9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2022 - Kulturpolitik

Schön, dass über einen neuen Namen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz diskutiert wird (Unser Resümee), findet Christiane Peitz im Tagesspiegel. Aber: "Mit der Reform hin zu mehr Autonomie und Attraktivität der Museen und einer flexibleren Verwaltung des 1900-Mitarbeiter:innen-Ladens geht es nur zäh voran. Die dringlichste Frage ist weiterhin offen: die der (Unter-)Finanzierung durch Bund und Länder, die allesamt im Stiftungsrat vertreten sind. Für eine Verschlankung müsste ein Bundesgesetz geändert werden. Da erscheint einem der Namensdisput - der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und der Historiker Hubertus Knabe werfen den Grünen Geschichtslosigkeit und Ersatzhandlung vor - wie ein Ablenkungsmanöver von den eigentlichen SPK-Baustellen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2022 - Kulturpolitik

Bei Twitter war es der Aufreger der Weihnachtstage. Claudia Roth will die Stiftung Preußischer Kulturbesitz umbenennen - Preußen soll raus. "Was haben Andy Warhol und Joseph Beuys mit Preußen zu tun?", zitieren sie Dirk Kurbjuweit und Christoph Schult im Spiegel. Die FAZ greift das Thema auf: "Preußen war nach Meinung vieler der Grund, warum Deutschland in den Abgrund von zwei Weltkriegen geraten war. Militarismus, Staatsvergottung, Gehorsams-Fixierung und Intoleranz", erläutert der anonyme Bericht. Und "auch der Präsident der SPK, Hermann Parzinger, fände einen anderen Namen besser. 'Wenn ich SPK sage, muss ich fast immer erklären, welche Institution ich vertrete', sagt er. Es sei nicht einfach, einen neuen Namen zu finden, gute Vorschläge nehme er gern entgegen. Noch gibt es aber keinen."

Auch die SZ zitiert Roth: "Der aktuelle Name bringe nicht 'die Weltläufigkeit der Kulturgüter zum Ausdruck', sagte Roth. 'Neben der umfassenden Strukturreform, die den einzelnen Institutionen jetzt mehr Autonomie und Handlungsfähigkeit verschafft, brauchen wir in einem zweiten Schritt auch einen attraktiven, zukunftsgewandten Namen.'" (Die "umfassende Strukturreform" war zwar bisher nur ein Minireförmchen, aber vielleicht hat Roth mit der Umetikettierung mehr Glück.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2022 - Kulturpolitik

In großen taz-Interview mit Andreas Fanizadeh spricht Kulturstaatssekretärin Claudia Roth über den Ukrainekrieg, die Krise des Kulturbetriebs und den Kulturpass gegen die Digitaldepression der Jugend. Hitzig wird es natürlich beim Thema Antisemitismus auf der Documenta. "Ich habe die Alarmglocke bei ihnen geläutet. Vielleicht nicht heftig genug, nicht öffentlich genug", antwortet Roth auf den Vorwurf, nicht energischer eingeschritten zu sein: "Einer der Hauptfehler war, dass niemand greifbar und verantwortlich war. Es herrschte eine kollektive Verantwortungslosigkeit. Das ist ein strukturelles Problem gewesen. Aber was auch nicht geht, ist, eine Gruppe, weil sie aus einem islamischen Land kommt, generell gleich unter Verdacht zu stellen, was im Vorfeld der documenta teilweise zu beobachten war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.12.2022 - Kulturpolitik

Katrin Gänsler freut sich in der taz sehr, dass Außenministerin Baerbock persönlich die Benin-Bronzen nach Nigeria zurückgebracht hat. Es handelt sich nicht nur um die Rückgabe von Kulturgut, die Bronzen haben auch eine symbolische Dimension (unser Resümee), erläutert sie: "Anders als im Globalen Norden oft angenommen wird, sind die Bronzen nicht nur enorm kostbare Kunstwerke. Sie haben bis heute eine kulturelle und religiöse Bedeutung für zahlreiche Menschen. Diese lässt sich in Europa und in den USA kaum ermessen. Meist wird vergessen, dass die Bronzen bis zu ihrem Raub 1897 keine Museumsobjekte in Glasvitrinen waren, sondern Teil des täglichen Lebens und zentral für Zeremonien" - bei denen oft Kriegsgefangene hingerichtet wurden, wie man vielleicht auch nicht vergessen sollte (mehr hier).

Es gibt auch einen anderen Grund zur Freude, schreibt Gänsler in ihrem Bericht über die Übergabe, für den sich auch mit der Beninerin Doris Ogbeifun gesprochen hat: "Endlich steht Nigeria einmal nicht im üblicherweise schlechten Licht da. Bis vor einigen Jahren die Debatte über die unschätzbar wertvollen Bronzen einen Platz in der breiteren Öffentlichkeit in Europa fand, war Nigeria Synonym für Umweltverschmutzung im ölreichen Nigerdelta, die Terrorgruppe Boko Haram, die Tausende Mädchen und Frauen entführte, sowie Internetkriminalität. Benin City galt zudem als Drehscheibe des nigerianischen Menschenhandels. Es sei gut, dass die Stadt endlich mit etwas anderem in Verbindung gebracht werde, so Ogbeifun." Außerdem erzählt Susanne Mermania in der taz die lange Geschichte der verweigerten Rückgabe.

Wo (und ob) die zurückgegebenen Bronzen in Nigeria ausgestellt werden, soll die deutsche Politik nicht mehr kümmern, berichtet Bernd Dörries in der SZ: "Auch unter Vermittlung des damaligen Kulturbeauftragten des Auswärtigen Amtes, Andreas Görgen, entstand die Idee des Edo Museum of West African Art (EMOWAA), das mit einem deutschen Beitrag, aber auch Geld aus Nigeria gebaut und zu einer Attraktion in Benin-Stadt werden soll. Mittlerweile plant aber auch der heutige Oba sein eigenes Museum. Die Diskussion über die Museen spielte bei der Rückgabe keine große Rolle mehr. Der nigerianische Außenminister Geoffrey Onyeama sagte, man solle sich keine Sorgen machen, Nigeria habe auf die Masken jahrhundertelang ganz gut aufgepasst, bevor sie gestohlen wurden."

Die Gleichschaltung in Moskau geht weiter. Moskauer Bibliotheken haben Listen mit Büchern erhalten, die sie im Zeichen der neuen Anti-LGBT-Gesetzgebung nicht mehr anbieten sollen, meldet Kerstin Holm in der FAZ: "Zu den Werken, die auf dieser Liste stehen, gehören solche von Haruki Murakami, von dem britischen Humoristen Stephen Fry, dem irischen Bestsellerautor John Boyne, dem Amerikaner Michael Cunningham, der russischen feministischen Dichterin Oksana Wasjakina, aber auch von dem imperialistisch gesinnten Begründer der Nationalbolschewistischen Partei Eduard Limonow. Entfernt werden müssen ferner der Roman 'Besessen' von Antonia Susan Byatt sowie Lehrbücher in Sexualkunde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2022 - Kulturpolitik

Die Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz war ein "Befreiungsschlag", sagt Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, im FR-Gespräch mit Ingeborg Ruthe. Nun träumt er von weniger Bürokratie und einer "modernen Museumsinsel" am Potsdamer Platz: "Als Direktor der Neuen Nationalgalerie und des daneben entstehenden künftigen Museums der Moderne am Kulturforum möchte ich viel intensiver mit den benachbarten Staatlichen Museen, der Philharmonie, der Staatsbibliothek und der engagierten Kunstkirche St. Matthäus arbeiten. Es geht um die schon lange bestehende Vision eines gemeinsamen Standortes, aus der viel kritisierten Beton-und-Stein-Ödnis Kulturforum einen gefragten Stadtplatz in Gestalt eines grünen Museumsgartens zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2022 - Kulturpolitik

In der SZ kommt Jörg Häntzschel nochmal auf das Gutachten zurück, das Hartmut Dorgerloh über die Großspender des Humboldt Forums, Ehrhardt Bödecker, dem Antisemitismus vorgeworfen wird, erstellen ließ. (Unsere Resümees). Warum überhaupt ein Gutachten erstellt wurde, ist Häntzschel nach wie vor ein Rätsel: "Erhoffte sich Dorgerloh einen Freispruch Bödeckers?" Unverständlich sind ihm auch die Konsequenzen der Stiftung nach dem Gutachten: "Einerseits sei es richtig gewesen, sich von Bödecker zu distanzieren. Andererseits, so erklärt sie, habe der Förderverein mit der Annahme der Spende nicht gegen die geltende Spendenrichtlinie verstoßen. Dennoch 'präzisierte' man gleich darauf diese Richtlinie so, dass eine Spende von Bödecker heute gegen diese verstoßen würde. Dass Bödeckers Familie die Veröffentlichung des Gutachtens verbietet, lediglich ein fünfseitiges Resümee ist zugänglich, macht die Sache noch obskurer."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2022 - Kulturpolitik

Niklas Maak versteht in der FAS die Welt nicht mehr. Vom Schloss-Spender Ehrhardt Bödecker sind Texte bekannt, in denen er gegen die "wissenschaftlich nachgewiesene Unrichtigkeit der behaupteten Zahl von sechs Millionen Opfern" des Holocausts zeterte oder behauptete, Deutschland leide unter der "Selbstvergottung der Sieger" nach 1945. Wie kann das Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte über eine solche Position "ambivalent" ausfallen? "Dort heißt es, 'antisemitische Topoi sowie die Tradition des antiwestlichen Nationalismus' seien bei Bödecker 'evident', zugleich finde sich 'die Ambiguität von deutlichen antisemitischen Klischees einerseits und der Konterkarierung antisemitischer Ressentiments andererseits'. "Ist jemand, der sagt, Juden seien allesamt üble Geschäftemacher, hätten aber durchaus unterschiedliche Nasenformen, kein Antisemit, weil er ein Klischee nicht bedient? Das wäre eine sehr nachsichtige Definition, mit der sich die Zahl deutscher Antisemiten fast auf null reduzieren ließe. Kein Satz, der klar sagt: Bödecker verfasste antisemitische Texte, Punkt. Es ist interessant, wie schwer sich Politiker, Wissenschaftler und Kommentatoren, die den Antisemitismus einiger Documenta-Teilnehmer sehr schnell benennen und - zu Recht - verurteilen konnten, bei ebenso klaren Fällen von innerdeutschem Antisemitismus tun. Und: Warum ist das Gutachten nicht öffentlich einsehbar? Warum reagiert der Gutachter nicht auf Presseanfragen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2022 - Kulturpolitik

Bei der Documenta 15 hätte sie härter durchgreifen müssen, sagt Claudia Roth im großen FR-Interview mit Lisa Berins nach einem Jahr als Kulturstaatsministerin. Auch auf die BDS-Resolution des Bundestages kommt sie zu sprechen, die sei ein "einfacher, d. h. politischer Beschluss" hält sie noch einmal fest: "Es geht nicht, in Deutschland öffentlich BDS zu propagieren. Wenn ein Künstler aber ein künstlerisch interessantes Werk schafft, was mit BDS nichts zu tun hat, ist das kein ausreichender Grund, ihn von einer Förderung auszuschließen. Was wir nicht wollen, das ist Werbung für den BDS. Was wir nicht brauchen, ist eine Gewissensprüfung. Meine Linie ist: Wir bekämpfen Antisemitismus in all seinen Formen, und ich bin gegen Boykotte, gerade gegen Kulturboykotte. Schon deswegen habe ich mich als Kulturstaatsministerin sehr deutlich geäußert, als BDS-Aktivisten und -Aktivistinnen offensiv interveniert haben und versucht haben, Boykotte beim Festival Pop-Kultur Berlin durchzusetzen. Das geht überhaupt nicht."

Roths erstes Regierungsjahr endet "mit relativ viel kulturpolitischem Stillstand, mit vielen großen Worten zu anderen Dingen (Krieg, Demokratie, Erinnern) und wenigen kleinen Taten auf dem eigentlichen Aufgabengebiet", bilanziert ein enttäuschter Dirk Peitz derweil auf ZeitOnline, etwa mit Blick auf die Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: "Nun will man den angeschlossenen Häusern wenigstens ein bisschen Autonomie gönnen von der Stiftung selbst, der Rest der Reformpläne erschöpft sich in Verwaltungskram, und alle Beobachter sind fassungslos wie zuvor und weisen aufs Ausland, auf den Louvre, das British Museum, den Smithsonian-Verbund - anderswo kriegt man große, schwere Museumsflotten flott, ansehnlich, beliebt gar. Nur in Deutschland segeln die halt nicht. Sie gehen unter, aus eigener Schwerfälligkeit und nicht nur, weil sie schwer an ihren Kunstschätzen und ihrem Kolonialerbe tragen."

Die Reform der SPK beschäftigt heute auch den Tagesspiegel. Dass die Generaldirektion einem sechsköpfigen Vorstand weichen soll, findet Nikolaus Bernau nicht besonders klug, immerhin "war diese oft der einzige Puffer gegen die Machtübergriffe der Politik und der Stiftungsspitze". Wesentliche Probleme werden indes übersehen: "Die Staatsbibliothek musste ihren in 300 Jahren eingehaltenen Universal-Bibliotheks-Anspruch, möglichst alle Zeugnisse des menschlichen Wissens sammeln zu können, aufgeben; die wissenschaftliche Arbeit in der Stiftung stützt sich ganz auf die Selbstausbeutung der Mitarbeiter, selbst bedeutende Sonderausstellungen wie jene über die Kunst in der Ukraine können nicht mehr übernommen werden." Auch Bernhard Schulz hätte gern mal Konkretes über künftige Finanzierungspläne gehört.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.12.2022 - Kulturpolitik

Nach zwanzig Jahren verlässt Hortensia Völckers als Gründungsdirektorin die Kulturstiftung des Bundes. Im Tagesspiegel+-Gespräch mit Nicola Kuhn und Katrin Sohns beklagt sie mangelnden Dialog bei der Documenta 15, ihr "Unbehagen" gegenüber der eingesetzten Kommission und laviert herum, wenn es um den BDS-Beschluss des Bundestages geht, dessen Folgen sie für "unüberschaubar" hält: "Jetzt schon ist zu beobachten, dass es schwieriger wird, internationale Kandidatinnen für Leitungspositionen zu finden, weil viele international tätige Persönlichkeiten fürchten, hier in Deutschland ihre Karriere aufs Spiel zu setzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2022 - Kulturpolitik

In der SZ resümiert Jörg Häntzschel das erste Jahr von Claudia Roth als Kulturstaatsministerin, das er etwas mutlos fand: Von der geplanten Großreform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist "nur noch das Minimum übrig", beim Humboldt Forum oder dem Museum des 20. Jahrhunderts, die ebenfalls neu aufgestellt werden müssten, taktiere sie vorsichtig: "Die einst impulsive Roth geht vor, als liege Sun Tzus 'Die Kunst des Krieges' auf ihrem Nachttisch." Und dann war da noch die Documenta-Debatte, in der sie vergeblich zu beschwichtigen suchte: "Die Documenta ist vorbei, doch neue Antisemitismus-Kontroversen flammen ständig auf. Sie selbst, die den BDS-Beschluss des Bundestags nicht mittrug, gehört oft zu den Mitangeklagten. Roth will sich mit einem Standpunkt schützen, der allen Parteien gleichermaßen den Wind aus den Segeln nehmen soll: kein Kulturboykott, nicht gegen Russland, nicht gegen Israel, aber auch nicht gegen die Israel-Boykotteure des BDS, fordert sie." Kurz: alle sollen irgendwie eingehegt werden. Ob das reicht?