Im Kino

Uneindeutig böse

Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
06.08.2024. Nicolas Cage als plastiniertes Glamrock-Gespenst und Serienmörder: Osgood Perkins' Überraschungserfolg "Longlegs" verbindet lustvolle Popekstase mit konzentrierter Genreintelligenz.

Vielleicht können die Gesten und der Glanz des Glam-Rocks ja wirklich nur in den Transgressionen eines Serienmörders fortleben. Die ältliche, von Nicolas Cage gespielte Titelfigur in Osgood Perkins' vierter Regiearbeit "Longlegs" wirkt Mitte der 90er-Jahre - zur Zeit der Filmhandlung - wie ein seltsames Relikt einer lange verloschenen Epoche. Lange, strähnige Haare fallen in sein plastiniert wirkendes Gesicht, das von einer etwas nachlässig gespachtelten Masse aus bleichem, weißem Make-up bedeckt ist. Bob Dylan benutzte diesen maskenartigen Style auf seiner "Rolling Thunder Revue"-Tour Mitte der 70er, und als ein fernes, ridiküles Echo dieser Ära scheint Longlegs fortzuleben. In seiner Kellerwohnung hängen Poster von Lou Reed und T. Rex, dessen Sänger Marc Bolan heraufbeschworen wird, wenn Longlegs spricht und sich bewegt: das sexualisiert überkippende Vibrato in der Stimme, der hin und her wippende Körper, als gäben die innerlich gehörten Töne einer elektrischen Gitarre den Rhythmus vor.

Amerikanische Slasherfilme bemühen auch deshalb seit jeher die Nähe zur Popkultur, weil lange Zeit die Musik und Ästhetik zahlreicher Jugendkulturen von Rock 'n' Roll bis Heavy Metal als eine Domäne des uneindeutig Bösen skandalisiert und zugleich glorifiziert wurden: besessene Massenhysterie und Satanic Panic, androgyner Lusttrieb und maskuline Allmachtfantasien. Wie die rückwärts abgespielten, kaum verständlichen Botschaften einer alten Rock-LP habe auch "Longlegs" klingen sollen, sagt der Sound-Designer des Films, Eugenio Battaglia, in einem Interview. Er nutzte bei der Tonaufnahme binaurale Mikrofone, die eine 360 Grad umgreifende Klangmixtur umfassen sollten.

Solche Allusionen und Uneindeutigkeiten balanciert Osgood Perkins gleichwohl mit einer strengen Erzähl- und Inszenierungsform aus, wie man sie aus seinen bisherigen Filmen wie "The Blackcoat's Daughter" kennt. Im dramaturgischen Aufbau folgt der Film lange Zeit den klassischen Gepflogenheiten eines nüchternen Police-Procedurals: Die FBI-Agentin Lee Harker (die großartige Göttin des modernen Horrorfilms: Maika Monroe) wird auf die bereits drei Jahrzehnte umspannenden Morde von Longlegs angesetzt, weil sie eine Begabung dafür besitzt, verbindliche Muster aus unverständlichen Datenmengen zu ziehen. Zehn Familien sind bislang gestorben. Stets um den 14. Geburtstag der Tochter herum erschlug oder erschoss ein Vater alle Familienmitglieder, bevor er sich selbst tötete. Das Einzige, das auf eine nicht näher erklärbare Fremdeinwirkung hinweist, sind in einem codierten Alphabet aus Runen und anderen geheimen Schriftzeichen verfasste Briefe, die am Tatort hinterlassen werden und mit Longlegs gezeichnet sind. Und noch etwas scheint bei den Mordritualen eine Rolle zu spielen: lebensgroße Puppen, die wie Ebenbilder der Töchter aussehen, mit einem aus Porzellan gefertigten und mit Menschenhaaren dekorierten Kopf, in dessen Inneren eine glatte Metallkugel die Funktion des Gehirns einnimmt.


Anders als zuletzt bei dem gründlich misslungenen Folklore-Horrorfilm "Gretel & Hansel" (2020) scheint bei Perkins mit "Longlegs" ein eher ironisch verspieltes Verhältnis zur eigenen Arbeit im Genre Einzug zu halten. Eine notwendige Brechung, denn zu sehr ächzten seine Filme bislang, bei aller handwerklichen Könnerschaft, unter der weihevollen Betonung von raunender Atmosphäre und ziselierter Bildgestaltung (auf dreieckige Dachgiebel schwenkt er immer noch zu gravitätisch und zu oft). Die Verschränkung von formaler Klasse und spielerischer Anverwandlung ist es womöglich, die den Film in den USA trotz kleinem Budget zu einem veritablen Sommerhit machte - einem der wenigen aktuellen, die nicht Teil eines existierenden Franchises sind.

Ihren Teil dazu leistete die Marketingkampagne des Indie-Verleihs Neon, der monatelang Filmbilder von Nicholas Cage anteaserte und doch wieder zurückhielt. Tatsächlich ist dies wohl seine beseelteste Performance seit Langem - eine Rolle zwischen gekonnt ausgespieltem Schrecken und würdevoll zugelassener Lächerlichkeit, deren Inspiration sich nicht aus dem Manierismenrepertoire ikonischer Serienkillerfiguren speist, sondern ganz die idiosynkratische Schöpfung des Schauspielers zu sein scheint. Möglicherweise ist es dieses Wechselspiel von lustvoller Popekstase und konzentrierter Intelligenz, das aktuellen Horrorfilmen auch sonst zuletzt des Öfteren fehlte.

Kamil Moll

Longlegs - USA 2024 - Regie: Osgood Perkins - Darsteller: Nicolas Cage, Maika Monroe, Blair Underwood, Alicia Witt, Michelle Choi-Lee u.a. - Laufzeit: 101 Minuten.