9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2019 - Medien

Das eher linke, regierungskritische türkische Webportal Bianet soll auf richterliche Anordnung geschlossen werden, meldet Christiane Schlötzer in der SZ: "Erst vor wenigen Tagen hatte die staatliche Rundfunkaufsicht in Ankara auf ihrer Webseite bekannt gemacht, dass künftig sowohl nationale als auch internationale digitale Medien in der Türkei einer besonderen Kontrolle unterstellt würden. Nach dem teilweise noch unklaren Regelwerk sollen an die Provider 'Lizenzen' vergeben werden. Sendungen könnten zudem überwacht werden, wie dies bereits bei den TV-Kanälen geschieht. Dort sieht man immer wieder gepixelte Bilder, zum Beispiel, wenn Leute Alkohol trinken, oder hört bisweilen Pfeiftöne über Dialogen."

Ebenfalls in der SZ fürchtet Laura Hertreiter mit Blick auf den KKR-Deal des Springer Verlags (unsere Resümees) um die Pressefreiheit: Medienfirmen gelten als Unternehmen, "bei denen nicht Gewinne im Vordergrund stehen, sondern etwa politische, wissenschaftliche oder künstlerische Ziele. Dass der Kurs des Springer-Verlages mit KKR in eine andere Richtung gehen dürfte, ließ sich bereits aus dem Angebotspapier herauslesen: Man wolle die Welt-Gruppe 'unter der Voraussetzung einer angemessenen Steuerung der jährlichen Ergebnissituation' fortführen. Der Verlag hatte eilig eine Bestandsgarantie nachgeschoben, die womöglich noch ein paar Jahre gilt. Aber schon in der Vergangenheit war man bei Springer nicht zimperlich mit der eigenen Tradition und hat sich einiger Presseerzeugnisse entledigt.'" Auf den Medienseiten der SZ erklärt Caspar Busse das Prinzip von KKR.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2019 - Medien

In der letzten Woche sind in Mexiko allein drei Journalisten ermordet worden, Jorge Ruiz, Édgar Navas, Rogelio Barragán, berichtet  Klaus Ehringfeld bei Spiegel online. Die Täter sind laut der Journalistenschutzorganisation "Artículo 19" "zu fast gleichen Teilen staatliche Akteure und Schergen der organisierten Kriminalität. Während der sechsjährigen Amtszeit von Präsident Enrique Peña Nieto (2012 bis 2018) zählte die Schutzorganisation 2.500 Aggressionen gegen Journalisten, darunter 48 Morde. 52 Prozent der Delikte gingen auf das Konto der Mafia. Den Rest hatten Polizisten oder zumeist lokale Politiker zu verantworten." Auch unter dem neuen Präsidenten Manuel López Obrador, so Ehringfeld, habe sich leider nichts verändert.

Großer Lapsus bei der New York Times. Sie titelte gestern nach Trumps Rede zu dem Massaker von El Paso mit der Überschrift "Trump Urges Unity versus Racism" (hier ist die Überschrift noch zu sehen). Diese Art des Framings hat Stürme der Entrüstung und eine Menge Abokündigungen ausgelöst, berichtet Gabriel Snyder in einem stark retweeteten Artikel der Columbia Journalism Review. "Innerhalb einer Stunde tweetete Tom Jolly, Chef vom Dienst der Printausgabe die zweite aktualisierte Ausgabe mit der Überschrift 'Assailing Hate but not Guns'. Aber an diesem Punkt hatte sich der Sturm bereits ausgebreitet. Leser, Journalisten und Politiker attackierten die Zeitung auf Twitter und beschuldigten sie, Trumps eigenen Rassismus nicht zu benennen und sein 'Narrativ', dass er gegen Rassendiskriminierung sei, einfach zu akzeptieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2019 - Medien

Der KKR-Deal hat geklappt. Der Springer Verlag wird wohl von der Börse genommen, wenn der Investor den Konzern übernimmt, berichtet unter anderem Peter Weissenburger in der taz. Springer will sich noch mehr aufs Digitalgeschäft konzentrieren. "Publikumsjournalismus ist längst nicht mehr das Hauptgeschäft von Springer... Der Springer-Betriebsrat befürchtet derweil Einschnitte beim Personal, wenn der US-Konzern die Anteile übernimmt. Zwei Tage vor Fristablauf gab die Angestelltenvertretung eine entsprechende Stellungnahme heraus."
Stichwörter: Springer Verlag, Kkr

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2019 - Medien

Im Spiegel antwortet Martin Doerry auf Vorwürfe des Irish Times-Korrespondenten Derek Scally, er hätte bei der Enthüllung der gefälschten Identität von Marie Sophie Hingst - die Bloggerin hatte sich Holocaust-Opfer als Vorfahren erfunden und nach der Enthüllung offenbar das Leben genommen, unsere Resümees - die psychische Verwirrtheit Hingsts nicht berücksichtigt: "Er behauptet, ich hätte übersehen, in welcher katastrophalen psychischen Verfassung Frau Hingst gewesen sei. Was er dabei übersieht, ist die Tatsache, dass Frau Hingst vor der Publikation des Artikels keineswegs verzweifelt und niedergeschlagen war, sondern souverän, kämpferisch und entschlossen. Er ist ihr erst begegnet, als ihre fiktive Identität zusammengebrochen war."

Der Einstieg des Finanzinvestors KKR bei Springer, der den Konzern auf Wunsch von Mathias Döpfner und Friede Springer maßgeblich steuern soll, scheint zu klappen, meldet Caspar Busse auf sueddeutsche.de: "Am Freitag teilte die Firma aus New York mit, dass bis Donnerstagabend bereits knapp 19,2 Prozent des Grundkapitals das Übernahmeangebot angenommen haben." Wenn bis heute Nacht 20 Prozent zusammengekommen sind, kann der Prozess weitergehen: Dann "gibt es eine weitere Frist von zwei Wochen, in der alle übrigen Aktionäre, die bisher nicht getauscht haben, ihre Aktien KKR andienen können. Der Finanzinvestor bietet 63 Euro je Aktie." Das wird dann wohl auch heißen, dass die Springer-Zeitung Die Welt profitabel werden muss (unser Resümee vom 10. Juli.)

Eine wichtige Stabilisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat das Bundeskabinett beschlossen, meldet unter anderem Stefan Fischer in der SZ: "Autoradios müssen künftig den Empfang digitaler Signale ermöglichen... Für Befürworter der digitalen DAB+-Ausstrahlung von Radio ist die Entscheidung ein wichtiger Schritt." Die Öffentlich-Rechtlichen wünschen DAB+ in Autos, weil Radio meist von Berufstätigen gehört wird und somit den Altersdurchschnitt des Publikums senkt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2019 - Medien

"Dass es in letzter Zeit auch junge Frauen sind, die als Hochstaplerinnen reüssieren, kann man als Fortschritt deuten: Es weist darauf hin, dass sie sich in gesellschaftlichen Positionen befinden, in denen andere ihnen zuhören, sie ernst nehmen und bewundern", schreibt Anne Waak in der Welt unter anderem mit Blick auf Marie Sophie Hingst (Unsere Resümees) und fragt dann doch etwas fundierter, weshalb sich viele HochstaplerInnen heute einen Opferstatus andichten: "Macht sich jemand, der sich als Opferenkelin mit intergenerationaler Traumatisierung darstellt, doch erst einmal kleiner, nicht größer. Im Kontext der aktuellen Diskursverhältnisse jedoch sprechen Opfer aus sehr plausiblen Gründen mit mehr Legitimität, als es andere - oder gar Täter - tun. In Zeiten der Identitätspolitik äußern sich nur diejenigen mit Fug und Recht, die ihre Aussagen qua eigener Herkunft verbürgen können. Auch insofern agierte Hingst (genau wie Dolezal) absolut zeitgenössisch. Als eine Folge des essenzialistischen Denkens tauchen nun also auch Schwindlerinnen und Schwindler auf, die Solidarität etwa mit Juden und Schwarzen nur im Modus der Identifikation für möglich halten."

In der SZ lässt uns Carolin Emcke an ihren moralischen Erwägungen über die Frage, ob sie ebenfalls über Hingst geschrieben hätte, teilhaben: "Ich weiß, dass ich mich auch in der Verantwortung gegenüber den echten Toten und Überlebenden der Schoah begriffen hätte."

Außerdem: Jetzt online Mohamed Amjahids Zeit-Geschichte über den Deutsche-Welle-Starmoderator Yosri F. (einst BBC und Al Jazeera), der der sexuellen Belästigung in mehreren Fällen beschuldigt wird und freigestellt wurde. Er selbst bestreitet die Anschuldigungen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2019 - Medien

Die Berliner Zeitung bringt ein Pro & Contra zur Frage, ob die Nationalität eines Täters in der Berichterstattung genannt werden sollte. Nein, meint Tanja Brandes, denn: "Es werden niedere Instinkte bedient, mehr nicht." Ja, sagt indes Maritta Adam-Tkalec: "Die Herkunft der Verdächtigen gehört dazu: Wo wurden sie wie sozialisiert, welche Vorstellungen leiten sie, wie sind sie in welche Umstände geraten?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2019 - Medien

Es sind nicht die medienethischen Fragen, die sich im Fall Marie Sophie Hingst (unsere Resümees) am dringendsten stellen, meint Peter Weißenburger in der taz - Hingst war nach Spiegel-Enthüllungen über ihre gefälschte Identität tot aufgefunden worden: "Klar, Hingst, die Holocaust-Hochstaplerin, ist ein Faszinosum. Aber der Skandal spielt eigentlich ganz woanders. Er liegt in der erschütternden Erkenntnis, dass sich eine Holocaust-Geschichte recht einfach fälschen lässt. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, bei der Bloggerszene und bis hin zur Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, die Einsendungen im guten Glauben annimmt. Für die Erinnerungskultur ist das eine Katastrophe." Michael Hanfeld und Ursula Scheer verteidigen im FAZ.Net den Spiegel-Reporter Martin Doerry, der Hingsts Geschichte enthüllte: "Ihr öffentliches Auftreten machte sie sich zu einer Person der Zeitgeschichte, deren Angaben nach Überprüfung drängten. Ihr Tod bleibt eine menschliche Tragödie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2019 - Medien

Die Bloggerin Marie Sophie Hingst ist tot, berichtet Caroline Fetscher im Tagesspiegel. Sie war vor einigen Wochen ins Gespräch gekommen, weil sie sich eine jüdische Familiengeschichte erfunden hat (unsere Resümees). Spiegel-Autor Martin Doerry hattte die Geschichte enthüllt, nachdem einige Historiker über Unstimmigkeiten in ihrem Blog Read on my dear, read on aufmerksam gemacht hatten. Hingst, die in Dublin lebte, hat sich offenbar das Leben genommen, schreibt Fetscher mit Bezug auf die Irish Times.

Die Irish Times brachte die Geschichte bereits am Samstag. Es handelt sich um eine sehr lesenwerte Reportage von Derek Scally, der Hingst nach den Spiegel-Enthüllungen über ihre gefälschte identität getroffen hatte und ursprünglich ein Portät über Hingst schreiben wollte, auf dessen Veröffentlichung er verzichtete, weil er sah, wie sehr sie psychisch angeschlagen war. Hingst hatte sich eine Mutter namens Rachel erfunden. Scally erzählt, wie er ihre "Stiefmutter" Cornelia, eine Zahärztin in Wittenberg anruft: "Als ich sie nach Rachel Hingst, Sophies  jüdische Mutter, frage, suefzt sie hörbar ins Telefon. Es gibt keine Rachel. Sie, Cornelia, ist ihre leiblich Mutter und nicht ihre Stiefmutter. 'Meine Tochter lebt in vielen Realitäten, und ich habe nur zu einer Zugang', sagt sie. Sie erzählt über den jahrelangen Kampf ihrer Tochter um ihre seelische Gesundheit, verschiedene Therapieversuche und die Stabilität, die sie in Irland fand. Cornelia sprach über ihre Sorge, dass sie Enthüllungen über Sophie ihr bei ihrem Arbeitgeber in Irland, Intel, schaden könnten."

"Der Tod der Frau, die durch die Presse als Betrügerin bekannt wurde, wirft große medienethische Fragen auf", schreibt Laura Hertreiter bei sueddeutsche.de.

Im Interview mit Elia Blülle von republik.ch schildert der New Yorker Journalismusprofessor Jay Rosen das Problem der Medien-Ausgewogenheit in Zeiten der Polarisierung: "Neutralität wird dann zum Problem, wenn sie falsche Ausgewogenheit fördert: zwei Positionen als gleichwertig einstuft und darstellt, obwohl sie das nicht sind. Der Anspruch auf absolute Neutralität hievt zudem Journalistinnen auf eine Bühne, die befreit ist von Meinung und Ideologie. Der Journalist sagt dem Medienkonsumenten: Ich habe keine Agenda, ich sage dir nur, wie es ist - und du musst mir glauben, denn das, was ich sage, ist Fakt. Die Menschen trauen diesem Konzept nicht mehr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2019 - Medien

Karl-Heinz Ruch, der eigentliche Chef der taz, geht in den Ruhestand. Er war der Kopf hinter der Genossenschaftsgründung und hat der taz ein neues Haus gebaut. Im Interview mit Ulrike Simon bei Horizont antwortet er auf die Frage, ob er heute nicht mehr links sei: "Immer weniger. Die Linken gehen mir zunehmend auf die Nerven. Die fordern bloß, aber machen nichts. Das ist nicht meine Vorstellung von Gesellschaft. Die genossenschaftliche Idee der taz ist ja auch keine originär linke, sondern kommt aus dem Unternehmertum."

Immer öfter kommen gerade bei Kurzmeldungen Schreibprogramme, sogenannte "Roboterjournalisten", zum Einsatz, schreibt Adrian Lobe in der SZ und fragt sich: Wer haftet für die nicht selten folgenreichen Fehler, die den Programmen unterlaufen? Der Verlag, der Softwarehersteller oder der Datenlieferant? "Der US-Rechtswissenschaftler Seth Lewis kommt in einem aktuellen Gutachten zu dem Ergebnis, dass Verlage für Schreibprogramme prinzipiell haftbar sind. Sie könnten sich nicht auf das Argument von Google berufen, man sei lediglich ein Nachrichtenaggregator. Die Prüfpflichten nehmen angesichts der Komplexität der Nachrichtenkette demnach deutlich zu."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2019 - Medien

Im SZ-Interview mit Oliver das Gupta erklärt der ehemalige Chefredakteur und jetzt auch ehemalige Herausgeber des Wiener Kurier, Helmut Brandstätter, wie die FPÖ unter Sebastian Kurz Druck auf die freie Presse ausübt: "Während in unserem Land die staatliche Parteienförderung ständig erhöht wird - auch Kurz hat das getan - werden die vom digitalen Wandel ohnehin betroffenen Medien ausgehungert. Ausnahme sind die Zeitungen und Zeitschriften, die lieb schreiben. Die bekommen viele Millionen in Form von Anzeigen. Die Regierenden, nicht nur ÖVP und FPÖ, sondern auch die SPÖ, versuchen also, Medien durch öffentliche Gelder - sagen wir es freundlich - positiv zu stimmen. Darum verwende ich - weniger freundlich, aber treffend - das Wort 'Inseratenkorruption'".