9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2017 - Religion

Monika Maron bekennt in der Welt ihren Widerwillen, als "Nichtmuslimin" bezeichnet zu werden - Frank-Walter Steinmeier hat diese Formulierung gebraucht, als er sagte, Muslime und Nichtmuslime hätten gemeinsam den Ramadan begangen. 95 Prozent der Bevölkerung, so Maron, sind in dieser Formel durch die Religion von fünf Prozent definiert: "Ich glaube, das ganze Dilemma begann, als es irgendwann üblich wurde, alle Menschen, die aus islamischen Ländern kamen, als Muslime zu bezeichnen, ob sie wollten oder nicht. Eines Tages waren sie nicht mehr Iraner, Türken, Syrer, Iraker, sondern Muslime. Damit folgte unser Sprachgebrauch genau dem islamischen Gesetz, nachdem jeder, der durch Abstammung als Muslim geboren wurde, ein Leben lang Muslim bleibt, ob er will oder nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2017 - Religion

Seyran Ates ist nach London gereist, um auch dort nach einem Ort für eine Moschee zu suchen, berichtet die "Religionskorrespondentin" Harriet Sherwood  für den Guardian.  Bei der Londoner Moschee soll es nicht bleiben: Ates, die bekennt, vor den Morddrohungen, die sie jetzt wieder verstärkt zur Kenntnis nehmen muss, Angst zu haben, "plant eine zweite liberale Moschee in Freiburg für Ende des Jahres und arbeitet eng mit anderen progressiven Muslimen zusammen, etwa mit Ani Zonneveld, einer Imamin in Los Angeles, Shirin Khankan, einer dänischen Imamin, die eine von Frauen geleitete Moscheee in Kopenhagen eröffnet hat, Ludovic-Mohamed Zahed, einem in Algerien geborenen schwulen Imam in Marseile und Elham Manea, einem Experten für Scharia-Recht in Zürich."

Gibt es solche Initiativen in Berlin auch? In Leipzig fordert die  Initiative "11. Gebot" Steuergelder von der Evangelischen Kirche zurück, meldet Klaus Staeubert in der Leipziger Volkszeitung. Grund ist, dass der Staatsanteil an der Finanzierung von Kirchentagen trotz blendender Finanzsituation der Kirche immer weiter zu steigen scheint. Beim Kirchentag in Leipzig in Mai soll er bei knapp 60 Prozent gelegen haben, schreibt Staeubert und zitiert den Sprecher der Initiative, David Farago: "'Alles spricht dafür, dass der Anteil der öffentlichen Hand an der Finanzierung sogar noch größer ist', so Farago weiter. Da weniger Besucher zu dem Kirchentag gekommen waren, dürften die Gesamtkosten niedriger ausgefallen und damit der prozentuale Anteil von Stadt und Land gestiegen sein. 7.500 Tickets wurden verkauft, geplant waren mindestens 40.000. Maximilian Steinhaus, Sprecher der Aktionsgruppe, sieht in der üppigen finanziellen Unterstützung den Versuch, die 'Rechristianisierung des Ostens' voranzutreiben."

In der NZZ schildert Marian Brehmer die wieder erstarkende Kultur des Sufismus in der Türkei.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.07.2017 - Religion

Religionskritik war auch schon mal besser, schreibt Theologe Friedrich Wilhelm Graf, der für die FAZ Peter Sloterdijks neuen großen Wurf "Nach Gott" bespricht: "Zur 'Summe der Unwahrscheinlichkeiten, die sich Christentum nennen', fällt Sloterdijk allerdings nichts wirklich Originelles ein. In Sachen Christentumskritik argumentierten die theologischen Aufklärer des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts ungleich prägnanter, begriffsschärfer als der Karlsruher Zeitgeistdeuter, der im Wust seiner unterhaltsamen Assoziationen oft den roten Faden zu verlieren droht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2017 - Religion

Seyran Ates ist nach der Gründung ihrer Ibn-Ruschd-Goethe-Moschee in Berlin wieder stärker Bedrohungen ausgesetzt, die sie im Gespräch mit Nadja Pastega vom Tages-Anzeiger beschreibt: "Kurz nach der Eröffnung der Moschee haben mich auf der Straße drei muslimische Männer auf der Straße erkannt und angegriffen. Der eine sagte: 'Du bist doch die von dieser liberalen Moschee, wo die Perversen beten, Frauen mit Männern zusammen, Lesben und Schwule, ihr perversen Schweine. Du stirbst bald!' Am selben Tag bekam ich abends einen Anruf, dass ich sterben werde. In den ­sozialen Medien gibt es Hunderte von Einträgen mit Beschimpfungen. Ich habe so viele Morddrohungen erhalten, dass das Landeskriminalamt zu der Einschätzung gelangt ist, mich rund um die Uhr beschützen zu müssen."

So sehr Isolde Charim die Ibn-Ruschd-Moschee in Berlin begrüßt - es stellen sich ihr in ihrer taz-Kolumne grundsätzliche Fragen über die Vernunftfähigkeit von Religion: "Es kann liberale und konservativere Gemeinden geben, offenere oder geschlossenere Communities. Und das macht einen großen Unterschied. Aber eine in ihrem Inneren aufgeklärte, vernünftige, tolerante Religion? In ihren Praktiken ebenso wie in ihren Glaubensinhalten? Es steht zu befürchten, dass der Glutkern aller drei großen monotheistischen Religionen weder Vernunft noch Toleranz ist. Es steht zu befürchten, dass jede Religion in ihrem Innersten nur bedingt reformierbar ist. Religion ist kein Vehikel der Moderne, der Toleranz, der Liberalität."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2017 - Religion

Es war nicht nur die sexuelle Gewalt. Die Leitung der Regensburger "Domspatzen" hat insgesamt ein Gewaltregime ausgeübt, schreibt Antje Schmelcher in einem eindringlichen Artikel für die FAS: "Ein Prügler soll auch der langjährige Domkapellmeister Georg Ratzinger gewesen sein. Seine Opfer habe er ins Gesicht geschlagen. Er habe mit allem geschmissen, was in der Nähe war, sogar mit Notenständern. Die Opfer erzählen von eingerissenen Ohrläppchen, Beulen, Striemen auf dem Gesäß, blutigen Nasen und Lippen. Manche Jungen wurden mit dem Rohrstock so verprügelt, dass ihnen der Urin aus der Hose lief. Fingerhieben mit einer dünnen Rute machten das Klavierspielen zur Pein. Schläfenhaare wurden ausgerissen und wuchsen nie wieder nach. Mitunter mussten Kinder Erbrochenes aufessen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2017 - Religion

Ab und zu liest man mal einen Protest gegen die Bevorzugung der Kirchen in Deutschland - meist ohne das ein Hund hinter dem Ofen hervorgelockt wird. Heute schreibt der Rechtsanwalt Thomas Heinrichs in der taz: "Nicht nur im Arbeitsrecht haben Konfessionsfreie erhebliche Nachteile. Immer noch gibt es vielerorts in Deutschland ein Quasimonopol der Kirchen bei Kindergärten, Krankenhäusern und Sozialeinrichtungen, so dass Konfessionsfreie in kirchliche Sozial- und Erziehungseinrichtungen gehen müssen.  Nach wie vor werden Staatsakte mit religiösen Ritualen begangen, während ein stets größer werdender Teil der Bevölkerung dazu keinen Bezug mehr hat. Kirchenvertreter sitzen in den Rundfunkräten und Kirchen haben Sendezeiten in den öffentlichen Medien. Immer noch werden die Kirchen in hohem Maße staatlich subventioniert, indem zum Beispiel in vielen Bundesländern die Gehälter der Bischöfe vom Staat bezahlt werden. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2017 - Religion

Der Bericht ist raus. Über 500 Chorknaben der Regensburger Domspatzen mussten Gewalt und sexuellen Missbrauch erleiden. In der SZ berichtet Andreas Glas: "Der Domspatzen-Skandal ist mit prominenten Vertretern der katholischen Kirche verbunden: Georg Ratzinger, der Bruder des früheren Papstes, zwischen 1964 und 1994 Chorleiter, und Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der von 2002 bis 2012 Bischof in Regensburg war. Ratzinger hatte die Aufarbeitung des Skandals noch vor zwei Jahren einen 'Irrsinn' genannt. Allenfalls von Ohrfeigen habe er gewusst, alles 'im Rahmen des Üblichen'."

Etwas zu sehr auf Luther fixiert findet der Theologe Jörg Lauster im Interview mit der NZZ das Reformationsjubiläum. Schließlich gab's auch noch andere Reformatoren. Interessant wäre auch die Frage, was die Botschaft eines europäischen Christentums sein könne: "Die Aufklärung ist eine große Errungenschaft, und zwar auch für die Religion."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2017 - Religion

Hülya Gürler verteidigt in der taz Seyran Ates' Berliner Ibn-Rushd-Moschee: "Der neuen Gemeinde kann man nur das Allerbeste wünschen. Mehr davon muss es geben! Mehr inklusive und progressive Gemeinden, die Frauen selbstverständlich als religiöse Autoritäten akzeptieren. Und noch anderes mehr: Wir Muslime brauchen eine kritisch-historische Auseinandersetzung mit dem Glauben, öffentliche Aussprachen unter den Mitgliedern, die Zweifel und abweichende Meinungen Einzelner zulassen, ohne dass Gläubige gleich unter Blasphemieverdacht stehen. Die rigide Sexualnormen aufbricht, Homosexualität und den weit verbreiteten Sex vor der Ehe enttabuisiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2017 - Religion

Eine Modernisierung der katholischen Kirche ist unumgänglich, schreibt der Rechtsphilosoph und Völkerrechtler Heribert Franz Köck in der NZZ, denn: "Die derzeitige kirchliche Ordnung verstößt in zentralen Punkten - insbesondere Pflichtzölibat und Diskriminierung der Frauen durch Ausschluss vom Weiheamt - gegen die Menschenrechte und damit, weil diese naturrechtlich verankert sind, gegen das natürliche göttliche Recht. In solchen Punkten kann es auch keinen Kompromiss (etwa: kein Pflichtzölibat, aber nur für 'viri probati'; Weihe für Frauen, aber nur zum Diakonat) geben; die bestehenden Regelungen stellen ein massives Unrecht dar, das sofort und ohne Wenn und Aber abgestellt gehört."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2017 - Religion

Sabine am Orde unterhält sich für die taz mit dem Islamwissenschaftler Michael Kiefer, der die Whatsapp-Chats von radikalisierten Muslimen untersucht hat und herausfand, dass sie "nichts mit dem Islam" zu tun haben: "Man denkt ja, wenn eine Jugendgruppe sich selbst als dschihadistisch versteht, dass sie ideologisch gerüstet ist. Aber bei einigen Gruppenmitgliedern waren so gut wie gar keine religiösen Kenntnisse vorhanden. Einer hatte gar keinen Koran, ein anderer wusste nicht so recht, wie man betet oder welche Kleidung man dazu anziehen muss. Ein Dschihadist ohne Koran, eigentlich irre. Eine andere Überraschung war, wie ungemein zielstrebig diese Gruppe ihre Pläne verfolgt hat."

Oliver Jungen verfolgte für die FAZ in Münster einen Vortrag des Ethnologen Thomas Hauschild über die Persistenz des Religiösen: "Auf wenig Verständnis traf es bei den anwesenden Geisteswissenschaftlern jedoch, das Religiöse als Geisterseherei zu definieren und durch die Hirnstruktur zu erklären".