9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.02.2019 - Religion

Drei Tage lang streuten Bischöfe in Rom in ihrer Tagung zum Thema Missbrauch Asche auf ihr Haupt. Ob die Strukturen der Vertuschung verändert werden, die den Missbrauch erst ermöglichten, bleibt nach der Rede von Papst Fanziskus allerdings offen, schreibt Michael Braun in der taz und erzählt vom Fall des argentinischen Priesters Julio César Grassi, "der sich mit seiner Einrichtung 'Felices los niños' ('Glücklich die Kinder') um Straßenkinder kümmerte - um sie zu vergewaltigen. Grassi ist mittlerweile zu 15 Jahren verurteilt und wurde vor wenigen Tagen ins nationale Verzeichnis der Sexualstraftäter Argentiniens aufgenommen. Der Anwalt von Grassis Opfern allerdings berichtet von einem Treffen mit dem Erzbischof von Buenos Aires und Vorsitzenden der Argentinischen Bischofskonferenz im Jahr 2006, in dem der Kirchenobere sich 'verschlossen, streng, misstrauisch' zeigte. Dieser Bischof war Jorge Mario Bergoglio - der heutige Papst Franziskus."

Dennoch gelte es anzuerkennen, dass es Franziskus war, "der erstmals in der Geschichte der katholischen Kirche zu so einem Treffen aufrief", wendet Heike Vowinkel in der Welt ein. "Und das darf durchaus als historisch gewertet werden. Wie stark die Widerstände in der mehr als 2.000 Jahre alten Institution sind, davon zeugten nicht zuletzt die Wortmeldungen konservativer Kardinäle im Vorfeld des Gipfels", etwa "der offene Brief, in dem die beiden konservativen Kardinäle Walter Brandmüller und Raymond Leo Burke dem Papst vorwarfen, die wahre Ursache des Missbrauchs zu verkennen: die Homosexualität, die sich innerhalb der Kirche in organisierten Netzwerken ausgebreitet habe".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2019 - Religion

Es gibt eine Institution, auf die der sonst allpräsente Rechtsstaat offenbar gar keinen Zugriff haben will - und das sind die Kirchen. Die katholische Kirche hält gerade einen Kongress über sexuellen Missbrauch ab - aber die Öffentlichkeit scheint es zu akzeptieren, dass die Kirche das Thema mit sich selbst ausmacht. Die niedersächsische Justizministerin Barbara Havliza (CDU) musste feststellen, dass die deutschen Bischöfe in ihren Berichten über Missbrauchsfälle keinen einzigen Namen offenlegten. Sie scheint sich als einzige Politikerin darüber geärgert zu haben, berichtet Ronen Steinke in der SZ: "Bei anderen großen Institutionen rückt die Staatsanwaltschaft durchaus mit Durchsuchungsbefehlen an, um sich Akten und Beweismittel zu besorgen, auch um eine mögliche Vertuschung zu verhindern. Das hat es zuletzt bei VW gegeben. Beim DFB. Oder bei der Deutschen Bank. Bei den beiden Amtskirchen hat es das noch nie gegeben in Deutschland, obwohl die Sexualdelikte, um die es dort geht, schwer wiegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2019 - Religion

Alle freuen sich über das Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das die zweite Heirat eines Arztes  an einem katholischen Krankenhaus nicht als Kündigungsgrund anerkannt hat - das Bundesverfassungsgericht hatte vor einiger Zeit nicht so eindeutig geurteilt. Aber der Fall zeigt ohnehin nur die Spitze des Eisbergs, schreibt Ingrid Matthäus-Maier bei hpd.de: "Das Kirchliche Arbeitsrecht diskriminiert über 1,3 Millionen Menschen in den Kirchen, Caritas und Diakonie. Ob Kirchenaustritt oder Nichteinstellung Konfessionsfreier Menschen (bei der katholischen Kirche auch noch Homosexualität): keinen Millimeter gibt die Kirche freiwillig auf. Auch jetzt noch behält sie sich eine Verfassungsbeschwerde vor. Auch die evangelische Kirche beharrt auf der Kirchenmitgliedschaft bei Einstellung trotz eines anderslautenden BAG-Urteils." Hinzuzufügen ist, dass die meisten dieser Arbeitnehmer nicht etwa aus der Kirchensteuer bezahlt werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2019 - Religion

Sven Hansen stellt in der taz die Anwältin Sneha Parthibaraja vor, die es als erste Inderin geschafft hat, in ihren persönlichen Papieren alle Angaben über Kastenzugehörigkeit streichen zu lassen: "Die Kastenzugehörigkeit entscheidet .. über den Zugang zu bestimmten Sozialleistungen, Studienplätzen oder Jobs im Staatsdienst. Diese werden über ein System vergeben, das Quoten für niedrige Kasten kennt. Wurde früher gehofft, das Kastensystem werde im Laufe der Jahre ohnehin an Bedeutung verlieren, so hat gerade die Quotierung das System letztlich weiter zementiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2019 - Religion

Säkulare und strenggläubige Juden leben in Israel zwar deutlich getrennt, aber natürlich gibt es Religiöse, die säkular werden und Säkulare, die religiös werden. Das schafft seine eigenen Probleme, weil es in Israel kaum möglich ist, religiös, aber nicht orthodox zu sein, erzählt Judith Poppe in der NZZ: "'Im letzten Jahrzehnt haben sich die strikten Grenzen aufgeweicht', erläutert [der Professor für Israelstudien Tomer] Persico: 'Die Gruppen sind weniger scharf voneinander abgetrennt. Eine Person kann aufhören, säkular zu sein, ohne wirklich orthodox zu werden. Sie befindet sich im Zwischenraum und vertritt eine Form von persönlichem Judentum, in der sie selbst bestimmt, welchen Regeln sie folgt.' Persico führt das auf die größer werdende Individualisierung der Gesellschaft zurück". So einfach ist es dann aber doch nicht: Yael Avinoam zum Beispiel, die sich als Linke immer noch als Linke fühlt, "kocht" jedesmal vor Wut, wenn es um die Besetzung geht. Ihr Mann "trägt seit einigen Monaten nur noch selten die Kippa. Auch zu Schabbat-Dinners geht das Ehepaar nicht mehr oft. 'Ich weiß nicht genau, wo ich gerade stehe', sagt Avinoam und blickt über die Kaffeetasse hinweg: 'Aber es ist recht einsam hier.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2019 - Religion

In Italien werden Missbrauchsfälle durch katholische Priester fast nicht geahndet. Schuldige Priester werden der Strafjustiz entzogen und in komfortablen Heimen untergebracht, sagt Francesco Zanardi vom "Rete l'Abuso" (Netzwerk Missbrauch) im Gespräch mit Michael Braun in der taz: "Es gibt in Italien bisher kein einziges Opfer, das von der Kirche entschädigt worden ist. Nur für ein einziges Opfer hat die Kirche die Kosten einer psychologischen Behandlung übernommen. Und weiterhin erstatten die Bischöfe keine Strafanzeige, wenn sie von Missbrauchsfällen im Klerus erfahren. Aber 21 Betreuungsheime für die Täter errichten: das haben sie hinbekommen!" Philipp Gessler berichtet außerdem von Widerständen konservativer Bischöfe vor der geplanten Bischofskonferenz zum Thema Missbrauch in zwei Wochen.

Und in der Welt fragt sich Christian Füller: Wie konnte die sexuelle Gewalt gegen Nonnen in der Kirche überhaupt so lange geheim bleiben? Um dann zu erklären: "Gehorsam und Schweigen gehören in der Kirche zu den Grundregeln im Umgang mit dem Personal - genau wie im sozialen Gefüge der totalen Institution. Und die Nonnen sind, wenn man so will, die Geringsten unter den Insassen. (…) Am Anfang herrscht die Gewalt als Mittel der Erziehung. Diese Gewalt wird dann sexualisiert. Die Täter können es sich leisten, sich an ihrer Überlegenheit aufzugeilen und zu befriedigen. Man kann - auch wenn der Vergleich nicht gefällt - den Extremfall von sexueller Gewalt als Herrschaftsinstrument sogar beobachten: in den großen Affengehegen der Zoos. Unter bestimmten Rassen, etwa den Bonobos oder den Pavianen, herrscht der ranghöchste Affe mithilfe sexueller Dominanz. Er unterwirft Frauen und Kinder sexuell, wie er es will, und er demütigt und unterwirft auch seine Konkurrenten, indem er sie vergewaltigt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.01.2019 - Religion

Eine weitere Parallele: Auch in Frankreich gibt es die Idee einer Art muslimischen Kirchensteuer, die etwa auf Halal-Geschäfte und Reisebüros, die Reisen nach Mekka organisieren, erhoben werden könnte, mit dem Ziel einen französischen Islam ohne staatliches Geld zu schaffen und so den Staat und Religion weitestmöglich getrennt zu halten. Denn bisher kommen die meisten Imame in Frankreich aus Algerien und Marokko. Vorgebracht wurde die Idee von dem Politologen Hakim El Karoui (mehr hier). Macrons Regierung scheint mit solchen Ideen zu sympathieren. Und auch Kamel Daoud findet sie sinnvoll, wie er in seiner New-York-Times-Kolumne begründet. Und dennoch glaubt er nicht an sie: "Was einigen sollte, spaltet. El Karaouis Vorschläge sind umstritten, vor allem beim Französischen Rat muslimischen Glaubens. Einer der Vizepräsidenten nannte sie eine 'Beleidigung für den Islam' und beschuldigte El Karaoui, Islam und Islamismus gleichzusetzen. Diese Reaktion ist charakteristisch für die scheinbar endlose Debatte zwischen jenen, die ihr Monopol über den Islam behalten wollen, und jenen die einen französischen Islam wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2019 - Religion

John Allen Chau, der das Naturvolk der Sentinelesen zum evangelikalen Christentum bekehren wollte und von ihnen mit Pfeilen getötet wurde, agierte nicht als Einzelperson, sondern als Teil eines riesigen Netzwerks evangelikaler Christen, berichtet Dorothea Hahn für die taz: "Chau kam über das 'Joshua Project' zu seiner 'Berufung'. Die evangelikale Organisation führt eine Liste von 'Unreached People Groups' (nicht erreichte Volksgruppen), die sie bekehren wollen. Gegenwärtig listet das 'Joshua Project' drei Milliarden Menschen aus 7.063 Gruppen auf - dazu zählen so kleine wie die geschätzt mehreren Dutzend Sentinelesen und so große wie Hindus, Muslime und Buddhisten. Nachdem Chau die Sentinelesen für sich entdeckte, als er 16 war, wurde die Idee, ihnen das Wort Gottes zu bringen, sein Leitmotiv."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2019 - Religion

In Berlin soll ein von niemand recht ersehntes "House of One" entstehen, wo Christen, Juden und Musilme beten sollen. Ersehnt wird es, so scheint es, allenfalls von der Politik, die seitens des Landes Berlin 10 Milionen Euro und seitens des Bundes nochmal 10 Millionen Euro hinzugeben will. Der Rest soll durch Spenden kommen, doch bisher sind erst 8 Milionen Euro zusammengekommen für einen Bau, der jetzt schon auf 43 Millionen Euro veranschlagt wird, schreibt Frank Nicolai bei hpd.de. Und als muslimischer Partner sei neben evangelischen und jüdischen Repräsentanten bisher nur das "Forum Dialog" gefunden worden, das der Gülen-Bewegung nahe stehe: ihr "wurde jüngst vom Auswärtigen Amt beschieden, 'dass die Bewegung des Islam-Predigers Fethullah Gülen seit Jahrzehnten eine 'gezielte Unterwanderung staatlicher Institutionen' in der Türkei betreibe.' Das 'House of One' entgegnete auf diese Vorwürfe nur lapidar, 'man habe keinen anderen gefunden, der mit Juden und Christen auf einem Podium sitzen wolle.' Das ist mit Sicherheit kein Statement, das für ein friedvollen Umgang der Religionsgemeinschaften untereinander spricht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2019 - Religion

In der FAZ nimmt jetzt auch Jürgen Kaube mit Genugtuung das Urteil zur Kenntnis, das Lamya Kaddor untersagt, weiterhin zu behaupten, Necla Kelek habe muslimischen Männern realiter einen Hang zur Sodomie unterstellt: "Das war in zweifacher Weise infam. Keleks durchaus diskutierbare Behauptung war, der Islam unterstelle den Menschen und besonders den Männern eine geringe sexuelle Selbstkontrolle. Von der Sexualität 'muslimischer Männer' war überhaupt nicht die Rede."