9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1627 Presseschau-Absätze - Seite 26 von 163

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2024 - Geschichte

Neue Studien zeigen die Verwicklung der Demeter-Landwirschaft und der Anthroposophie in den Nationalsozialismus, berichtet Stefan Hunglinger in der taz. Als genuin nationalsozialistisch lässt sich die Anthroposophie zwar nicht beschreiben, es gab Verbote und Verfolgungen. Aber Erhard Bartsch, Gründervater des Demeter-Verbandes,versuchte sich sehr aktiv anzupassen: "Der weit größte Teil der NS-Elite stand dem 'Stickstoff-Syndikat' nahe, das zunächst unter der Führung der BASF, später der I.G. Farben, den Einsatz von Kunstdünger in der 'Erzeugungsschlacht' propagierte. Allein Chemiekritiker wie der 'Stellvertreter des Führers' Rudolf Heß, 'Reichsführer SS' Heinrich Himmler und 'Reichsernährungsminister' Walther Darré hingen der Idee einer 'ursprünglichen' Landwirtschaft ohne Kunstdünger an. Bartsch und seine Mitstreiter sahen darin eine Chance, nicht verboten zu werden. Und aus der Nische herauszukommen."

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Linker Antisemitismus hat eine sehr lange Tradition, lernt taz-Autor Philipp Lenhard in Olaf Kistenmachers Buch "Gegen den Geist des Sozialismus". Der Historiker hat dafür  vor allem die KP-Zeitung Rote Fahne ausgewertet: "Wenn die Rote Fahne schon 1925 den Zionismus als 'Kettenhund des englischen Imperialismus' geißelte, so war das bereits ein Ausdruck genau jener antiimperialistischen Ideologie, die auch heute noch trotzkistische, stalinistische und postkolonialistische Israelfeinde in den Gaza-Encampments beseelt. Der Antizionismus der Komintern ging so weit, zeigt Kistenmacher, dass sogar die antijüdische Gewaltserie im Mandatsgebiet Palästina, der 1929 insgesamt 133 vor allem nichtzionistische Juden zum Opfer fielen, von der Roten Fahne als Aufstand 'gegen die Hintermänner des Zionismus' gerechtfertigt wurde."
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Der 23. Juni 1524 wird als Beginn der Bauernkriege betrachtet. Arno Widmann kommt in der FR darauf zurück und erzählt auch, wie er sich mit Hilfe von Peter Blickles kleinem, "ungeheuer informativen" Bändchen "Der Bauernkrieg - Die Revolution des Gemeinen Mannes" von den Romantisierungen Ernst Blochs und anderer befreite: "Die Mehrheit der Bauern wollte nicht mehr als die Rechte wieder haben, die man ihnen genommen hatte. Genau darum war der Bauernkrieg auch mehr als ein Bauernkrieg. Es kam auch in den Städten zu Aufständen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2024 - Geschichte

In der NZZ zeichnet der Historiker Volker Ullrich in einem Essay am Beispiel Hitlers nach, wie leicht Demokratie in eine Diktatur umkippen kann. Eine wesentliche Rolle spielte dabei der Mann selbst und sein Redetalent: "Die Entdeckung seiner Redegewalt im Herbst 1919 war das eigentliche Durchbruchserlebnis Hitlers als Politiker. Wie kein Zweiter verstand er es, die Emotionen seiner Zuhörer in Schwingungen zu versetzen, so erfolgreich wie kein anderer spielte er auf der Klaviatur ihrer Ängste und Ressentiments. Das hochgradig antisemitische Klima in München nach dem gescheiterten Experiment der Räterepublik im Frühjahr 1919 bot dem instinktsicheren Populisten einen idealen Resonanzboden für seine hemmungslose Demagogie. Je rauschhafter die Begeisterung war, die er in den größten Versammlungssälen der bayrischen Hauptstadt zu entfesseln vermochte, desto mehr wuchsen seine Selbstsicherheit und die Gewissheit, für eine besondere historische Mission auserwählt worden zu sein. Hitler war jedoch nicht nur ein zugkräftiger Massenredner, sondern auch ein wandlungsfähiger Schauspieler. Früh übte er sich in der Fähigkeit, in wechselnde Rollen zu schlüpfen und sich geschmeidig verschiedenen Milieus anzupassen. Insofern entsprach er bereits besser als die politischen Konkurrenten dem Anforderungsprofil der Mediengesellschaft, repräsentierte er einen modernen Politikertypus, der über ein breites Rollenrepertoire verfügte und es kühl berechnend für die eigenen Zwecke einzusetzen wusste."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2024 - Geschichte

Eher sarkastisch nimmt der Historiker Stephan Malinowski - Kritiker der Hohenzollern und des Postkolonialismus - in der FAZ Claudia Roths Papier für eine neue Erinnerungspolitik auseinander und beschreibt sie vor allem als "Symptom einer generellen Tendenz zum Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit". Er zweifelt allerdings, "ob die Herausbildung eines kritischen historischen Bewusstseins durch die willkürlich wirkende Rückprojektion gegenwärtiger Fragen und ihre Kompression in eine Gedenk-Installation befördert würde, in der die Stasi, das Hambacher Fest, die Mordserien rechtsradikaler Gruppen und Einzeltäter, die Leistungen der Millionen von Einwanderern, die ihnen entgegenschlagende Feindschaft, der Maji-Maji-Krieg und Auschwitz nebeneinanderstünden... Welche Art von Baldachin eine Säulenreihe dieser Art tragen soll, ist nicht zu erkennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2024 - Geschichte

Putin und seine Propagandisten erzählen gern das Märchen von einem geplatzten Friedensvertrag bei den Verhandlungen in Istanbul im Frühjahr 2022, erklärt Andreas Rüesch in der NZZ. Dann soll aber der britische Premier Boris Johnson den quasi fertigen Vertrag "in den Abfalleimer" geworfen haben, behauptet die russische Seite. Doch "einen unterschriftsreifen Friedensvertrag" habe es nie gegeben. "Es wurde zwar konstruktiv verhandelt, aber die zentralen Streitpunkte blieben ungelöst. Der russische Chefunterhändler Wladimir Medinski schätzte später, dass der Vertrag zu 75 Prozent ausgehandelt gewesen sei. Wer das diplomatische Geschäft kennt, weiß, dass die letzten 3 Prozent die schwierigsten sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2024 - Geschichte

Der Afrika-Historiker Andreas Eckert greift in der FAZ in die Diskussion um Claudia Roths Konzept für eine neue Erinnerungspolitik ein und hofft, dass "die Einbeziehung des Kolonialismus die Möglichkeit einer Neuausrichtung der staatlichen Gedenkpolitik (bringt), ohne die Einzigartigkeit des Holocaust infrage zu stellen. Dies wäre zweifellos ein komplizierter und mühsamer Prozess, und das Vorgehen der Kulturstaatsministerin, ihr Konzept ohne eine vorausgehende breite Diskussion zu verkünden, hat ihrer Sache nicht geholfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2024 - Geschichte

Mit dem Ende des osmanischen Kalifats begann der Aufstieg des radikalen Islam - der Historiker Rasim Marz zeichnet in der NZZ die Folgen nach, die der Niedergang des Osmanischen Reiches für heutige Entwicklungen hatte: "Während der letzte osmanische Kalif Abdülmecid II. in Europa versuchte, das Kalifat zu restaurieren, gründete 1928 der Volksschullehrer und geistige 'Vater des modernen Islamismus', Hasan al-Banna, die Bewegung der Muslimbruderschaft im britisch dominierten Ägypten. Sein Ziel war die Schaffung eines neuen Kalifats, das sich gänzlich von dem Weltbild der Osmanen unterschied: antieuropäisch, antikolonialistisch, antisemitisch und antikapitalistisch. Die Muslimbrüder um al-Banna, Sayyid Qutb (1906-1966) und den Grossmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, entwickelten mit dem Islamismus eine totalitäre Ideologie, die den religiösen islamischen Raum politisch zu durchdringen begann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2024 - Geschichte

Im Tagesspiegel erinnert Konstantin Sakkas an die Operation "Bagration" vor achtzig Jahren, bei der die Rote Armee an der deutsch-sowjetischen Front die deutsche Heeresgruppe Mitte zerschlug. "Sollte man in Deutschland stärker an 'Bagration' erinnern", fragt Sakkas: "Selbst in der DDR, betont etwa der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, standen die sowjetischen Siege bei Stalingrad, Kursk und auf den Seelower Höhen im Zentrum des Gedenkens, nicht die Sommeroffensive 1944, von der heute außerhalb von Fachkreisen kaum jemand etwas weiß. Womöglich liegt dies daran, dass 'Bagration' mehr als die anderen genannten Operationen den Schritt zur sowjetischen Herrschaft über Osteuropa markiert. Aber ebenso war es ein entscheidender und vermutlich unentbehrlicher Beitrag zur Befreiung Europas von der Nazityrannei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2024 - Geschichte

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In der Zeit skizziert die Historikerin Marina Münkler, die vor Kurzem "Anbruch der neuen Zeit. Das dramatische 16. Jahrhundert" veröffentlicht hat, den Verlauf der blutigen "Bauernkriege" vor 500 Jahren nach, die von Martin Luther angeheizt und der DDR später vereinnahmt wurden. An Aktualität gewann dieser Aufstand der Bauern bei den diesjährigen Demonstrationen der Landwirte. "Die Parallele liegt nahe: Den Bauern ging und geht es um ihre materielle Lage und darum, eigenverantwortlich zu wirtschaften - und beide Male wählten sie spektakuläre, aggressive Protestformen. Damit enden die Ähnlichkeiten aber auch schon. Denn während sich die Landwirte des Jahres 2024 vorrangig gegen die Streichung von Subventionen wandten, rebellierten die Bauern vor 500 Jahren gegen steigende Abgaben. Und während Protest heute zu den bürgerlichen Rechten zählt, wollten sich die Bauern des 16. Jahrhunderts dieses Recht überhaupt erst erstreiten: das Recht, sich gegen von der Obrigkeit oktroyierte Lebens- und Arbeitsbedingungen zu wehren, die ihnen unerträglich geworden waren."

Vor 80 Jahren landeten die Alliierten beim sogenannten D-Day in der Normandie und starteten die Befreiung des europäischen Kontinents. In der NZZ erinnert der Historiker Ulrich Schlie an dieses Ereignis und auch was die Landung in der Normandie für die spätere Machtkonstellation in Europa bedeutete. "Dass die Landung der Westalliierten mit der Invasion der Normandie verbunden wurde, entsprach dem sowjetischen Kalkül. Nichts fürchtete Stalin mehr als eine Schwerpunktbildung der Kriegführung im östlichen Mittelmeerraum. Dies hätte bedeutet, dass Briten und Amerikaner weiter nach Mittel- und Ostmitteleuropa hätten vorstoßen können. Die Landung in Nordfrankreich war damit auch eine Vorentscheidung, was die deutschlandpolitische Nachkriegsplanung und die Haltung zur Sowjetunion betraf." Mehr hier und hier.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2024 - Geschichte

In einem sehr lesenswerten Artikel für die FAZ nimmt der Ulbricht-Biograf Ilko-Sascha Kowalczuk Claudia Roths "Rahmenkonzept Erinnerungskultur" auseinander, lässt aber auch kein gutes Haar an den Leitern der Gedenkstätten, die sich vehement gegen das Papier wehren - weil sie Angst haben, dass die Subventionen nicht mehr so üppig in ihre Richtung fließen, wie Kowalczuk in entwaffnender Offenheit vermutet. Kowalczuk selbst möchte mehr positive Referenzpunkte in der deutschen Erinnerungspolitik wie 1953 und 1989 und das Grundgesetz. Und er macht nebenbei auf einen Umstand aufmerksam, der einen doch mehr überrascht als die im Clinch mit sich selbst liegende "Aufarbeitungsindustrie": "Seit 1991 sind alle Initiativen gescheitert, an deutschen Universitäten Lehrstühle für die Geschichte der DDR und des Kommunismus einzurichten. Mit aberwitzigen Argumenten haben das die Hochschulen selbst verhindert, sogar in Fällen, in denen private Stifter Geld zur Verfügung stellen wollten. Herausgekommen ist eine Struktur, die dazu führt, dass heute die meisten künftigen Geschichtslehrer die Universitäten verlassen, ohne fundierten Unterricht in Kommunismusgeschichte genossen zu haben." Und jetzt haben wir den Salat: "DDR-Kitschbücher, wie sie etwa Katja Hoyer und Jenny Erpenbeck vorgelegt haben."

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Auf der politischen Buchseite der FAZ bespricht heute der Zeithistoriker Martin Sabrow Kowalczuks monumentale Ulbricht-Biografie - mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.05.2024 - Geschichte

Die Stadt Hamburg war tief in den Völkermord an den Herero und Nama verstrickt. Gedenkorte gibt es nicht. Nun werden in der Hafencity spektakuläre Neubauten geplant - genau an der Stelle, "wo einst die Truppen nach 'Deutsch-Südwest' verschifft wurden", schreibt Jonas Kähler (taz) und bezieht sich auf eine Historiker-Initiative für eine Gedenkstätte: "Mehr als 90 Prozent der am Völkermord beteiligten deutschen Truppen reisten über den Ort, an dem jetzt die neuen Gebäude entstehen sollen, in das Kolonialgebiet. Mehr als 18.000 Soldaten und 11.000 Pferde wurden über den Petersenkai im Hamburger Baakenhafen verschifft. Die Bevölkerung zelebrierte die An- und Abfahrten der Truppen, teilweise kamen Tausende Zuschauer*innen in den Hafen. Regierungsvertreter reisten an, die Soldaten bekamen 'Liebesgaben' mit auf die Reise: Das waren meist Postkarten oder Zigarettentäschchen, die der Senat extra anfertigen ließ."