9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2017 - Religion

Streit über Moscheen und die Höhe von Minaretten gibt es nicht nur in der Schweiz, sondern auch im Iran. In Zahedan, einer Stadt im Dreiländereck Iran, Afghanistan, Pakistan, die zu den wenigen Städten mit sunnitischer Mehrheit im Iran gehört, dürfen die Türme der neuen sunnitischen Moschee nur halb so hoch werden, wie ursprünglich geplant, berichtet in der NZZ Philipp Breu, der die Stadt besucht hat. Die meisten Sunniten fühlen sich hier sehr viel wohler als in Teheran, erfährt er: "Um interkonfessionellem Ärger vorzubeugen, hatte die Regierung ... ein Gesetz erlassen, das den Bau von sunnitischen Sakralgebäuden in mehrheitlich schiitischen Bezirken einer Stadt verbietet und umgekehrt. Das hat zur Folge, dass Sunniten in ausschließlich schiitisch geprägten Städten wie Teheran gar keine sunnitischen Gotteshäuser besuchen können - oder sich heimlich Alternativen suchen müssen. Sunnitische Portale im Internet verweisen auf neun sunnitische Moscheen in Teheran. Allesamt Hinterhofmoscheen, die nicht ausgeschildert sind."

Im Interview mit Zeit online schildert der Berliner Imam Taha Sabri seine Busreise mit sunnitischen Imamen zu Orten islamistischen Terrors in Europa: Berlin, Brüssel-Maelbeek, Saint-Étienne-du-Rouvray, Paris, Toulouse, Nizza. Auch wenn er versteht, dass man nicht immer Lust hat, sich von den Terroristen abzugrenzen - es ist notwendig, meint er: "Ich kenne diese Stimmen, die sich nicht ständig wieder äußern wollen auch aus meiner Gemeinde und verstehe die Müdigkeit meiner Glaubensbrüder. Man muss jedoch auch anerkennen, dass diese Terroristen mit ihren Gewaltakten Bilder über meinen Islam in der Welt verbreiten: Islam ist Terrorismus, Islam ist Blut, Islam ist Gewalt. Wir müssen beweisen, dass wir noch stärkere Bilder erzeugen können. Natürlich hat die faschistische Ideologie und deren paar Koranverse ohne Kontext nichts mit meiner Religion zu tun. Aber am Ende benutzt sie meine Religion und ich bin ihr diesen Protest schuldig, um sie vom Islamismus zu befreien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.07.2017 - Religion

In der taz kommt Dmitrij Kapitelman allein auf sieben Thesen gegen die Entscheidung Wittenbergs, ein altes judenfeindliches Relief an einer Kirche nicht abzumontieren. Zum Beispiel These 3: "Stellen wir uns vor, eine Synagoge oder Moschee würde die heilige Maria aufhängen, die sich an der Vulva herumfuhrwerkt. Genau, Selbstmord. Wenn das Schwein bleibt, ist es eine Machtdemonstration dafür, wer in diesem Land die Schmerzgrenzen zieht."

Johann Schloemann findet nach der Karlsruher Kopftuch-Entscheidung in der SZ nicht, dass Richter von ihrer Religion abesehen müssen: "Solange viele Frauen das Tragen als religiöses Gebot sehen, kann ihnen nicht deswegen der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt werden."
Stichwörter: Schwein, Wittenberg, Schweine, Relief

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2017 - Religion

Ein liberaler Islam, der dennoch "authentisch" ist? Gibt's doch schon lange, meint Katajun Amirpur, Professorin für Islamische Studien an der Universität Hamburg, in der SZ. "Tatsache ist: Viele islamische Intellektuelle sind überzeugt, dass Reform vonnöten ist. In den islamischen Ländern wie auch in der Diaspora debattieren Muslime über den Islam in der modernen Welt. Sie ringen um eine moderne Interpretation der Quellen und um einen kritischen Zugang zur eigenen Tradition. Sicher geht die Anhängerschaft dieser Reformer nicht in die Millionen. Ganz sicher aber lebt die absolute Mehrheit der Muslime diese moderne Auffassung ohnehin - ohne jede theologische Begründung."

Ob man dem nun folgt oder nicht: Es ist doch erstaunlich, dass sie nur über die Kämpfe für einen modernen Islam im Iran, in Ägypten oder in Südafrika spricht, aber kein Wort dazu sagt, dass in Deutschland Seyran Ates jetzt unter verstärktem Polizeischutz steht, weil sie seit der Gründung der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee mit Morddrohungen überhäuft wird, wie der Tagesspiegel berichtet. "Einer der Mitbegründer der liberalen Moschee ist Abdel-Hakim Ourghi, Islamwissenschaftler und Leiter islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. 'Was läuft schief bei den Muslimen, eine andere Sichtweise über den Islam nicht zuzulassen. Der Islam ist eine plurale Religion. Zur Diversität gehört auch das liberale Denken', sagte Ourghi dem Tagesspiegel. In Deutschland habe sich jedoch ein sehr konservativer Islam etabliert. Und konservative Muslime hätten Angst vor Reformen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2017 - Religion

Nach all den abstrusen Vorwürfen gegen ihre liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin - sie sei Teil der Gülen-Bewegung oder unislamisch, weil Frauen predigen dürfen - der ägyptischen Fatwa und den Morddrohungen haben viele Menschen Angst, in die Moschee zu kommen, meint Seyran Ates im Interview mit der NZZ. Aber aufgeben kommt nicht in Frage, sie will als Vertreterin eines liberalen Islam wieder in die Deutsche Islamkonferenz (DIK): "Wir wurden von der DIK nun auch angeschrieben, also mal sehen, was sich da für Gespräche ergeben. Es ist natürlich ein Anliegen, da wieder teilzunehmen. Es hieß ja damals vonseiten der Bundesregierung, wir müssten uns organisieren. Jetzt habe ich mich organisiert und erhebe Anspruch, dass wir wieder in der Islamkonferenz sein können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2017 - Religion

Ausgerechnet an der Universität soll das Problem mit den Religionen gelöst werden, aber nicht von Wissenschaftlern, sondern von Theologen, fordert der katholische Theologe Lukas Wiesenhütter in der SZ: "Der Religionsdialog müsste heute genauso Teil der Ausbildung sein, wie es dazugehört, Augustinus oder Luther zu lesen. Deshalb sind die Lehrstühle für Islamische Theologie eine so große Chance; deswegen könnten die Pläne der Humboldt-Universität zukunftsweisend sein, eine 'Fakultät der Theologien' zu etablieren. Es muss der Normalfall werden, dass der angehende Pfarrer der muslimischen Lehramtsstudentin begegnet. Die beiden sind die Idealbesetzung, um dort rhetorisch ab- und inhaltlich aufzurüsten, wo ein 'christliches Abendland' gegen 'den Islam' ins Feld geführt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2017 - Religion

Mit der Zerstörung der Al-Nuri-Moschee in Mossul durch den IS schließt sich ein Kreis - nicht nur für die Terrormiliz, deren Anführer Abu Bakr al Bagdadi vor drei Jahren ebendort das "Kalifat" ausgerufen hat, sondern auch für das Gebäude selbst, informiert Joseph Croitoru in der FAZ. Errichtet wurde es im 12. Jahrhundert von Nur al Din Zengi anstelle einer Kirche: "Die Verdrängung des christlichen Bauerbes war fester Bestandteil von al Dins Baupolitik, und Mossuls Christen litten auch während seiner Herrschaft unter Repressionen... Wenn etwas Klarheit über den ursprünglichen Bau herrscht, so betrifft sie die Beschriftung der vielen Bündelsäulen, die seine zentrale Halle dominierten und mit unterschiedlichen Koranversen versehen waren: Meist mit unspektakulären Verweisen auf den Einheitsglauben und das Gebot des Gebets, aber auch mit der Betonung der Pflicht, Krieg 'um Gottes willen zu führen' - eine Aufforderung zum Dschihad."

Die SZ befasst sich in einer dreiseitigen Beilage mit dem Kölner Dom: Harald Eggebrecht erzählt die jahrhundertelange Baugeschichte, Bärbel Brockmann würdigt die Arbeit des Zentral-Dombau-Vereins, Gottfried Knapp unternimmt eine architekturhistorische Einordnung, Michael Rohlmann gerät über die prunkvolle Ausstattung ins Schwärmen, Catrin Lorch blickt auf Gerhard Richters Fenster, Ira Mazzoni informiert über Vorkehrungen zum Erhalt des Doms, nocheinmal Bärbel Brockmann nimmt seine Bedeutung für den Tourismus unter die Lupe und Sandra Danicke schreibt ein "kleines Dom-Glossar" von A wie Apsis bis W wie Wimperg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2017 - Religion

Gestern meldete Spiegel online, dass Seyran Ates' neue liberale Moschee in Berlin von türkischen Medien als Gülen-Projekt verunglimpft wird (unser Resümee). Heute berichtet Evelyn Finger bei Zeit online, dass nun die Religionswächter der Al-Azhar-Universität in Kairo mit eine Fatwa aufwarten: "Sie ist mit einem Foto der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee illustriert und besagt: Eine Frau darf kein Gebet anleiten, Frauen und Männer dürfen nicht im selben Raum beten, Frauen in einer Moschee nicht ohne Kopftuch sein. Denn dies sei unislamisch. Im Klartext: todeswürdig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2017 - Religion

Am Freitag eröffnete Seyran Ates in Berlin die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Seitdem hetzen nicht nur radikale Muslime sondern auch türkische Medien gegen die Moschee, berichten auf Spon Maximilian Popp und Anna Reimann. Ihr absurder Vorwurf: das Gebetshaus sei ein Gülen-Projekt. In die Welt gesetzt habe diese Behauptung der Privatsender AHaber, "regierungsnahe türkische Medien griffen den Beitrag auf: Sabah, eine der größten Zeitungen, titelte: 'In der Fetö-Kirche beten Männer und Frauen'. Das Boulevardblatt Takvim berichtete unter der Überschrift 'Gülen Ketzerei, Applaus aus Israel'. Die Gülenisten in Deutschland verzerrten den Islam nach ihren 'eigenen, perversen Ansichten', schrieb die Tageszeitung Star. ... Ates vermutet, dass es der türkischen Seite darum gehe, die in der Moschee praktizierte liberale Auslegung des Islam zu bekämpfen. 'Aber auf der Schiene bekommen sie uns nicht. Deshalb werden uns Gülen-Verbindungen unterstellt, um uns zu Terroristen zu erklären, die zum Abschuss freigegeben sind', so Ates."

Auf Zeit online ist  Canan Topçu zwar irgendwie enttäuscht, dass zur Antiterrordemo der Muslime, zu der Lamya Kaddor aufgerufen hatte, nur so wenig Menschen kamen. Sie selbst wollte aber auch nicht mitmachen, erklärt sie verschnupft: "Wir als Muslime sollten sichtbar und hörbar der Erwartung der Mehrheitsgesellschaft nachkommen. Ich will mich als Muslima aber nicht rechtfertigen. Weil es für mich als Mensch selbstverständlich ist, Gewalt und Mord abzulehnen. Wenn Muslime sich nicht von Gewalt im Namen Allahs distanzieren, dann bedeutet das keineswegs, dass sie islamistische Terroraktivitäten gutheißen. Das müssen wir den Menschen in diesem Land und anderswo vermitteln." Auf einer Demo vielleicht?

In der Welt kann Dirk Schümer diese Distanzierungsversuche nicht mehr hören: "Auch die meisten nach Europa zugewanderten Menschen aus China und Vietnam, Südamerika oder Indien hängen einer Form von Religion an, doch gibt es da mit ostentativem Fasten oder autistischen Kleiderordnungen allermeistens keinerlei Probleme. Die Frage, ob der Sikhismus, der Buddhismus, der Konfuzianismus oder der Voodookult zu Deutschland gehören, stellt sich deshalb auch nicht annähernd so schmerzlich wie beim Islam, weil deren Anhänger, ob in der Schule oder bei der Arbeit, ihre jeweiligen Religionen sehr viel reibungsloser mit den Erfordernissen einer aufgeklärten Gesellschaft in Einklang bringen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2017 - Religion

Ein besonders düsterer Fall von Kindesmissbrauch durch Priester stört die argentinische Öffentlichkeit auf, berichtet  Christine Legrand in Le Monde. Er betrifft das Provolo-Institut, wo taubstumme Kinder ausgebildet werden. Der Fall hat ein besondere Tragweite, weil der heutige Papst Franziskus zur Zeit der Geschehnisse Erzbischof von Buenos Aires war, so dass sich die Frage stellt, ob er Informationen hatte: "Die finsteren, tragischen und verstörenden Berichte handeln von einer regelrechten Hölle, die von einigen Dutzend Mädchen und Jungen im Alter von 5 bis 12 Jahren durchlebt wurde. Zeugenaussagen sprechen von Vergewaltigungen durch Anal- und Oralsex, Auspeitschungen und Folter, die zuweilen in Gruppen begangen wurden. Eine Hölle, die noch weiter verdunkelt wurde durch den Umstand, dass die Kinder sich ihren Eltern, die nicht unbedingt die Zeichensprache verstehen, nicht immer verständlich machen konnten."

Viele Deutsche wissen gar nicht, dass die vielgepriesene Sozialarbeit der Kirchen in Institutionen wie Caritas und Diakonie nicht aus der Kirchensteuer bezahlt wird, sagen Helmut Kramer und sein Mitstreiter Wolf Merk, die in Hamburg ein "Säkulares Forum" gegründet haben, im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt: "Die sozialen Aufgaben, die die Kirchen erfüllen, werden doch etwa bei den Kitas zu 100 Prozent aus Steuergeldern - nicht Kirchensteuergeldern - bezahlt... der Eigenanteil ist sehr gering. Die Kirche macht Eigenwerbung mit Leistungen, die zum allergrößten Teil staatlich finanziert sind."

Im Tagesspiegel berichtet Amory Burchard über Probleme bei dem geplanten Islam-Institut an der Humboldt Universität: Liberale Muslime hatten protestiert, dass im Beirat ausschließlich Vertreter konservativer Islamverbände säßen. Der Gründungsbeauftragte des Instituts, Michael Borgolte, verteidigte diese Entscheidung: "Zwar müssten auch liberale Richtungen 'Gelegenheit bekommen, am künftigen Beirat mitzuwirken', sagte Borgolte. Solche Zuwahlen sollten im Vertrag zwischen Universität, Senat und Verbänden auch vorgesehen werden. Ein Entwurf gebe den großen Verbänden schon jetzt kein Vetorecht. Doch die fünf Verbände verträten nun einmal die größte Zahl der Muslime und die Absolventen sollten Anstellung in ihren Moscheegemeinden finden, sagte Borgolte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2017 - Religion

Auch wenn nicht einmal fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland muslimisch sind, sieht Rainer Haubrich in der Welt Anzeichen einer "Islamisierung". Eines seiner Beispiele ist, dass auf muslimische Schüler ein immer größerer Druck ausgeübt wird, die Fastengebote des Ramadan einzuhalten: "Die sozialdemokratische Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln hatte mit zwanzig Moscheevereinen über einen Zwölf-Punkte-Plan verhandelt, der unter anderem vorsah, dass jene, die nicht fasten, deshalb nicht herabgewürdigt werden dürften, oder dass Grundschüler bei gesundheitlichen Problemen das Fasten unterbrechen können. Nur drei Imame unterschrieben am Ende die Vereinbarung."

Außerdem: In der NZZ denkt Uwe Justus Wenzel ausführlich über Für und Wider einer übergreifenden theologischen Fakultät nach, die christliche, jüdische und muslimische Theologen unter dem Dach vereinigt.