Außer Atem: Das Berlinale Blog

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Diese furchtbare Liebe: "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" von Margarethe von Trotta (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 19.02.2023 Es ist nur wenige Monate her, dass der Suhrkamp Verlag den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch veröffentlichte, dem tragischen Liebespaar der deutschen Literatur. Bachmann selbst wollte nicht, dass ihre Briefe veröffentlicht werden, sie hatte sie nach der Trennung von Frisch vergeblich zurückgefordert, damit "niemand ein Schauspiel hat eines Tages". Es ist gut, dass sich Bachmanns Geschwister - fünfzig Jahre nach ihrem Tod - über diesen Willen hinweggesetzt haben und die Publikation erlaubten. In ihnen stehen Sätze voller Schönheit: "Du bist ein Meertier, das nur im Wasser seine Farben zeigt. Du bist schön, wenn man Dich liebt, und ich liebe Dich", schreibt Frisch etwa. Von Thekla Dannenberg

Streamingaffiner First-World-Eskapismus: "Past Lives" von Celine Song (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 19.02.2023 Mit der geradlinigen Tearjerker-Romanze "Past Lives" legt die US-amerikanische Produktionsfirma A24 den nächsten sicheren Arthouse-Hit vor. Ein Satz wie aus einem Werbeprospekt, der hier nicht ganz umsonst am Anfang steht. Denn egal, ob man sich mitnehmen lässt von dieser Geschichte einer unerfüllten Liebe, die sich über Orte und Zeiten am Leben hält, oder nicht, es muss zumindest registriert werden, dass die Berlinale endgültig jedweden filmischen oder politischen Anspruch aus ihrem Hauptwettbewerb entfernt hat. Von Patrick Holzapfel

Die Schwere des Seins: "Der schattenlose Turm" von Zhang Lu (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 18.02.2023 In seinem neuen Film zeigt der koreanisch-chinesische Regisseur Zhang Lu ein melancholisches Bild Pekings, in dem Gu, ein geschiedener Foodblogger zwischen der schwierigen Beziehung zu seinem Vater, einer sich nie wirklich auslebenden Liebe zu seiner deutlich jüngeren Mitarbeiterin und dem Dasein für seine Tochter versucht, sein tristes Leben zu meistern. Mit sanften humoristischen und poetischen Einschüben dümpelt der Film dabei zwischen bewegenden Momenten und uninspirierten Gemeinplätzen des romantischen Entfremdungskinos. Man begreift die Schwere des Seins, aber fühlt sie nur bedingt. Von Patrick Holzapfel

Voller Respekt für das Lebenswerk von Joan Baez: Die Doku "I Am A Noise" (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 18.02.2023 Die Stimme ist nicht mehr ganz so glockenhell wie früher, sie ist gegerbter, hat Patina gewonnen. Patina, die sich nicht nur aus den schönen Dingen des Musikerinnen- und Aktivistinnen-Lebens zusammensetzt, wie ein neuer Dokumentarfilm über die Folk-Ikone Joan Baez zeigt, mittlerweile bereits 82 Jahre alt und seit 2019 (leider) nicht mehr auf der Bühne aktiv. Von Benita Berthmann

Lieber Schmerzen als keine Lust: "Notre Corps" von Claire Simon (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 18.02.2023 Der weibliche Körper ist seit jeher ein Schlachtfeld, in der Theorie, aber vor allem in der Realität: Er wurde verfügbar gemacht, herabgesetzt und unterworfen, und selbst jene, die ihn idealisierten, verehrten und in Szene setzten, wandten sich meist ab, wenn es blutig wurde. Wenn die französische Filmemacherin Claire Simon ihre Dokumentation über eine Pariser Frauenklinik "Notre Corps" nennt, ist dies eine Setzung in gleich mehrfacher Hinsicht. Von Thekla Dannenberg

Internet in der Luft: "BlackBerry" von Matt Johnson (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 18.02.2023 In einer der vielen lustigen Szenen von Matt Johnsons "Blackberry" muss Mike Lazaridis, der geniale Ingenieur, der das kanadische Smartphone erfand, auf die Schnelle einen Prototypen zusammenbasteln, um ihn den Vorstandsherren von AT&T präsentieren zu können. Im Kaufhaus sucht er sich dafür das nötige Material zusammen, jede Menge Heimwerkerbedarf, Elektroschrott und Kinderspielzeug. Was er über Nacht fabriziert, sieht grottig aus, funktioniert aber einwandfrei. Aus diesem Geist ist auch Johnsons Film gemacht, mit vielen hektischen Schwenks, unscharfen Einstellungen und selbstgezimmerter Deko. Er sieht aus wie ein B-Movie, läuft aber im Wettbewerb. Von Thekla Dannenberg

Staub im Spätlicht: "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" von Emily Atef (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 17.02.2023 Marlene Burow und Felix Kramer in  "Irgendwann werden wir uns alles erzählen".Wer wie ich in einem früheren Leben als Filmkritiker schon in den achtziger Jahren nach Cannes reiste und die Berlinale besuchte, erinnert sich an eine Art Film, die man vielleicht am besten als "Festivalfilm" bezeichnet. Filme sind das, die man sich eben nur in der Zwangskonstellation eines Festivals ansehen würde - langsam, getragen, gediegen, schon ein bisschen mit Autorenprätention, aber doch auch auf einer literarischen Vorlage beruhend, so wie "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" auch. Wie viel hundert dieser Filme mag ich seitdem vergessen haben? Von Thierry Chervel

Wie wir überleben: The Survival of Kindness von Rolf de Heer (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 17.02.2023 In seiner nicht an Pathos geizenden Endzeitparabel zeigt Rolf de Heer eine junge unbenannte Frau, die auf der Suche nach ein bisschen Zwischenmenschlichkeit oft nur ein paar neue Schuhe findet, die sie auf ihrer Reise durch trockene Wüstenlandschaften allerdings gut brauchen kann. Anhand dieser wechselnden Schuhe lässt sich so manches erkennen über eine Daseinsform, die letztlich nur danach trachtet, weiter gehen zu können und dabei jedwede Empathie verliert. Von Patrick Holzapfel
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