Die Bloggerin
Marie Sophie Hingst ist tot,
berichtet Caroline Fetscher im
Tagesspiegel. Sie war vor einigen Wochen ins Gespräch gekommen, weil sie sich eine jüdische Familiengeschichte erfunden hat (unsere
Resümees).
Spiegel-Autor Martin Doerry hattte die Geschichte enthüllt, nachdem einige Historiker über Unstimmigkeiten in ihrem Blog
Read on my dear, read on aufmerksam gemacht hatten. Hingst, die in Dublin lebte, hat sich offenbar das Leben genommen, schreibt Fetscher mit Bezug auf die
Irish Times.
Die
Irish Times brachte die Geschichte bereits am Samstag. Es handelt sich um eine
sehr lesenwerte Reportage von Derek Scally, der Hingst nach den
Spiegel-Enthüllungen über ihre gefälschte identität getroffen hatte und ursprünglich ein Portät über Hingst schreiben wollte, auf dessen Veröffentlichung er verzichtete, weil er sah, wie sehr sie
psychisch angeschlagen war. Hingst hatte sich eine Mutter namens
Rachel erfunden. Scally erzählt, wie er ihre "
Stiefmutter"
Cornelia, eine Zahärztin in Wittenberg anruft: "Als ich sie nach Rachel Hingst, Sophies jüdische Mutter, frage, suefzt sie hörbar ins Telefon. Es gibt keine Rachel. Sie, Cornelia, ist ihre leiblich Mutter und nicht ihre Stiefmutter. 'Meine Tochter lebt
in vielen Realitäten, und ich habe nur zu einer Zugang', sagt sie. Sie erzählt über den jahrelangen Kampf ihrer Tochter um ihre seelische Gesundheit, verschiedene Therapieversuche und die Stabilität, die sie in Irland fand. Cornelia sprach über ihre Sorge, dass sie Enthüllungen über Sophie ihr bei ihrem Arbeitgeber in Irland, Intel, schaden könnten."
"Der Tod der Frau, die durch die Presse als Betrügerin bekannt wurde, wirft große
medienethische Fragen auf",
schreibt Laura Hertreiter bei
sueddeutsche.de.
Im Interview mit Elia Blülle von
republik.ch schildert der New Yorker Journalismusprofessor
Jay Rosen das Problem der Medien-
Ausgewogenheit in Zeiten der Polarisierung: "Neutralität wird dann zum Problem, wenn sie falsche Ausgewogenheit fördert: zwei Positionen als gleichwertig einstuft und darstellt, obwohl sie das nicht sind. Der Anspruch auf absolute Neutralität hievt zudem Journalistinnen auf eine Bühne, die befreit ist von Meinung und Ideologie. Der Journalist sagt dem Medienkonsumenten: Ich habe
keine Agenda, ich sage dir nur, wie es ist - und du musst mir glauben, denn das, was ich sage, ist Fakt. Die Menschen trauen diesem Konzept nicht mehr."