Peter Sloterdijk

Wer noch kein Grau gedacht hat

Eine Farbenlehre
Cover: Wer noch kein Grau gedacht hat
Suhrkamp Verlag, Berlin 2022
ISBN 9783518430682
Gebunden, 286 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Solange man kein Grau gemalt habe, sagte Paul Cézanne einmal, sei man kein Maler. Wenn Peter Sloterdijk diesen Satz auf die Philosophie überträgt, mag dies als unerläutertes Behauptungsereignis wie eine maßlose Provokation klingen. Warum sollten Philosophen eine einzelne Farbe denken, anstatt sich mit Ethik, Metaphysik oder Logik zu beschäftigen? Doch schon eine erste historische Grabung verschafft der Intuition Plausibilität: Welche Farbe haben die Schatten in Platons Höhlengleichnis? Malt die Philosophie laut Hegel nicht stets Grisaillen? Und impliziert Heideggers In-der-Welt-sein nicht den Aufenthalt in einem diffusen Grau? Peter Sloterdijk folgt dem grauen Faden durch die Philosophie-, Kunst- und Mentalitätsgeschichte. Er befasst sich mit der Rotvergrauung der Deutschen Demokratischen Republik, mit Graustufenphotographie und lebensfeindlichen Landschaften in der Literatur. Indem er das Grau als Metapher, als Stimmungsindikator und als Anzeige politisch-moralischer Zweideutigkeit erkundet, liefert er eine Vielzahl bestechender Belege für die titelgebende These.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 24.06.2022

Rezensentin Meike Feßmann lässt Peter Sloterdijk die ein oder andere Polemik, das ein oder andere Ressentiment durchgehen. Immerhin handelt es sich um ein "spekulatives Alterswerk", meint sie. Wie der Autor kulturgeschichtlich der Farbe Grau nachspürt, bei Cezanne, Platon, Hegel, Heidegger und Nietzsche, findet Feßmman allerdings brillant und, da "poetische Begrifflichkeit" vom Autor laut Rezensentin präzise gehandhabt wird, auch erkenntnisfördernd. So wird aus dem Buch mehr als eine Farbenlehre, eine "Meditation" über Leben und Denken in der "Grauzone" feiner Nuancen, so Feßmann.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2022

Auf den Rezensenten Oliver Jungen wirk Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch trotz aller Invektiven von oben auf die Gegenwart versöhnlich - und anregend. Sloterdijks abenteuerphilosophischer Gang durch das Grau-in-grau der Philosophie (Heidegger!), Politik (Merkel!), Malerei (Cezanne!) oder auch Dichtung (Storm!) hält für Jungen allerhand ganz und gar nicht graues Geistesfeuerwerk bereit, an dessen Ende er stets die "kulturhistorische Makroperspektive" erkennt. Grau erscheint Jungen als leuchtende "Farbe des Denkens" insbesondere dann, wenn der Autor von der eher unoriginellen Verfallserzählung der Gegenwart abbiegt und sprachlich brillant und assoziativ Motivgeschichte und Metaphorologie kreuzt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.05.2022

Rezensent Thomas Ribi lässt sich von Peter Sloterdijk zu den Anfängen und in das Zwischenreich der Philosophie geleiten. Die Farbe Grau, findet Ribi, passt ganz gut zu einem Denken, das bestenfalls Vertrautes in neues Licht setzt. Sloterdijks Essay, der laut Ribi Literatur, Kunst, Politik und Religion streift, versteht der Rezensent als augenzwinkernde Schule der Aufmerksamkeit. Der Autor entwickelt darin mit Hegel und Platon Grundzüge des "grauen" Denkens, und zwar so, dass Ribi einmal mehr ins Staunen gerät über Sloterdijks Belesenheit und auch seine Geschwätzigkeit.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.04.2022

Peter Sloterdijk kann schreiben, klar. Aber Michael Maar kann auch schreiben. Und wenn er in seiner Rezension schreibt, Sloterdijks Schreibkunst könne das "unangenehme Gefühl des Neids erwecken", muss man das wohl ernst nehmen. Trotz seines Neids geizt Maar nicht mit Beispielen. Sloterdijks Grauzone befasst sich etwa intensiv mit Theologie - Maar staunt auch hier über Sloterdijks horrende Belesenheit - und Maar zitiert den humovollen Sloterdijk-Satz über Gott: "Würde er allen verzeihen, seine Theologen würden es ihm nie vergeben." Lustvoll, so scheint es, führt Sloterdijk die Theologie an ihre Widersprüche, bis eine "Riesenwolke aus Absurditäten" aus ihnen hervorschieße. Was genau das mit der Farbe Grau zu tun hat, wird nicht immer klar. Aber soviel: Grau ist schließlich auch die Farbe des Alters, und Sloterdijk lege hier ein spätes Meisterwerk vor. Und auch - vielleicht wohltuend in diesen Kriegszeiten - ein Plädoyer für die Mäßigung, denn die Komplementärfarbe zu grau scheint für Sloterdijk rot zu sein.

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