9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2025 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Dem Historiker und Journalisten Jens Bisky, der gerade ein Buch über den rasenden Verfall Weimarer Republik veröffentlicht hat, fallen im Moment eine Menge Parallalen auf. Den Vergleich Friedrich Merz' mit Franz von Papen, der die Nazis bekanntlich "zähmen" wollte, unterstützt er im Gespräch mit Kersten Augustin von der wochentaz allerdings nicht: "Von Papen hat das SA-Verbot aufgehoben. Es gibt dazu keine Parallele in der Gegenwart. Und was heißt 'zähmen'? Soweit ich sehe, hat Papen kaum praktische Schritte zur Zähmung unternommen. Das ist ein Entschuldigungswort. Er hat damals nicht einmal versucht, Hitler auch nur die Ecke zu zeigen, in die er ihn drängen wollen würde. Unterstellt man von Papen eine Zähmungsabsicht, ist er gescheitert. Doch es war ihm viel wichtiger, die SPD und alle 'Marxisten' aus Machtpositionen zu verdrängen, die Republik zu zerstören. Darin war er erfolgreich."

Heinrich Augst Winkler hat mit seiner Intervention zum Asylrecht (unser Resümee) offenbar einen Punkt getroffen. Der historische Hintergrund des deutschen Asylrechts ist jedenfalls bisher kaum bekannt. Der Zeithistoriker Michael Mayer erläutert ihn im Spiegel-Gespräch mit Ralf Neukirch. "Interessant ist, was 1948 der Hauptgrund dafür war, das Asylrecht in den Grundrechtekatalog aufzunehmen: Dieses Recht zielte vor allem darauf, einen Schutz für deutsche Verfolgte aus der sowjetischen Besatzungszone als Grundrecht zu verankern. Vor allem die US-Besatzungsmacht hat diese Flüchtlinge beinahe ausnahmslos in die sowjetische Zone zurückgeschoben. Man wollte deshalb eine Möglichkeit haben, um dies verhindern zu können. Deswegen kommt ein Grundrecht auf Asyl in den Grundrechtekatalog." Mayer stimmt Winkler in einem wichtigen Punkt zu: "Der Parlamentarische Rat wollte keineswegs aus humanitären Erwägungen ein liberales Asylrecht formulieren." Mayer warnt im übrigen davor, hier einen fruchtlosen Prinzipienstreit zu führen: "Nur durch eine europäische Asylpolitik lassen sich die aktuellen Probleme lösen. Artikel 16 des Grundgesetzes hat hingegen heute faktisch keine Relevanz mehr."

Winkler antwortet in dieser bei näherem Hinsehen recht komplexen Debatte in der FR auf Kritik von Ilko-Sascha Kowalczuk (mehr hier und hier). "Kowalczuk hält ein allgemeines Recht auf Einwanderung für ein unveräußerliches Menschenrecht und irrt auch hier. Aus den allgemeinen unveräußerlichen Menschenrechten im Sinne der Amerikanischen Revolution von 1776 und der Französischen Revolution von 1789 lässt sich ein Auswanderungsrecht, aber kein Recht auf Einwanderung in ein bestimmtes Land ableiten." Winkler bezieht sich übrigens ausdrücklich auf Michael Mayer, der seine Erkenntnisse vor einem Jahr in der Zeit dargelegt hatte - die Zeit stellt den Artikel aus Anlass der aktuellen Debatte online.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2025 - Geschichte

Vor einigen Tagen hat es einen ICE-Unfall bei Hamburg gegeben. Es habe einen Toten gegeben, hieß es. Dieser Tote, stellt sich nun heraus, war der Historiker Thomas Großbölting. Jan Feddersen schreibt den Nachruf in der taz: "Als Großbölting von Münster nach Hamburg kam, ging ihm ein exzellenter Ruf voraus. In den frühen Nuller-Jahren habilitiert, zuvor und danach Engagements an den Universitäten Magdeburg, Bochum, Toronto und auch bei der Stasi-Unterlagenbehörde als Leiter der Abteilung Forschung und Bildung, kam er zu seiner letzten Position mit Arbeiten zur Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche Deutschlands. Diese Bücher waren beispielgebend für eine historische Expertise, die nicht auf Skandalisierung zu setzen wusste, sondern auf konzise Analyse konkreter Fallstrukturen." Großbölting wurde 55 Jahre alt. In der FAZ schreibt Johann Hinrich Claussen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2025 - Geschichte

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Der Historiker Volker Weiß, dessen Buch "Das Deutsche Demokratische Reich" gerade erschienen ist, erklärt im Zeit-Interview mit Christian Staas, wie die DDR "zum Sehnsuchtsort" der Rechten werden konnte: "Die extreme deutsche Rechte hat sich der westlichen Hemisphäre nie wirklich zugehörig gefühlt. Der Westen steht für sie seit dem 19. Jahrhundert für Liberalismus, Demokratie und Arbeiterbewegung. Kulturell wie politisch zog es sie daher nach Osten (...) Die Rechte rekurriert auf die DDR als autoritären Ordnungsstaat, was sie ja durchaus war, auf ihr preußisches Erbe, das in den Achtzigerjahren in der Selbstdarstellung des SED-Staates aufgewertet wurde. Die Sehnsucht gilt Ordnung und sicheren Grenzen. Zwar hat die DDR die eigene Bevölkerung eingesperrt, aber es ist eben auch nicht jeder reingekommen. Die Polizei stellte noch eine Autorität dar, das Militär war in die Gesellschaft integriert, so was möchte man wieder haben. Die DDR verkörpert für die Rechten ein Deutschland ohne Achtundsechzig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2025 - Geschichte

Heute vor achtzig Jahren wurde von den Westalliierten Dresden bombardiert. 25.000 Menschen kamen ums Leben. Solche Bombardierungen hatte es in den meisten deutschen Städten gegeben. In den Hamburger Bombennächten 1943 kamen schätzungsweise 34.000 bis 40.000 Menschen ums Leben. Aber Dresden wurde zuerst von den Nazis und dann von der DDR-Regierung mit besonderer Bedeutung aufgeladen, sagt der Dresdner Historiker und Publizist Matthias Neutzner im Gespräch mit Markus Wehner von der FAZ: "Die Erzählung wurde in der DDR sogar weiter dramatisiert, indem man die Zahl der getöteten Menschen, die die NS-Propaganda bereits verzehnfacht hatte, in den Fünfzigerjahren ins Unzählbare und Namenlose erweiterte, in eine mythische Dimension trieb. Die Toten wurden kollektiviert und ihre Gräber eingeebnet. Man hat die Namen entfernt und eine Gedenkanlage darauf gebaut. Das war eine willkommene Anklage gegen den imperialistischen Westen und zugleich eine Abgrenzungsstrategie gegenüber der westdeutschen Bundesrepublik, die man in der Tradition des Dritten Reichs sah." Nach dem Mauerfall schlossen rechtsextreme Narrative nahtlos an, so Neutzner." Nachdem um 2005 diese rechtsextreme Instrumentalisierung unerträglich wurde, hat die Zivilgesellschaft in einem mühevollen Prozess zusammengefunden, sodass man immer mehr die Deutungshoheit zurückgewinnen konnte."

Ebenfalls vor achtzig Jahren fand die Konferenz von Jalta statt, über die Reinhard Veser in der FAZ schreibt. Sie ist unter anderem in Polen in schlechter Erinnerung, denn sie steht "für eine Entscheidung von Großmächten über die Köpfe der Betroffenen hinweg, für die Teilung Europas in einen freien und einen unfreien Teil nach Kriegsende und für Zynismus, Schwäche und Naivität des Westens im Umgang mit dem Machthaber im Kreml." Und "auf der Konferenz wurde die von der Sowjetunion in Polen eingesetzte provisorische Regierung anerkannt; die legitime polnische Exilregierung mit Sitz in London wurde vor vollendete Tatsachen gestellt."

Außerdem: Heute vor fünfzig Jahren besiegte Margaret Thatcher ihren Konkurrenten Edward Heath im Rennen um den Parteivorsitz der britschen Konservativen und prägte daraufhin die Welt bis heute, hält Arno Widmann in der FR fest.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2025 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Gerade ist das Buch "Das Deutsche Demokratische Reich" des Historikers Volker Weiß erschienen, in dem er darlegt, wie die extreme Rechte Geschichte und Demokratie zerstört. Im FAS-Gespräch mit Julia Encke macht er sich noch einmal die Mühe, Alice Weidels Aussagen über "Hitler als Kommunist" (mehr hier) zu zerlegen und erklärt, worum es den Rechten bei den permanenten Überschreibungen von Geschichte geht: "Man schafft sich damit ein historisches Argument des Gegners vom Leib, und man erklärt den Gegner selbst zum Nazi. Wenn ich sage, die Nazis waren links, dann werden im Umkehrschluss die Linken zu Nazis, und der gesamte Antifaschismus, der der AfD ja seit der Gründung entgegenschlägt, wird damit ad absurdum geführt und langfristig auch entwertet. Dabei ist es ein doppeltes Spiel, weil man selbst mit bestimmten Elementen des Nationalsozialismus kokettiert: Schauen wir den Wahlkampfslogan an: 'Alice für Deutschland'. Er ist eine Verballhornung und spielt mit dem Motto, das auf die Dienstdolche der SA eingraviert war: 'Alles für Deutschland'. Ein Spiel, das man bewusst aufnimmt, bis hin zu diesem freakigen Gruß von Elon Musk."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2025 - Geschichte

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Im großen FR-Gespräch mit Michael Hesse über das Ende des Zweiten Weltkrieges erläutert der Historiker Richard J. Evans, Autor eines dreibändigen Werkes über das "Dritte Reich", warum Deutschland spätestens nach Stalingrad keine Siegchance mehr hatte, auch aufgrund des steigenden Terrors "innerhalb der deutschen Streitkräfte selbst. Die Zahl der durch Militärgerichte verhängten Todesurteile war erschreckend hoch. Desertion, Selbstverstümmelung, Defätismus oder Fahnenflucht wurden mit unerbittlicher Härte bestraft: 16.000 deutsche Soldaten wurden hingerichtet - im Vergleich zu nur 48 im Ersten Weltkrieg." Vor allem aber widerspricht er vehement seinem Kollegen Timothy Snyder, der den Krieg gegen die Ukraine mit dem Zweiten Weltkrieg verglich: "Das ist natürlich Unsinn. Für Hitler gab es keine festen Grenzen - weder in territorialer noch in zeitlicher Hinsicht. Sein Krieg sollte grenzenlos sein, ein Kampf ohne geografische oder zeitliche Beschränkungen. Putin hingegen, so meine Einschätzung, verfolgt das Ziel, die Grenzen der alten Sowjetunion wiederherzustellen. Putin strebt keine Weltherrschaft an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2025 - Geschichte

Neulich hat sich die AfD-Politikerin Alice Weidel mit Elon Musk unterhalten und nebenbei behauptet, Hitler sei Kommunist gewesen. "Das ist eine dreiste Geschichtsfälschung", schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. "Tatsächlich handelte es sich bei Hitlers Ideologie um eine exzessiv radikalisierte Spielart des 'völkischen' Nationalismus und Rassismus. Den Marxismus hielt er für ein 'jüdisches' Machwerk, das die 'deutsche Volksgemeinschaft' zersetze und daher mit allen Mitteln ausgerottet werden müsse. Entsprechend brutal wurden Kommunisten im Nationalsozialismus verfolgt." Das heißt allerdings, nicht, dass es nicht Verbindungslinien zwischen den Totalitarismen gab: "Namentlich im Deutschland der Weimarer Republik kam es immer wieder zu Annäherungen zwischen den beiden totalitären Bewegungen. Auf der extremen Rechten befürworteten in den 1920er Jahren radikale Nationalisten wie Arthur Moeller van den Bruck ein Zusammengehen mit den Kommunisten im Kampf gegen den westlichen Liberalismus, den sie als ihren Hauptfeind betrachteten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2025 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Alexander V. Pantsov an den chinesischen General Chiang Kai-shek (1887-1975), eine äußerst zwiespältige Figur, der gegen die Japaner und die chinesischen Kommunisten kämpfte, bis er sich nach Taiwan zurückziehen musste: "Er etablierte eine Schreckensherrschaft und ist für den Tod von mehr als anderthalb Millionen unschuldiger Menschen verantwortlich. Er errichtete ein korruptes oligarchisches Regime. Zugleich aber darf man nicht vergessen, dass er auch ein Kämpfer für die nationale Befreiung seines Volkes war, der Architekt eines neuen, republikanischen China, ein Held des Zweiten Weltkriegs, ein treuer Verbündeter der Vereinigten Staaten und anderer Länder der Anti-Hitler- und Anti-Japan-Koalition und ein Reformer der taiwanischen Gesellschaft."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2025 - Geschichte

Marta Kijowska kommt in der NZZ auf die Gedenkfeier zur Befreiung des Lagers Auschwitz vor achtzig Jahren zurück. Sie verweist vor allem auf das Buch "Anus Mundi" von Wieslaw Kielar, dessen Übersetzung bereits 2023 im S. Fischer Verlag erschien, das aber in der deutschen Presse kaum Beachtung erfuhr. Kielar gehört wie Tadeusz Borowski und Seweryna Szmaglewska zu den AutorInnen, die das Leiden nichtjüdischer Polen im Lager beschreiben. Kielars Bericht liest sich für Kijowska besonders instruktiv, weil er in vier Jahren Auschwitz viele verschiedene Stationen des Lagers durchlief. Die nichtjüdischen Polen hatten einen eigenen Blick auf ihre Erfahrung, wie Borowski beschreibe Kielar das Lager als eine "moralisch indifferente Welt, in der es keine klare Trennung von Opfern und Tätern gibt, in der jeder alles tut, um zu überleben". Borowski sei in seinem Buch "Bei uns in Auschwitz" allerdings noch bei weitem zynischer, während sich Kielar bemühe, sachlich und präzise zu bleiben, die Dinge so zu schildern, wie sie gewesen seien.

Es gab die berühmte "Rattenlinie": Schlimmste Nazi-Verbrecher schafften es, mit der Mithilfe des Vatikan nach Südamerika zu fliehen. Einige wurden trotzdem später noch gefasst wie Eichmann oder Klaus Barbie. Und es gab die zweite "Rattenlinie", die nicht so bekannt ist: Nazis wie Walter Rauff, "der an der Ostfront Militärlastwagen zu mobilen Gaskammern umbauen ließ, und Alois Brunner, Eichmanns Mann fürs Grobe", so Marcel Gyr in der NZZ, konnten sich darüber nach Ägypten oder Syrien absetzen. Die dort nach 1945 herrschenden Diktatoren halfen gern, und auch natürlich Amin al-Husseini, der Vorgänger Jassir Arafats als Anführer der Palästinenser und enge Freund und Partner der Nazis. Richtig beneidenswert war Brunners Existenz am Ende aber nicht, schreibt Gyr. Die Israelis haben ihn zweimal mit Bombenattentaten getroffen, bei denen er einmal ein Auge verlor und einmal ein paar Finger. Und seine schöne Villa in Damaskus musste er am Ende auch aufgeben. "Zwar hielt das Asad-Regime bis zuletzt seine schützende Hand über den österreichischen Kriegsverbrecher. Doch als dieser begann, ausländischen Journalisten Interviews zu geben, wurde er zur Last. Seine Wohnung an der Rue Haddad, wo er auf dem Dach Kaninchen gezüchtet hatte, musste er aufgeben. Er wurde andernorts in Hausarrest gesetzt, um ihn vor den Blicken der Weltöffentlichkeit zu entziehen. Im Verlies des syrischen Geheimdienstes schließlich, wo Brunner die letzten Jahre bis zu seinem Tod 2001 eingesperrt war, gab es nicht einmal mehr Tageslicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2025 - Geschichte

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Dass sich die Deutschen nach der offiziellen Kapitulation am 8. Mai 1945 friedlich verhalten würden, hielten die Alliierten nicht für möglich, hält Harald Jähner, ehemaliger Feuilletonchef der Berliner Zeitung in der NZZ fest, der zum Thema auch ein Buch geschrieben hat. Man rechnete mit zahlreichen Partisanenaktionen und heftigem Widerstand, aber: nichts dergleichen passierte. Im Gegenteil, die Sieger wunderten sich über die "verblüffend willige Unterordnung" der Deutschen, die laut Jähner mehrere Gründe hat. Unter anderem das "traditionelle Verständnis von Autorität und Gehorsam", aber auch das "Ethos des deutschen Berufsbeamtentums, das sich nach dem jeweils geltenden Gesetz, nicht nach individuell zu verantwortenden Werten richtete, kam durch den Regimewechsel in keinen Konflikt. Nach diesem Muster funktionierte ein Großteil der deutschen Gesellschaft, die sich um eine möglichst reibungslose Wiederaufnahme der Versorgung bemühte. Im Streben nach einer Wiederherstellung von Recht und Ordnung, der Eindämmung der überall drohenden Anarchie, war die Bereitschaft der Kooperation mit den Besatzungsmächten hoch."
Stichwörter: 8. Mai 1945, Regimewechsel