9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Internet

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2014 - Internet

Die Nutzer profitieren nicht vom Internet, erklärt der Netzpionier Jaron Lanier in der Zeit (leider nicht online) im Interview mit Maximilian Probst und Kilian Trotier. Im Gegenteil: während sich einige wenige Unternehmer unverhältnismäßig bereichern, wird der Mittelschicht ihre Lebensgrundlage entzogen, argumentiert Lanier: "Mit 3D-Druckern und der Hochtechnisierung in Betrieben treten wir wahrscheinlich in ein Zeitalter der Hyperarbeitslosigkeit ein. Schauen Sie sich an, wie sich beispielsweise der Fotomarkt entwickelt hat: Die Firma Kodak hatte in den USA einst hunderttausend Angestellte, beim Netzfotodienst Instagram arbeiteten 13 Leute, als Facebook ihn 2012 kaufte. Das Gleiche passiert in der Musikindustrie, im Journalismus, auf dem Buchmarkt. So, wie sich die Digitalisierung bislang entwickelt hat, zerstört sie die Mittelschicht unserer Gesellschaft." Als Lösung schlägt Lanier ein Mikrobezahlsystem vor, mit dessen Hilfe alle Netzinhalte vergütet werden können.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2014 - Internet

Juli Zeh antwortet in der FAZ auf Martin Schulz, der vor einem digitalen Totalitarismus gewarnt hatte, und wendet sich noch einmal gegen die allgemeine Laxheit beim Thema Überwachung. Folgendes Aperçu: "'Ich habe nichts zu verbergen' ist ein Synonym für 'Ich tue, was man von mir verlangt' und damit eine Bankrotterklärung an die Idee des selbstbestimmten Individuums." Nicht nett ist sie zu Twitter: "Ein amerikanischer Privatkonzern wie Twitter kann kein neues Organ der Demokratie sein."

Auf Spiegel Online informiert Ole Reißmann, dass heute der große Tag gegen Internet-Überwachung ist.

In Deutschland versucht man unterdessen den Kommunikationsweg E-Mail zu verstehen. Alle Kulturjournalisten der Republik wurden mit einer Flut von Mails belämmert, weil der Sonderzahl Verlag eine Sammelmail falsch adressiert hatte. Man durfte Hunderte Antworten von Kollegen lesen (und deren Adressen sammeln, wenn man scharf darauf war). Sebastian Leber resümiert im Tagesspiegel: "Eine Redakteurin vom Schweizer Tages-Anzeiger verschickt eine leere Mail. Diese aber gleich drei Mal. Ein Redakteur des Tagesspiegels lässt sich zu einem Kraftausdruck hinreißen und appelliert an seine Kollegen: 'Dieser Quatsch hört nur auf, wenn jeder das Antworten unterlässt! Keine Beschwerden, keine Bestellungen, keine Antworten... Einfach: nicht antworten, an niemanden. Dann ist sofort Ruhe'. Die Frau vom Tages-Anzeiger verschickt zwei weitere leere Mails."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2014 - Internet

In der taz setzt Maik Söhler gegen Googles Plan, die Kontrolle über unsere Haushalte übernehmen, ganz auf die nächste Generation - das heißt auf chaotische Kinder: "Da ist ein Sohn, der die Heizung ausmacht, wenn er im Zimmer ist, weil er dann 'so schön friert'. Verlässt er die Wohnung, dreht er den Regler schnell noch auf die höchste Stufe. Jeder selbst nachbestellende Kühlschrank kommt da an seine Grenzen, wo Kinder etwas herausnehmen, es nicht vollständig verbrauchen und dann vergessen, es wieder hereinzustellen. Oder etwas reinstellen, was nicht so einfach nachbestellt werden kann. Unser Tiefkühlschrank wurde, als es schneite, mit Schneebällen gefüllt, damit 'auch im Sommer noch welche da sind'. So, Google, dann bestell mal bitte im Juli nach!"
Stichwörter: Google

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2014 - Internet

Zum zehnten Geburtstag von Facebook zieht Katja Kullmann im Freitag eine sehr lesenswerte Bilanz. Mag sein, dass Facebook Narzissmus, Exhibitionismus und Konformität fördert, doch es steckt zugleich so viel Potenzial und Hoffnung in diesem Projekt, meint Kullmann: "Der lang erwartete, große, globale Gegenwartsroman ist längst da. Er heißt Facebook, und er erzählt von einer kleinen, sehr menschlichen Utopie - und von einer großen Entzauberung - und von den angestrengten Versuchen, die Entzauberung herunterzureden, sie harmonisch in die Gesamterzählung einzupassen, damit doch noch ein Happy End zustande kommt. Der Roman hat klar identifizierbare Protagonisten: Es sind die schwer flexibilisierten, hochnervösen Mittelschichten in aller Welt. Facebook ist ihre Schlüsselerfahrung, ihr Selbstbildnis und ihr Vermächtnis. Das verzagte 'Ho-Ho-Ho-Chi-Minh' der Bewegung lautet: 'Keep calm and carry on.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2014 - Internet

Na, auch schon auf Facebook den eigenen "Lebensfilm" angesehen (hier)? Auch in den Feuilletons diskutiert man über das mit süßlicher Musik zugekleisterte Filmchen aus geposteten Fotos und häufig "gelikten" Statusupdates. Hier in der Welt etwa Richard Kämmerlings: "Der Facebook-Narzissmus [kommt] endgültig zu sich selbst, oder wie eine Nutzerin kommentierte: 'Die Videos eigneten sich auch gut als Nachruf'. ... Trotzdem liegt in der neuen Funktion die Möglichkeit durchaus unangenehmer Selbsterkenntnis. Wer beispielsweise in der Zusammenschau feststellt, dass sämtliche Bilder aus der eigenen Arbeitssphäre stammen, hat bei seiner Work-Life-Balance vielleicht doch eine Schieflage. Oder umgekehrt ist es auch etwas spooky, wenn der eigene Film nur den Dackel in allen Lebenslagen zeigt."

Jürn Kruse in der taz wittert hinter der Kumpelseligkeit des Videos vor allem Kalkül: "Die Macher wissen, dass sie dringend derlei Gefühle auslösen müssen. Denn die Liebe ist arg erkaltet. Bei vielen. Sich stundenlang auf dem Facebook-Meer treiben lassen, das macht doch kaum noch jemand. Zu unübersichtlich, zu belanglos."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2014 - Internet

(via lesen.net) Im Logbuch, einem Blog des Suhrkamp Verlags, reitet der Buchgestalter Friedrich Forssmann eine Attacke gegen das Internet im Allgemeinen und Ebooks im Besonderen: "Mein Bücherregal ist ein Abbild dessen, was ich gelesen habe und was ich noch lesen möchte, es ist ein vergnüglich durchstöberbares Archiv, in dem auch thematisch passende Grafiken, Fotos und Schneekugeln Platz haben und durch das ich für diejenigen, die ich in meine Wohnung lasse, erkennbar bin, was mir recht ist, für diejenigen, die leider draußen bleiben müssen, aber anonym bin, was mir noch lieber ist. Das E-Book dreht dieses Verhältnis um."

Außerdem: In der NZZ korrigiert Uwe Justus Wenzel Sascha Lobos Klage in der FAS über seine Netzernüchterung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2014 - Internet

Die Internet-Konzerne durften in einer Art Semi-Transparenz zum ersten Mal veröffentlichen, wie oft die NSA Anfragen nach Nutzerdaten gestellt hat, berichtet Spiegel Online, allerdings nur in Tausenderschritten: "So musste Yahoo auf Forderung des geheimen Auslandsspionage-Gerichts Inhalte aus 30.000 bis 30.999 Nutzer-Accounts herausrücken. Auch hier gelten die Tausenderschritte. Bei Microsoft waren es 15.000 bis 15.999 Nutzer-Konten, bei Google 9000 bis 9999. Facebook kam auf 5000 bis 5999 Mitglieder-Profile. Die Unternehmen betonten, dass dabei verschiedene Konten der selben Menschen einzeln gezählt werden."

Facebook wird zehn Jahre alt und Pascal Paukner erklärt uns in der SZ, dass die Musik längst bei Whisper oder Snapchat spielt: "Dort gibt es kein Beziehungsgeflecht. Es gibt dort nur anonym vorgetragene Statements oder Statements unter Pseudonym . Alles, was sich innerhalb des rechtlichen Rahmens bewegt, ist erlaubt. Angeboten wird so etwas wie ein neuzeitlicher Speakers Corner: Soziale Anonymität und Pseudonymität kehren zurück in den digitalen Mainstream. Das hat übrigens wenig bis gar nichts mit den Enthüllungen über die Tätigkeiten der allgegenwärtigen Geheimdienste zu tun. Denn technische Anonymität bieten die neuen Services nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2014 - Internet

Facebook wird zehn Jahre alt. Das New York Magazine präsentiert eine hübsche Grafik mit allerlei Statistiken. Wir werden uns Facebook wohl nicht abgewöhnen, meint Claudius Seidl in der FAZ am Sonntag: "Kein Mensch hat, als die erste Aufregung über das Wunder des Telefonierens vorüber war, seinen Anschluss wieder abgemeldet - und genau so funktioniert auch Facebook."
Stichwörter: Facebook, Seidl, Claudius, Grafik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2014 - Internet

Ken Doctor wirft bei Niemanlab.org einen erstaunten Blick auf all die Online-Medien-Neugründungen in den USA, darunter First Look Media von Pierre Omidyar, und zählt kurz mal zusammen. Etwa tausend gut dotierte Jobs sind hier in den letzten Wochen für Journalisten und Medienberufe geschaffen worden. Andererseits: "Lasst es uns aussprechen - die größten Wetten werden hier mit Spielgeld gemacht. Nicht, dass es kindisch ist - aber es ist halt Geld, das sich - anders als die meisten Investitionen - nicht unbedingt vermehren soll."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2014 - Internet

Im Interview mit Anne Fromm in der taz entwickelt der Physiker und Soziologe Dirk Helbing eine emanzipatorische Vision von Big Data und dem Internet der Dinge zu entwickeln. "Jeder Mensch sollte so etwas wie eine persönliche Datenbörse besitzen, in die alle Daten einfließen, die irgendwo über ihn gesammelt werden. Unternehmen, die Daten sammeln, müssten verpflichtet sein, dem Bürger regelmäßig mitzuteilen, welche Daten sie über ihn haben. Und dann entscheidet der Bürger selbst, was damit gemacht werden darf, ob und wofür er die Daten freigibt."
Stichwörter: Big Data, Helbing, Dirk