Essay

Oktober-Dämmerung

Von Mitchell Cohen
19.11.2024. Der 7. Oktober hat auch in New York Aufruhr und Verwirrung gebracht. Kaum ein Bereich des öffentlichen Lebens, von den Universitäten bis zum Öffentlichen Nahverkehr blieb unberührt. Besonders charakteristisch war der Streit um den PEN America, der nicht einfach auf die pro-BDS-Linie vieler Schriftsteller einschwenken wollte. Erinnerungen an die Rushdie-Affäre werden wach. Ein Brief aus New York
Mitchell Cohen wird künftig für den Perlentaucher in unregelmäßigen Abständen einen "Brief aus New York" senden. D.Red

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Auf einer vorgelagerten Insel an der nordamerikanischen Atlantikküste, auf der ich lebe, gab es im vergangenen Jahr Aufruhr. Er war auf einen Konflikt zurückzuführen, der 9.100 Meilen entfernt war.

Er überschwemmte Medien und Straßen, verunsicherte Universitäten und kulturelle Einrichtungen.

Die Insel: Manhattan. Der Streit breitete sich auf andere Bezirke von New York, auf andere Städte und Universitäten aus, vor allem auf Eliteuniversitäten. Und er hatte globale Entsprechungen.

Der ferne Konflikt: Israel und Gaza.

Studentendemonstrationen in den 1960er Jahren konzentrierten sich auf die Bürgerrechte und Vietnam. Die "Gaza"-Demonstrationen sind anders, auch wenn einige Slogans an die der Neuen Linken zum Zeitpunkt ihres Aufbruchs vor einem halben Jahrhundert zu erinnern scheinen. Die Proteste an den Universitäten mögen ähnlich aussehen, aber sie gleichzusetzen wäre mechanische Nostalgie. In den 1920er Jahren störten rechtsgerichtete Studenten der Action Française die Pariser Universitäten und schikanierten linke Professoren. Abgesehen vom Alter der Aktivisten hatten diese Ereignisse keine Ähnlichkeit mit 1968.

Im Gegensatz zu Vietnam und den Bürgerrechten ist der Kern des israelisch-palästinensischen Konflikts eine Tragödie - Recht und Unrecht auf beiden Seiten. Die Vehemenz ist verdächtig selektiv. Es gab keine Studentenproteste, die forderten: "Vom Tschad bis zum Roten Meer wird der Sudan frei sein!" Doch der Bürgerkrieg im Sudan begann fast sechs Monate vor der Explosion in Gaza. Südafrika hat keine Klage in Den Haag eingereicht, wie es das gegen Israel getan hat.

Bürgerrechtler im Amerika der 1960er Jahre sahen sich vor laufenden Kameras mit knüppelschwingenden Polizeischlägern konfrontiert. Junge Männer verweigerten den Dienst in Vietnam, indem sie ihre Einberufungsbescheide illegal in der Öffentlichkeit verbrannten. Im Gegensatz dazu lauteten die Forderungen der Demonstranten des vergangenen Jahres, die oft hinter Masken vorgebracht wurden, häufig: "Beseitigt Israel, schont die Demonstranten".

Aber natürlich warfen die Proteste die dringlichsten Fragen der liberalen Demokratie auf - zu Rede- und Versammlungsfreiheit und deren Grenzen. Viele Demonstranten stellten das Existenzrecht Israels in Frage. Sie bestanden darauf, dass "Antizionismus" nicht "antisemitisch" sei, auch wenn ihre eigenen Sprechchöre von altbekannten Motiven durchsetzt waren, bei denen das eine oder andere Wort nur ausgetauscht wurde: Die geheime "zionistische" Macht lauere überall. In den Sprechchören hieß es: "Palästina ist arabisch", nicht "Zwei Staaten für zwei Völker", der Slogan der israelischen und palästinensischen Tauben (der jedoch von der Hamas und Netanjahu gleichermaßen abgelehnt wird). Viele Akademiker betonen zu Recht, dass Redefreiheit nur dann besteht, wenn sie auch Ideen einschließt, die man verabscheut. Dennoch ziehen sie saure Mienen, wenn sie gefragt werden, ob dies auch den Ku-Klux-Klan einschließt.

Salman Rushdie schreibt in seinem autobiografischen Buch "Joseph Anton" über den Blitzkrieg gegen die "Satanischen Verse" in den Jahren 1988 und 1989, als die Informationsrevolution noch relativ jung war. Er spricht von sich in der dritten Person: "Es war schwierig, die Effizienz seiner Gegner nicht zu bewundern. Faxe und Telexe flogen von Land zu Land, einseitige Denunziationen voller Aufzählungspunkte wurden in Umlauf gebracht ... und schon bald sangen alle vom selben Notenblatt..."

Heute verbreitet das Internet Gerüchte in einem qualitativ anderen Tempo. Die Forderung nach einem Waffenstillstand im Gazastreifen kam kaum Tage nach dem 7. Oktober.

Einige ausgewählte New Yorker Beispiele geben Anlass zur Sorge:

* Die Ultralinke scheint so etwas wie unterdrückte Es der "Progressiven" zu sein. Am Tag des Hamas-Angriffs erklärten die "Democratic Socialists of America" (DSA), die in der New Yorker Politik durchaus ein Faktor sind, das Schicksal der ermordeten, vergewaltigten und entführten Israelis zum "Ergebnis des israelischen Apartheidregimes". Ihr Ortsverband forderte einen sofortigen "Waffenstillstand". Später im selben Monat brandmarkte DSA die Mitglieder der Kongressdelegation der Stadt, die die Hilfe für Israel unterstützten, als "Völkermord-Fraktion". Unter den Angegriffenen: ein schwarzer Schwuler, der den ärmsten Bezirk der USA vertrit, ein führender Kämpfer gegen von Hassverbrechen an Asian Americans, der afroamerikanische Anführer der Demokraten im Repräsentantenhaus.

* Kulturelle Einrichtungen standen vor einem Dilemma. Mitte Oktober wurde ein Abend im "92NY" mit dem Pulitzer-Preisträger und Schriftsteller Viet Thanh Nguyen verschoben. In diesem Kulturzentrum, vor 150 Jahren von New Yorker Juden gegründet, sind berühmte Schriftsteller von Dylan Thomas bis Toni Morrison aufgetreten. Nguyen, ein Befürworter von BDS ("Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen" gegen Israel), behauptete, er sei wegen eines von ihm unterzeichneten Briefes, in dem er auf Israel einprügelte, gecancelt worden. Nguyen sieht offenbar keine Ironie darin, Boykotte aufgrund der nationalen Herkunft zu unterstützen und zugleich zu protestieren, wenn er selbst aus politischen Gründen gemieden wird. Viele Autoren verurteilten die Entscheidung von 92Y. Seth Pinsky, der Vorstandsvorsitzende, entgegnete: Vorwürfe gegen die israelische Politik seien in der Einrichtung tolerierbar, aber da die Institution 92Y "Rassisten, Homophobe oder Frauenfeinde" ablehne, werde sie auch keine Verleumder des jüdischen Staates aufnehmen. Nguyens Veranstaltung fand in einer Buchhandlung statt.

Demonstranten griffen das Brooklyn Museum an und beschmierten das Haus des jüdischen Direktors. Dies wurde von "Within Our Lifetime" - der Name der Gruppe deutet auf das von ihr vorgeschlagene Verfallsdatum für Israel hin - mit der Begründung gerechtfertigt, die Vorstandsmitglieder seien "Zionisten". Sogar bei der jährlichen Gay Pride Parade wurde skandiert: "No Queer Liberation without Palestine Liberation".

* Der öffentliche Nahverkehr wurde hineingezogen. Keffiyeh-tragende Demonstranten in einer U-Bahn brüllten: "Heben Sie die Hand, wenn Sie ein Zionist sind." Beamte drängten auf ein Vermummungsverbot in den Zügen und wurden dabei von jüdischen und schwarzen Gruppen unterstützt, die sich an den Ku-Klux-Klan erinnert fühlten. Hazel Dukes, eine führende Vertreterin der "National Association for the Advancement of Colored People", erklärte, ihre Community wisse nur zu gut, dass Personen, die ihre Identität verbergen, um Terror und Einschüchterung zu verbreiten oder Schaden anzurichten, eine Bedrohung für die Allgemeinheit sind ... und in New York nichts zu suchen haben", wo ältere Vorschriften zu Vermummung (die mehr als ein Jahrhundert alt sind) während Covid außer Kraft gesetzt worden waren. Die "American Civil Liberties Union", die der Meinung ist, dass die Verfassung die Äußerung selbst abscheulicher politischer Ansichten schützt, protestierte: Redefreiheit impliziere ein Recht auf Anonymität.

Nerdeen Kiswani, Anführer von "Within Our Lifetime" behauptete, "Raise your hand" sei nur ein Scherz, bestand aber auch darauf, dass wir "keine Zionisten wollen in Palästina, in NYC, in unseren Schulen, im Zug, NIRGENDWO...".

* Die Universitäten kommen politisch nicht zur Ruhe. Nur wenige Wochen nach dem Hamas-Angriff verließen dreißig der 300 Columbia-Studenten in einem Hörsaal eine Vorlesung von Gastprofessorin Hillary Clinton, um gegen ihre vorsichtigen Ansichten über einen überstürzten Waffenstillstand zu protestieren und um das "Doxing" - das "Dokumentieren" von Demonstranten bei früheren Kundgebungen - zu verurteilen. Die Fotos einiger Demonstranten waren mit der Aufschrift "Antisemiten" auf Lieferwagen aufgeklebt worden. Die Lieferwagen gehörten nicht zur Columbia (und hatten nichts mit Clinton zu tun).

Im Frühjahr wurden vor der Hauptbibliothek studentische "Gaza-Zelte"aufgebaut, die von einigen Fakultätsmitgliedern bejubelt wurden. Columbians prangerten im Fernsehen "Völkermord" und "Siedlerkolonialismus" an. Als ich an den Toren der Universität vorbeiging - ich wohne in der Nähe - hörte ich Slogans über den "zionistischen Imperialismus" und Beifallskundgebungen für "al-Qassam" (den militärischen Flügel der Hamas).

Es ging offensichtlich nicht nur um die Massenopfer in Gaza. Ein Studentenführer, Khymani Jones, erklärte im Januar auf Instagram, dass "Zionisten es nicht verdienen, zu leben". Nachdem er suspendiert worden war, erklärte er sich selbst zum Opfer von Rassismus. Bald darauf verklagte er die Columbia Universität mit der Behauptung, sie privilegiere "eine Klasse von 'zionistischen Juden'".

Die Semester-Abschlussfeier der Universität wurde abgesagt. Die Präsidentin der Schule, Minouche Shafik, trat zurück. Zorn richtete sich gegen sie, weil sie die Polizei gerufen hatte, um das "Gaza Encampment" aufzulösen. Schnell entstand neuer Protest. Demonstranten besetzten und verwüsteten ein Gebäude. Die Polizei kehrte zurück. Offiziellen Angaben zufolge hatten dreißig der 112 Verhafteten keine Verbindung zur Columbia. Zwanzig Blocks weiter nördlich, am City College, waren sechzig Prozent der bei einer anderen Aktion festgenommenen Personen nicht eingeschrieben. Die Polizei hatte Schwierigkeiten, Straftäter zu identifizieren, weil Kopftücher allgegenwärtig waren. Dafür wurde im Herbst ein israelisch-amerikanischer Wirtschaftsprofessor, Shai Davidai, wegen "Doxing" vom Columbia-Campus verbannt. Er habe "wiederholt Mitarbeiter belästigt und eingeschüchtert...", so die Universität.

Im Herbst verkündete die "Columbia University Apartheid Divestment"-Bewegung (CUAD): "Wir sind Westler, die für die totale Auslöschung der westlichen Zivilisation kämpfen". Aus Protest gegen israelische Angriffe auf die Hisbollah forderte sie ihre Anhänger laut der Studentenzeitung auf, Masken und Keffiyehs zu tragen, um nicht identifiziert zu werden. "Wir haben nichts zu verlieren außer unseren Ketten", hieß es in einem Sprechchor an einer der elitärsten Universitäten der Welt. Im September änderte die Columbia-Universität ihre Richtlinien, um den Begriff "Zionisten" zu zu einer zumindest potenziell verschlüsselten Hassvokabel zu erklären..

Am Jahrestag des Massakers vom 7. Oktober trugen mittags mehrere hundert Demonstranten an der Columbia Universität, viele davon mit Palästinenser-Tüchern, palästinensische Fahnen und Plakate mit der Aufschrift "Sieg dem Widerstand!" Gegenüber schwenkten Studenten israelische Flaggen und sangen die israelische Nationalhymne: "Wir sind ein freies Volk in unserem eigenen Land..." Fotos von Geiseln, die von der Hamas festgehalten wurden, bedeckten eine Wiese.

* Unweigerlich gerieten auch Schriftsteller in den Sturm. "Propalästinensische" Autoren im amerikanischen Zweig des PEN forderten, dass dieser sich gegen Israel stellt. Sie protestierten auch gegen die Weigerung des PEN, BDS zu unterstützen. Der PEN antwortete, dass keine Organisation, die dem "freien Austausch der Ideen" treu ist, dies tun könne.

Solche Zusammenstöße sind nicht neu, aber sie erinnern daran, dass ein funktionierendes Urteilsvermögen für intellektuelle Berufe nicht unabdingbar ist. Erinnern Sie sich an Stalins Apologeten, wie Lillian Hellman in den USA oder Sydney und Beatrice Webb in Großbritannien. Erinnern Sie sich an William Duranty, den mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Leiter des Moskauer Büros der New York Times, der die Aushungerung der Ukraine als Propaganda abtat.

Shelley, der englische Romantiker, hatte Dichter einst zu "unerkannten Gesetzgebern der Welt" erklärt. Er hatte nie einen Kurs in amerikanischer Politikwissenschaft besucht, in dem die Professoren den Studenten erklären, dass Gesetzgebung wie Wurstmachen ist: Man will nicht sehen, was hineingesteckt wird. Urteile über den Gazastreifen werden von Leuten gefällt, die Khan Younis ein Jahr zuvor wahrscheinlich nicht einmal auf einer Landkarte hätten finden können und den Krieg nach den Bildern der Trümmer auf al-Jazeera beurteilten.

Handelt es sich bei den Streitigkeiten unter den Autoren um Fortsetzungen früherer, ebenso zweifelhafter Querelen? Erinnern wir uns an den Aufruhr um Rushdie. Dabei ging es um mehr als um Khomeinis Todesurteil gegen einen "blasphemischen" Schriftsteller und ein "zionistisch-imperialistisches Komplott". Die damals entfachten Emotionen erinnern an viele aktuelle Diskussionen über "Völkermord".

Politiker in Bedrängnis sammeln häufig Zustimmung mit Ablenkungsmanövern zu "Prinzipienfragen". Der Iran litt 1989 noch unter dem Krieg gegen den Irak. Und im Jahr 2023 zog Südafrika nach Den Haag, um Israel wegen "Völkermordes" anzuklagen, denn es standen Wahlen an. In seiner Bedrängnis erinnerte sich der Afrikanische Nationalkongress, nachdem er das Land jahrelang schlecht verwaltet hatte, an Nelson Mandelas moralisches Erbe. Unerwähnt: Pretorias Weigerung, die Invasion in der Ukraine und seine Ölprojekte mit Teheran zu verurteilen.

Damals, 1989, haben viele Schriftsteller, auch muslimische, Rushdie verteidigt. Es gab aber auch Persönlichkeiten wie John le Carré und Germaine Greer, die sich abschätzig über ihn äußerten. Ein Jahr zuvor, im Oktober 1988 (kurz nach der Veröffentlichung seines Buches) war Rushdie zu einer von einer Konferenz über Zensur eingeladen worden, die von einer Anti-Apartheid-Zeitung und dem Südafrikanischen Schriftstellerverband organisiert wurde. "Südafrikanische Muslime, die sich normalerweise lautstark gegen die Apartheid aussprachen, drohten mit einem heiligen Krieg gegen den blasphemischen Autor", erinnerte sich Nadine Gordimer. Man bedenke die Zusammenhänge: Das Apartheidregime verbot den Roman, die Soziologin Fatima Meer, eine Kämpferin gegen die Apartheid, brandmarkte den Autor als "Kolonisator", und Rushdie wurde ausgeladen.

Zehn Jahre darauf war Südafrika zum Glück von der Apartheid befreit. Doch das (zumeist) vornehme Erbe des Kampfes wurde nun von der "Weltkonferenz gegen Rassismus" der UNO in Durban im Spätsommer 2001 gekapert. Sie lancierte eine Kampagne gegen den "Zionismus", die nur für kurze Zeit vom 11. September überschattet wurde.

Im Jahr 2015 kam es auch in New York wieder zu unangenehm vertrauten Reibereien. Der amerikanische PEN wollte die Pariser Wochenzeitung Charlie Hebdo ehren, deren Mitarbeiter während einer Redaktionssitzung größtenteils ermordet wurden. Die Schützen, in Frankreich geborene Algerier, identifizierten sich mit "Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel". Ein Komplize, ein französischstämmiger ISIS-Anhänger aus Mali, tötete vier Kunden in einem koscheren Supermarkt.

Charlie verspottet bekanntlich alle Religionen. Das Blatt veröffentlichte Mohammed-Karikaturen, die 2005 in einer dänischen Zeitung erschienen waren und für Unruhe sorgten. Aufgebrachte Menschenmengen füllten die Straßen in mehreren Ländern. Hassan Nasrallah, der Führer der libanesischen Hisbollah, stellte eine Verbindung zu Rushdie her: Niemand hätte solche Karikaturen veröffentlicht, wenn Khomeinis Fatwa umgesetzt worden wäre, behauptete er. Jacques Chirac kritisierte die Karikaturen in Charlie und Sahra Wagenknecht, stellvertretende Vorsitzende der Partei Die Linke, setzte die Pariser Attentate mit den westlichen Drohnenangriffen in Afghanistan, Pakistan und Jemen gleich.
In Charlie erschien ein Mohammed mit Turban, der klagte: "Es ist schwer, von Narren geliebt zu werden".

Die vom amerikanischen PEN Club geplante Ehrung von Charlie Hebdo stieß auf Widerstand. In einem Brief protestierten 242 Mitglieder von PEN-America gegen die Auszeichnung. Charlie verhöhne eine "viktimisierte" Bevölkerung, die "vom Erbe der verschiedenen kolonialen Unternehmungen Frankreichs geprägt" sei, und der Schriftsteller Peter Carey schimpfte über die "selbstgerechte" Blindheit gegenüber der "kulturellen Arroganz" Frankreich. Im Geist der freien Debatte veröffentlichte der PEN den Brief auf seiner Website.

Die Charlie-Mörder wurden von der "al-Qaida der arabischen Halbinsel" gefeiert - sie hatte zuvor eine "Hitliste" veröffentlicht -, obwohl es auf der arabischen Halbinsel keinen französischen Kolonialismus gegeben hatte. Die ermordeten Juden im koscheren Supermarkt waren zufällige Kunden. ISIS hat seinen Ursprung im Irak, der nie ein Ort des französischen Imperialismus war (Syrien schon). Die Ideologen von al-Qaida und ISIS teilen die Welt in Anlehnung an die mittelalterliche Jurisprudenz auf. Dar al-Islam (Haus des Islam) und Dar al-Harb (Haus des Krieges) liegen im Kampf, bis nach einigen vorläufigen Friedensschlüssen die ganze Erde islamisch ist.

Rushdie, ehemaliger Präsident des PEN America, verteidigte den Preis für Charlie: "Dieses Thema hat nichts unterdrückten und benachteiligten Minderheiten zu tun. Es hat alles mit dem Kampf gegen den fanatischen Islam zu tun, der hoch organisiert und gut finanziert ist und der uns alle, Muslime wie Nicht-Muslime, in Angst versetzen und zum Schweigen bringen will. Die Gegner der Preisverleihung haben sich zu "Mitläufern dieses Projekts" gemacht. Der überlebende Herausgeber von Charlie, Gerard Biard, verteidigte die Respektlosigkeit: "Schockiert zu sein ist ein Teil der demokratischen Debatte. Erschossen zu werden, nicht."

2023 und 2024 wurde erneut im PEN America gestritten

Am 10. Oktober 2023 prangerte PEN America "den heimtückischen Angriff" der Hamas an und gab seiner Bestürzung Ausdruck, dass ein "friedliches Musikfestival, eine kulturelle Veranstaltung" zu einem "Schlachtfeld" wurde. Auch das Leiden "unschuldiger Zivilisten" in Gaza als Folge der "Verbrechen der Hamas" wurde angesprochen.

Am 20. Februar 2024 unterzeichneten 1.300 Mitglieder einen Brief, in dem sie den PEN beschuldigten, "palästinensische Journalisten, Schriftsteller und Dichter" im Stich zu lassen, die vom "zionistischen Kolonialstaat" getötet worden seien (mehr hier und hier). Der PEN sei Komplize einer "faschistischen Nationalstaatlichkeit". Über die historische Bedeutung der Hamas sagten die Unterzeichner nichts: Über Jahrzehnte hatte in der arabischen Welt ein Kampf zwischen islamistischen Fundamentalisten und säkularen Nationalisten stattgefunden, die Hamas repräsentierte unter den Palästinensern den Aufstieg der Fraktion, die aus religiösen Gründen jeden Kompromiss mit Israel ablehnt. Unterdessen sponserte der PEN America ein Interview des Komikers Moshe Kasher mit der Schauspielerin Mayim Bialik, die als israelfreundlich bekannt ist. Demonstranten behaupteten, dies zeige die Doppelmoral des PEN (mehr hier). Margaret Atwood kritisierte den Protest als Versuch, den PEN "zu einem Propagandasprachrohr für eine politische Ansicht" zu machen.

Im März 2024 verkündeten die Klimaaktivistin Naomi Klein, die zuvor nicht als Theologin aufgefallen war, aber den Zionismus als "Idol" verhöhnte, und die Anwältin Michelle Alexander, die amerikanische Bürgerrechtsvorstellungen auf nicht vergleichbare Realitäten im Nahen Osten anwenden will, dass sie und andere das World Voices Festival des PEN boykottieren würden. Ein "Offener Brief" auf Literary Hub forderte den Rücktritt von Suzanne Nossel, die seit 2013 Geschäftsführerin des PEN war und zuvor für Amnesty International, Human Rights' Watch und das Außenministerium tätig war, sowie der neuen PEN-Präsidentin, der Transgender-Autorin Jennifer Finney Boylan.

In dem Schreiben wird betont, dass es "Fakten und Fiktion" gibt (mehr hier). "Völkermord" durch Israel sei "Tatsache". Der PEN bekräftigte in einem "Brief an die Community", dass es nicht seine Aufgabe sei, einen Konsens zu erzwingen. Er erkannte das Leid palästinensischer Schriftsteller an, bestand aber darauf, dass die "Verwüstungen des gegenwärtigen Krieges" mit dem Angriff der Hamas begonnen hätten. Einige fanden das angesichts des Butzolls in Gaza nicht ausreichend, andere eher defensiv, da die Hamas menschliche Schutzschilde einsetzt und damit zwangsläufig Schriftsteller gefährdet. Das Festival und die jährliche Verleihung der PEN-Literaturpreise wurden abgesagt, aber die jährliche Fundraising-Veranstaltung wurde durchgeführt. Ein "Freedom to Write Award" wurde in Abwesenheit an den inhaftierten vietnamesischen Verleger Pham Doan Tang verliehen. Paul Simon (von Simon and Garfunkel) sang. Wahlhelfer in Georgia wurden dafür geehrt, dass sie sich mutig gegen Trump-Anhänger gewehrt hatten, die sie während des Präsidentschaftswahlkampfs 2020 einschüchtern wollten.

Im Herbst 2024 veranstaltete der PEN eine "Banned Books Week" gegen Zensur. Nossel kündigte ihren Abschied vom PEN an, um Präsidentin von "Freedom House" zu werden, einer Institution, die sich seit 1941 für Demokratie und Meinungsfreiheit einsetzt. Seine ersten Vorsitzenden waren Eleanor Roosevelt, die Frau des demokratischen Präsidenten, und Wendell Wilkie, der Republikaner, der im Jahr zuvor gegen Roosevelt kandidiert hatte.

Mitchell Cohen