Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Berlinale 2023 - 19 Artikel - Seite 1 von 2

Auf dem Narrenschiff: "Sur L'Adamant" von Nicolas Philibert (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 25.02.2023 Die Adamant ist ein echtes Narrenschiff, ein wunderschönes Hausboot mit hölzernen Verschlägen, das an einem Quai der Seine mitten in Paris vor Anker liegt, im Schatten der Hochbahn und riesiger Platanen. Das Schiff dient mehreren psychiatrischen Krankenhäuser als Tagesklinik, sie ist das selten gewordene Beispiel einer zugewandten, offenen und freien Psychiatrie. Man kann nicht sagen, ob und wie die Patientinnen und Patienten hier therapeutisch behandelt werden, davon sehen wir nichts. Von Thekla Dannenberg

J-Pop und Fantasy: "Suzume" von "Makato Shinkai (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 23.02.2023 Seit der verehrungswürdige Hayao Miyazaki seine Ghibli-Studios geschlossen hat, wird dem japanischen Regisseur Makoto Shinkai gern die Rolle des legitimen Nachfolgers zugeschrieben. Seine Animes brechen in Japan alle Kassenrekorde. Und natürlich verbinden sich auch in Shinkais Filmen ganz wie bei Miyazaki das Realistische und das Fantastische, das Heute und das Gestern, der Mythos und die Hypermorderne. Von Thekla Dannenberg

Ballett der Blickkontakte: "Roter Himmel" von Christian Petzold (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 22.02.2023 So durfte sich Editorin Bettina Böhler selten austoben bei einem Film von Christian Petzold. Selbst bei den kürzesten Wegen der Figuren durch das etwas marode, aber charmante Ferienhaus an der Ostsee, in das sich Schriftsteller Leon (Thomas Schubert) und der angehende Fotograf Felix (Langston Uibel) eigentlich zum Arbeiten zurückziehen wollen, folgen fast im Sekundentakt Schnitte, die das Geschehen dynamisieren und eine Art virtuoses Ballett der Blickkontakte erzeugen. Bilder, die man stehen lassen könnte, werden geradezu weggewischt. Wer immer noch behauptet, dass Petzold der gleichen "Schule" wie beispielsweise Angela Schanelec angehört, war lange nicht im Kino. "Roter Himmel", der zweite Teil einer mit "Undine" begonnen Liebestrilogie, offenbart einen Filmemacher auf der mal erfrischenden, mal verkrampften Suche nach Leichtigkeit.    Von Patrick Holzapfel

So wie es ist: "20.000 Bienenarten" von Estibaliz Urresola Solaguren (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 22.02.2023 Auch bukolischen Idyllen (aber sind nicht alle Idyllen bukolisch?) sollte man nicht über den Weg trauen. Was dort behauptet wird, stimmt regelmäßig auch nicht ganz. Und irgendwann bricht immer ein Gewitter aus. Aber dieser Film ist nun mal eine Landpartie. Er folgt damit einer Tradition aus glücklicheren, romanischen Gefilden. Solche Muster kennt man aus Frankreich, Italien oder Spanien - in diesem Fall spielt die Geschichte im Baskenland, im spanischen und französischen. Selbst nicht so reiche Familien wie die um die dreifache Mutter und zurecht verhinderte Künstlerin Ane haben dort eine Großmutter auf dem Land und zudem eine Großtante, die Imkerin ist und bei der sie ihre Ferien verbringen können. Sie erweist sich in diesem Film als noch wichtiger als die Großmutter. Von Thierry Chervel

Die Gewalt zum System gemacht. "El Juicio" von Ulises de la Orden (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 22.02.2023 Keine andere Militärdiktatur in Lateinamerika wütete so brutal und so grausam wie die argentinische Junta. Schon nach offiziellen Berichten fielen ihrer Herrschaft zwischen 1976 und 1983 mindestens 10.000 Menschen zum Opfer, Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der Toten eher auf 30.000. Erstaunlich ist, wie wenig diese Verbrechen im kollektiven Gedächtnis der Welt präsent sind, verglichen etwa mit Pinochets Herrschaft in Chile. Liegt es daran, dass Pinochets Putsch die sozialistische Utopie Salvador Allendes zerstörte? Oder an der Scham der Europäer, die 1978 die Fußball-WM in Argentinien feierten, ohne sich um das grausame Regime und seine Opfer zu scheren? Von Thekla Dannenberg

Verrate mich nicht: "Le Grand Chariot" von Philippe Garrel (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 21.02.2023 Philippe Garrels Film "Le Grand Chariot" beginnt mit einem faszinierenden Moment: Am Anfang, wenn sich der Film noch dokumentarisch gibt, verfolgt die Kamera hinter der Bühne eine Equipe von Puppenspielern, die gerade ein Stück aufführen. Wir sehen die Kulissen, die hochkonzentrierten Gesichter der Spieler, ihre emporgereckten Arme mit den Puppen über der Hand, die wirbelnde Choreografie: Der Prinz lässt eine Nachricht überbringen, rufen sie. Ist es Prinz Herzmund oder Prinz Honigbart? Auf jeden Fall eine Nachricht für Prinzessin Transuse. Helle Aufregung im Puppenland! Man hält inne und stutzt: Schauspieler spielen in einer angetäuschten Doku Puppenspieler, die in Bruchstücken ein Stück spielen - und man folgt ihnen gebannt wie ein Vorschulkind. Der Trick funktioniert auch bei "Hanswursts Beerdigung". Von Thekla Dannenberg

Für einen Moment des Glücks: "Totém" von Lila Avilés (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 20.02.2023 Ein Totem steht in vielen Naturvölkern für ein pflanzliches oder tierisches Wesen, das als Verwandter eine Familie repräsentiert, schützt und zusammenhält. Im Endeffekt beschreibt die mexikanische Filmemacherin Lila Avilés mit dem Titel ihres Films also dessen mystischen Auftrag. Es geht ihr um die Beschwörung einer familiären Kraft, die sich mit emotionaler Geborgenheit gegen die Vergänglichkeit stemmt. Von Patrick Holzapfel

Diese furchtbare Liebe: "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" von Margarethe von Trotta (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 19.02.2023 Es ist nur wenige Monate her, dass der Suhrkamp Verlag den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch veröffentlichte, dem tragischen Liebespaar der deutschen Literatur. Bachmann selbst wollte nicht, dass ihre Briefe veröffentlicht werden, sie hatte sie nach der Trennung von Frisch vergeblich zurückgefordert, damit "niemand ein Schauspiel hat eines Tages". Es ist gut, dass sich Bachmanns Geschwister - fünfzig Jahre nach ihrem Tod - über diesen Willen hinweggesetzt haben und die Publikation erlaubten. In ihnen stehen Sätze voller Schönheit: "Du bist ein Meertier, das nur im Wasser seine Farben zeigt. Du bist schön, wenn man Dich liebt, und ich liebe Dich", schreibt Frisch etwa. Von Thekla Dannenberg

Streamingaffiner First-World-Eskapismus: "Past Lives" von Celine Song (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 19.02.2023 Mit der geradlinigen Tearjerker-Romanze "Past Lives" legt die US-amerikanische Produktionsfirma A24 den nächsten sicheren Arthouse-Hit vor. Ein Satz wie aus einem Werbeprospekt, der hier nicht ganz umsonst am Anfang steht. Denn egal, ob man sich mitnehmen lässt von dieser Geschichte einer unerfüllten Liebe, die sich über Orte und Zeiten am Leben hält, oder nicht, es muss zumindest registriert werden, dass die Berlinale endgültig jedweden filmischen oder politischen Anspruch aus ihrem Hauptwettbewerb entfernt hat. Von Patrick Holzapfel
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