Marta Kijowska
kommt in der
NZZ auf die Gedenkfeier zur Befreiung des
Lagers Auschwitz vor achtzig Jahren zurück. Sie verweist vor allem auf das Buch
"Anus Mundi" von
Wieslaw Kielar, dessen Übersetzung bereits 2023 im S. Fischer Verlag erschien, das aber in der deutschen Presse kaum Beachtung erfuhr. Kielar gehört wie Tadeusz Borowski und Seweryna Szmaglewska zu den AutorInnen, die das Leiden
nichtjüdischer Polen im Lager beschreiben. Kielars Bericht liest sich für Kijowska besonders instruktiv, weil er in vier Jahren Auschwitz viele verschiedene Stationen des Lagers durchlief. Die nichtjüdischen Polen hatten einen eigenen Blick auf ihre Erfahrung, wie Borowski beschreibe Kielar das Lager als eine "
moralisch indifferente Welt, in der es keine klare Trennung von Opfern und Tätern gibt, in der jeder alles tut, um zu überleben". Borowski sei in seinem Buch "Bei uns in Auschwitz" allerdings noch bei weitem zynischer, während sich Kielar bemühe, sachlich und präzise zu bleiben, die Dinge so zu schildern, wie sie gewesen seien.
Es gab die berühmte "
Rattenlinie": Schlimmste Nazi-Verbrecher schafften es, mit der
Mithilfe des Vatikan nach Südamerika zu fliehen. Einige wurden trotzdem später noch gefasst wie Eichmann oder Klaus Barbie. Und es gab die
zweite "
Rattenlinie", die nicht so bekannt ist: Nazis wie
Walter Rauff, "der an der Ostfront Militärlastwagen zu mobilen Gaskammern umbauen ließ, und Alois Brunner, Eichmanns Mann fürs Grobe",
so Marcel Gyr in der
NZZ, konnten sich darüber nach Ägypten oder Syrien absetzen. Die dort nach 1945 herrschenden Diktatoren
halfen gern, und auch natürlich
Amin al-Husseini, der Vorgänger Jassir Arafats als Anführer der Palästinenser und enge Freund und Partner der Nazis. Richtig beneidenswert war Brunners Existenz am Ende aber nicht, schreibt Gyr. Die Israelis haben ihn zweimal mit
Bombenattentaten getroffen, bei denen er einmal ein Auge verlor und einmal ein paar Finger. Und seine
schöne Villa in Damaskus musste er am Ende auch aufgeben. "Zwar hielt das Asad-Regime bis zuletzt seine
schützende Hand über den österreichischen Kriegsverbrecher. Doch als dieser begann, ausländischen Journalisten Interviews zu geben, wurde er zur Last. Seine Wohnung an der Rue Haddad, wo er auf dem Dach Kaninchen gezüchtet hatte, musste er aufgeben. Er wurde andernorts in Hausarrest gesetzt, um ihn vor den Blicken der Weltöffentlichkeit zu entziehen. Im
Verlies des syrischen Geheimdienstes schließlich, wo Brunner die letzten Jahre bis zu seinem Tod 2001 eingesperrt war, gab es nicht einmal mehr Tageslicht."