In der SZ versucht Renate Meinhof zum sechzigsten Jahrestag des Mauerbaus zu verstehen, "warum es im Osten noch immer ein Gefühl von Zurücksetzung gegenüber dem Westen gibt": Im Gegensatz zum Westen glitt der Osten "von der Naziherrschaft auf direktem Weg in die nächste Diktatur. Befreier waren die Rotarmisten der Sowjetunion, auf deren Territorium Deutsche einen Eroberungskrieg gegen die 'minderwertige Rasse', die 'slawischen Untermenschen' geführt hatten. Gerade Frauen, die bei Kriegsende in den Ostgebieten und in der Ostzone aus Rache massenhaft Opfer von Vergewaltigungen wurden, waren zum Schweigen verurteilt, denn die Befreier sollten Freunde sein. Die 'unverbrüchliche Freundschaft zur Sowjetunion' wurde Staatsdoktrin. Sie vererbten das Schweigen, die Vorsicht, ihre Beklommenheit und deuteten, was ihnen widerfahren war, als Schuldzahlung für das, was Väter, Männer, Söhne im Krieg getan hatten. Auch die schwiegen."
Außerdem: Zum sechzigsten Jahrestag des Mauerbaus zeichnet Sven Felix Kellerhoff in der Welt die Zeit vor dem Mauerbau nach.
Karl Liebknechts "Tod gehört in die lange Reihe politischer Morde von rechts, in Deutschland heruntergespielt bis heute," schreibt Wilhelm von Sternburg in der FR zum 150. Geburtstag Liebknechts. Schon 1924 legte der Statistiker Emil Julius Gumbel dar, dass von 376 politisch motivierten Morden in Deutschland zwischen 1919 und 1923 354 Morde Rechtsradikale zu verantworten hatten, so Sternburg: "Im Verfassungsschutzbericht 2020 wurden vor wenige Tagen Zahlen präsentiert, die zumindest entfernt an Gumbels Untersuchungen erinnern. Im Berichtszeitraum gab es danach in der Bundesrepublik 22.357 politisch motivierte Straf- und Gewalttaten von rechts und 9.600 von links. Denkt man an die gigantische Aufrüstung, die die Sicherheitskräfte der Bundesrepublik in den Zeiten der RAF-Morde erfuhren, und vergleicht damit die zögerlichen Ermittlungen und fatalen Täterdiskussionen, die fast ein Jahrzehnt die Suche nach den Mördern aus den Reihen der rechtsradikalen NSU prägten, dann erkennt man: Berlin ist nicht Weimar, aber die Einäugigkeit bei der Verfolgung politischer Gewalttaten haben die deutschen Sicherheitsbehörden nicht verloren."
"Die deutsche Frage ist mit der Wiedervereinigung vom 3. Oktober 1990 endgültig gelöst", sagt der HistorikerHeinrich August Winkler im FR-Interview mit Peter Riesbeck zum 60. Jahrestag des Mauerbaus, in dem er auch auf die Debatte zur Rolle des Kaiserreichs, angestoßen von der Historikerin Hedwig Richter, die in ihrem Buch "Demokratie. Eine deutsche Affäre" das Kaiserreich als Ursprung der Moderne in Deutschland (Unsere Resümees) beschreibt, eingeht: "Es war beides. Auf der einen Seite moderner Industriestaat, auf der anderen Seite aber in obrigkeitsstaatlichen Traditionen verhaftet. Bismarck hatte 1870/71 allein die Einheitsfrage beantwortet, aber auf die Freiheitsfrage nur eine sehr begrenzte Antwort gefunden. Das Kaiserreich kannte das allgemeine gleiche Wahlrecht für Männer. Das war damals ausgesprochen fortschrittlich, Musterdemokratien wie Belgien oder Großbritannien kannten das nicht. Über eine Regierung, die dem Parlament jenseits des Budgetrechts verantwortlich war, verfügte das Kaiserreich aber nicht. Der Reichskanzler war dem Kaiser verantwortlich. Dessen militärische Befehlsgewalt unterlag nicht der ministeriellen Gegenzeichnung. Insofern ragte ein Stück Absolutismus in das Kaiserreich hinein."
"Wird es unser Jahrhundert endlich schaffen, eine umfassende Entkolonialisierung zu leisten?", fragtMichi Strausfeld in einem Artikel in der NZZ, in dem sie an die Kolonialzeit Mexikos erinnert: "Obwohl Lateinamerika bereits vor zweihundert Jahren seine Unabhängigkeit errang, bleiben viele Narben der drei Jahrhunderte währenden Kolonialherrschaft: eine hierarchische Gesellschaft, wo die Indigenen auf der untersten Stufe der Pyramide standen. Ungerechte administrative Strukturen, riesige Latifundien und Bodenschätze im Privat- oder ausländischen Besitz zementierten eine enorme Einkommensungleichheit, eine der höchsten der Welt. (…) 2021 feiert Mexiko also seine 200-jährige Unabhängigkeit und erinnert zugleich an den Fall von Tenochtitlán. Die Regierung von Präsident López Obrador weist nachdrücklich darauf hin, dass die Alte Welt eine Schuld zu begleichen hat, vor allem Spanien und die katholische Kirche. Er fordert Entschuldigungen von Krone und Vatikan für die Dezimierung und Ausbeutung der Indigenen, für ihre brutale Christianisierung, für die Vernichtung der autochthonen Hochkulturen."
Auch in den Niederlanden wird über die Rolle des Landes im Kolonialismus und über die in der Karibik praktizierte Sklaverei nachgedacht, schreibt Thomas Gutschker in der FAZ. Zum Katalysator wurde die Diskussion um den "Schwarzen Piet", eine rassistisch gezeichnete Karnevalsfigur. Und eine Vorreiterrolle spielte die Stadt Amsterdam: "Die grüne Bürgermeisterin Femke Halsema hatte nach ihrer Ernennung 2018 rasch klargemacht, dass sie für die Rolle, die die Stadt in einer fast 300 Jahre langen Kolonial- und Sklavereigeschichte gespielt hatte, um Entschuldigung bitten wollte. 'Wir wollten das aber erst mal wissenschaftlich untersuchen lassen', sagt Jan-Bert Vroege, der für die linksliberale Partei D66 im Stadtrat sitzt, die zweitstärkste Fraktion nach den Grünen. Alle Parteien waren dafür, bis auf drei Rechtspopulisten. Das Ergebnis der Studie sei dann überraschend ausgefallen: 'Die Stadt war viel stärker in den Sklavenhandel verstrickt, als wir dachten.' Mehr als die Hälfte der Plantagen in Surinam gehörte der Stadt."
In der FAZ kommt die Historikerin Stefanie Coché auf die "Aktion T4", den Mord an psychisch Kranken in der Nazizeit, zurück. Diese Aktion wurde 1941 nach Protesten abgebrochen, aber das heißt nicht, dass das Sterben aufhörte, so Coché. Dennoch ließen Angehörige Verwandte in Kliniken einweisen, obwohl Gerüchte über Tötungen und ominöse frühe Tode weiter kursierten: "Dass die Möglichkeit der Krankenmorde akzeptiert wurde, ohne daraus Konsequenzen für das eigene Verhalten abzuleiten, ist als Zeichen der Radikalisierung innerhalb der nationalsozialistischen Gesellschaft zu lesen. Manche Familien bemühten sich noch, Einweisungen zu vermeiden oder in ihren Augen sichere Anstalten auszuwählen, für andere war die Nutzung der Anstalten jedoch trotz deren Pervertierung ein normales Vorgehen."
Außerdem: In der Welt schreibt Thomas Schmid den Nachruf auf den im Alter von 73 Jahren verstorbenen Germanisten und Historiker Rolf Hosfeld, dank dem der Völkermord der Jungtürken an den Armeniern in den Jahren 1916 und 1917 in der deutschen Öffentlichkeit als einer der ersten Genozide des 20. Jahrhunderts wahrgenommen wurde.
Cover der deutschen Erstausgabe im Verlag Olle & Wolter 1982René Schlott erinnert in der Zeit daran, gegen welche Widerstände der Holocaust überhaupt erst in die historische Wahrnehmung gerückt werden musste. Weitgehend unbemerkt erschien vor sechzig Jahren Raul Hilbergs grundlegende Studie zur Vernichtungen der europäischen Juden. Jahrzehntelang wurde es nicht ins Deutsche übersetzt: "Der kleine, heute nicht mehr existierende Kreuzberger Verlag Olle & Wolter brachte Hilbergs Studie schließlich 1982 auf Deutsch heraus. Es war die erste Übertragung des Werkes in eine andere Sprache. Weitere Übersetzungen, unter anderem ins Französische, folgten." Sehr empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang Götz AlysText über die Publikationsgeschichte von Hilbergs Buch im Perlentaucher.
Niemals sei in der Zeit des deutschen Kolonialismus "daran gedacht worden, ganze Bevölkerungen einfach nur deswegen auszulöschen, weil sie einer bestimmten Gruppe oder einer bestimmten Religion oder Ethnie angehörten", hatte Götz Aly im von uns leider übersehenen Dlf-Kultur-Gespräch vom 13. Juli mit Eckhard Roelcke scharf auf A. Dirk Moses (Unsere Resümees) geantwortet. In der Debatte sieht er zudem "den Versuch von Leuten, die zum Thema Kolonialismus arbeiten, sich mit der Decolonize-Bewegung beschäftigen und auch öffentliche Kampagnen führen, an Wichtigkeit zu gewinnen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken." Außerdem verurteilt er, dass solche Bewegungen "in leichtsinniger Weise öffentlich mit Steuermitteln gefördert" werden. Aufmerksamkeit verdankt die Kolonialismus-Forschung Moses zwar durchaus, antwortet Harry Nutt, der sich in der FR aber von Moses' "steilen Thesen" distanziert: "Der Bogen ist weit gespannt, und der Verdacht auf Sprechverbote gibt eine Tonlage vor, mit der Moses bereit scheint, in die Vollen zu gehen. Ohne Umschweife knüpft er an den Historikerstreit der achtziger Jahre an, in der allen voran der Historiker Ernst Nolte darum bemüht war, die Vernichtung der Juden als eine vom Bolschewismus provozierte 'asiatische Tat' zu beschreiben."
Götz Aly antwortet heute ebenfalls in der Zeit auf Brigitta Hauser-Schäublin, die von einem legitimen Erwerb des Luf-Bootes sprach (unser Resümee), von dem Alys neuestes Buch handelt (Vorabdruck im Perlentaucher). Das Boot ist bekanntlich eines der Prunkstücke im Humboldt Forum. Aly bleibt bei seiner Darstellung. Eduard Hernsheim, der das Boot nach Berlin bringen half, hatte zwanzig Jahre zuvor selbst für die Zerstörung der Kultur gesorgt, die es hervorgebracht hatte: "Das Kanonenboot Hyäne und die Kreuzerkorvette Carola führten die sogenannte Strafexpedition um die Jahreswende 1882/83 durch. Zuerst belegten sie die sechs Quadratkilometer große Insel mit einer Kanonade und schnitten die Fluchtwege ab; sodann durchkämmten 300 Marineinfanteristen das Inselchen. Sie zerstörten alle Boote (insgesamt 54), 'alles kleine Eigentum', zündeten sämtliche Hütten an (insgesamt 67) und töteten eine unbekannte Anzahl von Menschen. Deutsche Verluste gab es nicht."
Im Standard-Interview mit Stefan Weiss geht auch der neue Direktor des Wiener Weltmuseums, Jonathan Fine, der als ehemaliger Leiter des Ethnologischen Museums in Berlin das Luf-Boot betreute, auf Alys Vorwurf ein: "Die Geschichte der Insel Luf ist natürlich eine, die die Kolleginnen und Kollegen im Ethnologischen Museum kannten und auf dem Schirm hatten. Die Frage, wie man das Boot im Zusammenhang mit den äußerst gewaltsamen Vorfällen zu sehen hat, ist aber eine umstrittene. Die Erwerbung des Boots fand zwanzig Jahre nach der deutschen Strafexpedition statt. Das ist anders als in Namibia, wo man weiß, dass Objekte direkt aus dem genozidären Kontext ins Museum gelangt sind. (…) Es gibt keinen klaren Beleg für einen Kauf, aber auch keinen klaren Beleg für das Gegenteil. Ich glaube, die zentrale Frage ist: Wie geht man mit diesen Grauzonen um?"
Außerdem: In der FRerinnert Arno Widmann daran, dass Adolf Hitler heute vor hundert Jahren zum Parteivorsitzenden der NSDAP gewählt wurde: "Die Szene am Abend des 29. Juli 1921, als im Hofbräuhaus ein paar Hundert NSDAP-Mitglieder freudig Adolf Hitler ihren Führer nannten, zeigt wie unter einem Vergrößerungsglas, was in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahezu überall auf der Welt stattfand: Menschen wählten statt der Freiheit die Knechtschaft. Es war keine Frage von rechts oder links. Es geschah auf beiden Seiten. Das Führerprinzip eroberte halb Europa, Russland und China, ein paar Länder Lateinamerikas. In Afrika spielte es keine Rolle. Bis zur Befreiung. Als die afrikanischen Staaten die Kolonialherren hinauswarfen, bekamen auch sie es mit Formen totalitärer Macht, mit Genozid und Führerkult zu tun."
In der NZZstellt uns Jean-Pierre Jenny den italienischen Arzt Gaspare Tagliacozzi vor, der im Bologna des 16. Jahrhundert die plastische Chirurgie mitbegründete. Dabei ging es zumeist um die Rekonstruktion von verstümmelten Gesichtern nach einem Krieg oder einem Duell. Abgeschlagene Nasen waren sein Spezialgebiet, die er mittels "Aufpfropfung", wie er in einem Traktat beschrieb, rekonstruierte. "Für seine Operation, führt Tagliacozzi aus, eigne sich ein wenig behaartes Hautstück, zum Beispiel eines vom Oberarm. Der Hautlappen, der auf den lädierten Nasenstummel transplantiert werden soll, lasse sich leicht vom tiefer liegenden Muskelfleisch ablösen. Die Schale, auf der die Instrumente bereitlagen, sollten die Patienten nach Tagliacozzis Meinung besser nicht zu sehen bekommen. Nach diesen Vorbereitungen könne der Chirurg dann mit der Operation beginnen - 'wohlgemut und zügig' ('jucunde et cum celeritate')." Nachdem die Haut (angeblich schmerzlos) abgenommen, angenäht und wieder durchblutet war, "fixierte er eine Schablone mit der gewünschten Form der Nase, und diese Schablone hatte der Patient fortan zu tragen - bis zur Ausheilung konnte es nach Tagliacozzis Erfahrung an die zwölf Monate dauern."
Mit unnachgiebigem Lobbydruck hat es eine Lesbengruppe geschafft, im KZ Ravensbrück ein Gedenkzeichen für verfolgte Lesben anbringen zu lassen, obwohl es keine systematische Verfolgung von Lesben im Dritten Reich gab, schreibtAlexander Zinn, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frankfurter Fritz Bauer Institut, bei cicero.de. Zinn spricht mit einem Begriff der Historikerin Sandra Kostner von "Agendawissenschaft", dem nachträglichen Versuch, durch einen zielgerichteten Blick in die Geschichte eine aktuell genehmes Bild seiner Gruppenidentität zu rekonstruieren: "Klassische Beispiele aus den fünfziger Jahren sind die Versuche, die Katholische Kirche, die Jugendbewegung oder gar die Wehrmacht zu einem Hort der NS-Opposition zu stilisieren - Versuche, die einer differenzierten historischen Betrachtung nicht standhalten konnten. Heute sind entsprechende Bemühungen vor allem in den neuen sozialen Bewegungen, so etwa in der LGBTI-Bewegung zu verzeichnen."
Raquel Erdtmann erinnert in der Welt an 1700 Jahre Judentum in Deutschland. Eine wenig optimistisch stimmende Geschichte, die entsprechend auf einer pessimistischen Note endet: "Dass Überlebende des europaweiten Völkermords wieder Vertrauen fassten, im Land der Täter leben zu können, wurde Jahrzehnte als Geschenk und eine Art Chance begriffen, die ungeheuerliche Sache ein wenig zu heilen. Mit Kränzen, Gedenkstunden, Sich-auf-die- Brust-Schlagen und mit ehrlichem Entsetzen bei vielen darüber, wozu ein Volk fähig ist und einem 'Wehret den Anfängen'. All dies gilt den Toten, ist der Eindruck. Die lebenden Juden sind die neuen Nazis, eine Katharsis. Juden sind wieder die 'anderen', die Fremden, eine Projektionsfläche für links und rechts, für die Islamisten sowieso."
Außerdem: Der Gräzist Anton Bierl vertieft sich für die NZZ in Thukydides' Beschreibung des Peloponnesischen Krieges, der mit dem Ausbruch einer verheerende Epidemie in Athen einher ging. Und in der Welt schreibt Thomas Schmid zum Tod des polnischen Historikers Włodzimierz Borodziej.
Welt-Autor Thomas Schmid schreibt einen Nachruf auf den polnischen Historiker Wlodzimierz Borodziej, der im Alter von 64 Jahren gestorben ist: "Nur ein kleiner Teil von Borodziejs Werken ist ins Deutsche übersetzt worden. Darunter das zweibändige, zusammen mit Maciej Górny herausgegebene Werk 'Der vergessene Weltkrieg. Europas Osten 1912-1923'. Es eröffnet einen für Westeuropäer ganz neuen, weiten Blick auf die Zeit des 'Großen Krieges' von 1914 bis 1918. Wir sind es gewohnt, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die großen Schlachten im Westen in den Mittelpunkt zu stellen. 'Der vergessene Weltkrieg' zeigt mit einer gewaltigen Materialfülle, dass damals im Osten Europas ein Drama im Gang war, das in der westlichen Erinnerung überhaupt nicht präsent ist."
War die Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ein "Völkermord"?, Der Bundestag sah es 1954 so, schreibt der Historiker Manfred Kittel, Gründungsdirektor der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung, in der FAZ. Dabei konnte sich der Bundestag auf die durchaus weit gefasste Begrifflichkeit der UN zum Begriff des Völkermords beziehen, der eine kulturelle Auslöschung einschloss: "Nach der UN-Konvention strafbare Handlungen im Kontext dieser Absicht, wie die Verursachung von schweren körperlichen oder seelischen Schäden oder die vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen, die geeignet sind, die Gruppe zu zerstören, waren vom Lager Potulitz bei Bromberg (im heutigen Polen) bis ins donauschwäbische Rudolfsgnad (in Jugoslawien) in zahllosen Fällen verübt worden. Der Konsens der alliierten Siegermächte, die vertriebenen Ostdeutschen im Westen keinesfalls geschlossen, sondern möglichst zerstreut anzusiedeln und etwa Eisenbahntransporte gezielt auseinanderzureißen, hat die Atomisierung der betreffenden Volksgruppen dann nur noch besiegelt."
In einem interessanten Interview mit Maden Glavic von der Welt spricht die in Stanford forschende britische Historikerin Kathryn Olivarius hat die Wechselwirkungen von Krankheit, Ökonomie und Gesellschaft am Beispiel von New Orleans im 19. Jahrhundert. Damals wütete dort das Gelbfieber. Die Menschen - zumeist Einwanderer aus Deutschland, Irland oder dem Norden der USA und die Sklaven - starben wie die Fliegen am "schwarzen Erbrechen", von dem niemand wusste, wie es entstand oder übertragen wurde und wie man sich davor schützen konnte. Da singt man gleich ein Loblied auf seine Coronaimpfung! "Das gesamte Leben in New Orleans war vom Immunkapital bestimmt, betont die Historikerin: 'Wenn man nicht immun gegen Gelbfieber war oder man von anderen Menschen nicht als immun wahrgenommen wurde, konnte man keine Arbeit bekommen. Man konnte kein Darlehen aufnehmen, sich an bestimmten Orten nicht niederlassen und keine Lebensversicherung abschließen. Bestimmte gesellschaftliche Kreise blieben einem verwehrt.' Die Folgen dieses Umgangs mit der tödlichen Seuche muss man als Paradox bezeichnen: Denn 'einerseits fürchtete man sich vor dieser Krankheit, weil man Angst vor dem Tod hat, aber andererseits wollte man sie unbedingt bekommen, denn wenn man sie nicht bekam [und überlebte], konnte man in gewisser Weise nie ein richtiges Leben führen', beschreibt Olivarius die Lage."
Die Versöhnung zwischen Deutschen und den Nachfahren der von Deutschen umgebrachten Herero und Nama ist durch die jüngsten Verpflichtungen der Deutschen längst nicht abgeschlossen, schreibt der in Pretoria lehrende Politologe Henning Melber bei geschichtedergegenwart.ch. Dabei erzeugen die Kolonialverbrechen einen bleibenden Schmerz: "Jenseits der irreversiblen demografischen Folgen für die Betroffenen der Massenvernichtung manifestiert sich diese Geschichte vielmehr fortwährend in der vom Siedlerkolonialismus geschaffenen sozio-ökonomischen Ungleichheit. Nicht zuletzt die Verteilung des damals geraubten Landes, das immer noch ganz überwiegend im Besitz von weißen und insbesondere deutschsprachigen Farmern ist, bleibt eine tägliche Erinnerung."
Wladimir Putin ist ein Geschichtspolitiker. Neulich hat ihm Zeit online seine Seiten für seine Fabrikationen zur Verfügung gestellt (unser Resümee), nun setzt er seine Bemühungen fort, berichtet Friedrich Schmidt, der Moskau-Korrespondent der FAZ: "Das neueste Werk Putins trägt die Überschrift 'Über die historische Einheit der Russen und Ukrainer'. Er hatte den Artikel Ende Juni im 'Direkten Draht' angekündigt, einer einmal im Jahr stattfindenden Sendung des Staatsfernsehens mit Fragen aus der Bevölkerung an den Präsidenten. Da hatte Putin gesagt, was er seit seiner Rede zur Annexion der Krim im März 2014 unzählige Male wiederholt hat: Russen und Ukrainer seien ein Volk. In dem am Montagabend auf der Website des Kremls veröffentlichten Text holt Putin nun weit in die Vergangenheit aus, um diesen Satz zu begründen." Hier die englische Version auf der Website des Kreml.
Die Mehrheit der Deutschen hat die Coronamaßnahmen akzeptiert, auch die Impfbereitschaft ist groß. Dabei ist das deutsche Gesundheitssystem vor allem auf die Behandlung individueller Patienten ausgerichtet, die Pandemie hat das Individuelle allerdings zugunsten des Gemeinschaftlichen schwer auf die Probe gestellt, sagt der Gesundheitswissenschaftler Oliver Razum im Zeit-Online-Gespräch mit Claudia Wüstenhagen (hinter Paywall). Den Grund dafür sieht er in der deutschen Geschichte: "In der Nazizeit wurde die 'Volksgemeinschaft' als Ideologie über das Individuum gestellt, über alles andere, und das hat bekanntermaßen zu fürchterlichen Verbrechen geführt. Insofern gibt es nachvollziehbare Vorbehalte gegen Schlagworte wie 'Gemeinschaft', gerade beim Thema Gesundheit. Die Nazis haben die 'Volksgesundheit' in eine Richtung ausgedeutet, die auf angebliche genetische, rassische Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen abhob, die überhaupt nicht existieren. Mit dazu bei trugen ausgerechnet die Gesundheitsämter, die ja eigentlich für viele Aufgaben in der öffentlichen Gesundheitspflege verantwortlich sind."
Seit 1991 sind etwa die Hälfte der 7000 jugoslawischen Partisanendenkmäler in Kroatien zerstört oder beschädigt worden, schreiben in der NZZ Ksenija Cvetković-Sander und Martin Sander, die mit Überlebenden wie dem ehemaligen Partisanen Ivo Karamatic gesprochen haben: "Er kann es nicht fassen, dass es im unabhängigen, demokratischen Kroatien der Gegenwart Straßen gibt, die nach Ustascha benannt sind, und dass der Ustascha-Gruß - 'Za dom spremni' ('Für die Heimat bereit') - immer wieder in der Öffentlichkeit ertönt, während man den Partisanen ihre Würde nehme. Die Verantwortung trägt seiner Meinung nach die nationalpopulistische Regierungspartei Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ)."
Florian Coulmas bespricht für die NZZ die große Ausstellung über Sklaverei im Amsterdamer Rijsksmusum (unser Resümee) und beleuchtet nebenbei das Verhältnis der Niederländer zu ihrer eigenen Geschichte, das in Umfragen erkundet wurde: "Im Laufe der rund zweieinhalb Jahrhunderte vom Ende des 16. bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren etliche Städte, insbesondere Rotterdam und Amsterdam, direkt in den Sklavenhandel verwickelt und profitierten beträchtlich davon. Darum wird auch darüber diskutiert, ob vonseiten der Städte Entschuldigungen geäußert werden sollten. Dies hält gegenwärtig freilich nur ein Fünftel aller Bürger für angebracht."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
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