Teseo La Marca
unterhält sich für die
taz mit dem zwanzigjährigen iranischen Musiker
Omar Rahimi (Name geändert), der an den Protesten teilnahm und im Gefängnis gefoltert wurde. Aber er würde es wieder tun. Seine Motivation ist sonnenklar: "Am Tag, an dem ich von
Jina Mahsa Amini erfahren habe, war ich am Boden zerstört. Stell dir vor, deine Regierung erniedrigt und misshandelt dich ständig, nur wegen deinem Glauben. Und dann hörst du, wie deine Leute wegen
dieser absurden Gesetze, die es nur hier gibt, geschlagen und getötet werden. Das hältst du irgendwann nicht mehr aus, du rebellierst. Ich konnte nur noch an Mahsa und an die Tausenden anderen Menschen denken, die wegen dieses Systems sinnlos gestorben sind. Deshalb bin ich auf die Straße gegangen." In einem zweiten Artikel
schildert Daniela Sepehri die Zustände im
Evin-Gefängnis und vor allem die "
weiße Folter", also Isolationshaft mit permanent eingeschaltetem Neonlicht.
Zugleich hat das iranische Regime in Deutschland immer noch
nützliche Infrastrukturen wie die
Blaue Moschee in Hamburg, die im Verdacht steht ein Tentakel des Repressionsapparats zu sein. Der CDU-Politiker
Thorsten Frei, Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, fordert im Gespräch mit Helene Bubrowski von der
FAZ endlich die
Schließung: "Die Informationen sind da, und trotzdem gibt es keine Entscheidung. Und schlimmer noch: Es gibt offenbar sogar
Formen der Zusammenarbeit. Das Bundesinnenministerium geht davon aus, dass das Islamische Zentrum Hamburg immer noch Mitglied im
Zentralrat der Muslime ist, mit dem die Bundesregierung im Rahmen der
Islamkonferenz eng zusammenarbeitet. Das ist empörend. Verfassungsfeinde dürfen keine Partner des Staates sein."
Liest man
Natan Sznaider über die Lage in
Israel, die er im
taz-Interview mit Tania Martini reflektiert, dann hat man den Eindruck, dass das Land vor einem tiefen Einschnitt steht. Angefangen hat es für ihn mit dem Mord an
Jitzhak Rabin: "Das Milieu, das diesen Mord veranlasst hat, sitzt
jetzt in der Regierung... Was man hier als das
zweite Israel bezeichnet, also das 'orientalische', das religiöse, das orthodoxe, kommt einem sehr deutlich vor Augen, wenn man in Jerusalem aus dem Zug steigt. In Tel Aviv hingegen konnte man alles haben - Hightech, Gay-Pride, großartige Theater, gute Universitäten, alles. Wir lebten in der Illusion, das sei Israel, aber
Tel Aviv war eine Illusion. In Wahrheit gibt es eine immer größere Bevölkerung, die eine ungeheure Abneigung gegen alles hat, was Tel Aviv, das Babylon, repräsentiert."
Manchmal lesen sich auch Statistiken äußerst spannend. In der
NZZ legt der Mediziner
Yi Fuxian dar, dass der
Bevölkerungsrückgang in China noch dramatischer ist, als bisher angenommen. China schreibt er, schrumpft, bevor es tatsächlich reich wird und sich gegen die Schrumpfung wehren kann - mit Riesenfolgen für die Weltwirtschaft. "Für Chinas demografische Krise gibt es sowohl physiologische als auch
kulturelle Gründe. Da immer mehr Frauen Heirat und Geburt hinauszögern, ist die Unfruchtbarkeitsrate des Landes von 2 Prozent in den frühen achtziger Jahren auf 18 Prozent im Jahr 2020 gestiegen. Von 2013 bis 2021 ist die Zahl der Erstheiraten um mehr als die Hälfte zurückgegangen, bei den 20- bis 24-Jährigen sogar um drei Viertel. Und die Ein-Kind-Politik, die 36 Jahre lang galt, hat die Einstellung der Chinesen zum Kinderkriegen unwiderruflich verändert: Ein Kind zu haben - oder keines -, ist zur
gesellschaftlichen Norm geworden."