9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2021 - Geschichte

Die Historiker Matthias Häussler und Andreas Eckl präsentieren in der Zeit neues Archivmaterial aus dem Nachlass der Familie von Trotha über Lothar von Trotha, den maßgeblichen Kommandeur des Völkermords an den Herero und Nama. Sie stellen ihn als einen marodierenden Höfling dar, der keineswegs immer auf Geheiß der Oberen handelte. "Was für ein Bild Trothas zeichnet der Nachlass? Das Bild eines so eitlen wie unsicheren Mannes, der sich immerfort der Gunst des Kaisers und des Beifalls der Öffentlichkeit zu versichern suchte; der sich zu Höherem berufen fühlte, ohne seinen Aufgaben recht gewachsen zu sein; der eher ein ganzes Volk der Vernichtung preisgab, als militärische Fehler einzugestehen; der vor keiner Grausamkeit zurückschreckte, aber sich auch nicht zu schade war, sich bei anderen Höflingen auszuweinen, wann immer er sich in einem der zahllosen Konflikte aufzureiben drohte, die er in seinem Hochmut vom Zaun gebrochen hatte. Historische Deutungen, die Trothas Handeln als durch und durch intentional beschreiben, laufen Gefahr, seiner Selbstinszenierung noch im Negativen zu folgen. Lothar von Trotha aber war alles andere als 'der große General des mächtigen deutschen Kaisers', zu dem er sich stilisierte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.10.2021 - Geschichte

Kurt Kister berichtet in der SZ über den Historikertag, wo unter anderem über die klagefreudige Hohenzollern-Familie gesprochen wurde (auch der Perlentaucher wurde von der Familie teuer zur Unterlassung aufgefordert). Unter anderem lauschte Kister den Ausführungen des Medienrechtlers Wolfgang Schulz: "Den Hohenzollern-Fall kann man als Beispiel dafür verstehen, wie sehr die Freiheit der Wissenschaft (und auch die der Publizistik) in einer klagefreudigen Gesellschaft bedroht sein kann. Der Medienrechtler Schulz erläuterte die sogenannte SLAPP-Strategie von Firmen oder anderen finanziell gut gestellten Klägern; SLAPP steht für Strategic Lawsuits against Public Participation, strategische Klagen gegen öffentliche Beteiligung. Diese Art von oft auch 'präventivem' juristischen Vorgehen soll Einzelpersonen einschüchtern, nicht zuletzt, weil solche Auseinandersetzungen sehr teuer werden können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2021 - Geschichte

Vor achtzig Jahren verübten die Deutschen das Massaker von Babyn Jar. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat aus diesem Anlass in Kiew eine Rede gehalten. Im Gespräch mit Clemens Wergin von der Welt erläutert der Historiker Timothy Snyder ("Bloodlands"), dass auch schon in diesem "Holocaust durch Kugeln" jene technisch-organisatorische Dimension steckt, die zur Singularität des Holocaust gehört. "Zunächst einmal war es nur möglich durch institutionelle Kooperation. Weil nicht nur die SS-Einsatzgruppen involviert waren. Bei jedem großen Massaker war auch die Ordnungspolizei dabei, ohne deren massive Beteiligung wäre das nicht möglich gewesen. Und in Babyn Jar war auch die Wehrmacht beteiligt, die die Versammlungsposter gedruckt hat und Nachschub zur Verfügung stellte. Dann gab es noch Unterstützung durch lokale Kräfte, die im Laufe der Zeit eine größere Rolle spielten. Und so sehen die Deutschen, dass sie das tatsächlich tun können, und berichten es zurück nach Berlin." Snyder kritisiert in dem Gespräch die mangelnde Empathie der notorisch russophilen Deutschen für die Ukraine und Belarus und hofft, dass die Rede Steinmeiers einen Einschnitt bewirkt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2021 - Geschichte

Bisher hat der Historiker Stephan Malinowski, der vergangene Woche sein Buch "Die Hohenzollern und die Nazis - Geschichte einer Kollaboration" veröffentlichte, noch nichts von den Anwälten der Hohenzollern gehört, erzählt er im FAS-Interview mit Julia Encke, in dem er auch auf das "rechte Netzwerk" des Kronprinzen blickt: "Die Figur fällt ja 1930 nicht vom Himmel, sondern er ist seit dem ersten Tag der Republik als antirepublikanischer Handelnder aktiv, im Grunde bis 1945. Und man muss auch weiter ins Kaiserreich und in die Zeit vor 1914 zurückblicken. Eine antisemitisch und imperialistisch orientierte radikale Rechte, die den Kaiser und seine Regierung angreift, gibt es seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Und der Kronprinz hatte bereits vor 1914 Affinitäten zu diesem rechtsradikalen Rand des politischen Spektrums. Dies reißt 1918 nicht ab. Wenn man verstehen will, warum von dieser Figur noch so eine Dynamik ausgeht, muss man ihn in sein Milieu platzieren und das Milieu aus einer langen Entwicklung heraus deuten."

Wurde die Konstruktion des "Fremden", des "Barbarischen" zunächst auf alle Kulturen jenseits von Europa angewendet, weitete sich die Abwertung im 19. Jahrhundert auch auf die Arbeiterschaft in westlichen Gesellschaften aus, schreiben die Historiker Svenja Goltermann und Philipp Sarasin bei geschichtedergegenwart.ch: "Mit dem auch auf dem Kontinent sich zügig durchsetzenden Fabriksystem, das große Migrationsbewegungen vom Land in die Stadt, die Verslumung von Innenstädten und die Verarmung und Proletarisierung weiter Bevölkerungskreise mit sich brachte, schwoll auch der Chor jener an, die über die neuen 'Nomaden' in den Städten, ihre 'barbarischen' Sitten oder vielmehr ihren Sittenzerfall lamentierten. Noch 1904 hat der - sozialistisch gesinnte - Sexualreformer und Psychiater August Forel in seinem Bestseller Die Sexuelle Frage bemerkt, dass sich 'in belgischen alkoholisierten Industriebezirken die Menschen vielfach wie Tiere nachts auf den Straßen begatten, nicht viel feiner als betrunkene Kaffern in Südafrika'. Mehr Verachtung und bürgerliches Entsetzen war nicht möglich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2021 - Geschichte

Es reicht nicht, auf den Kronprinzen zu schauen, sagt der Historiker Stephan Malinowski, Autor von "Die Hohenzollern und die Nazis - Geschichte einer Kollaboration", im Gespräch mit Stephan Karkowsky von Dlf Kultur. Fast der gesamte Clan der Hohenzollern, die aktiven Prinzessinnen inklusive, bewegten sich in radikalen rechtsextremen Kreisen und setzten sehr wohl Hoffnungen auf die Nazis. Und der Kronprinz selbst hatte ein gutes Exempel parat, um den Nazis Vorschub zu leisten: "Natürlich spielt für den Kronprinzen und auch für den gefallenen Kaiser in Holland immer noch die Vorstellung eine Rolle, man könne den Thron wieder errichten, man könne eine Monarchie wieder errichten, vielleicht nach dem italienischen Modell. Seit 1922 ist in Italien ja der Faschismus in Form einer Monarchie, die kombiniert ist mit einem faschistischen Führer, vorhanden als Gebrauchsanweisung, auf die auch im Adel mit großem Interesse geschaut wird. Also der Kronprinz ist fasziniert von Mussolini, begeistert vom italienischen Faschismus, hat auf seinem Schreibtisch auch ein Bild des Duce und ist begeistert von der, wie er es nennt, genialen Brutalität, mit der in Italien die Linke ausgerottet wird - so nennt er das."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2021 - Geschichte

Die Historiker Stephan Malinowski ("Die Hohenzollern und die Nazis - Geschichte einer Kollaboration") und Henning Holsten schildern in der Zeit die Hohenzollern als einen Clan, der nach dem Ersten Weltkrieg die Klatschpresse beherrschte und, umgeben von windigen Beratern, nach politischem Einfluss suchte. Die Nazis sahen die meisten (nicht alle) Clan-Mitglieder als Chance: "Mit dem Aufstieg der NS-Bewegung änderte sich die Image- und Bündnispolitik der Familie. Die stetige Agitation gegen die Republik dockte in dem Moment an die NSDAP an, als diese aus dem Gestrüpp rechter Organisationen immer deutlicher als dynamischste Kraft hervortrat. In den Jahren 1932 bis 1934 bemühten sich in der Familie gleich drei Generationen um ein Bündnis mit dem Nationalsozialismus. 'Kaiserin' und 'Kronprinzessin' knüpften in Salons und auf Wohltätigkeitsveranstaltungen Kontakte, 'Kaiser' und 'Kronprinz' empfingen Göring und Hitler, der SA-Führer August Wilhelm und seine Brüder agierten für ein Bündnis der deutschnationalen und der nationalsozialistischen Kampfverbände."

Zum 75. Jubiläum der Urteile der Nürnberger Prozesse erinnert Ronen Steinke in der SZ daran, wie wenig die deutsche Rechtswissenschaft noch Jahrzehnte später von den völkerrechtlichen Prinzipien von Nürnberg hielt: "Der Bundesgerichtshof zitierte am 9. September 1958 in kühler Präzision eine ganze Reihe von Äußerungen westdeutscher Regierungsstellen, um zu untermauern, dass die Bundesrepublik keine einzige Entscheidung des Nürnberger Tribunals anerkannt habe. Das Urteil gegen 22 mächtige Männer des NS-Systems, Vernichtungskrieger wie Herrmann Göring oder Wehrmachtschef Wilhelm Keitel, Einpeitscher wie Stürmer-Chef Julius Streicher: Das sei nichts als Siegerjustiz gewesen. Die neu geschaffenen, internationalen Straftatbestände, nämlich Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und das Führen eines Angriffskriegs: Sie seien nicht einmal gültiges Recht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2021 - Geschichte

Der Autor und Filmemacher Andreas Pflüger hat sich für die Welt nach Oberursel begeben. Dort lag das Camp King, in dem die US-Armee nach dem Krieg ausgewählte Nazi-Funktionäre verwöhnte. Besonders der spätere CIA-Chef Allan Dulles zeichnete sich hier aus: Er schützte unter anderen Reinhard Gehlen und den SS-General Karl Wolff vor dem Gefängnis. "Dulles fühlte sich als baldiger Leiter der OSS Mission for Germany in Biebrich bei Wiesbaden zur 'Operation Kronjuwelen' inspiriert. So nannte er die Suche nach 'guten Nazis', die für Schlüsselpositionen im neuen Deutschland infrage kamen. Gehlen passte da bestens hinein. Karl Wolff hätte in Nürnberg neben Kaltenbrunner auf der Anklagebank sitzen müssen. Doch er wurde von Dulles, der über den SS-Schlächter schrieb, dass dieser 'an das Gute glaube' und ihn 'seltsam an Goethe' erinnere, vor einer Anklage geschützt."

Die Globalhistorikerin Marie Huber erzählt bei geschichtedergegenwart.ch die faszinierende äthiopische Geschichte, vor deren Hintergrund für sie auch der aktuelle Tigray-Konflikt zu lesen ist. Äthiopien schildert sie als ein ethnisch heterogenes Gebilde, in dem sich aber eine Legende mythischen Ursprungs durchsetzte. Demnach soll der legendäre "König Menelik I. aus einer flüchtigen Verbindung der sagenumwobenen Königin von Saba mit König Salomo von Jerusalem hervorgegangen sein". Auf diese Legende bezogen sich Haile Selassie, aber auch die Rastafari, und sie diente zur Unterdrückung zahlreicher nicht christlicher Ethnien, so Huber. Hier kommt auch die internationale Kulturpolitik ins Spiel, die nur das christliche Erbe Äthiopiens ins Welterbestätten adelte. Die Unesco wird so für Huber so zu einer Agentur des westlichen Kolonialismus, denn die archäologische Sicherung dient zugleich der nationalistischen Legende: "Die Geschichte dieser wissenschaftlichen Praxis ist eng mit der Geschichte der imperialen Expansion europäischer Staaten, mit rassistischen und kolonialen Ideologien verbunden. Die dazugehörige Systematik beinhaltet, dass die Inventarisierung und die territoriale Kontrolle von Kulturerbe unter staatlicher Oberhoheit stattfinden. So wurde ein dauerhafter Validierungs- und Referenzrahmen für die staatliche Produktion einer nationalen Geschichte geschaffen, der in Netzwerken von wissenschaftlichen und anderen internationalen Akteuren und Organisationen verankert war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2021 - Geschichte

Die hauseigene Geschichtsschreibung der Hohenzollern findet im Historiker Stephan Malinowski einen starken Gegner, stellt Lothar Müller in der SZ nach der Lektüre von dessen Buch "Die Hohenzollern und die Nazis" fest. Selbstverständlich findet Müller bei Malinowski etliche Belege dafür, dass die Kaiserfamilie den Nationalsozialisten Vorschub leistete: "Ausführlich dokumentiert er die 'Werbetätigkeit' der Hohenzollern in der Zeit des einsetzenden Terrors nach dem 30. Januar 1933 und dem Reichstagsbrand Ende Februar, die an die amerikanische Öffentlichkeit adressierten Einsprüche gegen die 'antideutsche Gräuelpropaganda'. Die Gewaltexzesse des NS-Staates, denen auch Kurt von Schleicher, der Duzfreund des Kronprinzen, zum Opfer fiel, gefährdeten die Annäherung der Hohenzollern an den Nationalsozialismus nicht. Außer August Wilhelm Prinz von Preußen und Hermine, der zweiten Gattin des Kaisers im Exil, gehörte niemand zum harten Kern der Nazis, schreibt Malinowski im Schlusskapitel - und fügt hinzu, dass die Nationalsozialisten sich ohne kollaborierende Gruppen am Ende der Weimarer Republik nicht hätten durchsetzen können: 'Der Kollaborateur ist keine Nebenfigur, sondern die Grundlage der NS-Diktatur.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2021 - Geschichte

Der Pergamonaltar war nicht der größte Kunstraub der Osmanischen Zeit, wie türkische Historiker gern behaupten, aber auch nicht so legal, wie deutsche Amtsträger das gern hätten, resümieren Jürgen Gottschlich und Dilek Zaptcioglu in der taz eine große Recherche zu der Frage. Legal war der Abtransport höchstens auf dem Papier: "Nach osmanischem Recht, einer Antikenverordnung aus dem Jahr 1874, die also vier Jahre vor Grabungsbeginn erlassen wurde, galt für ausländische Grabungen eine Drittelregelung. Ein Drittel der Funde sollte dem Ausgräber gehören, ein Drittel dem Landeigentümer und ein Drittel war dem Sultan, also dem Imperialen Museum in Konstantinopel, vorbehalten. Die in Deutschland, aber auch in Großbritannien und Frankreich, den beiden größten Konkurrenten im Wettlauf um die antike Beute im Osmanischen Reich, sehr populäre Erzählung, das islamische Reich hätte sich für das vorislamischen Erbe sowieso nicht interessiert, ist eindeutig falsch."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2021 - Geschichte

Klaus Hillenbrand berichtet in der taz über den Prozess gegen die ehemalige KZ-Sekretärin Irmgard F., die im Alter von 96 Jahren nun wegen Beihilfe zum Mord in 11.430 Fällen vor Gericht steht. Immerhin erfährt man in dem Prozess noch einiges über Strukturen in KZs wie dem von Stutthof: "Irmgard F. zählte zum sogenannten SS-Gefolge. So nannte man die weiblichen Zivilangestellten der SS, die in Frontlazaretten, bei der Polizei oder eben in Konzentrationslagern tätig waren. Ihre genaue Zahl ist bis heute unbekannt, aber in dem für weibliche Häftlinge errichteten KZ Ravensbrück sind etwa 3.500 Aufseherinnen in Kurzlehrgängen ausgebildet worden, oft junge Fabrikarbeiterinnen, für die der Job einem sozialen Aufstieg gleichkam."