Seit einigen Monaten geht die syrische Regierung auch gegen Journalisten und Influencer vor, die bis vor kurzem noch als regimetreu galten, es aber wagten, vorsichtige Kritik zu äußern, meldet Moritz Baumstieger in der SZ: "Dass das Regime nun gegen seine eigenen Propagandisten vorgeht, liegt paradoxerweise in den militärischen Erfolgen begründet, die es mit Unterstützung Irans und Russlands erringen konnte. Damaskus hat wieder die Kontrolle über fast alle einst von Aufständischen beherrschten Gebiete, nur in Idlib im Norden des Landes wird noch äußerst heftig gekämpft. Und aus dem selben Grund, aus dem das Regime in zurückeroberten Städten die gestürzten Statuen von Hafiz al-Assad wieder errichten lässt, dem Vater und Vorgänger des heutigen Diktators, versucht es auch in der Medienlandschaft die Uhren wieder auf Null zu stellen: Wir mögen eine Krise durchlebt haben, so die Nachricht, geändert hat sich im Land jedoch nichts."
Viel retweetet wird ein Artikel René Martens' aus epd Medien vom 16. August, der jetzt online gestellt wurde. Er listet all jene AfD-Politiker und -Funktionäre auf, die einst Journalisten waren, übrigens überraschend oft in öffentlich-rechtlichen Medien. Auch bei Alexander Gauland, der in der FAZ für eine Reinigung der Medienlandschaft plädierte, ist an die journalistische Vergangenheit zu erinnern. "Die längere Zeit dieses Jahrtausends gehörte Alexander Gauland selbst zu den 'Leuten aus den Medien'. Von 1991 bis 2005 war er Herausgeber der Märkischen Allgemeinen Zeitung (die damals noch zur FAZ-Gruppe gehörte...), danach war er acht Jahre lang ständiger Autor für den Tagesspiegel." Die Medien selbst thematisieren diesen Aspekt selten, so Martens: "Bei jenen Medienhäusern, bei denen heutige AfD-Politiker als Redakteure oder Autoren beschäftigt waren, ist von Reflexion in eigener Sache wenig zu spüren."
In der NZZ ist die Literaturwissenschafterin Karin Neuburger immer noch empört über den Spiegel-Titel zu jüdischem Leben in Deutschland, der in Bild und Text das Deutsche zum Universalen erhebe und das Jüdische zum Anderen. "Hier wird das Judentum auf eine Weise dargestellt, die es als wesentlich vom 'Deutschen' unterschieden kennzeichnet - entweder aufgrund des äußerlichen Erscheinungsbildes oder aufgrund der Opferrolle, aufgrund von Riten, Sprache oder auch bestimmter Stigmata wie des übermäßigen Reichtums oder der Heimatlosigkeit. Das 'Deutsche' erscheint immer als das genaue Gegenteil dessen, was als 'jüdisch' definiert wurde, womit sich der Eindruck festsetzt, dass eine deutsche Mehrheitsgesellschaft ihre Identität sozusagen ex negativo, in Absetzung zum 'Anderen', bestimmt. Vor diesem Hintergrund ist die Wahl des Fotos der beiden orthodoxen, aus Osteuropa stammenden Juden auf dem Titelblatt der Spiegel-Ausgabe nur konsequent, aber umso skandalöser im Mechanismus, der in dieser Wahl zum Ausdruck kommt."
Die Welt bringt einen Auszug aus Philipp Ruchs Buch "Schluss mit der Geduld! Eine Anleitung für kompromisslose Demokraten", in dem sich der Aktionskünstler sehr konkret mit dem deutschen Phänomen der Talkshows auseinandersetzt, in denen vor allem Politiker reden: "Wäre die Direktverschaltung der Politik mit ihren Wählern etwas demokratietheoretisch Wünschenswertes gewesen, hätte das Grundgesetz vielleicht Sendeplätze in den öffentlich-rechtlichen Medien für Politiker festgeschrieben. Aber die Rolle der vierten Gewalt (zu der auch Talkshows zählen) besteht darin, die Macht zu kritisieren, zu kontrollieren, notfalls auch zu beschneiden."
In einem bissigen Kommentar auf der Seite 1 der FAZ fragt Jürgen Kaube die 59- bis 63-jährigen Programmverantwortlichen des Hessischen Rundfunks, was genau sie eigentlich damit meinen, wenn sie behaupten, sie müssten hr2 abschaffen, um jünger, digital und divers zu werden. "Hier beginnt die Verachtung der zahlenden Kundschaft, die nur möglich ist, weil sie zahlen muss. Was tut denn ihr Alter zur Sache? Die Hörerin, die heute sechzig ist, hat gute Chancen, noch zwanzig, dreißig Jahre lang das Radio einzuschalten. Oder wird die Demokratieabgabe folgerichtig bald nur noch von der Gruppe '35 und jünger' erhoben?" Aber womöglich, so Kaube, ist Jugend auch "nur eine Ausrede, um die Finanzierung der Rentenlast zu ermöglichen, die auf den Sendern liegt. Es sind dem hr die eigenen Rentner eben näher als die im Publikum."
Die geplante Abwicklung des Senders hr2 beschäftigt die FAZ sehr stark. Jochen Hieber holt im Aufmacher des Feuilletons weit aus, um die Interessen der hunderttausend Hörer pro Tag zu verteidigen und schließt: "Die Zukunft von hr2-Kultur ist keineswegs nur von regionaler Bedeutung. Die Abwicklung der Welle könnte bundesweit Schule machen. Das wäre fatal. Denn das Kulturradio gehört linear wie digital zum Kern öffentlich-rechtlicher Verantwortung und ist ein alleinstellendes Merkmal der ARD. Kein privater Sender wird je leisten können und wollen, was die verfassungsjuristisch legitimierte und zivilgesellschaftlich sinnvolle Zwangsgemeinschaft der Gebührenzahler ermöglicht." Nora Sefa und Anna Vollmer haben für die Medienseite der FAZ Politiker aller Couleur befragt, die sich alle - inklusive der AfD - für das Programm des Senders stark machen.
Der Youtuber Rezo, der mit einem notorischen Video einst die CDU zerstörte (unsere Resümees), hat nun ein Video gemacht, in dem er Zeitungen kritisiert, berichtet Meedia. Seine erwartbaren Gegner sind die Bild und die FAZ (wer hätte gedacht, dass er die taz oder die SZ kritisieren würde?) Aber bei der Gelegenheit zeigt er auch, wie witzig er es findet, dass Zeitungen noch das TV-Programm abdrucken. Und er brachte den Journalistenverband DJV dazu, eine Presseerklärung herauszubringen, die seine "Hetze" beklagte - bis der Shitstorm kam: "Beim DJV nahm man das vernichtende Echo auf die Pressemitteilung zum Anlass, diese zurückzuziehen. Man könne zu den Einschätzungen wie in der Pressemitteilung kommen, sagte DJV-Sprecher Hendrik Zörner auf Nachfrage von Meedia, man könne aber auch zur Einschätzung kommen, dass es sich bei dem Video um eine unterhaltsame Satire gehandelt habe." Wer nicht das ganze Video gucken will, findet bei Zeit online eine Zusammenfassung.
Es gibt kaum ein Medium, das eine derart große Gefolgschaft in den sozialen Medien hat wie The Epoch Times, schreiben Brandy Zadrozny und Ben Collins in einer interessanten Recherche für NBC News. Und kaum ein Medium schaltet in sozialen Medien so viele Anzeigen pro Trump wie eben jene Epoch Times. Aber die Epoch Times ist nicht einfach ein weiteres rechtes Blog, sondern internationales Sprachrohr der chinesischen Sekte Falun Gong: "Frühere Anhänger von Falun Gong erzählten NBC News, dass Falun-Gong-Gläubige an einen jüngsten Tag glaube, an dem 'Kommunisten' in eine Art Hölle geschickt werden, was jenen, die der Gemeinde anhängen, erspart bleibt. Trump wird als der Schlüssel-Alliierte im antikommunistischen Kampf angesehen, sagen ehemalige Angestellte der Epoch Times."
Außerdem: Die FAZ bringt auf der Medienseite Stimmen zur Abschaltung Kulturkanals im Hessischen Rundfunk.
In der FAZ ist der Schriftsteller Pit Knorr stinksauer, dass der Intendant des Hessischen Rundfunks ausgerechnet hr2 Kultur (statt den "Dudelfunk" auf hr 1,3 und 4) dicht machen und dafür einen Klassiksender einrichten will. "Es scheint, sie wollen diesen ganzen Kulturkram, diese nicht wirklich kontrollierbaren, häufig frechen, nicht immer stromlinienförmigen, ja um Gottes willen auch immer mal wieder politisch unbotmäßigen Sendungen endlich einfach raus haben aus dem Programm. Machen wir uns nichts vor: 'Kultur' gilt im populistischen Umfeld als Elitenquatsch, Begriffe wie 'Literatur' oder 'Kunst' werden als Schimpfworte benutzt, und dass hr 2 im Vergleich die geringeren Einschaltquoten hat, wird triumphal als Totschlagargument benutzt, Bildungsauftrag hin oder her. So ein politischer Chefposten, bei dem man es den Regierenden dauernd recht zu machen hat, lässt sich ja auch deutlich leichter ertragen, wenn man sich nicht mehr mit den anstrengenden Programmmachern beschäftigen und nur noch die Gema bezahlen muss."
Entsetzt über die Entscheidung des HR sind auch der Literaturwissenschaftler Heinz Drügh, Bodo Kirchhoff, Eva Demski und Klaus Schöffling.
In der NZZnimmt Rainer Stadler Greta Thunberg gegen die Beckmesser in den Redaktionen in Schutz, die hämisch, missgünstig oder besserwisserisch der Jugendlichen die Nachteile der Atlantikfahrt zur UN-Vollversammlung nach New York unter die Nase reiben. Aber klar, man hätte das Mädchen warnen müssen: "Das Leben im Scheinwerferlicht gleicht einem Stahlbad. Wer eintaucht, ist Sklave und Profiteur zugleich. Wer Action für die Kameras bietet, hat die Chance, seine Botschaften in alle Winkel der Welt zu schicken. Gleichzeitig unterwirft er sich den unerbittlichen Regeln der medialen Personalisierung. Das politische Thema versinkt jedoch zusehends im News-Sumpf. Am Klimatreffen in Lausanne wollte Thunberg nicht im Mittelpunkt stehen, doch Kameras und Mikrofone blieben auf sie gerichtet. Es gibt kein Entrinnen."
SZ-Kritikerin Carolin Werthmann sieht mit der Berliner Ausstellung "Zeichen der Zeit" die Frage aufgeworfen, ob Comic-Reportagen richtiger Journalismus sein können. Oder sind Zeichnungen aus Palästina, Nordkorea, vom Dschungel von Calais oder aus dem Gerichtssaal zu subjektiv, zu beliebig, zu Witzbildchenhaft? "Die Kritik, die sich an der Subjektivität von Comicreportagen entzündet, ist der Grund, warum sich das Format in Deutschland anders als in Frankreich, der Schweiz und den USA noch nicht so recht durchsetzen konnte. Die Verdichtung einer Situation, die Abstraktion von Personen, der individuelle Blick des Zeichners auf das Geschehen, die Interpretation, die in die Zeichnung einfließt - all das vernebelt die Objektivität, für die der Journalismus steht. Kuratorin Pithan findet das Argument gegen die Subjektivität aber zu simpel. 'Die meisten comicjournalistischen Projekte sind Reportagen. Gerade die Reportage ist es, die eine subjektive Perspektive des Autors zulässt.'"
Das goldene Zeitalter des Zeitungsjournalismus in den USA, das in heutigen Niedergangsszenarien als Kontrastfolie dient, war eine historische Parenthese, die von 1940 bis 1980 währte, schreibt Heidi Tworek bei niemanlab.org. "Amerikanische Mainstream-Newsmedien gediehen in der Nachkriegszeit auf Grundlage eines komplexen Systems von Subventionen. Anzeigenkunden subventionierten amerikanische Zeitungen, um an den Massenmarkt der Konsumenten heranzukommen. Mitte des 20. Jahrhunderts brachten Anzeigen etwa 80 Prozent des Umsatzes. Leser zahlten die übrigen 20 Prozent, die in etwa den Lieferkosten entsprachen. Aber auch die Leser subventionierten sich gegenseitig. Die Zeitung bot jedem etwas. Wer an harten News nicht interessiert war, las die Zeitung, um etwas über Sportergebnisse, das TV-Programm oder Jobanzeigen herauszufinden. Teure News und investigativer Journalismus wurden oft von Leuten bezahlt, die sie nicht lasen."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Nathan Devers: Gegen sich selbst denken Aus dem Französischen von André Hansen. Nathan war keine zehn Jahre alt, als er sich für das orthodoxe Judentum entschied. Aufgewachsen in einem liberalen Elternhaus in Paris,…
Jörg Ernesti: Die Päpste Vom Bischof von Rom zur moralischen Weltmacht Eine Institution im Wandel: Wie das Papsttum über Jahrhunderte Macht, Kultur und Einfluss neu definierte Das Papsttum fasziniert…
Simon Mason: Das kalte Herz von Oxford - Ein Fall für DI Wilkins Aus dem Englischen von Sabine Roth. Für Rachel Clarke beginnen an einem strahlenden Sommertag in Oxford die dunkelsten Stunden ihres Lebens: Ihre vierjährige Tochter Poppy…
Hans Pleschinski: Bildnis eines Unsichtbaren Neuausgabe. Mit einem Nachwort von Anja Kampmann. Roman einer großen Liebe in Zeiten der sexuellen Befreiung Silvester 1999 in Paris. Die siebziger und achtziger Jahre in…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier