9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2016 - Internet

Facebook wird Adblocker unterdrücken, schreibt Ingo Dachwitz auf Netzpolitik: "Weil man Nutzern bessere Möglichkeiten gebe, am Targeting der Werbung mitzuwirken, werde es in Zukunft weniger störende Werbung geben, argumentiert das Plattformunternehmen. Deshalb werde man jetzt auch denjenigen Nutzern Werbeanzeigen zeigen, die einen Ad-Blocker nutzen (andere Formen von Werbung, etwa gesponserte Inhalte, kann man bereits heute nicht vermeiden)."

In einem zweiten Artikel zeigt Dachwitz, wie Unternehmen wie Facebook zusehends die Öffentlichkeit strukturieren. Der soziale Dienst will per Algorithmus Clickbait-Überschriften ausfiltern: "Hierfür wurden laut Facebook zunächst offenbar händisch Zehntausende Überschriften als Clickbait kategorisiert. Ausschlaggebende Kriterien sollen dabei gewesen sein, ob Titel wichtige Informationen auslassen, die zum Verständnis des Kontextes wichtig sind, und ob sie Teile der Artikel so übertrieben darstellen, dass bei Nutzern falsche Erwartungen geweckt werden. Das algorithmische System hat diese Überschriften dann mit 'normalen' Überschriften verglichen, um gewisse Formulierungen zu identifizieren, die speziell als Klick-Köder verwendet werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2016 - Internet

In der taz erklärt Senja Bergt, warum Daten auch ohne Namen individualisierbar sind. Gerade in der Autoindustrie gehe das große Sammeln los, schreibt Bergt, von der Motordrehzahl über die GPS-Position bis zur eingelegten CD: "Internetnutzer, Verwender von Fitnesstrackern und -apps, Autofahrer - ihnen allen ist gemein, dass die gesammelten Daten sensibel bis kompromittierend sein können; spezifische Werbung ist dabei noch das Harmloseste. Wenn die Daten erst mal beim Hersteller sind, bei der Versicherung oder bei Unbefugten, die sich in den Server gehackt haben und sämtliche Bewegungsprofile veröffentlichen, dann fragt niemand mehr, ob es stimmt, was das Auto da aufgezeichnet oder die Fitnessapp gemessen hat. Im Zweifel gegen den Nutzer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2016 - Internet

Karten waren schon immer auch ein Abbild von Machtverhältnissen, weiß Adrian Lobe. Trotzdem ärgert er sich in der FAZ, dass Google Maps jetzt Viertel mit hoher Kneipendichte zu areas of interest erklärt: "Es drängt sich der Verdacht auf, dass Google seine Nutzer 'nudgen', also ihnen einen Schubs geben und zu Geschäften lotsen will, die für ihre digitale Präsenz bezahlen. Es ist im Grunde eine Umwertung von Sehenswürdigkeiten: Sehenswert ist nicht mehr, was Kultur und Geschichte repräsentiert, sondern was Geld bringt."
Stichwörter: Google Maps, Lobe, Adrian

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2016 - Internet

Mehr und mehr setzen sich Google und Facebook an die Stelle dessen, was man mal Internet nannte, und versuchen selbst die Infrastruktur zu werden, die Information ermöglicht. Facebook fordert Medien auf, "Instant Articles" auf seinen Seiten zu publizieren. Google antwortet mit "AMP", das heißt "Accelerated Mobile Pages". Wer seine Seiten diesem Standard nicht anpasst, wird künftig auf mobilen Geräten schlechter abschneiden, berichtet Shan Wang im Niemanlab. Wie immer ist das alles zum Besten der Menschheit: "Google plant jetzt AMP-Links überall in seinen mobilen Suchergebnissen auszuweisen - also an einem Ort, der Ihrer Website höchstwahrscheinlich eine Menge Traffic bringt. Überall, wo es eine AMP-Seite gibt, wird Google sie in dem Ergebnis anzeigen (und mit einem AMP-Blitzsymbol kennzeichnen)." Wie das dann mit der folgenden Behauptung zusammengehen soll, ist nicht so leicht zu verstehen: "Die Aufwertung wird nichts an den Such-Algorithmen ändern und es soll keinem speziellen AMP-Hinweis für die Suchalgorithmen geben, versichert Richard Gingras, der Chef von Google News and Social Products." Interessante technische Erläuterungen zu diesem Thema gibt es bei The Verge.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2016 - Internet

Nun entdecken auch die Zeitungen die Geschichte des Schriftstellers Dennis Cooper (unsere Resümees), dessen Blog von Google mir nichts dir nichts gelöscht wurde - der Konzern hat sich bis heute nicht dazu geäußert. In der SZ erzählt Bernd Graff, "wie Google das Werk eines Schriftstellers einfach zerstörte", in der FAZ schreibt Adrian Lobe, und Marc Reichwein zieht in der Welt den Schluss, den Printjournalisten aus so einer Geschichte gern ziehen: "Netzöffentlichkeit als Öffentlichkeit im klassischen Sinne ist der größte Irrtum unserer Zeit."

Wie nah oder fern Donald Trump dem Putinismus steht, wurde in den letzten Tagen vielfach erwogen. Michael Weiss geht bei The Daily Beast nochmal der Frage nach, wie Julian Assange es mit Russland hält: "Wikileaks mag sich einst als kategorischer Feind von Staatsverbrechen, -heuchelei und -lügen dargestellt haben - und es hat der Öffentlichkeit tatsächlich einen Dienst erwiesen - , aber nun scheint es, dass diese Raison d'être nur selektiv gilt. Wikileaks hatte wenig für die 'Panama Papers' übrig, zu deren Enthüllungen viele Offshore-Vermögen von Kreml-Insidern gehörten, und tweetete ohne Beleg, dass diese Enthüllungen als 'Angriffsstory gegen Purtin' durch USAID von der amerikanischen Regierung subventioniert worden seien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2016 - Internet

Für kurze Zeit standen in der letzten Woche ausschließlich Giganten der Digitalisierung auf der Liste der fünf wertvollsten Konzerne der Welt, hat Nils Jacobsen in Meedia beobachtet: "Dass Apple, Alphabet und Microsoft nach der Marktkapitalisierung die Spitzenplätze der Börsenwelt besetzt haben, ist seit Monaten keine Neuigkeit mehr. Nun aber haben die Internet-Überflieger Amazon und Facebook, angetrieben von ihren starken Quartalszahlen, es ebenfalls unter die Top 5 der wertvollsten Konzerne der Börse geschafft - zumindest kurzzeitig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2016 - Internet

Edward Snowden hat per Twitter Wikileaks kritisiert, berichtet Angela Gruber bei Spiegel online. Die Hacker waren wegen zweier Leaks, die die Türkei und die Demokratische Partei in den USA betrafen, in den letzten Tagen in harsche Kritik geraten (unsere Resümees). Snowden stört das unkuratierte Ausspucken von Daten (wobei anzumerken ist, das die Daten türkischer Frauen nicht, wie jüngst berichtet wurde, von Wikileaks freigegeben worden waren). Guber hält fest: "Wikileaks hatte von Snowden keine Dokumente erhalten. Die Organisation unterstützte ihn aber bei seiner Flucht nach Russland und half ihm, dort Asyl zu bekommen. Dass er öffentlich so harte Worte für WikiLeaks findet, ist daher bemerkenswert." Snowden selbst zieht es vor, mit Medien zu kooperieren. Die Diskussion zwischen Wikileaks und Snoden auf Twitter ist nicht gerade freundlich. Wikileaks schreibt: "Opportunismus wird dir auch keine Gnade von Clinton einbringen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2016 - Internet

Mit den modernen sozialen Medien sieht der Architekt und Ingenieur Carlo Ratti den alten Menschheitstraum von der Gedächtnisspeicherung auf dem besten Wege der Erfüllung. In der NZZ denkt er über die Gefahren von Big Data, gerade im Zusammenhang mit Terrorismus nach und fragt sich, wer in Zukunft, die Datenmassen auswerten wird. "Ohnehin können Big Data manchmal zu Bad Data, zu falscher oder absichtlich irreführender Information, werden. Der Münchener Amokläufer hat sich diese Tatsache offenbar zunutze gemacht: Er soll via Facebook zu einem Gratisessen bei McDonald's eingeladen haben, um möglichst viele Menschen dorthin zu locken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2016 - Internet

Entsetzt ist in der Huffpo die Informatikerin Zeynep Tufekci über einen Wikileaks-Leak mit angeblichen Mails aus dem Erdogan-Apparat, der in Wirklichkeit nach Sichtung gar keine Mails aus dem Erdogan-Kreis zu enthalten scheint. Statt dessen wurden die Daten von Millionen türkischer Frauen geleakt - "private Daten nahezu aller Wählerinnen in 79 von 81 Provinzen, inklusive ihrer Wohnadressen... Wir sprechen von Millionen Frauen, deren Daten ohne einen Aufschrei offengelegt wurden. Ihre Adressen stehen nun für jeden Stalker, jeden Ex-Partner, feindseligen Verwandten oder Verrückten zur Verfügung. Und erinnern wir daran, dass in der Türkei jedes Jahr Hunderte von Frauen ermordet werden, meist von ihren gegenwärtigen oder Ex-Ehemännern, und Tausende von Frauen verlassen ihre Wohnungen und verstecken sich, weil sie Sicherheit suchen."

Thomas Rid geht in Vice den - ziemlich konkreten - Hinweisen nach, dass die von Wikileaks veröffentlichten E-Mails aus der Demokratischen Partei ursprünglich von Russland gehackt worden seien - ein neuer Beleg für die digitale Kriegsführung Russlands. "Diese Taktik und ihr bemerkenswerter Erfolg ändern das Spiel: Dokumente politischer Organisationen abzusaugen, ist eine legitime Form der Geheimdienstarbeit. Amerikanische und europäische Länder tun das auch. Aber sie digital zu extrahieren und dann - möglicherweise vermischt mit manipulierten Dokumenten - als angeblich anarchistischen Hack zu veröffentlichen, überschreitet eine dicke rote Linie und schafft einen gefährlichen Präzedenzfall: ein autoritäres Land, das direkt, wenn auch verdeckt eingreift um eine amerikanische Wahl zu boykottieren."

Nun ist es raus: Google ist Gott. Und wehe, man stellt sich schlecht mit ihm. Jennifer Krasinski schreibt im New Yorker über den Fall des sehr bekannten Bloggers Dennis Cooper, dessen Blog von einem Tag auf den anderen gelöscht wurde und womöglich samt Inhalt von Google in die Tonne getreten wurde (unser Resümee). So sieht das dann aus. Cooper ist bekannt für seine recht expliziten Romane aus dem homosexuellen Milieu, es gab auf seinem Blog spielerisch veränderte Kontaktanzeigen von Escort Boys - aber sonst, laut Cooper, keine anzüglichen Inhalte. Übrigens wurde auch sein Mail-Konto gelöscht. Antwort hat er von Google bisher nicht enthalten. Und Jennifer Krasinski vom New Yorker auch nicht: "Die Unfähigkeit von Google, auf Coopers Problem einzugehen, lässt das Schlimmste befürchten. Als ich die Pressestelle der Firma um ein Statement bat, kam eine eine dreist abweisende Antwort: 'Was Ihre Anfrage betrifft, so ist uns dieses Thema bekannt. Wir sind nicht in der Lage über die Konten bestimmter Nutzernzu kommunizieren. Danke, das Google Press Team."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2016 - Internet

Susanne Knaul hat für die taz Yuval Orrs Dokumentarfilm "Down the Deep, Dark Web" über das Netz jenseits des Tor-Browsers gesehen - wo sich eine Menge Perverser, Verschwörungstheoretiker, aber auch Aktivisten aus Diktaturen tummeln: "In einer Szene des Films läuft Yuval Orr über den Alexanderplatz, sieht die Kameras und fragt sich, ob wirklich alles ans Licht muss. 'George Orwell war optimistisch', sagt ein Hacker aus Berlin, der sich im Film 'Schmuggler' nennt und das Gesicht mit Sonnenbrille und Mundschutz verbirgt. 'Aus technologischer Sicht ist es heute viel schlimmer' als Orwells Perspektive für 1984. Wenn es einen Knopf gäbe, der alle Regierungen verschwinden lassen würde, sagt er, 'dann würde ich jetzt sofort auf diesen Knopf drücken'."