Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

3750 Presseschau-Absätze - Seite 57 von 375

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.08.2024 - Film

Die Feuilletons verabschieden sich von Synchronlegende Rainer Brandt, der mit seinem "Schnodderdeutsch" die hiesige Auffassung von Unterhaltungskino jahrelang geprägt hat: Belmondo, Spencer und Hill - sie alle klopften in den deutschen Versionen ihrer Filme Sprüche, die ihnen Brandt in den Mund gelegt hat. "Dieser Klang", erinnert sich Bernhard Heckler in der SZ wehmütig. "Diese ganz bestimmte Textur, das Raue, Rausgerotzte, diese Audiotapete, die über so vielen Komödien der Achtziger- und Neunzigerjahre lag. Diese schräge, rhythmische, eingängige Kneipenslang-Jugend-Macho-ich-hau-dir-aufs-Maul-Sprache in den Stimmfarben von Thomas Danneberg (Terence Hill) und Arnold Marquis (Bud Spencer). Diese bis in die Gegenwart hinein klingende Spencer-Hill-Lingo hat ihren Schöpfer verloren."

Er "beherrschte die feine Kunst, auf der Leinwand gesprochene und vorher minutiös durchkomponierte Sprache glaubwürdig als urwüchsig und spontan zu verkaufen", schreibt Axel Weidemann in der FAZ. Es war "eine Sprache, die gestalterisch mehr Wert darauf legt, was gemeint ist, als was gesagt wird. 'Ganz ruhig, sonst drücken wir das Köpfchen in deinen Hals' ('Vier Fäuste gegen Rio' 1984) - das zeugt von einer fundamentalen Nächstenliebe, die stets daran scheitern muss, dass der Nächste leider allzu oft im Weg steht." Für Peter Huth von der Welt gehört Brandt "in eine Reihe mit Ringelnatz, Erhardt, Gernhardt sowie Wagner (Franz und Richard)."

Weitere Artikel: Marta Moneva resümiert für Artechock das 59. Filmfestival in Karlovy Vary. Ulrich Mannes empfiehlt auf Artechock den Fokus der 72. Filmkunstwochen in München zu Geschichte der Schweizer Produktionsfirma Praesens-Film. Leo Geisler erinnert im Filmdienst an Sidney Lumets Thriller "Hundstage" von 1975. Oliver Jungen führt sich für die FAZ nochmal die alten "Dudu"-Filme zu Genüte.

Besprochen werden Oz Perkins' Horrorfilm "Longlegs" (Standard, Artechock, unsere Kritik), Viggo Mortensens Western "The Dead Don't Hurt" (Artechock, mehr dazu hier), die Netflix-Serie "Das Decameron" (Freitag, Welt) und die britische Doku "Tabloids on Trial" über die Opfer von Boulevard-Bespitzelungen (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.08.2024 - Film

Konzentrierte Intelligenz: "Longlegs" von Oz Perkins

Oz Perkins' mit Nicolas Cage besetzter, zwischen Serienkillerfilm und Teufel-Horror changierender "Longlegs", dem eine sagenhafte PR-Kampagne vorausgegangen war, beschäftigt die Feuilletons. Perlentaucher Kamil Moll jedenfalls ist überaus angetan: In Perkins' Werk scheint "ein eher ironisch verspieltes Verhältnis zur eigenen Arbeit im Genre Einzug zu halten. Eine notwendige Brechung, denn zu sehr ächzten seine Filme bislang, bei aller handwerklichen Könnerschaft, unter der weihevollen Betonung von raunender Atmosphäre und ziselierter Bildgestaltung." Außerdem ist dies wohl Cages "beseelteste Performance seit Langem - eine Rolle zwischen gekonnt ausgespieltem Schrecken und würdevoll zugelassener Lächerlichkeit, deren Inspiration sich nicht aus dem Manierismenrepertoire ikonischer Serienkillerfiguren speist, sondern ganz die idiosynkratische Schöpfung des Schauspielers zu sein scheint. Möglicherweise ist es dieses Wechselspiel von lustvoller Popekstase und konzentrierter Intelligenz, das aktuellen Horrorfilmen auch sonst zuletzt des Öfteren fehlte."

tazler Jens Balkenborg findet diesen "eigensinnigen Horrorhybrid ... als Effektkino und popkulturelle Diskursfläche" durchaus interessant, weiß aber angesichts einer "gewissen campiness" dann doch nicht, ob er mit oder über diesen Film lachen soll. Dafür klingt der Film aber ganz fantastisch: "Untermalt von dem mal offensiv mit Dissonanzen an den Nerven sägenden, mal unterschwellig von Autonomer sensorischer Meridianreaktion (ASMR) affizierten Sounddesign von Eugenio Battaglia bersten auch triviale Momente vor Spannung und hauen einen einige gezielt gesetzte Jumpscares aus dem Kinosessel: eine formal elaborierte Reizüberflutung in einer Dunkelheit in unheilvollen Räumen." Weitere Besprechungen in Jungle World, Tagesspiegel und SZ.

Monika Bellucci in "Paris Paradies"

Bei Marjane Satrapis episodischem Ensemblefilm "Paris Paradies" gerät Perlentaucher Robert Wagner ins Gähnen angesichts dessen, "wie halbgar er bleibt. Dass er lediglich kurze, makabre Geschichten von der Ile-de-France ansammelt und uns am Ende kaum mehr als ein paar gelungene Scherze und einige genregerechte Tropen über wiedergewonnenen Lebensmut anzubieten hat. Dazu passt auch, wie anonym Paris bleibt. ... Die Stadt und ihre Menschen bleiben erschreckend nichtssagend und egal - den exakt gleichen Blick aus der Luxuswohnung von Marie-Cerises Familie etwa hat Mikhaël Hers in 'Les Passagers de la nuit' ("Passagiere der Nacht", 2022) vor Kurzem deutlich interessanter verwendet. Beklemmend wirkt diese Anonymität aber auch nicht. ... Ein Film, der sich mit zu wenig begnügt."

Im Mittelpunkt des Films steht die Operndiva Giovanna, schreibt Andreas Kilb von der FAZ. "Dass sie von Monica Bellucci gespielt wird, wirkt wie ein Versprechen. Seit ihrem kurzen Auftritt bei James Bond ('Spectre') und ihrer Tour de Force bei Emir Kusturica ('On the Milky Road') hat Bellucci wenig Glück mit ihren Kinorollen gehabt, sodass die Krise ihrer Filmfigur fast wie ein Spiegel ihrer eigenen Situation erscheint. ... Man würde gern sehen, wie das Drama sich zuspitzt, aber an diesem Punkt schlägt die Form des Ensemblefilms zu. ... Jede dieser Episoden hat ihr eigenes Gewicht, aber in 'Paris Paradies' geben sie sich nicht gegenseitig Halt wie bei Altman oder Haggis, sondern stehen einander im Weg."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte freut sich in der FR auf die Locarno-Retrospektive, die in diesem Jahr dem Studio Columbia Pictures gewidmet ist (mehr dazu bereits hier). Andrea Spalinger schreibt in der NZZ über den indischen Schauspieler Shah Rukh Khan, der in Locarno für sein Lebenswerk geehrt wird. Ebenfalls in der NZZ ist Andreas Scheiner derweil der Ansicht, dass sich das Filmfestival in Locarno ein bisschen zu sehr auf seinem Ruhm ausruht. Besprochen wird Viggo Mortensens Westen "The Dead Don't Hurt" (taz, FR, Freitag, Tsp, mehr dazu bereits hier). SZ und Filmdienst geben außerdem einen Überblick die Kinostarts der Woche.

Die Agenturen melden, dass die deutsche Synchronlegende Rainer Brandt gestorben ist. Auf sein Konto gehen das am laufenden Meter Sprüche klopfende "Schnodderdeutsch" und die Methode, jeden Moment zu nutzen, um den Figuren etwas in den Mund zu legen, obwohl sie im Original gar nichts gesagt haben. Mit der Synchronisation von "Die 2" verhalf er der eher mauen britischen Serie in Deutschland zu einem riesigen Erfolg und sich selbst zum Durchbruch. Hier ein Best-Of:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.08.2024 - Film

Bleibt sichtbar: Vicky Krieps in Viggo Mortensens "The Dead Don't Hurt"

Sehr beeindruckend findet FAZ-Kritiker Bert Rebhandl Viggo Mortensens Western "The Dead Don't Hurt", der die Mythologien und Genderpolitik des Genres behutsam einen Dreh weiter dreht: "Vor und hinter der Kamera arbeitet Mortensen an einer Differenzierung klassischer Männlichkeitsbilder. ... Zu einem modernen Western wird der Film auch dadurch, dass die Frau sich nicht einfach in dieses Schema fügt." Die weibliche Hauptrolle spielt Vicky Krieps, die "mit ihren Rollen oft eher zu flirten scheint, als dass sie darin aufgeht. ... In der Rolle der Vivienne zeigt Krieps nun einen Eigensinn, der das Western-Genre in ein neues Licht taucht. Denn sie lässt alle konventionellen Lösungen hinter sich, sie wird weder Flintenweib noch Dulderin. Sie ist stark, an einem bestimmten Punkt aber hat sie keine Chance. Ihr Moment kommt danach: Sie lässt sich von einem Trauma nicht unsichtbar machen. Sie bleibt sichtbar, gerade in ihrer Verletzung und Verletzlichkeit." Für den Standard bespricht Marian Wilhelm den Film.

M
. NightShyamalan, dessen Thriller "Trap" aktuell im Kino läuft, ist einer der wenigen Regisseure, die auch weiterhin auf analogem Filmmaterial drehen. "Beim Handwerk und der künstlerischen Vision bin ich nicht bereit, Abstriche zu machen", sagt er Patrick Heidmann im Presse-Gespräch. "Ich bin davon überzeugt, dass das Publikum den Unterschied spürt. Für mich gibt es nichts Wichtigeres als das Kino - und dazu gehört für mich das Drehen auf Film."

Außerdem: Heide Rampetzreiter resümiert in der Presse die zweite Staffel von "House of the Dragons"..

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.08.2024 - Film

Schauspieler und Gewerkschafter Heinrich Schafmeister spricht in der SZ über die Arbeitssituation der Schauspieler in Theater und Film: Beim Theater gibt es Unterbeschäftigung, bei Film und Fernsehen bricht der von den Streamern vor wenigen Jahren ausgelöste Fictionboom gerade massiv ein, während die Öffentlich-Rechtlichen mehr und mehr sparen müssen. Konjunktur haben nur Synchronsprecher - doch hier zeichnet sich ein Damoklesschwert über den Köpfen ab: "Theoretisch ist es schon jetzt möglich, dass ein einziger Schauspieler die deutsche Fassung eines kompletten Spielfilms einspricht, alle Rollen, alle Dialoge. Das kann eine KI dann mit der jeweiligen Stimmfärbung der Originalschauspieler ausspielen. Das ist natürlich weniger aufwendig und viel billiger als die heutige Synchronproduktion. ... Ein austauschbarer Sprecher mit sauberer Artikulation genügt völlig." Die dafür nötige "KI ist da, und die Entwicklung ist rasend schnell. Viele Synchronstudios werden in Schwierigkeiten geraten. Der gesamten Branche ist klar, dass KI die Synchronarbeit drastisch verändern kann."

Hollywood steht so gut wie geschlossen hinter Kamala Harris, schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. Doch "zur Überwindung der Polarisierung trägt" dies nicht bei, denn "das amerikanische Kino kennt nur einen Teil von Amerika. Das Filmschaffen ignoriert das Kernland. Kaum ein Filmstoff verhandelt das Leben in den Flyover-Countrys. ... Es fehlen die politischen Zwischentöne. Das gilt für die Filme, und es gilt für den politischen Aktivismus, in dem sich die Exponenten üben. Wer sich so offenkundig nicht für die Leute interessiert, braucht ihnen auch nicht mit Wahlempfehlungen zu kommen."

Szene aus Buffy the Vampire Slayer. Foto © 20th Century Fox


Gegenüber "Buffy" wirken heutige "Netflixserien mit ihrem Anspruch der Bingewatching-Kompatibilität ... wie verwässerte Limonade", meint Maria Wiesner in der FAZ in ihrer Würdigung von Joss Whedons 90s-Serienklassiker, in dem sich alles findet, was Serien im vergangenen Vierteljahrhundert so einen Siegeszug bescherte: "Als zusätzliche Lackschicht auf dem vor Details überbordenden Gemälde, das jede einzelne Episode darstellt, haben die Autoren gesellschaftliche, soziale und politische Analysen aufgetragen. Daneben ziehen sich größere Erzählbögen durch die Handlung, bestimmt von Liebe, Herzschmerz und Verrat. Jede Emotion ist so tief ausgelotet, jede mit so heftigen Konsequenzen belegt, wie es die antiken Dramen wagten. ... Man muss Pausen zwischen den Folgen einlegen, muss darüber reden, was man gesehen hat - immer noch. Die Intensität mag auch dem Fernsehformat geschuldet sein, für das 'Buffy' ursprünglich geschrieben war. ... Stundenlanges, hirnloses Versacken vor Fernseher oder Internet wäre ein Szenario gewesen, in das bei 'Buffy' ein Dämon die Menschen versetzt hätte."

Weitere Artikel: Irene Genhart unternimmt für den Filmdienst vorab einen Streifzug durchs Programm des 77. Filmfestivals in Locarno. Jakob Thaller porträtiert für den Standard den österreichischen Stummfilmpianisten Gerhard Gruber.

Besprochen werden Oz Perkins' Horrorthriller "Longlegs" mit Nicolas Cage (online nachgereicht von der FAZ, Presse), M. Night Shyamalans Thriller "Trap", bei dem ein Stadionkonzert zu einer Falle für einen Serienmörder wird (Welt), die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Lady in the Lake" mit Natalie Portman (FAZ) und die auf Sky gezeigte Doku "The Truth vs. Alex Jones" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.08.2024 - Film

In der Jungle World fasst Tobias Obermeier die Auseinandersetzungen um die Ausstellung im Oscar Museum der Academy in Los Angeles zusammen: Unter anderem wurde kritisiert, dass die jüdischen Pioniere Hollywoods für ihre Verdienste nicht ausreichend gewürdigt, sondern vor allem als Widerlinge geschmäht wurden (mehr dazu bereits hier und dort). Heide Rampetzreiter plaudert für die Presse mit dem Schauspieler Ewan Mitchell, der aktuell in der zweiten Staffel von "House of the Dragon" zu sehen ist. Besprochen wird Ivan Calbéracs französische Boomer-Komödie "Liebesgrüße aus Nizza" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.08.2024 - Film

Die Retrospektive des Filmfestivals Locarno gratuliert in diesem Jahr den altehrwürdigen Columbia Pictures zum 100-jährigen Bestehen. Zu erleben ist in 44 Filmen, wie sich das Studio aus der "Poverty Row" Hollywoods zu den großen Playern im Business hocharbeitete, schreibt Michael Ranze in der FAZ. Columbia war "nicht so tough wie Warner, nicht so glamourös wie Paramount, nicht so stargespickt wie MGM, nicht so horroraffin wie Universal, nicht so ausstattungsverliebt wie Fox. Kein Luxus, keine Extravaganzen, dafür Kreativität, Flair und Qualität." Tycoon Harry Cohn "hatte bereits 1926 entschieden, dass - anders als Paramount, Warner und MGM - Columbia keine eigenen Filmtheater besitzen sollte. Das sparte Geld für Grundstücke und Bauten. Das bedeutete allerdings auch, dass die Filme gut sein mussten. Sonst hätten die Filmverleiher sie nicht gebucht." Als "schönsten Film der Retrospektive" legt Ranze uns Joshua Logans "Picnic" von 1955 ans Herz - hier daraus die Tanzszene mit William Holden und Kim Novak, "eine der sinnlichsten und aufregendsten Szenen, die das Hollywood-Kino der Fünfzigerjahre erlaubte".



Außerdem: Jörg Taszman unternimmt für den Filmdienst einen Streifzug durch die Welt der auf Liebhaber-Editionen spezialisierten Labels für Heimkino-Medien, die sich trotz des allgemeinen Sinkflugs von DVD und BluRay gut am Markt halten. Besprochen werden M. Night Shyamalans Thriller "Trap" (Standard), die auf Sky gezeigte Doku "The Truth vs Alex Jones" (FAZ) und die von der ARD online gestellte, schwedische Serie "Limbo" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.08.2024 - Film

Subversiv und kritisch: "Shahid" von Narges Kalhor

In ihrer Komödie "Shahid" setzt die in Deutschland lebende Exiliranerin Narges Kalhor (hier unser Resümee eines aktuellen Gesprächs mit ihr) ein von Baharak Abdolifard verkörpertes Alter Ego darauf an, den verhassten Mittelnamen Shahid im deutschen Ämterdschungel tilgen zu lassen. "Shahid" heißt nämlich Märtyer und "den religiös-patriarchalen Ballast, der damit verbunden ist, empfindet die Protagonistin als bedrückend", erzählt Wolfgang Lasinger auf Artechock. Zu erleben ist eine "Komödie, die lustig, ironisch und souverän von der Last der Tradition handelt und davon, was westliche Demokratien der Freiheit der Frauen schuldig sind", schreibt Rüdiger Suchsland ein paar Absätze weiter in einer zweiten Kritik. Der Film pendelt "zwischen Realität und Fiktion" und spielt "voller Poesie mit Elementen von Theater, Film und Musical", sprich: Ein "unterhaltsamer Filmhybrid" und "wirklich einmal der Fall einer deutschen Komödie, die das Wort subversiv und kritisch verdient. Einer Komödie, die nicht einverstanden ist mit dem Bestehenden, die weder konservative Familienideale propagiert, die mit der gelebten Wirklichkeit schon längst nichts mehr zu tun haben, noch naive Idealbilder von Diversität und Multikulti."

Weiteres: Axel Timo Purr spricht für Artechock mit dem bhutanesischen Filmemacher Pawo Choyning Dorji Druk Thuksey über dessen Film "Was will der Lama mit dem Gewehr" (unsere Kritik). Besprochen werden Zar Amir Ebrahimis und Guy Nattivs "Tatami" (Tsp, Artechock), Ivan Calbéracs "Liebesbriefe aus Nizza" (Artechock), die Arte-Serie "Die Mafia mordet nur im Sommer" (taz), die auf Apple gezeigte, mexikanische Krimiserie "Women in Blue" (Freitag) und die Apple-Krimiserie "Lady in the Lake" mit Natalie Portman (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.08.2024 - Film

Modernisierer und Traditionalisten: Kulturclash in Bhutan.

Mit "Was will der Lama mit dem Gewehr?" hat Pawo Choyning Dorji eine Komödie über den 2006 einsetzenden Demokratisierungsprozess in Bhutan gedreht. Seine Komik bezieht der Film aus einem "mehrfachen Kulturclash", schreibt Gunda Bartels im Tagesspiegel: "Stadt und Land, Bhutan und USA, buddhistische Spiritualität gegen westliche Materialität - das knirscht gewaltig. Die Prämisse, einem Volk die Vorzüge der Demokratie erst anpreisen zu müssen, ist in Zeiten weltweiter Demokratiegefährdung extra doppelbödig. 'Aber wir sind doch schon glücklich', bescheidet eine Dörflerin die Wahlbeauftragte, die an Bhutans Fortschritt durch westliche Standards glaubt." Stimmt, es "ist kaum zu übersehen, dass die Modernisierer, trotz durchweg bester Absichten, tendenziell schlechter wegkommen als die - weitgehend mit Volksreligiosität assoziierten - Traditionalisten", konstatiert Lukas Foerster im Perlentaucher. Doch ist das "letztlich kein nostalgischer, sondern ein realistischer Film." Oder auch "ein konservativer Film, der die schöne neue Welt der an den Weltmarkt angeschlossenen liberalen Demokratie mit trockenem Humor auf innere Widersprüche abklopft und dafür plädiert, Aufbruchsrhetorik an den realen materiellen und vor allem auch emotionalen Bedürfnissen der Betroffenen abzugleichen."

Der Regisseur "erzählt von den Lernprozessen eines friedlichen Landes, das sich mit Phänomenen konfrontiert sieht, die man auch mit einer tausendjährigen Meditation nicht wegbeten kann", erklärt Bert Rebhandl online nachgereicht in der FAZ. "Er bezeugt aber mit seinem Humor: Wir dürfen uns Bhutan weiterhin als glücksbegabt vorstellen." Dieser Film ist nicht nur überaus "liebenswert", sondern einfach "ganz unkitschig wunderschön", schwärmt Katharina Granzin in der taz.

Weitere Artikel: Mariam Schaghaghi unterhält sich für die FAZ mit der iranischen, im Exil lebenden Regisseurin Zar Amir und dem israelischen Regisseur Guy Nattiv über deren gemeinsamen (in der FR besprochenen) Film "Tatami", der von einer iranischen Judoka handelt, die bei einem internationalen Wettbewerb von ihrer Regierung gegängelt wird, um ja keinen Kontakt zu israelischen Sportlern zu suchen. Valerie Dirk freut sich im Standard, dass in Österreich endlich zwei Filme von Hong Sang-soo und Kim Min-hee im Kino starten.

Besprochen werden Jordan Scotts "Berlin Nobody", der laut Perlentaucher Lukas Foerster "als freundlich beknackte, dunkelromantische Berlinfantasie jede Menge Spaß macht" und zwar "mehr als viele klügere Filme über die deutsche Hauptstadt", Narges Kalhors "Shahid" (FR), die DVD-Ausgabe von Jang Jae-hyuns südkoreanischem Horrorfilm "Exhuma" (taz), die auf Apple TV+ gezeigte, mexikanische Serie "Women in Blue" (taz, FAZ) und Dan Reeds auf Sky gezeigte Doku "The Truth vs. Alex Jones" (SZ). Außerdem verschaffen SZ und Filmdienst einen Überblick über die Filmstarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.07.2024 - Film

Marius Nobach spricht für den Filmdienst mit der aus dem Iran stammenden, seit 2009 in Deutschland lebenden Filmemacherin Narges Kalhor, deren aktueller Film "Shahid" bei der Berlinale den Caligari-Filmpreis gewonnen hat und nun regulär ins Kino kommt. Unter anderem geht es um ihre sehr eigensinnige, eigener Aussage nach von Agnès Varda inspirierte Filmsprache: "Ich nutze alles, was ich in meinem Leben an Einflüssen gesammelt habe, um eine dritte Art von Kino zu schaffen. Mein Ziel ist ein Cinemigrante, das nicht ganz zum deutschen und nicht ganz zum iranischen Kino gehört, so wie man sie kennt. In den letzten Jahren ist zu sehen, dass man sich in Deutschland ein bisschen mehr erlaubt und auch mit anderen Erzählungen Zuschauer begeistern möchte. Vor allem im Kurzfilmbereich gibt es immer wieder großartige Beispiele für das Cinemigrante. ... Leider haben die Institutionen bei Langfilmen Angst vor neuen Formen der Filmsprache und sind viel vorsichtiger. Aber ich habe die Hoffnung, dass sich das ändert, wenn noch mehr Menschen mit anderen kulturellen Hintergründen an die Filmhochschulen kommen. Wenn man vergleicht, wie vielfältig die Menschen zum Beispiel in der S-Bahn sind, ist das akademische System noch immer weiß und nicht-divers. Ich bin eine der wenigen Ausnahmen, die es vom Asylantenheim zur Filmhochschule geschafft haben."

Weitere Artikel: Maria Wiesner (FAZ) und Susan Vahabzadeh (SZ) gratulieren Geraldine Chaplin zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Guy Nattivs und Zar Amirs "Tatami" über eine iranische Judoka (taz), Wim Wenders' "Paris, Texas", der als restaurierte Wiederaufführung nochmal in die Kinos kommt (Jungle World, mehr dazu bereits hier), Jordan Scotts Thriller "Berlin Nobody" über eine Berliner Klima-Sekte (Welt) und die Netflix-Serie "Hierarchy" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.07.2024 - Film

Bernd Buder, Co-Direktor des Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg, berichtet in der NZZ vom Jerusalem Film Festival, wo er auf eine gleich in mehrfacher Hinsicht vor einer Zerreißprobe stehende Filmszene traf: Die einen fordern dazu auf, das Leid in Gaza filmisch anzuprangern, die anderen fürchten eine Reform der Filmförderung, die künftig laue Komödien statt kritischer Filme begünstigen könnte, sowie das Ausbleiben von Co-Produktionen mit dem Ausland. Außerdem sieht sich die Szene "einem stillen Boykott vieler internationaler Filmfestivals gegenüber. Von dort, wo man bisher stolz auf queere und andere Filme war, die die faszinierende Diversität der israelischen Gesellschaft zeigen, hagelt es Absagen. Plötzlich gilt eine der international kreativsten Filmlandschaften als künstlerisch nicht mehr up to date, passen israelische Beiträge nicht mehr ins Programm. So agieren viele internationale Festivals am Rande des Antisemitismus."

Weitere Artikel: Im Standard spricht Valerie Dirk mit den iranischen Filmemachern Maryam Moghaddam und Behtash Sanaeeha über deren Film "Ein kleines Stück vom Kuchen" (unsere Kritik). Tilman Schumacher und Kamil Moll liefern auf critic.de Notizen zu ihren Entdeckungen beim diesjährigen Terza-Visione-Festival in Frankfurt, das auf den italienischen Genrefilm spezialisiert ist. Wieland Freund ist in der Welt gespannt auf die zweite Staffel der im Tolkien-Universum angesiedelten Amazon-Serie "Die Ringe der Macht", die im Trailer immerhin einen Auftritt der von Tolkien-Fans in den jüngsten Filmadaptionen schmerzlich vermissten Figur des Tom Bombadil verspricht. Dietmar Dath philosophiert in der FAZ eher kryptisch-informationstheoretisch über KI und Film.

Besprochen werden Jasmin Herolds und Michael David Beamishs Dokumentarfilm "The Gate - Ein Leben lang im Krieg" über eine US-amerikanische Militäreinrichtung in Utah (taz), die vom ZDF online gestellte Komödie "Alles gelogen" mit Bastian Pastewka (FAZ), die von Arte online gestellte, dreiteilige BBC-Dokumentation "Geheimdienste im Kalten Krieg" (Tsp), Roland Emmerichs auf Amazon gezeigte Gladiatoren-Serie "Those About to Die" (taz), Jordan Scotts "Berlin Nobody" (SZ) und eine Aufführung von H. K. Breslauers Stummfilm "Die Stadt ohne Juden" aus dem Jahr 1924 bei den Salzburger Festspielen (FR, Standard).