Sven Hansen
wirft für die
taz einen Blick auf die sorgfältig geführte
Todesliste der Organisation
Assistance Association for Poltical Prisoners, die in einem unscheinbaren Holzhaus in der westthailändischen Grenzstadt Mae Sot sitzt und festhält, wieviele Menschen unter der
Militärregierung in Myanmar täglich festgenommen werden und sterben: "An diesem Montag sieht die Kurzfassung von AAPPs Zahlen so aus:
2.
901 Zivilisten wurden von Juntakräften seit dem Putsch am 1. Februar 2021 getötet, darunter 282 Kinder.
143 Personen wurden zum Tode verurteilt, davon sitzen 101 in Todeszellen, vier wurden bisher hingerichtet, der Rest wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt.
17.
535 Zivilisten wurden bisher festgenommen, davon 439 Kinder.
13.
719 Personen sind noch in Haft, davon wurden 2.216 bisher verurteilt. Dann folgt der tägliche Hinweis: 'Diese Zahlen wurden von AAPP verifiziert. Die tatsächlichen Zahlen sind
wahrscheinlich viel höher.'"
Und die Militärs in Myanmar haben
Hilfe von außen, wie der
Guardian berichtet: "Inmitten dieser Gewalt scheinen
durchgesickerte Steuerunterlagen aus Myanmar und andere Berichte zu zeigen, dass
amerikanische,
britische und irische Öl- und Gasunternehmen, die den Betreibern von Myanamars Gasfeldern wichtige Bohrungen und andere Dienstleistungen anbieten, auch nach dem Staatsstreich weiterhin
Millionengewinne in dem Land gemacht haben. Die Dokumente wurden von der gemeinnützigen Transparenzorganisation
Distributed Denial of Secrets beschafft und von der Myanmar-Aktivistengruppe
Justice For Myanmar, der investigativen Journalismusorganisation
Finance Uncovered und dem
Guardian analysiert. Die Dokumente lassen darauf schließen, dass in einigen Fällen die Tochtergesellschaften großer US-Gasfelddienstleister weiterhin in Myanmar arbeiteten - selbst nachdem das US-Außenministerium im Januar letzten Jahres vor erheblichen Risiken bei Geschäften in dem Land gewarnt hatte - und auch mit staatlichen Unternehmen, die die
Junta finanziell unterstützen, wie z.B. die nationale Öl- und Gasgesellschaft Myanma Oil and Gas Enterprise (
MOGE). Am Dienstag kündigten die USA, Großbritannien, Australien und Kanada weitere Sanktionen gegen Myanmar an, darunter gegen den Geschäftsführer und den stellvertretenden Geschäftsführer von MOGE. Sie verzichteten jedoch darauf, MOGE selbst zu sanktionieren."
In der
taz kritisiert Charlotte Wiedemann die
iranische Diaspora, die ihr zu wenig Rücksicht nimmt auf die religiösen Gefühle vieler Iraner: "Begegnungen mit ihnen haben mich am meisten über Iran gelehrt. Doch diese Menschen werden leicht übersehen, unter anderem weil die Diaspora zu diesen Kreisen weniger Verbindungen hat. ... Im Text einer iranischen
taz-Autorin begegnete mir am selben Tag folgender Satz: 'Der
Islam ist seit 1.400 Jahren ein
Zwang in Iran.' Ungewollt wird hier herabgesetzt, was geehrt werden soll. Der Philosoph Ramin Jahanbegloo, der in Delhi lehrt, schrieb einmal, es sei 'eine der kulturellen Katastrophen der iranischen Gesellschaft', die drei Schichten ihrer geistig-moralischen Substanz immer neu gegeneinander auszuspielen, nämlich vorislamisches Persertum, schiitische Identität und Modernismus. Das legt die Schlussfolgerung nahe: In einer Revolution, die das Verhängnis von 1979 nicht mit anderen Vorzeichen wiederholt, müssen
all diese Identitätsschichten aufgehoben sein, in einer gewiss schwierigen Balance."
Journalisten der
SZ, des
WDR und der
NDR haben in den vergangenen Wochen mit Menschen aus dem
Iran gesprochen, die
verhaftet wurden, nachdem sie gegen das Regime protestierten. Auf Seite 3 der
SZ werden heute einige Schicksale dokumentiert: "Die Gespräche mit den Menschen in Iran ... legen nahe, dass Polizeiwachen und Gefängnisse in dem Land tatsächlich Orte
brutalster Gewalt sind. Die Menschen erzählen von Schlägen, Tritten, Peitschenhieben,
Elektroschockern, von
Vergewaltigungen und der unfreiwilligen
Verabreichung von Medikamenten. Sie erzählen, wie ihre Knochenbrüche tagelang nicht behandelt wurden, und davon, wie sie von Staatsbediensteten psychisch gefoltert wurden. Durch Einschüchterung, Herabwürdigung, Kälte, Schlafentzug. Überprüft wurden die Vorwürfe in Gesprächen mit Angehörigen und Ärzten, Menschenrechtsorganisationen und einem bis vor Kurzem in Iran tätigem Gefängniswärter. Die Geschichten ähneln und wiederholen sich, sie stimmen mit öffentlich verfügbaren Informationen und geografischen Angaben überein. Sie decken sich auch mit Haftbedingungen, wie sie in früheren Jahren von Gefangenen beschrieben wurden - und mit
geleakten Überwachungsvideos aus der Haftanstalt Evin. Offenbar sollen Demonstranten in Iran in der Haft gebrochen werden."
"Je mehr
palästinensischer Terror, desto schlechter das Los der Palästinenser.
Selbstverschuldet", kommentiert der Historiker
Michael Wolffsohn in der
Welt die jüngsten Anschläge. Deshalb rät er den Palästinensern zu "
nüchterner Selbstanalyse": "Sie selbst bewirken die seit Jahrzehnten zu beobachtende
politische Verhärtung der israelischen Gesellschaft und dadurch, bei Wahlen, eine Regierung, die immer weniger bereit ist, Kompromisse zu akzeptieren. (…) Heute gibt es rund 650.000 jüdische Siedler im Westjordanland. Es ist völlig klar: Diese 650.000 jüdischen Siedler zurück ins israelische Kernland 'umzutopfen', ist politisch ganz und gar unrealistisch. Die Zweistaaten-Lösung, auch Wunschbild Deutschlands, ist daher nur im
Wolkenkuckucksheim möglich. Allein möglich sind
föderative Strukturen für Juden und Palästinenser."
In der
Welt nimmt der Germanist und
Schriftsteller Karl-
Heinz Göttert die Erstürmung der brasilianischen Regierungsgebäude Anfang Januar nochmal zum Anlass für einen Streifzug durch die
Geschichte der Demonstrationen und Revolutionen seit 1789. Spätestens seit 1989 kannte die Welt auch eine friedliche Form des Protests, schreibt er: "Gewalt ging bei den Auseinandersetzungen in erster Linie vom Staat aus, von Polizei und Militär. Umso schockierender die Nachrichten aus Washington und Brasília. Man war direkte
Gewalt gegen den Staat, erst recht gegen Demokratien, schlicht nicht mehr gewöhnt, hielt diese Art von Tumulten für überwunden. Und dann auch noch Gewalt gegen die wichtigsten Symbole des Staates, gegen den Sitz der Parlamente, mit dem Versuch, das Ergebnis demokratischer Wahlen wegzuwischen."