9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2021 - Geschichte

Der Historiker Lothar Machtan verteidigt sich in der Welt gegen den Vorwurf, im Bunde mit der Hohenzollern-Familie und ihren pekuniären Interessen zu stehen, um die es ja geht, wenn die Beziehung des Kronprinzen Wilhelm zu den Nazis geklärt werden soll. Im Gegenteil wirft Machtan den bisherigen Gutachtern zur Frage der Nazi-Verwicklung vor, von jeweils interessierter Seite finanziert worden zu sein. Ihm sei es in seinem Buch "Der Kronprinz und die Nazis - Hohenzollerns blinder Fleck" unter anderem darum gegangen "sogenannte Ego-Dokumente" auszuwerten, um die Frage der Nazi-Sympathien strikt wissenschaftlich klären zu können: "Mit dieser Idee bin ich Anfang 2020 an Georg Friedrich Prinz von Preußen herangetreten. Ich habe ihn gefragt, ob er sich die Förderung einer solchen Aufarbeitung vorstellen könne."

Wie geht man mit menschlichen Überresten in Museen um, fragt die Historikerin Gesine Krüger bei geschichtedergegenwart.ch. Bei Kunstwerken wird über Restitution diskutiert. Aber wie macht man Knochen, die zu heute äußerst zweifelhalft wirkenden wissenschaftlichen Zwacken gesammelt wurden, wieder zu "Ahnen"? Dass diese Knochensammlungen im Kontext mit dem heute ad acta gelegten Rassismus der einstigen Kolonialmächte stehen, liegt auf der Hand: "Die Konzeption einer aufsteigenden menschlichen Entwicklungsgeschichte jedenfalls ging mit der Vorstellung einher, dass in Afrika, Asien, Australien und Lateinamerika 'Naturvölker' lebten, die gleichsam als Hinterlassenschaft dieses gerichteten Evolutionsprozesses in einer Art Menschheitsmuseum verharrten. Und da diese Völker angeblich drohten, in naher Zukunft von der Zivilisation überrollt und ausgelöscht zu werden, sollten sie vor ihrem endgültigen Verschwinden noch einmal wissenschaftlich untersucht werden." Kann man sie nicht in ihren Heimatländern beerdigen?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2021 - Geschichte

Erica Zingher erinnert in einem großen Artikel in der taz an die Blockade von Leningrad durch die Deutschen vor achtzig Jahren. Eine Million Menschen verhungerte unter grausigen Umständen. Ein wichtiger Moment in der Wahrnehmung der Tat war die Rede des damals 95-hährigen Schriftstellers Daniil Granin im Bundestag. Granin hat die Hungersnot in seinem "Blockadebuch" geschildert. "Granins Rede ist das vielleicht wichtigste Zeichen, das in Deutschland für die Erinnerung an Leningrad gesetzt wurde. Denn lange war die Geschichte der Belagerung weit weniger bekannt als die Geschichte anderer Vernichtungsorte. Bis 1990 habe es in der Bundesrepublik keine Form von offizieller Erinnerung an die Leningrader Blockade gegeben, sagt Osteuropahistoriker Hans-Christian Petersen. Geprägt ist die Erinnerung damals durch militärische Erzählungen ehemaliger Wehrmachtssoldaten und individueller Familienerzählungen. Die Belagerung von Leningrad gilt deshalb lange Zeit in Westdeutschland als normale militärische Operation. Sie bleibt ein vager Kriegsschauplatz."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2021 - Geschichte

Der russische Autor Valery Schubinsky erinnert in der NZZ an die Belagerung von Leningrad durch die Deutschen vor achtzig Jahren. Er erzählt, wie er selbst in der Stadt nach dem Krieg aufwuchs und wie die Traumatisierung fortwirkte. Die quälendste Frage, die man sich nicht getraut habe zu stellen, sei gewesen: Warum hat man nicht kapituliert und statt dessen eine Million Tote hingenommen? Aber in Wirklichkeit war Kapitulation keine Option: "Die Vororte waren bereits besetzt. In Puschkin erlebten 50.000 Einwohner den Einmarsch der Wehrmacht. Gleich in den ersten Tagen wurden die Juden - 1.500 - ermordet. Über 6.000 weitere Bürger wurden mit der Zeit aus diversen Gründen - von verdächtig 'jüdischem' Aussehen bis zum Fehlen von Ausweispapieren - erschossen. 18.000 wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Die überwältigende Mehrheit aller anderen starb an Unterernährung und Erfrierung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2021 - Geschichte

Der Hohenzollern-Kronprinz Wilhelm war kein unpolitischer Kopf, wie es seine Nachfahren und der von ihnen bezahlte Historiker Lothar Machtan behaupten, schreibt der Historiker Norman Domeier in der FAZ. Er weist auf die Freundschaft Wilhelms mit Karl Henry von Wiegand, dem globalen Chefkorrespondenten des amerikanischen Presseimperiums von William Randolph Hearst, hin. Dieser hielt Wilhelm schon in den frühen Zwanzigern über Hitlers Ambitionen auf dem laufenden: "Die Beispiele zeigen, dass (Ex-)Kronprinz Wilhelm keineswegs nur in den frühen Dreißigerjahren politisch aktiv war, sondern schon lange die historische Entwicklung in seinem Sinne zu beeinflussen versuchte. Auch fiel er nie bei den Nationalsozialisten in Ungnade, die seine Schwächen gut kannten und ihn durchaus bei Laune halten wollten: Wilhelm gehörte zu den Auserwählten, die den berüchtigten 'Salon Kitty' besuchen durften, das politische Bordell im Berlin der Nazi-Zeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2021 - Geschichte

Tilman Spreckelsen hat für die FAZ eine Ausstellung in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt besucht über Kinderemigration aus Frankfurt am Main in den dreißiger und vierziger Jahren: "Mindestens 600 Kinder aus Frankfurt am Main gelangten mit den Kindertransporten ins Ausland. Das Deutsche Exilarchiv 1933-1945 beleuchtet von heute an in seinen Ausstellungsräumen in der Deutschen Nationalbibliothek sechs Einzelschicksale, die bei allen Unterschieden doch Facetten eines Gesamtbilds ergeben. Dabei ist jedem der sechs Kinder ein Kabinett gewidmet, das Fotos, Briefe, amtliche Dokumente und andere Zeugnisse enthält. ... In diesem Zusammenhang spielen die Fotos eine wichtige Rolle. Denn das Ziel der Ausstellung ist offensichtlich, auf eine Kontinuität der Lebensläufe zu verweisen, darauf, dass diese Biografien mit der Migration weder enden noch anfangen".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.08.2021 - Geschichte

In der taz erklärt sich der Münchner Geschichtswissenschaftler Philipp Lenhard den neuen Historikerstreit (unsere Resümees) um die Singularität des Holocaust, die kolonialen Verbrechen und Achille Mbembe auch mit dem Wandel globaler Hegemonie: "Erst in einigen Jahren wird sich abschließend beurteilen lassen, wie der zweite Historikerstreit ausging - und zwar nicht zuletzt abhängig davon, wie der Westen aus der globalen machtpolitischen Auseinandersetzung mit China hervorgehen wird. Schon jetzt nutzt der chinesische Imperialismus den Postkolonialismus als ideologische Soft Power, um seinen Einflussbereich in Afrika und Südostasien auszuweiten und die westliche Hegemonie zu torpedieren. Dabei stört das Wissen um die Spezifik des Holocaust nur insofern, als dieser sich eben nicht in das Schema des bösen westlichen Kolonialismus einfügen lässt. Solange die Vernichtung der europäischen Juden als ein 'westlicher Genozid' unter anderen rubriziert werden kann, kommt das Holocaustgedenken der chinesischen Staatsideologie dagegen nicht in die Quere."

In der Welt erinnert Kulturstaatsministerin Monika Grütters an die Vertreibung der Russlanddeutschen, die am 28. August 1944 von Stalin dekretiert wurde und ihrer Ansicht nach zu wenig Raum findet in der deutschen Erinnerung: "Rund 900.000 unschuldige Menschen wurden aus der Wolgaregion, aus den östlichen Gebieten der Ukraine, von der Krim, dem Kaukasus und aus weiteren Gebieten nach Sibirien und Kasachstan zwangsumgesiedelt. Rund 350.000 mussten unter qualvollen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Soweit sich das heute noch nachvollziehen lässt, kamen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs rund 150.000 Menschen durch Aussiedlung, Hunger und Zwangsarbeit ums Leben."

Weiteres: In der FR erinnert Arno Widmann an die Ermordung des Zentrumspolitikers Matthias Erzberger vor hundert Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2021 - Geschichte

In der Welt werden Anna Schneider und Tilman Krause von Georg Friedrich von Preußen und dem Historiker Lothar Machtan, der vom Prinzen mit einer fünfstelligen Summe für sein Buch "Der Kronprinz und die Nazis" gefördert wurde, empfangen, um über den Kronprinzen Wilhelm und die aktuelle Debatte zu sprechen. (Unsere Resümees) "Es gibt eine medial angeheizte Empörung über die vermeintliche Anmaßung einer längst entthronten Fürstenfamilie, heute noch Besitztitel an Kulturgütern aus öffentlichen Museen für sich zu reklamieren. Wobei das Haus Preußen zu einem notorischen Feind des Fortschritts schlechthin stilisiert wird", empört sich Machtan, während der Prinz von Preußen betont: "Dem Gerichtsverfahren sehe ich gelassen entgegen. Wie das Verfahren ausgeht, kann ich nicht prophezeien. Aber ich denke, es ist mein Recht als Bundesbürger, an Ansprüchen festzuhalten, die noch mein Großvater wie tausend andere auch vor über dreißig Jahren gestellt hat. Im Kern geht es um einen Ausgleich für unrechtmäßige Enteignungen von Immobilien, die nach 1945 in der späteren DDR vorgenommen wurden, sowie um Rückgaben von Mobilien. Daran halte ich fest. Aber das Buch ist aus meiner Sicht weder ein Vehikel, diese Ansprüche weiter zu verfolgen, noch ihnen im Wege zu stehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2021 - Geschichte

Einen "Hauch von Kryptomonarchie" spürte Jörg Häntzschel (SZ) bei der Präsentation von Lothar Machtans Hohenzollern-Buch "Der Kronprinz und die Nazis", bei der neben Historikern und Politikern wie Peter Altmaier, auch der Chef des Hauses Hohenzollern, Georg Friedrich Prinz von Preußen, der das Buch finanziert hat, anwesend war. Man lobte den "Mut", die Geschichte der Familie "schonungslos" aufzuarbeiten, berichtet Häntzschel und fragt: "Ist es mutig, den Kronprinzen nun als Nazi-Fan zu charakterisieren, nachdem die Familie ihn zu Anfang als verhinderten Widerständler hatte zeichnen lassen? Ist es mutig, ihn entgegen der Meinung der meisten Historiker als lächerliche Figur abzutun, die gar nicht in der Lage gewesen wäre, den Nazis Vorschub zu leisten? Gemeint ist offenbar beides zugleich. Was sie nicht sagen, ist, das dass dieser 'Mut' zwar kein schönes Bild des Kronprinzen produzieret, aber eines, das ausreichen könnte, um die Gerichte zu überzeugen, dass dem Mann für den 'erheblichen Vorschub' die intellektuellen und staatsmännischen Qualitäten fehlten." Ähnlich hatte unser Leser "abhs" bereits am Mittwoch kommentiert. Das Honorar, das Machtan von den Hohenzollern erhalten hat, war fünfstellig, ergänzt in der FAZ Andreas Kilb.

Derweil wurden am Berliner Kammergericht gleich vier Berufungsverfahren in Fällen verhandelt, die der Prinz von Preußen gegen Journalisten und Historiker angestrengt hatte, meldet Häntzschel außerdem. Der wichtigste Fall war wohl der um den Historiker Stephan Malinowski: "Malinowski hatte geäußert, dass sich die Hohenzollern seiner Auffassung nach die Erforschung ihrer Familiengeschichte öffentlich finanzieren lassen wollten. Es ging dabei um Details des Familienmuseums, das die Familie sich gern einrichten lassen wollte. Der Hohenzollern-Anwalt Markus Hennig stimmte zu, die Klage fallen zu lassen, nachdem Malinowski erklärt hatte, er werde die Aussage nicht wiederholen. Die Verfahrenskosten teilen sich beide Parteien." Ebenfalls in der SZ kommentiert Lothar Müller: "Das Problem der Hohenzollern ist, dass die Intensivierung der historischen Forschung über den Kronprinzen es immer unwahrscheinlicher macht, dass er am Ende als der politische Idiot dasteht, der ihre ökonomischen Restitutionsansprüche beglaubigen könnte." Stephan Malinowskis Buch "Die Hohenzollern und die Nazis" erscheint im September bei Ullstein (mehr hier).

Die Journalistengewerkschaft DJU hat einen Prozess, den die Hohenzollern gegen sie anstrengten, gewonnen, meldet die Gewerkschaft auf ihrer Website: "Gegenstand war eine Äußerung im ver.di-Medienmagazin M Menschen Machen Medien, in der es hieß, Prinz von Preußen habe sich als 'besonders klagefreudig erwiesen, was die wissenschaftliche und mediale Aufarbeitung der Geschichte seiner Familie angeht'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2021 - Geschichte

Der Historiker Leonid Luks erinnert bei den Kolumnisten an den Putsch vor dreißig Jahren, der die Sowjetunion nach der Intervention Boris Jelzins zum Kollaps brachte. Die Frage ist: Warum hat sich die Demokratie in Russland nicht gehalten, und warum haben sich die totalitären Strukturen wieder durchgesetzt. Luks vergleicht die russische mit der deutschen Erfahrung: "Wie die historische Erfahrung zeigt, ist die Überwindung eines totalitären Erbes ohne massive Unterstützung von außen schwer durchführbar. Die Tatsache, dass der westliche Teil Deutschlands nach dem wohl beispiellosen Zivilisationsbruch von 1933-1945 relativ schnell stabile demokratische Strukturen aufbauen konnte, war untrennbar mit dem Marshall-Plan und mit dem sonstigen Beistand der Staaten der freien Welt verbunden. Eine vergleichbare massive Unterstützung von außen fehlte den russischen Demokraten weitgehend. Dies war auch einer der Gründe für das Scheitern der im August 1991 gegründeten 'zweiten' russischen Demokratie."

"Mehr als 40 Prozent der Russen halten den Augustputsch laut Umfragen für ein trauriges Ereignis mit verheerenden Folgen", schreibt Silke Bigalke in der SZ zum 30. Jahrestag des Putsches gegen Michail Gorbatschow in Moskau: "Neben enttäuschter Hoffnung spricht daraus ein diffuses Gefühl von Verlust. Zwei Drittel der Russen bedauern das Ende der Sowjetunion - nicht nur, weil sie seitdem keine Bürger dieses Riesenreiches mehr sind. Damals brach auch ein Gesellschaftsentwurf zusammen, an dessen Stelle keine echte Demokratie getreten ist, sondern eine Imitation davon." In der NZZ erinnert sich Sonja Margolina sehr persönlich an den Putsch.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2021 - Geschichte

Joachim Käppner liest für die SZ Lothar Machtans Buch "Der Kronprinz und die Nazis" über den Kronprinzen Wilhelm. Die Frage ist bekanntlich, ob er den Nazis "erheblichen Vorschub" geleistet habe - nur in diesem Fall können seine Nachfahren weiter das sorglose Leben führen, das sie zu verdienen glauben. Nun stellt sich heraus, dass Wilhelm dazu möglicher Weise schlicht zu doof war: "Taktisch ein Tölpel, persönlich ein verprahlter Lebemann, strategisch ohne echte Verbündete: Der Kronprinz, so ließe sich Machtans These etwas verkürzt zusammenfassen, war ein royaler Narr und politisch ein solcher Idiot, dass er zum Aufstieg Adolf Hitlers an die Macht nichts Wesentliches beitragen konnte."