9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.03.2014 - Internet

Irgendwie scheint das Internet doch noch subversives Potenzial zu haben: "Der gegen Korruptionsvorwürfe kämpfende türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan droht mit einer Sperrung von Facebook und YouTube in seinem Land", melden faz.net und viele andere Medien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.03.2014 - Internet

Die Verbraucher sind viel weniger abhängig von amerikanischen Kommunikatonsgiganten wie Apple, Google und Facebook als sie glauben, stellt Götz Hamann in der Zeit fest und widerspricht damit Hans Magnus Enzensbergers Aufruf zum Verzicht auf Internet und Mobiltelefonie. Seit dem Verkauf von WhatsApp an Facebook wechselten die Nutzer beispielsweise in Scharen zur Schweizer Alternative Threema: "Denn die bietet eine vollständige Datenverschlüsselung. Also Privatsphäre. Was wiederum die Tatsache ins Gedächtnis ruft, dass es dort, wo europäische Firmen führend sind, auch die geringsten Schwierigkeiten gibt, europäische Vorstellungen von Datenschutz durchzusetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.03.2014 - Internet

Habermas hatte alles schon vorausgesehen, verkündet Frank Schirrmacher in der FAZ und greift auf alte Texte zurück, in denen der Philosoph die Computerisierung und mit ihr verknüpfte Diskurse kritisiert: "Soziales Verhalten, so Habermas in 'Theorie und Praxis', würde 'sich eigentümlich aufspalten: nämlich in das zweckrationale Handeln der Wenigen, die die geregelten Systeme einrichten und technische Störungen beheben, einerseits; in das adaptive Verhalten der Vielen, die in den Routinen der geregelten Systeme eingeplant sind, andererseits'." Um dem entgegenzusteuern, kündigt Schirrmacher eine neue Serie an, in der sich nun auch Geisteswissenschaftler einmal mit den Folgen der digitalen Revolution auseinandersetzen sollen.

Daneben fordert Hans Magnus Enzensberger in manifesthaft-dichterischer Form auf: "Wer ein Mobiltelefon besitzt, werfe es weg." Und kauft nicht mehr bei Amazon, kein Onlinebanking mehr und nie wieder Politiker wählen, die sich nicht ausdrücklich gegen Überwachung einsetzen.

(Via Gawker) Der wissenschaftliche Springer Verlag hat 120 Texte aus seinen Datenbanken zurückgezogen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass sie kompletter Nonsens waren. Herausgefunden hatte das der Computerwissenschaftler Cyril Labbé aus Grenoble, berichtet Richard Van Noorden auf nature.com: "Labbé hat ein Programm entwickelt, das Manuskripte findet, welche mit eine Software namens SCIgen, erstellt wurden. Diese Software kombiniert Wortgruppen, um gefälschte Computer-Wissenschaft-Texte zu erstellen. SCIgen wurde 2005 von Forschern am MIT entwickelt, die zeigen wollten, dass wissenschaftliche Konferenzen absolut sinnlose Texte akzeptieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2014 - Internet

Die Blogs haben den Kampf um Relevanz gegen die Printmedien verloren, hatte Wolfgang Michal vergangene Woche in Carta verkündet: "Die alten Strukturen haben fleißig gelernt und den Sieg davon getragen." Im Freitag hält Jan Jasper Kosok dagegen, dass Blogs als unabhängige Stimmen mitnichten verzichtbar sind: "Verlage sind Tendenzbetriebe mit Blattlinien, die dem Streben nach Wahrheit nicht selten im Weg stehen. Das sah man anschaulich an der Debatte um das Leistungsschutzrecht. Nicht im Leben hätte man im Gros der Redaktionen daran gedacht, gegen etwas anzuschreiben, dessen gesamtgesellschaftlicher Nutzen - vornehm ausgedrückt - zweifelhaft, das dem eigenen Überleben aber durchaus dienlich ist. Pluralismus ist seit jeher ein hohes Gut. Solange genug für alle da ist und man selbst am sattesten wird."

Obwohl diesmal - aus Gewöhnung? - nicht viel davon die Rede war: Mathew Ingram besteht in Gigaom darauf, dass Twitter und Facebook in den Revolten in der Ukraine und Venezuela eine wichtige Rolle spielen - unter anderem wegen der sofort zirkulierenden Fotos von staatlicher Gewalt und wegen Verweisen auf nicht offizielle Medien: "Das gleiche Phänomen sahen wir kürzlich in der Türkei, wo Unruhen gegen die Regierung ausbrachen, die schnell zu staatlicher Gewalt gegen die Aktivisten führten. In diesem Fall wurden Twitter und andere soziale Medien zu einer entscheidenen Informationsquelle für türkische Bürger und Auslandstürken, zum Teil weil staatliche und andere regierungsfreundliche Medien die Berichterstattung vermieden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.02.2014 - Internet

(Via Techcrunch). Deutsche Verkehrsbehörden sollten sich innerlich wappnen. Reuters meldet: "Google setzt Behörden in mindestens drei US-Staaten seiner Lobbyarbeit aus, weil dort Datenbrillen wie Google Glass beim Autofahren verboten werden sollen." In acht Staaten, so Reuters, werden solche Gesetze vorbereitet.

Auch Sascha Lobo wundert sich (wie wir) in seiner neuesten Spiegel Online-Kolumne, dass niemand die Meldung über die NSA und Merkels Minister aufgreift: Merkel wird nicht mehr abgehört, dafür aber ihr Kabinett: "Bestürzender noch als die bloße Tatsache - sollte der Medienbericht stimmen - ist die weitgehend ausgebliebene Reaktion. Eine brandgefährliche Gewöhnung steht dahinter, das Akzeptieren des vermeintlich nicht Änderbaren, und sei es auch illegal."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2014 - Internet

"Gibt es kein Entkommen vor der Datenkrake?", fragen Thomas Schmid und Raphael Zelter in der taz. Für sie belegt die Übernahme von WhatsApp durch Facebook, wie aussichtslos es ist, den Internet-Oligarchen aus dem Weg zu gehen: "Die ersten Nutzer, die Videos bei Youtube veröffentlichten, wurden 2006 nach nur einem Jahr automatisch zu Google-Nutzern. Wer vor fünf Jahren das kleine Computerprogramm Skype nutzte, um kostenlos über das Internet zu telefonieren, ist heute Microsoft-Kunde. Und wer auf seinem Smartphone seine Aufnahmen mit dem Programm Instagram verschönerte, dessen Fotos gehören heute Facebook."

"In gewisser Weise ein Reifezeugnis, aber auch ein Zeichen für eine nahende Midlife-Crisis" sieht Roland Lindner in der FAZ in Mark Zuckerbergs Entscheidung: "Facebook demonstriert, willens und in der Lage zu sein, sich an richtig große Transaktionen heranzuwagen. Aber in erster Linie ist der Zukauf von WhatsApp ein Defensivmanöver. Denn zehn Jahre nach seiner Gründung kämpft das Unternehmen mit gewaltigen Umwälzungen im Nutzerverhalten."

Für Sonja Álvarez und Simon Frost (Tagesspiegel) ist der Deal "Ausdruck eines zunehmenden Konkurrenzkampfes in einem sich verdichtenden Markt", dessen Akteure "sich auf der Suche nach neuen Einnahmequellen immer häufiger in die Quere" kommen. Und im New Yorker deutet Matt Buchanan das Geschäft als Teil von Facebooks Diversifizierungsstrategie, die den weiteren Zuwachs von Nutzern garantieren soll: "When the company reached a billion users, in the fall of 2012, it explicitly compared itself to a chair - a ubiquitous but stunningly boring part of our lives. Now it seems that Facebook wants to be an entire house, filled with lots of different kinds of furniture."

Derweil werden Stimmen laut, die zum Boykott der App aufrufen. Im Handelsblatt bezeichnet der Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD), Thilo Weichert, WhatsApp als eine "Datenschleuder, die technisch nicht ausgereift ist... Wem die Vertraulichkeit der eigenen Kommunikation etwas wert ist, der sollte auf vertrauenswürdige Dienste zurückgreifen." Ebenfalls im Handelsblatt meldet der Grünen-Europaabgeordnete Jan Philipp Albrecht kartellrechtliche Bedenken an und fordert die EU-Kommission auf zu prüfen, ob sie ein wettbewerbsrechtliches Verfahren einleitet.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2014 - Internet

Facebook hat den Messaging-Dienst WhatsApp für sage und schreibe 19 Milliarden Dollar gekauft. Laut Techcrunch hat Mark Zuckerberg eine einfache Strategie: "Once we get to being a service with 1 billion, 2 billion, 3 billion people, there are many clear ways that we can monetize." Techcrunch hat ein ganzes Dossier zu diesem Thema zusammengestellt. Deutsche Online-Medien berichten in ihren Aufmachern. Spiegel Online hier, Zeit online hier.

Gizmodo hat ausgerechnet, was Mark Zuckerberg stattdessen für diesen Preis hätte kaufen können: zum Beispiel 64 Washington Posts oder die Gehälter für Repräsentantenhaus und Senat für 172 Jahre.

Whatsapp steht schon länger wegen seiner laxen Datenschutzregeln in der Kritik. Am vergangenen Dienstag hat der EDV-Experte Stefan Löffelbein der WAZ genauer erläutert, welche weitreichenden Befugnisse der Nutzer diesem Dienst gewährt: "Die App kann Gespräche und Telefongespräche mitschneiden, sie kann Fotos einsehen, mit dem aktuellen Standort versehen und hochladen. Diese Daten werden, wie niederländische Behörden nachgewiesen haben, auf amerikanische Server übertragen, ohne dass man es merkt." Wer auf seinem Smartphone Whatsapp installiert, verwandelt es somit in eine "Wanze" und gibt alles zur Aufzeichnung preis, was in Hörweite des Handys geschieht - etwa "persönliche und vertrauliche Gespräche unter Freunden, in der Familie oder zwischen Ärzten und Patienten... Denken Sie z.B. auch an Beamte in Behörden oder das Mobiltelefon als Wecker auf dem Nachttisch." Irights.info hat bereits im letzten Jahr über Whatsapp und Datenschutz berichtet.

Whatsapp-Gründer Brian Acton hatte sich 2009 bei Twitter und Facebook beworben, wurde aber nicht angeheuert. Getweeted hat er seinerzeit als guter Verlierer:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2014 - Internet

Die neue Sehnsucht nach digitaler Enthaltsamkeit erinnert Eduard Kaeser in der NZZ an die Mediziner-Einsicht, nach der eine Krankheit immer da existiert, wo es eine Diagnose gibt. Doch die Vorstellung von zwei Welten hält er für grundfalsch: "Die Mischexistenz ist der Normalzustand. Wer am Morgen zu Kaffee und Gipfeli auf dem Tablet liest, exemplifiziert diesen Normalzustand in seiner vollen Banalität: Er nimmt sowohl Atome als auch Bits zu sich. Makroskopisch gesehen verhält es sich mit Online und Offline so, wie wenn wir in einer Salatsauce lebten, in der sich Öl und Essig nur schwer, falls überhaupt, scheiden lassen. Aber gerade deshalb sollten wir ein kulturelles Trennverfahren pflegen, in Form einer medialen Mikrokompetenz, über die wir alle verfügen. Sie lässt sich mit einem einfachen, unprätentiösen Wort charakterisieren: Unterscheidungsvermögen."

Jürg Altwegg unterhält sich auf der Medienseite der FAZ mit der amtlichen französischen Datenschützerin Isabelle Falque-Pierrotin, die wohlklingende Worte findet: "Die Apathie der Bürger ist erschreckend. Es gibt kaum Widerstand aus politischen, religiösen, ideellen Gründen. Die Technik verblendet den Bürger, er ist nackt und fühlt sich ohnmächtig. Ihre Fortschritte werden unbefragt hingenommen und benutzt." Da sollten wir uns wohl wieder vertrauensvoll in die schützenden Hände des Staates begeben!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2014 - Internet

Andrian Kreye liest in der SZ Jaron Laniers Buch "Wem gehört die Zukunft", das besonders bei Zeitungsredakteuren große Zustimmung findet: "Das Buch steht aber auch exemplarisch für die generelle Enttäuschung über einen ideologischen Irrweg, den die digitale Kultur sehr früh eingeschlagen hat. Deswegen schmerzt sie ja auch so, die Desillusionierung des Jahres 2013, das Lanier als Schlüsseljahr identifiziert." Auch Thomas Thiels gestriger Artikel aus der FAZ steht jetzt online.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2014 - Internet

Für den FAZler Thomas Thiel steht es nach Lektüre eines neuen Buchs des Intenetskeptikers Jaron Lanier endgültig fest: "Was man sich von der Digitalisierung an individuellem Souveränitätsgewinn und demokratischem Aufbruch versprach, ist wie eine Seifenblase zerplatzt. Auf der anderen Seite steht die ungebrochene Erfolgsgeschichte der großen Netzwerke, die ein Zwangssystem etabliert haben, das auf systematischer Entrechtung und Ausbeutung beruht."

Svenja Bergt fürchtet in der taz, dass das Internet der Dinge nicht nur die Daten an die Konzerne ausliefert, sondern dem Menschen die Autonomie nimmt: "Das Leben wird bequemer. Doch wo Programme das Leben vorplanen, steigt auch der Rechtfertigungsdruck bei einer Entscheidung gegen das System, die sich später als falsch erweist. Einfacher ist es, sich den Algorithmen zu beugen.