Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.03.2025. "Ich glaube ja, Europa wird bald im Krieg mit Russland sein", meint Richard Sennett in der FR. Es wird wohl kein Atomkrieg, beruhigt er, "aber ich glaube, dass ganz Europa innerhalb eines Jahres gegen Russland kämpfen wird - in der Ukraine". Auch Heinrich August Winkler macht in der FAZ keine halben Sachen: Das Jahr 2025 dürfte zur tiefsten Zäsur der Weltgeschichte seit 1945 werden. Wird Selenski Trump durch eine Entschuldigung im Anzug milde stimmen können, fragt die taz.
Heinrich August Winkler macht keine halben Sachen: "Das Jahr 2025 dürfte zur tiefsten Zäsur der Weltgeschichte seit dem Untergang des Sowjetimperiums in den Jahren 1989 bis 1991, ja vermutlich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor achtzig Jahren werden." Er stellt in einem ganzseitigen FAZ-Essay nicht nur ein "renversement des alliances" fest - Trump wechselt ins Lager des Massenmörders Putin -, sondern im Grunde die Aufgabe der Allianzen und eine Rückkehr zu einer Politik der Einflusszonen und eines Rechts des Stärkeren. Europa kann nicht einfach in Form der EU reagieren, da es Großbritannien und Norwegen einbeziehen muss. Winkler schlägt vor, an das Projekt der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) anzuknüpfen, das in den Fünfzigern scheiterte. "Eine rein europäische Verteidigungsgemeinschaft anzustreben wäre heute aber unrealistisch. Ein vergleichbares Vorhaben einer Koalition der Willigen und der Fähigen muss von vornherein Kanada einbeziehen, also transatlantisch gedacht und tunlichst innerhalb der Nato organisiert werden - solange es irgend geht, kooperativ mit den USA und nur, wenn es nicht anders geht, ohne sie." Und Winkler fürchtet im übrigen: Selbst wenn nach Trump ein vernünftigerer Präsident ins Weiße Haus einziehen wird: Die transatlantische Ära ist vorbei.
"Ich glaube ja, Europa wird bald im Krieg mit Russland sein", meint im FR-Interview mit Michael Hesse der amerikanische Soziologe Richard Sennett. Und die Amerikaner werden keinen Finger für uns krumm machen, ist er überzeugt. "Ich denke nicht, dass es zu einem nuklearen Krieg kommt. Aber ich glaube, dass ganz Europa innerhalb eines Jahres gegen Russland kämpfen wird - in der Ukraine. Meine Beobachtung ist, dass es in den USA Anzeichen für eine tiefgreifende Verschiebung gibt. Gestern hat unser Verteidigungsminister ein Programm gestoppt, das russische Cyberangriffe auf die amerikanische Verteidigung überwachte. Warum er das getan hat, ist schwer zu verstehen - es sei denn, man geht davon aus, dass Trump bereits eine Anweisung gegeben hat, dass die USA mit Russland in den Einflusssphären verbündet sind, er den USA also eine neue geopolitische Ordnung verordnet hat: Russland soll sich um Europa kümmern, die USA ziehen sich zurück. Ich bin überzeugt, dass sich Europa vollständig auf sich selbst verlassen muss. Denn überlegen Sie mal, alle Länder überwachen Cyberkriminalität und Cybereinmischung. Und der Verteidigungsminister hat das einfach ausgesetzt. Die Vorstellung, dass Amerika noch eine Schutzmacht ist, ist eine Illusion, also dass sie noch irgendetwas für Europa tun werden."
Aus gutem Grund war eine Mehrheit in Deutschland lange gegen den Militarismus, schreibt Sonja Zekri in der SZ. Doch durch die Verwerfung der Weltordnung durch Donald Trump muss es jetzt zu einem Umdenken kommen. "Die schockierende Wahrheit lautet, dass Deutschland, dass sich Europa nicht nur schnell und umfassend bewaffnen muss, um sich zu verteidigen. Es muss sich bewaffnen, um nicht erpressbar zu sein... Es mag fünf, zehn, fünfzehn Jahre dauern, bis Europa in der Lage ist, seine Menschen und seine Demokratie militärisch wieder zu schützen. Es gibt keinen Grund, einen Tag länger zu warten."
Yelizaveta Landenberger reist für die FAZ in die Ukraine, um vor Ort zu berichten: "Auf dem Weg in die Ukraine las ich, dass wenige Stunden zuvor die Journalistin Tetiana Kulyk getötet worden war. Eine russische Drohne traf ihr Haus in der Region Kiew, sie und ihr Mann starben. Es kann jeden überall im Land treffen. 'Wir, die Ukrainer, sind auf jeden Fall nicht mehr ganz gesund', sagte mir eine Frau im Zugabteil auf dem Weg von der ostpolnischen Stadt Chelm nach Kiew. Der Krieg zerstört Leben nicht nur physisch, sondern auch psychisch."
Recht kundig schildert Dominic Johnson in der taz die diplomatischen Verwerfungen nach dem Desaster im Weißen Haus. Frankreich und Großbritannien sind sich - dank Macrons Vorpreschen - uneinig über eine "Teilwaffenruhe", die von Russland aber ohnehin abgelehnt werde. Man hofft, dass ein Rohstoffdeal Trump beruhigen könne. Da Amerika dann Interessen in der Ukraine hat, müsse es ja auch gegen Russland einstehen. "Nicht Selenski, sondern Trump war es, der am Freitag durch den Rauswurf seines Gastes aus dem Weißen Haus die vorgesehene Unterschrift torpedierte. Aus Washington kommen jetzt Signale, man werde Selenski wiederkommen und unterschreiben lassen, sofern er sich für seinen 'respektlosen' Auftritt im Oval Office entschuldige - eine Forderung, die in der Ukraine auf Unverständnis stößt, in London jedoch als notwendiges diplomatisches Übel zum Verhindern einer Trump-Putin-Einheitsfront gesehen wird."
Bis Selenski im Anzug kommt, setzt Trump aber die Militärhilfe für die Ukraine aus, meldet die "Tagesschau".
Nach dem offenen Streit zwischen dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski und dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump sind viele Ukraine-Unterstützer auf der ganzen Welt auf die Straße gegangen, dokumentiertMeduza mit einer Bildstrecke.
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Der PKK-Anführer Abdullah Öcalan hat die PKK dazu aufgefordert, einen Kongress einzuberufen und sich dort selbst aufzulösen, nachdem unerwartet zwischen den nationalistischen Kräften in der Türkei und Öcalan zu einer Annäherung (unser Resümee) kam, schreibt Deniz Yücel in der Welt. Uneigennützig passiert das auf beiden Seiten nicht. "Um ein drittes Mal als Präsident kandieren zu können, bedarf es einer Verfassungsänderung, wofür Erdogan die Unterstützung der kurdischen Seite benötigt. Und Erdogan weiß, dass Öcalan ähnlich gestrickt ist wie er selbst: Ideologisch flexibel, zu unerwarteten Manövern bereit, aber mit einem starken Machtinstinkt ausgestattet. Beide werden nun versuchen, der Gegenseite so viele Zugeständnisse abzuringen und selbst möglichst wenige machen - oder nur unverbindlich verbale. Öcalans Botschaft beinhaltete sogar recht viel Zugeständnis. Man könnte sie als Kapitulationserklärung lesen, zumal sie selbst auf relativ moderate Forderungen wie Kurdisch als Schulsprache verzichtet und ganz ohne Bedingungen daherkommt."
Reinhard Müller widmet der Kleinen Anfrage der CDU zu den Organisationen der "Zivilgesellschaft" den Leitartikel der FAZ. Es ist ein Recht der Opposition, Anfragen zu stellen und eine Pflicht der Regierung, sie zu beantworten. Einen Anspruch auf Subventionierung gibt es für die betroffenen Organisationen nicht, meint er: "Das wäre eine schöne Zivilgesellschaft, die ohne staatliche Mittel am Ende wäre. Engagement nur, wenn der Staat zahlt? Ein merkwürdiges Menschenbild - und schon der selbst- und staatslose Einsatz zigtausender Bürger spricht dagegen. Die Anfrage sollte deshalb Grund genug sein, generell über Staat und Gesellschaft nachzudenken."
Die "Antipolitik" von rechts und links seit dem Börsencrash 2008, muss bekämpft werden, wenn das ökoemanzipative Projekt gegen das nationalkapitalistische gewinnen soll, erklärt in der SZ der SoziologeHeinz Bude und hat auch eine Idee wie: durch gerechte Anstrengung. "Im Osten ist nach dem doppelten Systemwechsel vom Sozialismus zum Kapitalismus und von der Industrie- zu einer Dienstleitungsgesellschaft ein 'einsames Volk' (Jean-Luc Godard) entstanden. Und im Westen ist das Gefühl eines Freiraums für die Initiativkraft von Tüftlern, genialen Dilettanten und experimentellen Geistern verloren gegangen. Es braucht offenbar eine Idee für eine Einladung an die vielen, die heute keine Ahnung haben, wo und wie sie ihre Talente, Energien und Kompetenzen so entwickeln und einbringen können, damit wir, wie 2006, wieder vor unsere Zukunft kommen. Eignen würde sich dafür die Idee gerechter Anstrengung. (...) Die Ethik der gerechten Anstrengung nimmt Abschied von einer Sozialpolitik des Nachteilsausgleichs, weil sie jeden Menschen nach seinem Maß an der Produktion der Werte beteiligt. Können tut schließlich jede was, und alle entwickeln mehr Intelligenz als die klügsten Einzelnen." Den Neid auf die, die mehr können als andere, müsse man eben unterdrücken, meint Bude, falls wir ihn richtig verstehen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der italienische Journalist Enrico Mentana hat ein Gesprächsbuch mit der Holocaustüberlebenden Liliana Segre gemacht, das in Deutschland unter dem Titel "Erinnern macht frei " erschienen ist. Im Gespräch mit Ambros Waibel von der tazerzählt Mentana, dass sich Segre erst sehr spät entschloss, über ihre Erfahrungen zu sprechen - und übrigens auf Anraten eines Arztes, der ihr riet zu sprechen, um sich zu befreien: "Als sie nach dem Krieg wieder zu Hause war in Mailand und erzählen wollte, was ihr widerfahren war, wollte das niemand wissen. Die Leute sagten, im Krieg passiere halt allen Schlimmes, und leugneten so, was Liliana Segre konkret angetan worden war. Bis heute gibt es in Italien keinen Text, kein Buch von einem, der sagt: Ja, ich habe den Deutschen geholfen. Ja, ich habe geholfen, die Rassengesetze zu machen. Ja, ich habe geholfen, die Juden aus den Schulen oder Fabriken oder Universitäten zu vertreiben. Sie hat es nie so gesagt, aber ich glaube, sie trug eine furchtbare Wut in sich, weil sie all die folgenden Jahrzehnte als Ehefrau und Mutter in einem Umfeld lebte, in dem es wahrscheinlich auch diejenigen gab, die sie denunziert hatten."
Donald Trump redet dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nach dem Mund und übernimmt am laufenden Band seine Narrative, konstatiert Alexander Estis in der SZ. Das Trump als angeworbener, russischer Agent agiert, sei eher unwahrscheinlich, aber "in einem bestimmten Sinne ist er fraglos deren Agent: Er agiert innerhalb eines kommunikativen Unwahrheits- und Unwertesystems, das die Russen spätestens seit dem Kalten Krieg nicht nur geprägt haben, sondern dessen weltweiten Einsatz sie forcieren und kontrollieren. Auf verschiedene Arten des destabilisierenden Zusammenspiels zwischen Trump und Putin werden die westlichen Demokratien sich daher gefasst machen müssen - ebenso wie auf den strategischen Vorteil, den die Erzeuger des Chaos seit jeher gegenüber den Ordnungsstiftern besitzen. Der Kalauer liegt nahe: Nicht etwa eine neue Weltordnung setzt sich nach dem ominösen Gespräch im Oval Office durch, vielmehr eine neue Unordnung."
This is incredibly well done. History won't look fondly on Trump's behavior. I guarantee it.
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