Im Kino

Twist statt Harke

Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
06.08.2024. Marjane Satrapis "Paris Paradies" versammelt eine Handvoll Geschichten um Depression, Mutlosigkeit und verlorenes Vertrauen in das Leben, die allesamt auf der Île-de-France spielen. Ein Film, der durch und durch zurückhaltend geraten ist - nicht nur im Guten.

André Dussolliers Lächeln ist charmant und einladend, gleichzeitig schüchtern und unbeholfen. Es zieht Sympathien förmlich an, hält einen aber auch auf Distanz. Wie sehr man sich in seiner liebenswerten Unbestimmtheit täuschen kann, hat vielleicht am schönsten Éric Rohmers "Die schöne Hochzeit" ("Le Beau Mariage", 1982) gezeigt, in dessen anderthalb Stunden quälend unklar bleibt, ob Gefühle hinter dem Lächeln lauern oder nicht. In Marjane Satrapis neuem Film "Paris Paradies" - der Originaltitel "Paradis Paris" lädt dazu ein, sich in die zuweilen faszinierende Gedankenwelt deutscher Verleiher einzufinden - spielt er einen Moderator, der in seiner Fernsehsendung durch diverse Kriminalfälle und Ereignisse führt, die sich auf der Île-de-France zutrugen. Seine Moderation rahmt einen Film, der wie Dussolliers Lächeln grundsympathisch, aber auch zurückhaltend ist.

Seine Moderation setzt das Thema, welches eine Handvoll Pariser in seinen Klauen hat. Sopranistin Giovanna (Monica Bellucci) wurde fälschlicherweise für tot erklärt. Schlimmer ist für sie allerdings, dass ihr vermeintlicher Tod am nächsten Tag in den Zeitungen nur für kurze Randnotizen sorgt. Schülerin Marie-Cerise (Charline Emane) wird während eines mutmaßlichen Selbstmordversuchs entführt. Stuntman Mike (Ben Aldridge) wird über den Dächern von Paris mit seiner Sterblichkeit und der seines Sohns konfrontiert. Visagist Babou (Gwendal Marimoutou) stirbt tausend Tode, weil er jeden Tag den geliebten Mike schminken und massieren darf, aber nicht auf die Erwiderung seiner Gefühle hoffen kann. Diese und einige weitere, kleinere Stränge bilden die Short Cuts des Films. Wie in diesem Genre üblich, haben die Handlungsstränge lediglich minimale direkte Berührungspunkte, nur hier und da laufen sich die Figuren mal mehr, mal weniger zufällig über den Weg. Obwohl die Schicksale getrennt bleiben, kreisen sie um das gleiche Motiv, um den Tod, um Depression, Mutlosigkeit und verlorenes Vertrauen in das Leben.

Damit das Durch- und Nebeneinander der Geschichten eine verbindende Dramaturgie erhält und sich Resonanzen ergeben, braucht es einen prägnanten Schnitt. Den hat "Paris Paradies" (Cutter: Stéphane Roche). Von Beginn weg ist das spürbar, wenn die erste Szene abrupt in den Vorspann übergeht und ein einfacher Satz zur vielsagenden Pointe wird. Auch später setzt der Film überraschende Brüche, oder Szene gehen fließend ineinander über. Mitunter bedarf es ein wenig Orientierungszeit, um zu realisieren, dass die weiterhin nach links laufende Person nicht einfach nur den Raum gewechselt hat, sondern dass wir es mit einer anderen Figur und damit mit einem anderen Erzählstrang zu tun haben.


Die Form des Films bedingt, dass es auch um Hoffnung geht. Die Verbindung von Einzelschicksalen, die nichts miteinander zu tun haben und deren Richtung und Hintergründe sich erst langsam für den Zuschauer herausschälen, verweisen zwar schon für sich selbst auf Trennung und Vereinzelung. Das gemeinsame Thema jedoch verknüpft sie untereinander, sie werden Teil von etwas Universellem. Die Geschichten führen geradezu zwangsläufig zu Erweckungsmomenten und einschneidenden Augenblicken - in einem Fall ganz buchstäblich -, die alles wenden und die Perspektiven deutlich heller und versöhnlicher aussehen lassen.

An diesen Wendepunkten zeigt sich, dass Marjane Satrapi der Kitsch nicht (am Herz) liegt. Wenn Giovanna beispielsweise am dramatisch möglichsten Moment ihre Stimme wiedererlangt und dazu noch das lang ersehnte Publikum, dann dokumentiert der Film das eher, als dass er auf die Tränendrüse drückt. Auch wirken viele Erzählstränge wie elaborierte Sketche, deren Clou eben kein tragischer Twist ist, sondern eine ironische Harke. Satrapi selbst spielt eine Regisseurin, die stets nur stoisch und konsterniert das Chaos am Set betrachtet. Gerade in dieser Selbstinszenierung zeigt sich, wie sehr sie zu trockenem Humor neigt, wie wenig sie sich auf das Geschehen einlässt.

Außerdem wirken viele Wendungen etwas überstürzt - wie die knappe Randnotiz eines Barmanns, der doch noch den Tod seiner Frau überwindet, weil er eine ähnliche Frau trifft, die das gleiche eklige Getränk in seinem Café bestellt. Wohlwollend betrachtet werden die Figuren und die Handlung von "Paris Paradies" nicht überdeterminiert, nichts soll uns aufgezwungen werden. Am spannendsten ist in dieser Hinsicht Gloria (Martina García), deren Geschichte nicht auf einen Satz zu beschränken ist und bei der gar nicht klar ist, warum sie so viel Filmzeit erhält. Sie ist die Haushälterin von Giovanna und damit fast schon Teil der Familie, ihre eigene Tochter feiert bald ihren 15. Geburtstag und ihre Mutter (Rossy de Palma) will nicht mit den Zigaretten und dem Alkohol aufhören. Sie ist nur für andere da, zu keinem Zeitpunkt scheint sie in einem Heim zur Ruhe zu kommen. Vielleicht besteht ihre Tragik darin, dass sie nicht einmal Zeit für Verzweiflung hat.

Weniger wohlwollend könnte man dem Film vorwerfen, wie halbgar er bleibt. Dass er lediglich kurze, makabre Geschichten von der Île-de-France ansammelt und uns am Ende kaum mehr als ein paar gelungene Scherzen und einige genregerechte Tropen über wiedergewonnenen Lebensmut anzubieten hat. Dazu passt auch, wie anonym Paris bleibt. Außer ein paar Einstellungen, die das geschulte Touristenauge über den Handlungsort versichert, außer dem Krankenhaus, mit dem Mike Bekanntschaft macht, und ein paar interessanten Farb- und Tanzdramaturgien bleiben die Stadt und ihre Menschen erschreckend nichtssagend und egal - den exakt gleichen Blick aus der Luxuswohnung von Marie-Cerises Familie etwa hat Mikhaël Hers in "Les Passagers de la nuit" ("Passagiere der Nacht", 2022) vor Kurzem deutlich interessanter verwendet. Beklemmend wirkt diese Anonymität aber auch nicht. Im Großen und Ganzen ist "Paris Paradies" ein wenig zu zurückhaltend - ein Film, der sich mit zu wenig begnügt.

Robert Wagner

Paris Paradies - Frankreich 2024 - OT: Paradis Paris - Regie: Marjane Satrapi - Darsteller: Monica Bellucci, Ben Aldridge, André Dussollier, Rossy de Palma, Martina García, Charline Emane - Laufzeit: 110 Minuten.