9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2025 - Geschichte

Um die Familie Le Pen zu verstehen, muss man auf die Geschichte der 68er-Studentenbewegung zurückschauen, meint Leander Scholz in der Welt. Seiner Meinung nach hat Le Pen die Diskurse der 68er über die Dritte Welt auf die eigene Bevölkerung übertragen: "Stattdessen muss man den Zusammenhang zwischen der Neuen Linken und der Neuen Rechten begreifen. Denn Jean-Marie Le Pen nahm für sich in Anspruch, ebenso für 'sein Volk' zu kämpfen, wie sich die Studentenbewegung für das Selbstbestimmungsrecht unterdrückter Völker vor allem in der damaligen 'Dritten Welt' eingesetzt hatte. Er beschrieb die Lage der einheimischen Franzosen nach dem gleichen Muster, wie die Studenten den Kampf indigener Völker gegen den westlichen Neokolonialismus auffassten, und klagte in der gleichen Manier eine kulturelle Überformung an. Sein Programm speiste sich nicht mehr aus dem alten Gefühl kultureller Überlegenheit, sondern rückte die Angst ins Zentrum, die Franzosen könnten das gleiche Schicksal erleiden wie andere 'bedrohte Völker'. Seit 1968 galt das 'Recht auf Differenz' für verschiedene Lebensstile, für abweichende sexuelle Orientierungen, für kulturelle Unterschiede und nach dem Verständnis von Le Pen ebenso für das französische Volk."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2025 - Geschichte

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Caroline Fetscher, Autorin einer zweibändigen Monografie zum Thema, erinnert in der taz an Albert Schweitzer, der in diesen Tagen 150 Jahre alt wurde. In der frühen Bundesrepublik wurde ein wahrer, heute tief versunkener Kult um ihn betrieben, den sie so deutet: "Eben noch 'Herrenvolk' mit kolonialen Ambitionen, sahen sich die Deutschen nach der Niederlage zunächst selbst kolonisiert von den Alliierten. 1948 hielten Demonstranten in München ein Protestschild hoch, das klarstellen wollte: 'Wir sind Deutsche und kein Kolonial-Volk!' Zur Kompensation konnte man auf Schweitzers Miniaturkolonie in Afrika blicken, wo zwar Elende in primitiven Baracken auf Holzpritschen lagen, aber alles einem guten Zweck folgte. Hier entstand einer der ersten postkolonialen Shifts: Wie eine Kulisse ließ sich 'Afrika' vor den Holocaust schieben. Das war umso eher möglich, als Schweitzer öffentlich nie ein Wort über den Holocaust verlor. Wer an Lambarene spendete, konnte, wie beim Ablasshandel, an einer Wiedergutmachung mitwirken, die völlig entkoppelt war von jüdischen Opfern." Über den starken Anteil jüdischer Emigranten an Schweitzers Klinik in Lambarane war übrigens laut Fetscher lange Zeit so gut wie nichts bekannt.
Stichwörter: Schweitzer, Albert

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.03.2025 - Geschichte

Prostitution und vor allem Zwangsprostitution unter den Nazis ist ein noch weitgehend unerforschtes Thema. Die Berliner Kunstschau "Missing Female Stories" der auf "Recherchekunst" spezialisierten Künstlerin Birgit Szepanski widmet sich diesem Thema. Die Nazis hatten Prostituion zunächst verboten, berichtet Klaus Hillenbrand in der taz. "Mit Kriegsbeginn 1939 setzte der NS-Staat andere Prioritäten in Sachen Prostitution. Einerseits wurden Prostituierte nun aus Furcht vor einer Beeinträchtigung der Wehrkraft durch Geschlechtskrankheiten komplett erfasst und scharf kontrolliert. Andererseits machten sich die Nazis selbst zu Zuhältern. Da gab es die Bordelle für die Soldaten der Wehrmacht jenseits der deutschen Grenzen. Auch wurde eine entsprechende Einrichtung für die KZ-Schergen von Auschwitz errichtet. In zehn KZs entstanden Bordelle für Gefangene. Diese Lager waren nicht nur Orte des Mordens, sondern auch der Zwangsarbeit. Keineswegs jeder männliche Häftling durfte eine der Prostituierten besuchen. Der NS-Rassismus war Auslöser für die Entwicklung von Bordellen für Zwangsarbeiter. Die Nazis fürchteten, die Verschleppten könnten sich deutschen Frauen nähern."
Stichwörter: Rassismus, Wehrmacht

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2025 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Der Historiker Darius Muschiol forscht zum Thema Rechtsterrorismus in der BRD: Im taz-Interview mit Marietta Meier blickt er zurück auf die Phase des "Südtirol-Terrorismus", die er als Beginn des deutschen Rechtsterrorismus begreift, in die auch bundesdeutsche Politiker verstrickt waren: "In den 1960er Jahren gab es in Südtirol, das seit dem Ersten Weltkrieg zu Italien gehörte, Autonomiebestrebungen der deutschsprachigen Bevölkerung. Im Kontext dieses Konfliktes gab es auch Bundesdeutsche mit rechtsextremem, mitunter neonazistischem Hintergrund, die in Italien Anschläge mit pangermanistischer Zielstellung verübt haben. Zum Teil waren die Anschläge auch tödlich. Hier kann anhand von Archivakten nachgewiesen werden, dass rechtsextreme Akteure damals von mehreren Bundespolitikern geschützt wurden. So haben der damalige Bundesjustizminister Ewald Bucher und zumindest indirekt der Minister für besondere Aufgaben, Heinrich Krone von der CDU, sogar in den Prozess der Strafverfolgung eingegriffen."


Winston Churchill
galt lange Zeit als unantastbare Lichtgestalt, die die Welt mit einer kompromisslosen Einstellung vor dem Nazismus rettete, schreibt Joachim Käppner in der SZ. In den letzten Jahren mehrten sich aber die Stimmen, die Churchill als Rassisten und Imperialisten bezeichneten. Dieser Vorwurf treffe zu "und doch, Churchill war 1940 und 1941, wie Sebastian Haffner 1967 in seiner kurzen, aber bis heute besten deutschsprachigen Biografie des Briten schrieb, 'der Mann des Schicksals'. Er ist keine über jeden Zweifel erhabene Lichtgestalt (wer wäre das?), sondern ein historischer Held mit Fehlern. Diese ändern nichts daran, dass jene, die ihn heute als Mörder und Rassisten schmähen, ihre Freiheit, wenn nicht ihre physische Existenz auf Erden, vor allem ihm verdanken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.03.2025 - Geschichte

Hubert Wolf ist Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster. Durchaus vorsichtig kommt er in der NZZ auf das Schweigen des Papstes Pius XII. zum Holocaust zurück. Seit der Öffnung der Archive durch Papst Franziskus lassen sich hier klare Antworten geben, so Wolf, auch wenn die Fülle der Dokumente so groß ist, dass mit abschließenden Studien erst in einigen Jahren zu rechnen sei. Klar ist schon jetzt: "Alle Versuche, das Schweigen Pius' XII. mit seinem mangelnden Wissen über den Holocaust zu entschuldigen, werden durch die vatikanischen Akten eindeutig widerlegt. Der Papst war auf dreifache Weise über die Entwicklung der Judenverfolgung in Europa genau informiert. Erstens durch Hunderte von Berichten seiner diplomatischen Vertreter aus den einzelnen Ländern, den Nuntien und Delegaten. Zweitens durch rund 10.000 bisher unbekannte Bittschreiben jüdischer Menschen aus ganz Europa von 1939 bis 1945, die Pius XII. um Hilfe baten und ihre Not und Verfolgung minuziös schilderten - und denen Papst und Kirche tatsächlich nicht selten zu helfen versuchten. Und schließlich durch ein geheimes jesuitisches Informationsnetzwerk, dessen Fäden beim Geheimsekretär des Papstes, dem Jesuiten Pater Robert Leiber, zusammenliefen. Er legte die entsprechenden Schriftstücke im Privatarchiv von Pius XII. ab." Der Papst sei sich seines Schweigens bewusst gewesen, so Wolf, er habe nicht aus Antisemitismus geschwiegen, sondern um seine Neutralität zu wahren. Eine fatale Einstellung: "Mit dem Schweigen zum Massenmord untergrub er seine eigene moralische Autorität, die Grundvoraussetzung für jede erfolgreiche Mediation sein musste."

Der Postkolonialist Andreas Eckert kommt in der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ auf den Hang vieler vom Kolonialismus befreiter afrikanischer Länder zu Militärregimen zurück: "Der Militarismus bot den Afrikanern ein heldenhaftes Selbstbild: eine Zivilisation aufrechter Menschen, die nur ihren eigenen Befehlen folgen." Damit ließen sich vielleicht auch Differenzen zwischen verschiedenen Teilen der Bevökerung zudecken. Manche Militärherrscher waren bizarre Finsterlinge mit europäischer Protektion wie etwa Jean-Bédel Bokassa, aber keineswegs alle, so Eckert. Ideologisch waren sie dennoch nicht selten etwas trübe: "Militärische 'Revolutionen' teilten eine Reihe von Forderungen: ein Ende der schädlichen europäischen Einflüsse - wie etwa Miniröcke, eine Obsession afrikanischer autoritärer Herrscher jedweder politischer Couleur -, eine vage ausgearbeitete Reorganisation des Staates, einschließlich seines Rechtssystems, die Rückkehr von 'Disziplin' und 'Ehre' sowie der angemessene Umgang mit öffentlichen Geldern." Eckert empfiehlt die Studie "Soldier's Paradise - Militarism in Africa after Empire" von Samuel Fury Childs Daly zum Thema.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2025 - Geschichte

Der Historiker Carsten Reinhardt hat die NS-Geschichte der Vorgänger dreier Forschungsbehörden durchleuchtet, die heute dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz unterstehen. Im taz-Interview mit Tobias Bachmann erklärt er, woran die Vorgänger der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe und der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt im Nationalsozialismus arbeiteten: "Eines der Hauptziele war Autarkie. Die zentrale Lehre aus dem Ersten Weltkrieg war, dass die Alliierten das Deutsche Reich durch eine Seeblockade von Einfuhren abschneiden konnten. Um den Krieg erfolgreich führen zu können, sollte das Deutsche Reich also unabhängig von kriegswichtigen Importen werden. Die Forschungsbehörden haben Rohstoffe wie Metalle und Mineralien aber auch Erdöl und Kohle im Deutschen Reich ausfindig und verfügbar gemacht. Und sie haben sich bemüht, für viele importierte Stoffe Ersatzstoffe zu finden. ... Ohne die Arbeit der Forschungsbehörden hätte das NS-Regime seinen Vernichtungskrieg nicht so lange führen können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.03.2025 - Geschichte

Wolfgang Matz erinnert in einem Essay für die FAZ an den radikalen Pazifismus der früh verstorbenen französischen Publizistin und Philosophin Simone Weil. Lange Zeit verfocht sie sogar die radikalst mögliche Idee einer vorauseilenden Kapitulation. Bis der Krieg tatsächlich vor der Tür stand und Weil nach London emigrierte, um sich De Gaulle anzuschließen: "Wer bisher nur von der Idee geredet hat, dem Gegner 'ohne Krieg das Äquivalent eines Sieges' zu überlassen, der muss genau das jetzt tatsächlich tun: Er muss kapitulieren, er muss der deutschen Wehrmacht die Grenze öffnen, jetzt. Und in diesem Augenblick, da der Gegner die Zeit des Redens beendet hat, weiß Simone Weil: Angesichts von Hitlers Krieg ist sie nicht mehr bereit, ihrer eigenen Maxime zu folgen."

Die Historiker Agnieszka Pufelska und Felix Ackermann schlagen bei geschichtedergegenwart.ch den Begriff "Postpreußen" vor, um Preußen historisch neu zu sehen - vor allem auch als ein Projekt innereuropäischer Kolonisierung, das ähnlich wie bei Russland durch territoriale Expansion funktionierte. Preußen war innerlich viel heterogener, als es bis heute in Deutschland gesehen wird, so die beiden Historiker: "Durch die bis in die Gegenwart reichende Gleichsetzung von Preußen mit einem deutschsprachigen, evangelischen und im Kern deutschen Berlin-Brandenburg bleiben die strukturellen Differenzen und Ungewissheiten der Geschichten einzelner preußischer Regionen gänzlich ausgeblendet. Dieses Verdrängen bedingt die Unsichtbarkeit der tatsächlichen Vielfalt eines katholischen, jüdischen, slawischsprachigen, polnischen, wendischen, sorbischen oder litauischen Preußens. Die Unsichtbarkeit von nicht deutschsprachigen Untertanen des Königs und später des Kaisers war die Folge langfristiger Assimilation und Akkulturation, die aktiv herbeigeführt wurden. Voraussetzung war die bewusste Nichtanerkennung des Anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2025 - Geschichte

Man sollte die AfD weniger mit der NSDAP vergleichen, sondern mit der DNVP, die schon vor 1930 einen maßgeblichen Anteil an der Schwächung der Demokratie hatte, erklärt der Historiker Dominik Rigoll im Zeit-Interview: "Von den Nazis überflügelt wurde sie erst, als klar wurde, dass sie keine Lösung für die herrschenden Probleme hatte. Womöglich steht der Aufstieg einer neuen NSDAP also erst noch bevor. Rechts der AfD stehen ja Parteien bereit wie 'Der dritte Weg' und 'Die Heimat', die darauf warten, dass Weidel und Co. nicht liefern, was sie versprechen. Über ein Verbot dieser Kleinparteien sollte man rechtzeitig nachdenken." Was lässt sich dem entgegensetzten? Rigoll plädiert für einen "demokratischen Nationalismus", der "konsequent europäisch bleibt und sich glaubhaft die Menschenwürde auf die Fahnen schreibt, die als Erbe des Widerstands ins Grundgesetz kam. Er muss für ein 'anderes Deutschland', ein 'anderes Europa' stehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.03.2025 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Der italienische Journalist Enrico Mentana hat ein Gesprächsbuch mit der Holocaustüberlebenden Liliana Segre gemacht, das in Deutschland unter dem Titel "Erinnern macht frei " erschienen ist. Im Gespräch mit Ambros Waibel von der taz erzählt Mentana, dass sich Segre erst sehr spät entschloss, über ihre Erfahrungen zu sprechen - und übrigens auf Anraten eines Arztes, der ihr riet zu sprechen, um sich zu befreien: "Als sie nach dem Krieg wieder zu Hause war in Mailand und erzählen wollte, was ihr widerfahren war, wollte das niemand wissen. Die Leute sagten, im Krieg passiere halt allen Schlimmes, und leugneten so, was Liliana Segre konkret angetan worden war. Bis heute gibt es in Italien keinen Text, kein Buch von einem, der sagt: Ja, ich habe den Deutschen geholfen. Ja, ich habe geholfen, die Rassengesetze zu machen. Ja, ich habe geholfen, die Juden aus den Schulen oder Fabriken oder Universitäten zu vertreiben. Sie hat es nie so gesagt, aber ich glaube, sie trug eine furchtbare Wut in sich, weil sie all die folgenden Jahrzehnte als Ehefrau und Mutter in einem Umfeld lebte, in dem es wahrscheinlich auch diejenigen gab, die sie denunziert hatten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2025 - Geschichte

Nichts erinnert mehr an die Volkskammer der DDR, denn der Saal, in dem sie tagte, befand sich im "Palast der Republik", der längst abgerissen ist, aber auch dort spielte die Volkskammer eine Nebenrolle, erinnert die Historikerin Bettina Tüffers auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ: "Der Große Saal war SED-Parteitagen, Aufzeichnungen von Fernsehsendungen wie 'Ein Kessel Buntes' oder Kulturveranstaltungen vorbehalten, die 500 Volkskammerabgeordneten hatten mit dem Kleinen Saal vorliebzunehmen. Das entsprach ihrem Ort im politischen System der DDR, denn trotz aller gegenteiliger Beteuerungen und ungeachtet dessen, was in der Verfassung stand, war die politische Rolle der Volkskammer bis zur Wahl vom 18. März 1990 marginal. Das sollte sich erst durch die Friedliche Revolution ändern."