9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2017 - Religion

Eren Güvercin beschreibt in der taz das Chaos in muslimischen Verbänden, das sich noch verschlimmert hat, seit die Ditib immer mehr zum Werkzeug des türkischen Nationalismus wird: "Die türkischen religiösen Verbände brauchen den Koordinationsrat der Muslime nicht mehr. Koordiniert wird jetzt unter Türken. Überhaupt ist der KRM längst am Ende. Zu zentralen Fragen gibt es schon seit Langem keine inhaltliche Arbeit mehr. Nicht mal der Internetauftritt koordinationsrat.de funktioniert noch."
Stichwörter: Islamverbände, Ditib

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.08.2017 - Religion

Der Glaube an Gott tut auch seinen Dienern gut, konstatiert Annika Joeres bei hpd.de: "Die Evangelische Kirche in Bayern vermietet rund 160 eigene Wohnungen in der teuersten Stadt Deutschlands - vor allem an leitende Mitarbeiter. Zu einem Quadratmeterpreis zwischen 4,04 und 5,80 Euro, mitten in München. Wer nicht gerade für die Kirche arbeitet, zahlt in München heutzutage das Dreifache."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2017 - Religion

Glaubt man dem Religionswissenschaftler Michael Blume im Gespräch mit Andreas Main vom Deutschlandfunk, dann scheint die Zahl muslimischer Gläubiger von allen möglichen interessierten Kreisen arg übertrieben zu werden: "Wir erfassen als Muslime alle Menschen, die von muslimischen Eltern abstammen. Während wir bei Christen nur diejenigen als Christen erfassen, die getauft wurden und einer Kirche angehören. Und schaut man sich das dann näher an, dann sehen wir tatsächlich, dass bei den Muslimen ein schnell wachsender Anteil Glaubenszweifel hat, mit der Religion wenig oder gar nichts mehr zu tun hat, sich von den Moscheeverbänden überhaupt nicht vertreten fühlt. Und man sieht tatsächlich, dass die Säkularisierung bei Muslimen ebenso oder sogar stärker auftritt als bei Christen."

Susanne Schröter vom Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam fordert in der FAZ, dass sich die muslimischen Verbände stärker vom Dschihadismus absetzen: "Die Tatsache, dass fast alle Attentäter einen klaren Moscheebezug hatten und ihre Ideologie des Hasses nicht nur heimlich aus dem Internet bezogen, macht diese Forderung umso dringlicher."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2017 - Religion

Die gerade oft zitierte Bertelsmann-Studie zur Integration von Muslimen ruft die Deutschen dazu auf, einen sichtbar gelebten Islam stärker zu akzeptieren: In der SZ findet Thomas Avenarius das falsch: "Der heutige Islam, der aus dem arabischen, nordafrikanischen und südostasiatischen Raum im Besonderen, ist politisiert. Er wird von vielen teils oder in Gänze als Blaupause für das Zusammenleben der Gesellschaft verstanden. Genau aus diesen Regionen kommen aber viele der heutigen Migranten. Bezeichnenderweise wurde diese neue Einwanderergeneration in der Studie nicht befragt. Wer die Integration dieser Menschen garantieren möchte, muss klarmachen, dass eine allzu öffentliche Rückversicherung im Glauben - mit uniformhafter salafistischer Kleidung, faustlangen Bärten und einer religiös aufgeladenen Sprache - nur das Wechselspiel von Integration und Akzeptanz stört. Im modernen Leben sollte das Religiöse nicht mehr im Vordergrund stehen."

In der NZZ argumentiert der Politikwissenschaftler Jan Werner Müller dagegen gerade für mehr Sichtbarkeit von Religion, und beruft sich dabei auf ein Diktum des katholischen Verfassungsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2017 - Religion

Im Gespräch mit Susanne Fritz vom Deutschlandfunk lehnt Necla Kelek einen Status der muslimischen Ahmadiyya-Sekte als Körperschaft des öffentlichen Rechts ab. Auch sie teile "die Welt in Frauen und Männer auf. Das heißt, die Männer entscheiden über das Leben der Frauen, Ältere über Jüngere. Sehr stark vertreten ist die Verwandschaftsehe, so dass halt die Mitglieder gleich von Anfang an in der Gemeinschaft bleiben und keine Möglichkeit haben, außerhalb dieser Gemeinschaft ein Leben anzufangen. Das wird sehr stark kontrolliert. Und sie sind missionarisch - also sie tragen den politischen Islam weiter, indem sie zum Beispiel unentwegt Moscheen bauen wollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2017 - Religion

Da Kirche und Staat in Deutschland nicht getrennt sind, sondern sich eher als einander alles Gute wünschende Ergänzungen verstehen, ist anzunehmen, dass mit der Zeit auch der Islam institutionelle Förderung erhält. An fünf islamischen Zentren kann man bereits staatlicherseits Islamische Theologie studieren, schreibt Hülya Gürler in der taz. "Es ist zu vermuten, dass in Zukunft noch mehr Muslime ihre Kinder in konfessionellen Kindergärten anmelden wollen. Oder sie brauchen im hohen Alter Pflege, die auf muslimische Gewohnheiten wie beispielsweise Halal-Essen oder spezifisch muslimische Körperpflege eingeht. Für die 23,8 Millionen Mitglieder der katholischen Kirche gibt es für soziale und pflegerische Aufgaben die Einrichtungen der katholischen Wohlfahrtsorganisation Caritas. Absolventen der vielen katholischen Hochschulen, Fakultäten und Institute finden unter anderem hier eine Beschäftigung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2017 - Religion

Jacopo Barigazzi beleuchtet in politico.eu die recht herzlichen Beziehungen zwischen Papst Franziskus und Wladimir Putin. Wie Putin habe Franzsikus amerikanische Interventionen in Syrien abgelehnt, überdies seien die Christen in Syrien Putin dankbar für die Unterstützung des Assad-Regimes. Die Intervention in der Ukraine habe der Papst nur sehr mild verurteilt: Für Putin "bieten Fototermine mit dem Papst die Gelegenheit, Russland als eine Bastion des Christentums darzustellen, die daran arbeite, die westliche Zivilisation vor einer Globalisierung ohne Werte zu bewahren. In der katholischen Welt wird tatsächlich darüber diskutiert, ob Russland hier nicht eine Lösung bieten könne."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2017 - Religion

Muslimische Extremisten breiten ihre Macht in Indonesien aus, der tolerante Islam gerät unter Druck, berichten Martine Bulard und Marie Beyer in einem langen Essay in Le Monde Diplomatique und stellen auch gesellschaftliche Veränderungen fest: "Der Soziologe Faisal Sukanta untersucht im Auftrag multinationaler Konzerne das Konsumverhalten der Jugend. Er beobachtet 'seit vier oder fünf Jahren ein Erstarken religiöser Werte, vor allem unter jungen Menschen', dabei gehe es jedoch 'eher um Anerkennung als um Fundamentalismus'. Nachgefragt werden zwar bleichende Gesichtscremes, um den Porzellanteint der japanischen oder südkoreanischen Models zu imitieren -, aber halal sollen sie sein. Gefragt ist auch die Mode von Aniesa Hasibuan, die ihre Hidschab­kollektion letztes Jahr auf der New Yorker Fashion Week vorstellte."

Acht Schüler des vor allem in der westlichen Welt erfolgreichen buddhistischen Gurus, Bestsellerautors und Rigpa-Gründers Sogyal Lakar, der auch vom Dalai Lama geschätzt wird, haben einen offenen Brief geschrieben, in dem sie von physischem, emotionalem und psychischem Missbrauch berichten, schreibt Michaela Haas in der SZ. Dem Problem wird juristisch kaum beizukommen sein, glaubt sie: "Gerade im tibetischen Buddhismus werden hochrangige Lehrer als Repräsentanten des Buddhas betrachtet; ihnen wird deshalb oft auch unkonventionelles oder radikales Verhalten verziehen, und Sex wird sogar als Mittel zur schnelleren Verwirklichung gepriesen. Vor diesem Hintergrund ist vielleicht der Frontalzusammenstoß zwischen einem im Kern feudalen System des alten Tibet und dem westlichen Hunger nach der altasiatischen Weisheit unvermeidlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2017 - Religion

Tayyip Erdogan mag zwar vom Kalifat träumen, aber Ansehen in der islamischen Welt konnte er damit bisher nicht gewinnen - ganz einfach weil die Religion in der Türkei von Atatürk verstaatlicht wurde, so dass türkische religiöse Institutionen in der islamischen Welt kein Renommee haben, schreibt Boris Kálnoky in der Welt. Aber schon fängt Erdogan an, bestimmte Verwaltungsakte wie Eheschließungen wieder den Imamen zu überlassen. Und es gibt "Pläne für die Gründung einer großen 'internationalen' islamischen Universität. Erdogan sagte dazu, hier sollte der 'wahre Islam' gelehrt werden, und zwar nicht nur auf Türkisch, sondern auch auf Arabisch und Englisch. Auf diese Weise soll Istanbul theologische Strahlkraft erlangen in aller Welt: Eine solche Hochschule, erreichte sie denn auch nur annähernd die Glaubwürdigkeit etwa der altehrwürdigen Al-Azhar-Universität in Kairo, wäre ein kostbares politisches Einflussmittel für die Türkei."

Es gibt keinen Grund, einen Blasphemieparagrafen einzuführen, meint der Rechtsprofessor Rudolf Steinberg in einem langen Essay auf der Gegenwartsseite der FAZ. Zwar sei etwa die Religionsfreiheit ein geschütztes Rechtsgut: "Doch hier fehlt es regelmäßig bei einer blasphemischen Äußerung an einer Verletzung. Die Religionsfreiheit bedeutet - positiv -, seinen religiösen Überzeugungen entsprechend leben und handeln zu können, und - negativ -, kultischen Handlungen fernzubleiben oder auch nicht zwangsweise religiösen Symbolen ausgesetzt zu sein. Diese Freiheiten werden jedoch durch die blasphemischen Äußerungen etwa der Mohammed-Karikaturen nicht angetastet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.08.2017 - Religion

Heute wird das brandenburgische Oberlandesgericht entscheiden, ob die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland e. V. (KdFSM) Religionsstatus hat, berichtet Laura Weigele in der taz. Bisher hat die junge Religion nur einen Tempel in Templin. Die religiösen Zeremonien weisen gewisse Ähnlichkeiten mit bekannten Praktiken auf: "Bruder Spaghettus legt den Gläubigen ein Spaghetto in den Mund. Danach trinkt jeder einen Schluck Bier aus einem Kelch. Die Gläubigen verhaken ihre Daumen miteinander, die Handflächen zeigen zur Brust. 'Ramen'', sagen sie im Chor und wackeln mit den Fingern. Nach fünfzehn Minuten beendet Bruder Spaghettus die Messe mit dem Monsterunser: '… denn dein ist die Soße und der Käse und die Fleischklößchen in Ewigkeit. Ramen.'" Die Kirche war übrigens ursprünglich in den USA von einem Wissenschaftler gegründet worden, der sich gegen den in Schulen immer häufiger gelehrten Kreationismus wehrte.

Vielleicht sollte die Kirche auch in der Türkei missionieren. Dafür spräche jedenfalls der neue Lehrplan türkischer Schulen, den ebenfalls in der taz Ezgi Karatas vorstellt: "Er sieht eine reduzierte Stundenzahl in Naturwissenschaften, Philosophie und Kunst vor, ganze Themenblöcke wie die Evolutionstheorie kommen darin nicht mehr vor."

Und in Israel. In der FAZ schildert Joseph Croitoru die religiöse Indoktrinierung von Schulkindern, die durch das Erziehungsministerium vorangetrieben wird, das seit 2015 Naftali Bennett von der Siedlerpartei "Das Jüdische Heim" leitet. Säkulare Eltern wehren sich jetzt dagegen, dass in Schulbüchern häufig die Einhaltung religiöser Gebote angemahnt wird: "Die Schulbücher suggerieren zudem, dass die weltlichen Schüler den religiösen aufgrund ihrer Lebensweise moralisch unterlegen sind. Entsprechend werden die Mitglieder einer säkularen Familie als Egozentriker gezeichnet, die aufeinander kaum Rücksicht nehmen - ganz anders als ihre orthodoxen Pendants, die sich hilfsbereit und rücksichtsvoll zeigen."