9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1451 Presseschau-Absätze - Seite 42 von 146

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2023 - Kulturpolitik

Etwas wolkig greifen die Denkmalpfleger Uta Hassler und Christoph Rauh in der FAZ in die Debatte um den möglichen Wiederaufbau der Schinkelschen Bauakademie ein: "Was könnte ein erneuerter 'Musterbau Bauakademie' heute dennoch bewirken? Anknüpfend an ihre historische Bedeutung könnte die 'neue' Bauakademie zum Demonstrationsobjekt für eine experimentelle Wiederholung des verlorenen Baus und seiner Details werden - auch als Evokation des verlorenen Ideals einer Erneuerung des Bauwesens und als Schritt zurück in die Langlebigkeit der Konstruktionen selbst."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2023 - Kulturpolitik

Während man sich in anderen Ländern immer häufiger Asche aufs Haupt streut, ist man in Großbritannien, der Kolonialmacht schlechthin, noch kaum geneigt, geraubtes Kulturgut zurückzugeben, notiert Gina Thomas in der FAZ. Das gilt zumal für die "Elgin Marbles", die ja eigentlich die Partehnon-Friese sind. Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis soll zwar Sondierungsgespräche mit Granden des British Museum geführt haben. Der eigentliche Stein des Anstoßes sei aber "die Weigerung Griechenlands, den Besitzanspruch des Britischen Museums anzuerkennen. Mitsotakis, der kürzlich noch von einer 'Win-win'-Lösung sprach, hat in dieser Woche denn auch die Hoffnung seiner Landsleute auf eine baldige Rückkehr der Skulpturen gedämpft, als er sagte, dass eine Leihgabe nicht infrage komme, weil sie der Anerkennung des britischen Besitzanspruchs gleichkäme."

Wir stecken nicht zuletzt dank "überschießendem Regulierungswahn" und "immer absonderlicheren, kleinteiligeren, regional unterschiedlichen Baugesetzgebungen" in der größten Wohnungskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, schreibt Gerhard Matzig in der SZ und denkt über Lösungen nach: "Die in Ungnade gefallenen, weil in der Nachkriegsära eilig und oft nicht sonderlich menschenfreundlich an den Stadträndern abgestellten Großsiedlungen wurden bald stigmatisiert und zum Tabu von Soziologie und Stadtentwicklung. Als hocheffiziente Typologie der Wohnraumentwicklung könnte man sie längst rehabilitieren. (…) Die postpandemische Stadt, die als Produkt der Digitalisierung zur Telepolis wird, kann zugleich die angestammten, allmählich verödeten Zentren für das Wohnen zurückerobern. Es wird weniger Parkplätze geben müssen, weniger Kaufhäuser, weniger Straßenraum, weniger Büroburgen. Unsere Städte müssen zugleich dichter besiedelte und grünere, menschenfreundlichere Städte sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2023 - Kulturpolitik

Der Historiker und Kulturpolitiker Christoph Stölzl ist im Alter von 78 Jahren gestorben und in der SZ verabschiedet Gustav Seibt "eine historische Figur, mit deren Tod eine ganze Epoche ins Grab sinkt". Als Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums im wiedervereinigten Berlin konnte der "elegante" und "grenzenlos gebildete" Stölzl mit historischen Einordnungen "als Salonlöwe wie mit Konfetti um sich werfen", erinnert Seibt: "Er war als Ausstellungsmacher eher ein Impresario und Theaterdirektor, der mit Knalleffekten und Kolophonium lieber hantierte als mit Bestandsverzeichnissen und geschichtsdidaktischen Strategien. (…) Als Politiker, erst für die FDP, später für die CDU, kam ihm seine Gabe zum historischen Assoziieren … störend in die Quere, so wenn er Berliner Wahlergebnisse mit Erdrutschsiegen der Dreißigerjahre verglich oder den Eintritt der Linkspartei in die Berliner Stadtregierung im Abgeordnetenhaus mit tonlosem Pathos als Machtergreifung des Kommunismus darstellte. Solchen Parallelen konnten nicht einmal seine eigenen Parteigenossen aus Reinickendorf oder Zehlendorf folgen, aus Mangel an historischer Bildung nämlich." Weitere Nachrufe unter anderem in Berliner Zeitung, Welt und Tagesspiegel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2023 - Kulturpolitik

Harry Nutt resümiert in der Berliner Zeitung jüngste Debatten um koloniale Raubkunst. Selbst im British Museum, das diesen Debatten bisher mit stiff upperlipp begegnete, kann man sich der Forderungen nicht mehr ganz erwehren. In Deutschland kommt inzwischen dagegen die Meldung an, dass Geschichte komplexer ist als es sich postkoloniale Szenarien ausmalen. Nutt verweist auf auf die "Restitution Study Group", die die Rückgabe der Benin-Bronzen im Namen der vom Königreich Benin Versklavten kritisieren, und auf die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin (unser Resümee): "Wenn die New Yorker Restitution Study Group und Wissenschaftlerinnen wie Hauser-Schäublin richtig liegen, dann sind Annalena Baerbock und Claudia Roth in ein kulturpolitisches Dilemma hineingetappt, weil sie den Verlockungen nicht widerstehen konnten, auf der richtigen Seite stehen zu wollen. Gegen die geschichtspolitisch aufgeladene Gefahr, verschiedene Opfergruppen gegeneinander auszuspielen, käme es nun aber darauf an, das historische Wissen über koloniale Regime ebenso zu erweitern wie die Zeit, die ihnen vorausging. Noch ein Historikerstreit also?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2023 - Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat viele Probleme, ihr Name ist darunter das kleinste, meint in der FAZ Klaus-Dieter Lehmann, ehemaliger Präsident der Stiftung, und fordert von Claudia Roth mehr als eine Minireform: "Nötig ist jetzt eine Öffnung hin zu gesamtstaatlicher Verantwortung, bei der das Zusammenwirken von Bund und Ländern zum Vorteil aller gelingen soll. Die Länder sollen die Stiftung nicht alimentieren, sondern selbst einen Nutzen haben. ... Bei den Museen könnte eine stärkere internationale Sichtbarkeit durch eine Agentur zur internationalen Museumskooperation ein Gewinn für die Museen in Deutschland sein, ebenso ein föderales Programm zur Unterstützung der Ausstellungstätigkeit durch fertig kuratierte Ausstellungen in den Ländern und ein Schaufenster der Länder in der Hauptstadt. Es geht um ein koordiniertes Vorgehen zur kolonialen Vergangenheit Deutschlands und zur Dekolonisierung. Es geht um Austauschprogramme und um Fragen des Kulturschutzes. ... Es bedarf hierzu aber einer verlässlichen Struktur, die von den Beteiligten gleichermaßen als geeignete Grundlage angesehen wird."

Kehren 56 Teile des Parthenon-Frieses doch noch zurück nach Athen? Die Briten bewegen sich langsam ein ganz kleines bisschen, erzählt Jürgen Gottschlich in der taz. Von Rückgabe ist aber noch keine Rede, sondern nur von Rückverleihen: "Das aber, berichten wiederum griechische Zeitungen, könne von Athen nicht akzeptiert werden. London muss den Raub anerkennen, ist die Parole der griechischen Regierung. Denn der vom Museum behauptete Besitzanspruch für die sogenannten 'Elgin Marbles' ist äußerst umstritten und wird nicht nur von Athen, sondern auch von vielen Fachleuten abgelehnt. Schaut man sich die Umstände dieses 'Erwerbs' durch Lord Elgin genauer an, muss man feststellen: Der Raub der Friesplatten vom Parthenon auf der Athener Akropolis ist sozusagen die Mutter aller Kunstraube, die die europäischen Großmächte im 19. Jahrhundert im Orient begangen haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2023 - Kulturpolitik

Die moralische Emphase, mit der die Benin-Bronzen an Nigeria zurückgegeben wurde, hält die Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin in der FAZ für ziemlich heuchlerisch, nicht nur weil sie meint, dass mit der Rückgabe der Skulpturen auch ein wichtiger Handelspartner für Flüssiggas bedient wurde. Auch Annalena Baerbocks Vergleich mit der Gutenberg-Bibel sei verfehlt, die der Demokratisierung des Wissens gedient hatte: "Die Benin-Bronzen stehen für das absolute Gegenteil. Die Rückgabe, so argumentierte Frau Baerbock, gebe Nigeria einen Teil seiner Geschichte zurück, die 'geraubt und gestohlen' worden sei. Abgesehen davon, dass in Nigeria 250 verschiedene Ethnien leben, von denen jede ihre eigene konfliktreiche Vergangenheit hat, kommt es einer Geschichtsklitterung gleich, wenn die Geschichte der Bronzen auf die Konfiszierung der Königsinsignien durch die Briten und den Erwerb deutscher Museen von Teilen der Kriegsbeute reduziert wird. Die ans Larmoyante grenzenden Schuldeingeständnisse und Wiedergutmachungsanstrengungen der deutschen Politik verdecken die bluttriefende Vorgeschichte der Benin-Bronzen: Diese sind auf einem Berg von Leichen und durch Schiffsbäuche voller Sklaven - vom Königreich Benin in Kriegen gegen Nachbarvölker gejagt, versklavt, teilweise den bronzenen Herrscherköpfen als Blutopfer dargebracht und in Massen gegen Bronze-Manillen aus Europa verkauft - entstanden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2023 - Kulturpolitik

Mit ihrem Vorstoß, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz umzubenennen (Unsere Resümees), versucht Claudia Roth die deutsche Geschichte "besenrein" zu machen, ärgert sich Florian Illies in der Zeit: "Nur Diktaturen sind eigentlich so naiv und selbstberauscht, dass sie glauben, die Vergangenheit nachträglich begradigen zu können. Ein sinnloses Unterfangen, denn über kurz oder lang brechen alle historischen Sollbruchstellen wieder auf, Europas Geschichte seit 1989 erzählt von nichts anderem. (…) Der Versuch, die Vergangenheit aus einem eigenen moralischen Überlegenheitsgefühl heraus zu optimieren, ist ein antiaufklärerischer Größenwahn, der sich nur als Demut tarnt."

In der NZZ wehrt sich die Philologin Melanie Möller gegen Versuche, die Altertumswissenschaften als weiß, sexistisch und rassistisch zu diskreditieren: "Heißt das, dass man historische Ungerechtigkeiten, die den Namen verdienen, totschweigen sollte? Gewiss nicht; aber es bedarf schon einer genauen Kenntnis der Kontexte und einer soliden Achtung vor den Toten, um sie nicht dem gleichen Missbrauch zu unterwerfen, den man ihnen vorwirft. Denn wenn Aufklärung bedeutet, dass unliebsames Altes, wie als sexistisch deklarierte Frauenbilder, als rassistisch gedeutete Menschendarstellungen und vieles mehr, durch Verweigerung der Reproduktion eliminiert werden soll, ist das nichts als dümmliche Geschichtsklitterung."

Außerdem: In der SZ befürchtet Peter Richter, dass die ohnehin schon "verödete" Friedrichstraße nun endgültig der "religiösen Raserei" der noch amtierenden Grünen-Verkehrssenatorin Bettina Jarasch, die eine Fußgängerzone plant, zum Opfer fällt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2023 - Kulturpolitik

Die Stadt Köln macht kulturpolitisch meist eher mit einstürzenden Stadtarchiven von sich reden. Da ist es ja vielleicht ein Glück, dass die Erweiterung des Wallraf-Richartz-Museums, die seit zwanzig Jahren geplant wird, bisher nicht zustande kam. Für Johannes Novy, der für die taz berichtet, ist das nur ein Beispiel für eine weithin verfehlte Stadtentwicklungspolitik: "Als die Stadt das dafür vorgesehene Grundstück neben dem bestehenden Museum und unweit des historischen Rathauses erwarb, gab es die D-Mark noch. Eigentlich hätte die Realisierung des Erweiterungsbaus, dessen Entwurf auf einen 2013 (!) entschiedenen Architektenwettbewerb zurückgeht, schon längst beginnen sollen, doch im August wurde bekannt, dass es dazu auch dieses Jahr nicht mehr kommen würde. Die Stadt sprach von bisher unbekannten Hohlräumen im Baugrund, die Kritiker davon, dass sie es schlicht versäumt hat, den Baugrund früher zu untersuchen - Zeit genug hätte sie ja gehabt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.12.2022 - Kulturpolitik

Sehr böse schimpft FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ auf Claudia Roth, die zwar ihre Hausaufgaben zur Neuorganisierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht gemacht hat, dafür aber "Preußen" aus dem Namen der Stiftung tilgen will: "Vergangenheit, zu der ihr keine schlichte Geste einfällt, interessiert sie nicht. Erinnerung ist genau so lange gut, solange sie moralisch eindeutig ist. Aber Geschichte ist niemals moralisch eindeutig. Preußen ist Roth unangenehm, weil sie so viel Ungutes darüber gehört hat. Dass zu Preußen auch Kant und Humboldt, das Allgemeine Landrecht und die Schulpflicht, Schinkel und Menzel, Voltaire, E.T.A. Hoffmann und Fontane, ja Heiner Müller gehören, bremst ihren Affekt nicht."

Wäre die Linkspartei außerhalb der Stadt Berlin noch eine relevante politische Kraft, würde sie vielleicht die Berliner Staatssekretärin für Vielfalt und Antidiskriminierung Saraya Gomis zur Kulturministerin küren, die noch ganz andere Ideen hat als Claudia Roth: "Aus einer Antidiskriminierungsperspektive muss man sagen: All die Kulturgüter aus anderen Weltregionen gehören nicht uns, sie sind unrechtmäßig hier", sagt sie im Gespräch mit Anna Thewalt vom Tagesspiegel. "Ja, ich persönlich bin dafür, dass der Pergamonaltar und die Nofretete-Büste zurückgegeben werden. Aber darüber zu befinden und zu entscheiden haben andere."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.12.2022 - Kulturpolitik

Hermann Parzinger spricht gegenüber der dpa von "Zuständigkeitsgerangel" bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Claudia Roth denkt erneut darüber nach, die SPK und das Humboldt Forum doch wieder enger aneinander zu koppeln und Klaus Lederer könnte sich vorstellen, die Ausstellung "Berlin Global" auszulagern, meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel und fasst sich an den Kopf: "Gestern war Hü, heute ist Hott"? "Es kann nicht sein, dass mit jedem Regierungswechsel neue Humboldt-Forum-Konzepte auf den Tisch kommen und mehr als nur nachjustiert wird. Die Kosten für jede Neustrukturierung tragen die Steuerzahler."