantwortlich waren einige jener Länder, die sich heute am lautesten gegen Flüchtlinge wehren: "Die Juden wurden erniedrigt, sie wurden enteignet und gezwungen, das Land zu verlassen. Nachdem die Tschechoslowakei zerstört war, machte die Slowakei Juden zu Bürgern zweiter Klasse. Ungarn gestand ihnen überhaupt keine Staatsbürgerschaft zu. Und was passierte mit den slowakischen Juden? 50.000 wurden später nach Auschwitz geschickt. Was passierte mit den ungarischen Juden? Sie wurden über die Grenze in die Sowjetunion geschickt und dort von den Deutschen erschossen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2015 - Geschichte

Marion Löhndorf besucht für die NZZ das Leo Baeck Institute in London, das die Geschichte des deutschsprachigen Judentums in Europa erforscht. Berthold Seewald besucht für die Welt die Ausstellung "Der versunkene Schatz. Das Schiffswrack von Antikythera" im Antikenmuseum in Basel.
Stichwörter: Judentum, Leo Baeck Institute

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.10.2015 - Geschichte

Natürlich war der Großmufti von Jerusalem nicht für den Holocaust verantwortlich, wie der israelische Staatspräsident Netanjahu vor einigen Tagen behauptete. Das ist dumme Propaganda, meint Gil Yaron in der Welt. Und es verdecke die Tatsache, dass der Großmufti erstens ein Antisemit war und zweitens die Mutter aller Fehler der Palästinenser: Er lehnte alle territorialen Zugeständnisse ab, zählt Yaron auf, selbst als die militärische Niederlage der Palästineser 1948 klar war, ließ potenzielle Konkurrenten ermorden, war ein Volksverhetzer und Antisemit, zerstörte mit dem Boykott Israels die arabische Wirtschaft in Palästina, lebte aber selbst im Luxus und verwandelte "den territorialen Streit mit den Zionisten schon 1920 in einen Religionskrieg. Dies sollte doch genügen, um das Andenken Husseinis zu demontieren, oder zumindest infrage zu stellen. Was jedoch nicht geschieht. ... Vor zwei Jahren bezeichnete der palästinensische Präsident Mahmud Abbas ihn als Märtyrer, Helden und Pionier - genau übrigens wie Is ad-Din Al Kassam, einem islamistischen Freischärler, der als Namensgeber für den bewaffneten Arm der Hamas herhielt. Und so folgt die palästinensische Politik weiter in den Fußstapfen des Gründervaters des rassistischen, extremistischen palästinensischen Nationalismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2015 - Geschichte

Der französische Streit um eine wissenschaftlich annotierte Übersetzung von Hitlers "Mein Kampf" geht weiter (unser Resümee). Libération publiziert ein ganzes Dossier zur Frage. Im Editorial berichten Philippe Douroux und Lilian Alemagna: "Eine Gruppe junger Historiker schlägt nun vor, die Ausgabe online zu stellen, ebenfalls mit wissenschaftlichen Kommentaren und Analysen. 'So ließen sich die Frage des Verbots, die in Zeiten des Internets ohnehin gegenstandslos ist, und der kommerzielle Aspekt einer Neuedition umgehen, erklärt der Historiker und Spezialist für den Ersten Weltkrieg André Loez. 'Jeder könnte diese wissenschaftliche Ausgabe konsultieren und jene, die das Buch zu dunklen Zwecken gebrauchen wollen, würden abgehalten. Es wäre doch bestürzend, wenn das Buch in Frankreich zum Bestseller würde." Der Verlag Fayard hat unterdessen angekündigt, etwaige Gewinne aus seiner Ausgabe für gute Zwecke zu spenden. Auch die FAZ berichtet heute über das Thema.

Jan-Heiner Tück erinnert in der NZZ an die Vatikanische Erklärung "Nostra Aetate" (In unserer Zeit), mit der sich die Katholische Kirche vor fünfzig Jahren offiziell vom Antijudaismus abkehrte.