Efeu - Die Kulturrundschau

Gelangweilt vor dem spröden und öden Ich

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05.05.2020. Die SZ  blickt auf das Dokfilmfest München voraus, das zum Onlinefilmfestival umgemodelt wurde. Der Tagesspiegel fordert als erste bauliche Konsequenz nach Corona mehr Dachgärten. Statt die Debatte um kulturelle Aneignung lächerlich zu machen, sollte die deutsche Literaturkritik sie lieber führen, meint Johannes Franzen in der taz nach Lektüre von Jeanine Cummins' "American Dirt". Die FAZ steigt in die Diskussion um die  Kabarettistin Lisa Eckhardt ein: Sie findet sie nicht witzig, aber böse. Und die Jungle World schwebt in den afrofuturistischen Klangwelten von Shabazz Palaces.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2020 finden Sie hier

Film

Martina Knoben erzählt in der SZ, wie das Dokfilmfest München sich binnen kürzester Zeit zu einem Onlinefilmfestival ummodelte. Trotz vieler Hürden - welche Server sind wirklich gut geeignet, spielen die Rechteinhaber mit? - stand ein simples Ausfallenlassen nicht zur Debatte: "Gerade Dokumentar- und Arthousefilmer sind auf die Aufmerksamkeit, die Festivals generieren, angewiesen, auch auf die Preisgelder und Referenzpunkte für die Filmförderung. Festivallleiter Daniel Sponsel hatte schon früh einen Antrag an die Filmförderungsanstalt FFA gestellt, das Abspielen auf einem Onlinefestival als Kinovorführung und nicht als Video-on-Demand zu werten. Hier operiere man derzeit in einer 'Grauzone', sagt er." Dazu passend geben die SZ-Kritiker Streamingtipps für das Festival.

In der Berliner Zeitung spricht der Filmemacher Volker Heise über seinen von Arte online gestellten Archiv-Dokumentarfilm "Berlin 1945 - Tagebuch einer Großstadt", der historische Aufnahmen und Tagebuch-Aufzeichnungen von Berlinern kombiniert: Doch "wenn man mit den Bildern nur in Berlin bleibt, kriegt man eine Dimension nicht zu fassen, nämlich die, dass Berlin das Zentrum des Schreckens war, dass er sich dort aber nicht abgespielt hat. ... Schließlich bin ich auf die sehr direkte BBC-Hörfunkreportage von der Befreiung von Bergen-Belsen gestoßen, die konnte man auch in Berlin hören. Ich hielt es für notwendig, dazu auch die Bilder zu zeigen. Auch um der Larmoyanz, die in vielen Tagebuchaufzeichnungen enthalten ist, etwas entgegenzusetzen. Selbst hochreflektierte Leute waren unglaublich larmoyant und haben nicht begriffen, was sie alle zusammen der Welt angetan haben."
Archiv: Film

Architektur

Dachgärten sind gut für die Menschen, die Stadt und das Klima, auch Balkone, Loggien und Terrassen, aber in der Stadtplanung Fehlanzeige. In den Augen des Architekturkritikers Falk Jaeger bringt die Coronakrise die Defizite des Wohnungsbaus an den Tag, der in allen Preisklassen auf die Drei-Zimmer-Normwohnung setze, wie er im Tagesspiegel schreibt: "So kommt es, dass die private Bauwirtschaft nach wie vor das produziert, was nicht gebraucht wird, 08/15-Wohnungen mit minimierten Standardgrundrissen oder Luxusimmobilien als Anlageobjekte. Wobei schon erstaunlich ist, wie wenig sich die betuchte Klientel für die Qualität des Gebauten interessiert und Immobilien nach dem Prinzip Länge mal Breite mal Euro zu Höchstpreisen gehandelt werden, weil die Käufer an Grundrissqualität und Details nicht interessiert sind oder es nicht anders kennen."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Coronakrise, Stadtplanung

Bühne

Auch SZ-Kritikerin freut sich, endlich wieder eine Theaterpremiere erlebt zu haben: Die Schauspielerin Lisa Stiegler vom Münchner Residenztheater gab Georg Büchners "Lenz" als Zoom-Meeting, bei dem alle Teilnehmer sicht- und hörbar sind: "Natürlich ist das alles gewöhnungsbedürftig. Da macht es schon Sinn, dass Stiegler sich erst einmal hinsetzt und drei Minuten lang schweigt, nichts anderes tuend, als uns, ihr Publikum, zu betrachten. Man selber braucht ja auch Zeit, sich einzustimmen und die anderen Personen samt ihrer Raum-Hintergründe wahr- und aufzunehmen: das kuschelnde Ehepaar auf seinem Sofa, die dunkelhaarige Frau mit dem Laufband im Zimmer, den Resi-Schauspieler Johannes Nussbaum, der sich Blumen an die Seite gestellt hat (er ist ganz privat als Zuschauer anwesend). Auch der Regisseur des Abends, Gernot Grünewald, ist - mit großen Kopfhörern über der Hipster-Mütze - aus Göttingen zugeschaltet."

In der FAZ ist das von 2018 hochgespülte Lisa-Eckart-Video (unser Resümee) Anlass für Andrea Diener, die platinblonde Kabarettistin für grundsätzlich nicht komisch, sondern böse zu erklären: "Zusammenfassen lässt sich ein Großteil ihres Programms mit 'Stellt euch mal nicht so an'. Gemobbte Schulkinder, Magersüchtige, rassistisch angegangene Corona-Chinesen: Alle mal die Fresse halten, früher ging es den Leuten noch viel schlechter. Früher wurde nicht 'gemobbt', früher wurde noch zünftig geprügelt, und es hat keinen gestört, weil die Gesellschaft noch nicht so verweichlicht und dekadent war." In der Jüdischen Allgemeinen sammelt Philipp Peyman Engel Stimmen aus Verbänden zur Causa.

Weiteres: In der Berliner Zeitung proträtiert Doris Meierhenrich die Wiener "Schmerztheatermacherin" Florentina Holzinger, deren "Tanz" in diesen Tagen beim Theatertreffen gezeigt werden sollte. Im Tagesspiegel empört sich der frühere Grips-Theater-Chef Volker Ludwig über das Wegsperren der Kinder, geschlossene Spielplätze und Blockwart-Mentalität.

Nachtkritik (hier) und Theatertreffen (hier) zeigen heute Abend Claudia Bauers Leipziger Inszenierung von Tennessee Williams' "Süßer Vogel Jugend".
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Archiv: Bühne

Literatur

In der taz kommt Johannes Franzen noch mal auf die Debatte um Jeanine Cummins' Thriller "American Dirt" zu sprechen, die sich auch hierzulande zur Veröffentlichung der Originalausgabe in den USA entbrannte und jetzt zur deutschen Ausgabe nochmal neu aufgelegt wurde. Franzen beobachtet hier vor allem matte Phrasen angesichts komplexer Herausforderungen: "Die Aufzählung und Vermischung angeblicher kultureller Verbote im Dienst der immergleichen Diskussion darüber, was man heute überhaupt noch darf, bezeichnen einen unbefriedigenden Status der intellektuellen Auseinandersetzung über die wichtigen Fragen nach dem Verhältnis von Ethik und Ästhetik. ... Eine solche Debatte müsste damit beginnen, dass sich alle Beteiligten eingestehen, dass es sich um extrem komplexe Probleme handelt - Probleme, die vor allem faszinierende und produktive intellektuelle Rätsel darstellen. Was der Debatte unter anderem fehlt, ist eine gewisse Dankbarkeit darüber, dass die Gegenwart noch immer über solche literaturtheoretischen Zankäpfel verfügt."

Dass wir alle jetzt im Zuge von Corona ein Leben wie die Schriftsteller führen, die entrückt vom Alltag am Schreibtisch einen Blick aufs Leben führen können, wurde zuletzt ja immer wieder behauptet. "Aber ach", seufzt Bernd Noack in der NZZ, "auch sie litten und leiden ja darunter, mochten sie noch so befriedigt drüber sich auslassen! Die klugen Schriftsteller loben die Einsamkeit und verdammen sie, sie feiern das Alleinsein und stehen doch nur - wie wir selber - irgendwann gelangweilt vor dem spröden und öden Ich."

Der Autor Jasper Nicolaisen berichtet auf 54books vom Frust unter Autoren, wenn Verlage nach Vorlage von Exposés nur Interesse signalisieren, ohne sich verbindlich festlegen zu wollen: "Es fällt schwer, die Hände auf die Tastatur zu legen. Ich hab's halt schon so oft erlebt und stand so oft bei anderen daneben. Gefällt uns super, sagen die Verlage. Schreiben Sie doch bitte erstmal das ganze Buch."

Weitere Artikel: In der SZ schreibt die kenianische Autorin Zukiswa Wanner über den Lockdown in Kenia, wo sich viele Menschen überhaupt nicht leisten können, zu Hause zu bleiben: "Für sie ist die Frage, ob sie am Corona-Virus oder an Hunger sterben. Das meine ich nicht im übertragenen Sinn." Auf FAZ.net staunt Andreas Platthaus, dass Colson Whitehead nach seinem Erfolg mit  "Underground Railroad" für "Die Nickel Boys" nun zum zweiten Mal mit dem Pulitzerpreis für den besten Roman ausgezeichnet wurde: Lediglich drei weitere Autoren vor ihm haben dies erreicht. Florian Keisinger arbeitet sich für 54books durch Reiner Stachs dreibändige Kafka-Biografie. Thomas Hummitzsch hat sich für Intellectures mit dem japanischen Krimi-Autor Hideo Yokoyama zum Gespräch getroffen. Robert Schild erzählt in der FAZ die lange Geschichte, wie Stefan Zweigs Abschiedsbrief nach vielen Jahren doch noch sicher in einem Archiv landete.

Besprochen werden unter anderem Amanda Lasker-Berlins "Elijas Lied" (Dlf Kultur), Leif Randts "Allegro Pastell" (54books), Jonathan Franzens klimawandelkritischer Essay "Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?" (Tagesspiegel), Dina Oganovas und Salome Benidzes Band "Nicht mal die Vögel fliegen mehr dort. Porträts von Frauen aus Georgien" (Dlf Kultur), und Drago Jančars "Wenn die Liebe ruht" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Für die Sache der Alliierten: Pablo Picasso: Sitzende Frau, 1941. Bayerische Staatsgemäldesammlungen / K20

Die Düsseldorfer Kunstsammlung ist wieder geöffnet, und Patrick Bahners nutzt in der FAZ den Moment für eine geharnischte Kritik an der Picasso-Ausstellung im K20, die seine kubistische Werken als eine Art Kriegswaffe und Dora Maar als "die Schreiende, Brüllende und Tobende im stillen Atelier": "Es wird suggeriert, Picasso habe Medusenhäupter des totalen Krieges entworfen. Was will denn die alte Fregatte von uns? Sie soll uns mit in den Untergang reißen. In dieser Variante der biographischen Lesart des Korpus der Dora-Maar-Bilder wird Picasso vom Vorwurf der Misshandlung des Modells freigesprochen - denn was er der Frau auf der Leinwand antat, diente alles der Sache der Alliierten!"
Archiv: Kunst

Design

Was Walter Benjamin von Mode verstand, dass er sich überhaupt mit Mode befasste, hat er der Autorin Helen Grund zu verdanken, die in den Zwanzigern und Dreißigern von Paris aus für ein deutsches Publikum schrieb, erklärt Philipp Ekardt in der taz. Sie "bemerkte im Paris der 1930er Jahre die Merkwürdigkeit, dass sich die Mode wieder mit den Styles der Belle Epoque befasste, also des späten 19. Jahrhunderts. ... Kein Wunder, dass Benjamin, von Grund auf solche Entwicklung gestoßen, hier aufmerken musste, schrieb er doch genau zu diesem Zeitpunkt an seinem Passagenwerk, einer geschichtsphilosophischen Durcharbeitung von Paris als 'Hauptstadt des 19. Jahrhunderts'. Was Grund auf Laufstegen sah, passte zu seinem eigenen Großprojekt, in dem er das, was im vorherigen Jahrhundert begraben schien, in die Gegenwart holte."
Archiv: Design

Musik

Zwar mögen die Texte nicht immer ganz überzeugen, aber alles in allem kommt Jungle-World-Kritiker Jens Uthoff sehr satt und zufrieden aus den afrofuturistischen Klangwelten nach Hause, die Shabazz Palaces auf dem neuen Album "The Don of Diamond Dreams" präsentiert: "Dieses Album öffnet neue Räume. Die zeitgenössische Elektronik, das Schichten und Samplen von Klangflächen, Clicks & Cuts und Ambientsounds, all diese Techniken und Stile haben ihre Spuren hinterlassen. ... Die Grundstimmung des Albums gleicht einem psychedelisch-mäandernden Traumzustand, der auf den Hörer und die Hörerin abfärbt und der einen auf angenehme Weise sehr weit weg katapultiert. Vielleicht ja auf einen fernen Planeten, auf dem der Irrsinn weniger tobt als auf diesem." Wir hören rein:



Ulrich Stock porträtiert in der Zeit den Berliner Vibrafonisten und Jazz-Avantgardisten Christopher Dell und dessen Trio DLW, deren Musik "anders ist als alles, was landauf, landab so gespielt wird. Drei Akteure, jazzuntypisch stilvoll gekleidet, von Rollkragenpullover bis Sakko, Klang-Architekten in Anthrazit. Alle gertenschlank, wiewohl keine jungen Hüpfer mehr. Ernährung scheint ihnen ein gemeinsamer Nenner zu sein. ... Dell mag es schwierig, mag die Schwelle, den Widerstand" und "das, was sich da aufschichtet, scheint irgendwie improvisiert zu sein. Aber irgendwie auch nicht. Streng, teils sogar sehr streng, geht es zu, ohne jede Elektronik. Alles ist handgemacht, leiblich, von einer enormen kollektiven Disziplin. Freiheit in Form? Freiheit durch Form? Freiheit trotz Form? Also ist es doch nicht improvisiert, sondern komponiert?" Hier ein Ausschnitt aus einem Auftritt beim Jazzfest Bonn 2017:



Weitere Artikel: Claus Leggewie schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den algerischen Sänger Idir. Besprochen werden Spike Jonzes auf Apple+ gezeigter Dokumentarfilm "Die Beastie Boys Story" (Welt, Berliner Zeitung), The Soft Pink Truths "Shall We Go On Sinning So That Grace May Increase?" (Pitchfork), eine CD-Box mit Aufnahmen des russischen Pianisten Vladimir Sofronitzky (SZ), Hans Unsterns "Diven" (Tagesspiegel) und das Album "Disenjambment" des Kammerjazz-Ensembles Grünen (taz, mehr dazu bereits hier).

Das Logbuch Suhrkamp bringt die 79. Folge aus Thomas Meineckes "Clip Schule ohne Worte":

Archiv: Musik