Efeu - Die Kulturrundschau
Aber wir sind doch schon glücklich
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01.08.2024. Die Filmkritiker amüsieren sich bestens mit Pawo Choyning Dorjis Komödie "Was will der Lama mit dem Gewehr?" über den Kulturclash in Bhutan. Die taz lernt in Rostock, dass die DDR-Regierung zumindest künstlerisch ein Auge zudrückte, wenn es darum ging, Einfluss in Skandinavien zu nehmen. Die FAZ versucht auf zwei Seiten, das Ausstattungsuniversum von Ikea zu ergründen. Adele zu Ehren hat München ein Stadion errichtet, das nach zehn Konzerten wieder abgerissen wird: Nachhaltigkeit ist hier wohl ein Fremdwort, ärgert sich Berthold Seliger im Tagesspiegel.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
01.08.2024
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Film

Mit "Was will der Lama mit dem Gewehr?" hat Pawo Choyning Dorji eine Komödie über den 2006 einsetzenden Demokratisierungsprozess in Bhutan gedreht. Seine Komik bezieht der Film aus einem "mehrfachen Kulturclash", schreibt Gunda Bartels im Tagesspiegel: "Stadt und Land, Bhutan und USA, buddhistische Spiritualität gegen westliche Materialität - das knirscht gewaltig. Die Prämisse, einem Volk die Vorzüge der Demokratie erst anpreisen zu müssen, ist in Zeiten weltweiter Demokratiegefährdung extra doppelbödig. 'Aber wir sind doch schon glücklich', bescheidet eine Dörflerin die Wahlbeauftragte, die an Bhutans Fortschritt durch westliche Standards glaubt." Stimmt, es "ist kaum zu übersehen, dass die Modernisierer, trotz durchweg bester Absichten, tendenziell schlechter wegkommen als die - weitgehend mit Volksreligiosität assoziierten - Traditionalisten", konstatiert Lukas Foerster im Perlentaucher. Doch ist das "letztlich kein nostalgischer, sondern ein realistischer Film." Oder auch "ein konservativer Film, der die schöne neue Welt der an den Weltmarkt angeschlossenen liberalen Demokratie mit trockenem Humor auf innere Widersprüche abklopft und dafür plädiert, Aufbruchsrhetorik an den realen materiellen und vor allem auch emotionalen Bedürfnissen der Betroffenen abzugleichen."
Der Regisseur "erzählt von den Lernprozessen eines friedlichen Landes, das sich mit Phänomenen konfrontiert sieht, die man auch mit einer tausendjährigen Meditation nicht wegbeten kann", erklärt Bert Rebhandl online nachgereicht in der FAZ. "Er bezeugt aber mit seinem Humor: Wir dürfen uns Bhutan weiterhin als glücksbegabt vorstellen." Dieser Film ist nicht nur überaus "liebenswert", sondern einfach "ganz unkitschig wunderschön", schwärmt Katharina Granzin in der taz.
Weitere Artikel: Mariam Schaghaghi unterhält sich für die FAZ mit der iranischen, im Exil lebenden Regisseurin Zar Amir und dem israelischen Regisseur Guy Nattiv über deren gemeinsamen (in der FR besprochenen) Film "Tatami", der von einer iranischen Judoka handelt, die bei einem internationalen Wettbewerb von ihrer Regierung gegängelt wird, um ja keinen Kontakt zu israelischen Sportlern zu suchen. Valerie Dirk freut sich im Standard, dass in Österreich endlich zwei Filme von Hong Sang-soo und Kim Min-hee im Kino starten.
Besprochen werden Jordan Scotts "Berlin Nobody", der laut Perlentaucher Lukas Foerster "als freundlich beknackte, dunkelromantische Berlinfantasie jede Menge Spaß macht" und zwar "mehr als viele klügere Filme über die deutsche Hauptstadt", Narges Kalhors "Shahid" (FR), die DVD-Ausgabe von Jang Jae-hyuns südkoreanischem Horrorfilm "Exhuma" (taz), die auf Apple TV+ gezeigte, mexikanische Serie "Women in Blue" (taz, FAZ) und Dan Reeds auf Sky gezeigte Doku "The Truth vs. Alex Jones" (SZ). Außerdem verschaffen SZ und Filmdienst einen Überblick über die Filmstarts der Woche.
Design
Michael Mönninger philosophiert auf zwei FAZ-Seiten über der Frage, "auf welchen kommunikativen und materiellen Strukturen das Ding-Regime im Ausstattungsuniversum von Ikea aufbaut und wie diese Möbel zu Akteuren werden, die ihren Nutzern einen starken milieustabilisierenden Außenhalt geben." Eine von vielen Antworten: "Die Klarheit und Kargheit des Mobiliars erzeugt jenen Hunger nach affektiver Besetzbarkeit, zu dessen Beseitigung die Kunden sich ständig neue Stücke zulegen. Es ist die Eigendynamik des bedingungslos Praktischen beziehungsweise der Leerlauf des maximal Funktionstüchtigen. Anders gesagt: Je reiner die feilgebotenen Mittel, desto unendlicher die Zahl der Zwecke, die der funktionalistische Terror der Gebrauchsorientierung erzeugt. Letztlich schafft das Diktat der Nützlichkeit einen Sog, in dem das 'Warum' vom 'Wozu', das Kausale vom Finalen, geschluckt wird: Der IKEA-Kunde sucht nicht ein bestimmtes Mittel für einen konkreten Zweck, sondern immer wieder einen Zweck für die große Fülle an Mitteln."
Kunst

Ein interessantes Kapitel DDR-Geschichte beleuchtet Jens Malling (taz) nach dem Besuch der Ausstellung "Jørgen Buch. Black & White" in der Kunsthalle Rostock: Zwischen 1965 und 1989 fanden vor Ort die Ostseebiennalen statt, insgesamt über tausend Künstler aus Skandinavien kamen in jenen Jahren zusammen, die DDR-Regierung wollte so Einfluss im nordischen Raum nehmen und kontrollierte daher auch kaum die Vorgaben über die auszustellende Kunst, lernt Malling: So "kam künstlerisch ein breites Spektrum zustande: von klassischer figurativer Malerei bis zu experimentellen Formaten. Auch abstrakte Kunst fand dort Platz, obwohl sie im Realsozialismus als spätbürgerlich, westlich und dekadent galt. ... Künstler aus der DDR, Polen und der Sowjetunion einerseits und aus Schweden, Finnland, Island, Norwegen, Westdeutschland und Dänemark andererseits trafen während der Ostseebiennalen aufeinander." Darunter der titelgebende Künstler Jørgen Buch: "Die Malerei von Buch ist figürlich, provokant und oft satirisch. Auf seinem Gemälde 'Black & White' posiert ein Mitglied des Ku-Klux-Klan mit einer doppelläufigen Schrotflinte vor der Freiheitsstatue. Eine solche Kritik an den USA und ihrem Rassismus kam in einer offiziellen Kunstschau der DDR gut an."

Die (Wieder-)Entdeckung von Frauen in der Kunstgeschichte ist seit etwa zwei Jahrzehnten in vollem Gange, mit der schlicht "Frauen" betitelten Schau legt das Frankfurter Städel nun nach und zeigt rund 80 Arbeiten von 26 Künstlerinnen, die um 1900 in Frankfurt und Paris wirkten, freut sich Kia Vahland in der SZ. Denn neben inzwischen alten Bekannten wie Ottilie W. Roederstein sind hier neue Entdeckungen zu machen, zum Beispiel die Schweizerin Annie Stebler-Hopf: "Im Rückgriff auf Rembrandt zeigt sie den Mediziner Paul Poirier beim Sezieren einer männlichen Leiche. Sie orientierte sich dabei an einer Fotografie des Arztes bei seiner Arbeit, hielt sich auch an Schwarz, Weiß und Brauntöne, wählte aber einen engeren Bildausschnitt. Man vergleicht so in dem kalten Licht unwillkürlich den ausgemergelten Toten und den agilen Lebenden, ihre schmalen Arme und bärtigen Gesichter, die Form ihrer Ohren. Die Rollen könnten auch vertauscht sein. Natürlich reagierte die Kritik entsetzt, empfand diese 'Leichenphantasie' als 'unkünstlerisch' und 'unweiblich' - was sonst. Einem männlichen Kollegen hätte ein solcher Skandal wohl zu anhaltendem Ruhm verholfen."
Weitere Artikel: Frauke Steffens berichtet in der FAZ, dass die Enkel des Ärztepaares Ernst und Helene Papanek, die selbst vor den Nazis flohen, Egon Schieles Zeichnung "Sitzende nackte Frau" nun an die Nachfahren des Wiener Kunstsammlers und Varieté-Sängers Fritz Grünbaum zurückgegeben haben. Besprochen wird die Ausstellung "Ellen Berkenblit: Flugelhorns" in der Berliner Contemporary Fine Arts Galerie, Berlin (monopol).
Literatur
Mit regem Interesse beugt sich Gerrit Bartels (Tsp) über die Longlist des Booker Prize. Sandra Kegel erinnert in der FAZ daran, wie Thomas Mann 1949 nach 16 Jahren wieder nach Deutschland kam und dort mitunter schwer angefeindet wurde. Philipp Haibach bringt im Freitag Wissenswertes über Joseph Conrad. Marc Reichwein verkündet die Welt-Sachbuchbestenliste des Monats. Auf Platz 1: "Eugenische Phantasmen. Eine deutsche Geschichte" von Dagmar Herzog.
Besprochen werden unter anderem René Aguigahs Essay über James Baldwin (Intellectures), Dominika Meindls "Selbe Stadt, anderer Planet" (FR) und Anna Świrszczyńskas Gedichtband "Ich habe eine Barrikade gebaut - Budowałam barykadę" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem René Aguigahs Essay über James Baldwin (Intellectures), Dominika Meindls "Selbe Stadt, anderer Planet" (FR) und Anna Świrszczyńskas Gedichtband "Ich habe eine Barrikade gebaut - Budowałam barykadę" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne
Nein, Liebe wurde es zwischen Wien und Martin Kusej, nun nach nur fünf Jahren scheidender Direktor des Wiener Burgtheaters, nicht, darüber gab nicht zuletzt das jüngste Zeit-Interview Aufschluss (unser Resümee). In der Welt aber bricht Jakob Hayner eine Lanze für Kusej: "Allein drei der stärksten Arbeiten von Frank Castorf aus den vergangenen Jahren fielen in die Intendanz Kušej: Elfriede Jelineks Schweinesystem-in-der-Coronakrise-Text 'Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!', Peter Handkes existenzialistisches Drama 'Zdeněk Adamec' und Thomas Bernhards legendäres Skandalstück 'Heldenplatz' brachte Castorf als ausufernde Theatererkundungen auf die Bühne, mit großartigem Ensemble. Viele weitere Aufführungen sorgten für Aufsehen: Mit Jelineks 'Schwarzwasser' wurde - in Anwesenheit zahlreicher prominenter Politiker bei der Premiere - damals das aktuelle Stück zur Ibiza-Affäre uraufgeführt. Die Uraufführung von Handkes 'Zwiegespräch' durch Rieke Süßkow wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen, wie auch Anna Gmeyners 'Automatenbüffet', inszeniert von Barbara Frey, und Maria Lazars 'Die Eingeborenen von Maria Blut' in der Inszenierung von Lucia Bihler."
Weiteres: Margarete Affenzeller rät im Standard, ruhig auch einen Blick ins Nebenprogramm der Salzburger Festspiele zu werfen: Eine Lesung von Briefen von Alexej Nawalny ist hier ebenso zu hören wie ein Lesung von Botho Strauß' Drama "Saul", das sich dem Themenkomplex Israel widmet. Besprochen wird Maud Le Pladecs Tanzstück "Silent Legacy" beim Wiener Impulstanz-Festival (Standard).
Weiteres: Margarete Affenzeller rät im Standard, ruhig auch einen Blick ins Nebenprogramm der Salzburger Festspiele zu werfen: Eine Lesung von Briefen von Alexej Nawalny ist hier ebenso zu hören wie ein Lesung von Botho Strauß' Drama "Saul", das sich dem Themenkomplex Israel widmet. Besprochen wird Maud Le Pladecs Tanzstück "Silent Legacy" beim Wiener Impulstanz-Festival (Standard).
Musik
Adeles zehn Auftritte umfassender Münchner Konzertzyklus, für den eigens ein auf fast 80.000 Besucher ausgelegtes Stadion aufgebaut wurde, steht an. Vielleicht war das ganze Vorhaben doch etwas größenwahnsinnig? Ausverkauft sind die Shows nämlich nicht, weshalb die Resterampen-Tickets nun zum Spottpreis verscherbelt werden, zudem häufen sich Stimmen, die vom Chaos beim Ticketing berichten. "Wer die Adele-Residenz vor allem als Leuchtturmprojekt und Kulturwunder-in-Progress betrachtet, wird die eine oder andere Reklamation, die vereinzelten Interessenkonflikte unvermeidlich finden", schreibt Joachim Hentschel. "Alle jedoch, die mit ihren teuren, nicht stornierbaren Buchungen dastehen oder sich betrogen fühlen, weil ihre 400-Euro-Plätze im Last-minute-Sale plötzlich für einen Bruchteil verklopft werden, sehen im Münchener Happening eventuell etwas anderes. Nämlich genau den Moment, in dem der Konzert-Gigantismus der letzten Jahre vollends ins Absurde kippt. Und in dem die reichlich strapazierte Blase platzen könnte."
Liegt in diesem Modell - fixe Residency statt Tour - vielleicht aber doch die Zukunft der Popkonzerte? Das hat der Tagesspiegel drei Experten gefragt, darunter Berthold Seliger, selbst Betreiber einer Konzertagentur. Der schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: Die Stadt "hat dem Weltmarktführer unter den Konzertkonzernen den roten Teppich ausgerollt, damit der ... auf städtischem Grund ein seelenloses Stadion für 80.000 Fans errichten kann, das nach zehn Konzerten wieder abgerissen wird. Damit die Fans in dem riesigen Stadion überhaupt etwas von Adele sehen können, wird ein Bildschirm von 220 Metern Länge aufgebaut, und damit die Füße der Fans trocken bleiben, gossen die Veranstalter 75.000 Quadratmeter Asphalt vor die Bühne. ... Nachhaltigkeit scheint hier ein Fremdwort zu sein. 800.000 Fans, die aus ganz Europa anreisen, hinterlassen einen absurd hohen ökologischen Fußabdruck. Gigantomanie als Selbstzweck."
Weitere Artikel: Michael Stallknecht freut sich in der SZ, dass Herbert Blomstedt auch mit 97 und nach einem Sturz im vergangenen Winter weiterhin - wie vor kurzem bei den Salzburger Festspielen - die namhaftesten Orchester dirigiert und somit "nach aller Wahrscheinlichkeit der älteste Mensch ist, der jemals ein Orchester geleitet hat, zumindest eines von der Liga der Wiener Philharmoniker". Martin Fischer wirft für den Tagesanzeiger einen Blick auf eine Auswertung von Billboard, die zu dem Schluss kommt, dass Bands auf den Spitzenpositionen der Charts so gut wie keine Rolle mehr spielen.
Besprochen werden ein Brahms-Abend in Salzburg mit Renaud Capuçon, Igor Levit und Julia Hagen (Standard) und zwei CD-Editionen mit von William Steinberg dirigierten Aufnahmen (FAZ).
Liegt in diesem Modell - fixe Residency statt Tour - vielleicht aber doch die Zukunft der Popkonzerte? Das hat der Tagesspiegel drei Experten gefragt, darunter Berthold Seliger, selbst Betreiber einer Konzertagentur. Der schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: Die Stadt "hat dem Weltmarktführer unter den Konzertkonzernen den roten Teppich ausgerollt, damit der ... auf städtischem Grund ein seelenloses Stadion für 80.000 Fans errichten kann, das nach zehn Konzerten wieder abgerissen wird. Damit die Fans in dem riesigen Stadion überhaupt etwas von Adele sehen können, wird ein Bildschirm von 220 Metern Länge aufgebaut, und damit die Füße der Fans trocken bleiben, gossen die Veranstalter 75.000 Quadratmeter Asphalt vor die Bühne. ... Nachhaltigkeit scheint hier ein Fremdwort zu sein. 800.000 Fans, die aus ganz Europa anreisen, hinterlassen einen absurd hohen ökologischen Fußabdruck. Gigantomanie als Selbstzweck."
Weitere Artikel: Michael Stallknecht freut sich in der SZ, dass Herbert Blomstedt auch mit 97 und nach einem Sturz im vergangenen Winter weiterhin - wie vor kurzem bei den Salzburger Festspielen - die namhaftesten Orchester dirigiert und somit "nach aller Wahrscheinlichkeit der älteste Mensch ist, der jemals ein Orchester geleitet hat, zumindest eines von der Liga der Wiener Philharmoniker". Martin Fischer wirft für den Tagesanzeiger einen Blick auf eine Auswertung von Billboard, die zu dem Schluss kommt, dass Bands auf den Spitzenpositionen der Charts so gut wie keine Rolle mehr spielen.
Besprochen werden ein Brahms-Abend in Salzburg mit Renaud Capuçon, Igor Levit und Julia Hagen (Standard) und zwei CD-Editionen mit von William Steinberg dirigierten Aufnahmen (FAZ).
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