Der niederländische
Schriftsteller Arnon Grünberg sieht in der
NZZ die Debatte über die
Ausschreitungen in Amsterdam, während derer jüdische Fußballfans durch die Straßen gejagt wurden (
unsere Resümees), als Folge von Identitätspolitik und ruft zu einem gewissen Maß an Relativierung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf. "Ob es um 9/11, den 7. Oktober 2023 oder die Jagd nach einem Fussballspiel in Amsterdam geht: Die Reaktion, die Überreaktion, ist unter Umständen schädlicher als der Vorfall selbst. Relativieren ist
nicht nur eine Überlebensstrategie, sondern auch ein Weg, um zu koexistieren. Natürlich kann die Relativierung zu Verharmlosung führen, zum leichtfertigen Herunterspielen von schweren Verbrechen. Aber solange wir in einer Kultur leben, in der persönliche Subjektivität und Identität Götzen sind, in der jeder die Krone der Opferrolle tragen will, ist eine solche Relativierung eine nützliche Medizin."
Christine Beck fordert in der
Welt indes die klare Bennnung der Schuldigen: "Die organisierten Banden, die in Amsterdam Juden jagten, waren keine Freiheitskämpfer, sondern blindwütige Schläger. Es stellt sich die Frage: Ist es nicht an der Zeit, eine realistische Sicht zum Judenhass muslimischer junger Männer zu entwickeln, ohne gleich als islamophob gebrandmarkt zu werden?
Resolutionen helfen kaum weiter, auch nicht Schulung und Aufklärung. Wenn die Jungs andere Menschen zwingen, ihre Pässe vorzuzeigen, wenn sie sie verletzen oder ins Wasser stoßen wie in Amsterdam, sind sie keine Freiheitskämpfer, sondern Kriminelle."
Vor kurzem zog der Historiker
Werner Plumpe in der
FAZ eine verheerende Bilanz der deutschen Politik und verglich die Situation mit den letzten Momenten der DDR (
unser Resümee). In der
FAZ antwortet heute der Historiker
Hartmut Berghoff: Weder die Vergleiche mit der DDR noch mit dem Kaiserreich seien angemessen, stellt er klar. Gerade wirtschaftlich gehe es Deutschland immer noch sehr gut. Dass es Probleme gibt, sei aber nicht von der Hand zu weisen. Berghoff sieht hier zum Beispiel den
Sozialstaat als Baustelle: "Er verschlingt schon jetzt auf Bundesebene bei Einbeziehung aller Ministerien über 50 Prozent des Haushaltes. Die Kosten des Sozialsystems betragen etwa das Zehnfache aller Investitionen der öffentlichen Hände. Der heute real existierende Sozialstaat ist schon aus demographischen Gründen langfristig unhaltbar. Seine Kostenexpansion ist gleichsam auf Autopilot gestellt. Der Bedarf an Zuschüssen der Sozialkassen aus dem Haushalt wächst ständig. Die Verlockung, über
neue soziale Wohltaten Wählerstimmen gleichsam zu kaufen, besteht fort. Der Sozialstaat hat sich partiell von einem System für bedürftige Menschen in Not zu einer allgemeinen Alimentierungsagentur entwickelt, die auch gut situierten Bürgern Leistungen auszahlt. Die Pflegeversicherung wird zuweilen als "Erbenschutzversicherung" verspottet, da sie
selbst Millionäre entlastet."