"Goodbye Julia" von Mohamed Kordofani Mit regem Interesse hat FAZ-Kritiker Bert Rebhandl MohamedKordofanis Filmdebüt "Goodbye Julia" gesehen, neben Amjad Abu Alalas "You Will Die at 20" aus dem Jahr 2019 der zweite sudanesischeFilm, der in den letzten Jahren aufs internationale Filmparkett getreten ist. Das im Jahr 2005 einsetzende Drama um eine frühere Sängerin, die sich zunächst den gängigen Rollenvorstellungen einer Ehefrau fügt, hat auch mit den Demokratiebewegungen im Land der letzten Jahre zu tun, erfahren wir: Der Regisseur geht mit seinem Film "an einen Punkt zurück, der für die heutige Situation in seinem Land konstitutiv ist: die Zeit, in der Südsudan seine Unabhängigkeit erklärte und auch internationale Anerkennung dafür fand. Die Konfliktlinien von damals sind der Geschichte von 'Goodbye Julia' geradezu diagrammatisch eingeschrieben. ... Mona ist eindeutig eine Stellvertreterin, aber in erster Linie ein vielschichtig gezeichnetes Individuum. Die Unterdrückung ihres künstlerischen Temperaments, die sich in der ostentativen Verschleierung zeigt, bricht in dem Moment auf, in dem die Zweierbeziehung mit Akram sich sozial öffnet, und auch ethnisch und religiös, denn Julia gehört zur christlichen Minderheit. Die Musik, die in Sudan eine starke, teilweise aber vergessene Tradition hat, steht für eine Emanzipation, die zugleich eine Wiederentdeckung verdrängter Wurzeln wäre."
Weiteres: Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit FannyLiatard und JérémyTrouilh über deren aktuellen Kinofilm "Gagarin" über den Abriss der CitéGagarine bei Paris. Anna Böhler erinnert im Tagesanzeiger an die lebenslange Verbundenheit zwischen RomySchneider und dem eben verstorbenenAlainDelon. Besprochen wird KevinCostners Western "Horizon" (Presse).
Alani Delon in "Der Clan der Sizilianer", 1969. (Bild: gemeinfrei) Mit AlainDelons Tod geht ein weiteres Kapitel europäischer Filmgeschichte zu Ende. Clément, Visconti, Melville - es sind die ganz großen Namen (auffälligerweise aber keine der Nouvelle Vague, von einem sehr späten Film mit Godard abgesehen), mit denen er gedreht hat. "Er war der strahlendsteStar im französischen Film", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Alles schien ihm auf faszinierende Weise leicht zu fallen. Dieser Sorglosigkeit, die sein makelloses Auftreten begleitete, verlieh er allerdings einen doppelten Boden. Er steigerte sie zu einer Coolness, die etwasUnheimliches annehmen konnte. ... Nie zuvor in der Filmgeschichte hat ein männlicher Star so konsequent wie er die tragische Seite der Attraktivität verkörpert. ... Die Unberechenbarkeit im Schatten der Schönheit wurde fortan Delons Markenzeichen."
Er "war der erste Schauspieler, der ganz aus seiner Fotogenität lebte", schreibt Jürgen Kaube, der Delon in der FAZ als "Spezialist für interessantes Schweigen" würdigt. "Selbstsicher, mit gespieltem Desinteresse an der erotischen Attraktion, die er für die Zuschauer bot, verkörperte er den Darsteller als Model, in dem Einsamkeit und Schönheit zueinander fanden. Alle begehrten ihn, der berufsmäßige Verführer war im Film aber selbst nur schwer verführbar." Von 1960 bis 1970 "hatte sich Alain Delon im Kino ... den Ruf eines unwiderstehlichen optischen Magneten erspielt, für den Recht und Unrecht, Liebe und Verachtung stets nur ästhetische Probleme waren. Er war der 'hommefatal' des europäischen Kinos."
Dieses Attest der Kühle lässtWelt-Kritikerin Cosima Lutz indes nur halb und nur als Zuschreibung gelten: Denn "sein Gesicht, jedenfalls in jungen Jahren, stand unter einer paradoxenSpannung: der zwischen Engagiertheit und Unbeteiligtsein, ähnlich vielleicht dem Gesicht Brigitte Bardots, als deren männliches Pendant er einmal beschrieben wurde. Diese Mischung von Gefühlen zwang dazu, immer und immer wieder hinzusehen: Die geschwungene, aber erfrorene Linie des Mundes widersprach dem Zug um die Augen mit ihrer leicht unausgeschlafenen Verweintheit, die immer schon lange zurückzuliegen schien. Zornesfalten, noch unverbindlich, standen abweisend darüber, immer aber auch die leise Möglichkeit eines Sich-Aufhellens. So säte Delon eine vibrierendeHoffnung, ein Auflauern, ob nicht aus der akkurat gemeißelten Kühle doch noch etwas Samtiges hervorbrechen könnte."
Der Regisseur ChristophHochhäuslererzählt in seinem Blog von einer späten Begegnung mit Delon, die auch darauf abzielte, den Filmstar aus seinem Rentnerdasein zu einer Rückkehr auf die Leinwand zu verführen. Ann-Catherine Simon erinnert in der Presse unter anderem daran, dass sich Delon seit den Achtzigern politisch immer weiter rechts verortete und in den letzten Jahren ein Parteigänger des Front National war. Die SZ hat ihre Seite Drei freigemacht: David Steinitz erzählt dort Leben und Werdegang Delons. Weitere Nachrufe in NZZ, Standard und taz. Die Arte-Mediathek bietet Porträts und Filme, die verschnarchte ARD-Mediathek nichts dergleichen.
Weitere Artikel: Jakob Thaller gratuliert im Standard der österreichischen Regisseurin KurdwinAyub, die für ihren zweiten Film "Mond" beim (in der FAZ von Michael Ranze resümierten) FilmfestivalLocarno mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Ulrich Gutmair berichtet in der taz von einem Berliner Abend zu Ehren von LydiaLunch im Rahmen der Hommage an die New Yorker Underground-Filmemacherin BethB (mehr dazu bereits hier). Wieland Freund spricht in der Welt mit J.D. Payne, dem Showrunner der Tolkien-Serie "Ringe der Macht" auf Amazon.
Besprochen wird SteffiNiederzolls in der ARD-Mediathek abrufbarer Dokumentarfilm "Sieben Winter in Teheran" über die Geschichte der Reyhaneh Jabbari, die hingerichtet wurde, weil sie sich gegen ihren Vergewaltiger, einen Mann des iranischen Regimes, gewehrt hatte (SZ, mehr dazu bereits hier).
Urs Bühler sammelt in der NZZ Eindrücke vom FilmfestivalLocarno. Valerie Dirk blickt im Standard zurück aufs Alien-Franchise. Für die Welt plaudern Stefan Aust und Martin Scholz mit KevinCostner. Besprochen werden SeanWangs "Didi" (online nachgereicht von der FAZ), die Amazon-Serie "Perfekt verpasst" mit AnkeEngelke und BastianPastewka (Welt), die Berliner Ausstellung "TimBurton's Labyrinth" (FD) und der Briefwechsel von MichelPiccoli mit GillesJacob (FAZ).
Gena Rowlands und John Cassavetes, 1958 (Bild: TV-Promo, gemeinfrei) Die Feuilletons trauern um die Schauspielerin GenaRowlands, die im Alter von 94 Jahren ihrer langen Alzheimer-Erkrankung erlegen ist. Insbesondere ihre zehn gemeinsam mit dem Regisseur JohnCassavetes enstandenen Filme bleiben in Erinnerung: "Man muss die Filme der beiden wiedersehen, um zu begreifen, was im Kino ... alles möglich ist", seufzt Andreas Kilb in der FAZ. In diesen Filmen "zelebrierte Rowlands die großen Verlorenen, leidenschaftlich und ohne Eitelkeit", schreibt Marion Löhndorf in der NZZ. Sie "versah die Kaputten und die Fragilen, die Untergehenden und Kämpferinnen mit Eleganz, Haltung und einer Strahlkraft, die über den jeweiligen Film hinausreichte." Was sie im gemeinsamen Filmzyklus der beiden auch privat liierten Filmschaffenden "auf die Leinwand brachte, hatte man in dieser Intensität bis dahin kaum gesehen", schreibt Thomas Klein in der taz.
"Wenn man die großen Rollen von Gena Rowlands in einem Motiv zusammenfassen wollte", schreibt Georg Seeßlen auf Zeit Online, "dann vielleicht so: Eine Frau rennt gegen unsichtbare Mauern. Darin liegt auch eine destruktive Wirkung, die Gena Rowlands stets dort entfaltete, wo man sie als sogenannte Gebrauchsdarstellerin einsetzte. Folgen von 'Columbo' oder 'Monk', in denen sie eine der üblichen Verdächtigen spielte, zerfallen von dem Augenblick an, in dem Rowlands die Szene betritt. Die gewohnten Regeln, der gewohnte Abstand vom Wirklichen, die gewohnte wohlige Unbeteiligtheit des Fernsehpublikums - das alles zählt auf einmal nicht mehr. Als würde von irgendwo das wirkliche Leben in eine Inszenierung hineinbrechen."
"Vielleicht ist Gena Rowlands im falschen Jahrzehnt geboren", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Mit ihrer klassischen Eleganz, durch die stets eine Widerständigkeit gegen die gesellschaftliche Etikette hervorblitzte, einem Glamour, der die Klugheit hinter der Oberfläche nie überstrahlte - man könnte es auch Bodenständigkeit nennen -, und ihrer kratzigenSchlagfertigkeit hätte sie es locker in eine Kategorie mit Stars wie Bette Davis, Barbara Stanwyck und Carole Lombard geschafft." Weitere Nachrufe in Standard und FR.
Themenwechsel: In seiner Artechock-Wochenkolumne wundert sich Rüdiger Suchsland, dass der Branchenverband "German Films" unter anderem den Film "The Seed of the Sacred Fig" (mehr hier) des iranischen, im deutschen Exil lebenden Dissidenten MohammadRasoulof für eine deutsche Oscarnominierung ins Rennen schickt: Abgesehen von der Finanzierung durch die deutscheFilmförderung ist an diesem Film eben alles iranisch, schreibt Suchsland. Selbst "wenn 'The Seed of the Sacred Fig' produktionstechnisch als 'deutscher Film' durchgeht, dann darf man doch fragen: Wäre es das richtige Signal, wenn dieser Film den deutschen Film vertreten würde? Oder eine Ausrede, ein Armutszeugnis. Oder schlimmer noch: ein Feigenblatt? Stellen wir uns nur mal vor, der Film würde gewinnen? Würde Claudia Roth dann wieder eine ihrer Reden mit einem Lob des deutschen Films halten? Ein Film eines iranischen Dissidenten, der außer dem Geld so gar nichts mit Deutschland zu tun hat, wäre natürlich genau der Film, der das repräsentiert, wie sich Deutschland im Ausland am liebsten zeigt. Jedenfalls das Deutschland der Filmfunktionäre."
Außerdem: Knut Henkel porträtiert für die NZZ den kubanischen Filmschaffenden FernandoPérez, der in seinem Heimatland für die Meinungsfreiheit kämpft. Wilfried Hippen spricht in der taz mit dem Leipziger ExperimentalmusikerMichaelBarthel, der am kommenden Samstag in BremenNicolasReysEssayfilm "Sowjetmacht plus Elektrifizierung" von 2001 mit einer Performance begleiten wird. Rüdiger Suchsland nimmt sich auf Artechock den Kinostart von FedeÁlvarez' "Alien: Romulus" (besprochen in Artechock, Standard, FAZ, Welt und bei uns) zum Anlass, um über die "Alien"-Kinoreihe nachzudenken. In der FAZgratuliert Dietmar Dath JamesCameron zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden SeanWangs "Didi" (Artechock), PaulFeigs auf Amazon gezeigte Actionkomödie "Jackpot!" (BLZ) und die vierte Staffel der Netflix-Serie "Emily in Paris" (Presse).
"Sieben Winter in Teheran", Szenenbild. Äußerst beeindruckt bespricht Oliver Jungen in der FAZSteffi Niederzolls Dokumentarfilm "Sieben Winter in Teheran" über die Geschichte der Reyhaneh Jabbari, die hingerichtet wurde, weil sie sich gegen ihren Vergewaltiger, einen Mann des Regimes, gewehrt hatte. Neu sei es "nicht, dass in diesem Fall nicht allein das atavistische islamische Rechtsprinzip der Blutrache das Problem darstellt, sondern auch der Umstand, dass das Urteil schon vor dem Prozess feststand. Und doch ist es etwas ganz anderes, all das im Film präsentiert zu bekommen", schreibt Jungen. Und schließt: "Es wird noch einmal klar in diesem Film, dass eine Veränderung in Iran nur von innen kommen kann, weshalb es doppelt tragisch ist, dass die Protestbewegung mit purer Gewalt erstickt wurde und die gegenwärtig von Iran und seinen Stellvertretern im Nahen Osten gesuchte Eskalation erfolgreich davon abzulenken scheint, wie korrupt und zynisch, aber auch wie morsch und hinfällig das iranische System ist." Der Film läuft heute Abend in der ARD und ist hier in der Mediathek zu sehen. Bestellen Sie bei eichendorff21!Die FAS hat DominikGrafsLiebesbrief an ChristelBuschmanns Film "Gibbi Westgermany" aus dem Jahr 1980 online nachgereicht. Der seit kurzem auf DVD erhältliche Film erzählt von einem jungen Matrosen, der nach St. Pauli zurückkehrt und an seiner Umgebung scheitert. Von Graf wird er sofort einsortiert in den einschlägigen Anti-KanondeswestdeutschenFilms von den St.Pauli-Filmen der Sechziger über Roland Klick bis Klaus Lemke. "Der Schweiß der Menschen auf den Positivkopien kann digital nicht wirklich adäquat wiedergegeben werden, aber Frank Brühnes Neonlicht rettet einiges an Authentizität in die porentief gesäuberte Jetztzeit des kinematographischen Bildes. ... Was tritt einen hier plötzlich quasi von hinten, welche Geister der westdeutschen Endsiebziger erscheinen und zeigen hier ihre unerwartete, weil vergessene Schönheit, ihren Lebenshunger, ihre Verzweiflung mit solchem Stolz und manche von ihnen mit so stolzerHässlichkeit, wie es einem im deutschen Konsenskino gar nicht mehr begegnen will. ... Die alten Filme bilden oft die Schichten ab, auf denen wir heute herumturnen, ohne uns der subterran existierenden Linien bewusst zu sein, die von den Menschen einst direkt zu uns führen. Man bräuchte Infrarotkameras für die Seele, um die abgelagerten Umrisse unserer ererbten Psychosen zu finden. Die alten Filme sind wie Gefühlsarchäologie." Der Trailer verschafft einen kleinen Einblick in den Film:
Weitere Artikel: In der tazempfiehlt Andreas Hartmann die Filme des georgischen Regisseurs Ioseb "Soso" Bliadze, die im Berliner Kino Krokodil zu sehen sind. Und eine kuriose Meldung in Variety: CoreyYuen, der im Hongkong-Actionkino der Achtziger erst als Schauspieler und später dann auch (bis hin zum Hollywoodkino) als Regisseur und Choreograf tätig war, ist bereits vor zwei Jahren einer Covid-Erkrankung erlegen, wie erst jetzt - nach einem Leak seines früheren Weggefährten JackieChan - bekannt wurde.
Besprochen werden FannyLiatards und JérémyTrouilhs "Gagarin - Einmal schwerelos und zurück" (taz, FD), die Apple-Serie "Bad Monkey" mit VinceVaughn (Welt) und die auf dem gleichnamigen Terry-Gilliam-Film basierende Apple-Serie "Time Bandits" (FAZ).
Eine Ausstellung im Berliner Silent Green widmet sich der New Yorker Underground-Filmemacherin BethB. Gemeinsam mit ihrem Mann Scott B drehte sie auf Schmalspur-Material "kleine, schmutzige Statements der Wut und des Misstrauens", schreibt Michael Freerix in der taz. Beide fanden damit in Sichtweite zur New Yorker Punkszene rasch Anschluss an andere Filmkünstler der Szene, die heute unter Begriffen wie "Cinema of Transgression" oder "No-Wave-Cinema" geführt wird. "Sie propagieren eine Strategie des visuellen Schocks. ... Aber wo ihre Kollegen auf Konfrontation und Provokation setzen, arbeiten die beiden an komplexen, aufklärerischen Narrativen. ... Ihnen ist die Analyse von Machtstrukturen in der Gesellschaft äußerst wichtig."
Andreas Busche hat sich für den Tagesspiegel mit Beth B getroffen. Wie passt eine frühere Provokateurin in den gegenwärtigen Kunstbetrieb, in dem "die Konzepte Achtsamkeit und Safe Spaces inzwischen allgegenwärtig sind - und fast schon zum Klischee geworden. ... 'Früher haben wir geschrien, so laut wie wir konnten', erzählt sie. Es sei eine Art Überlebensinstinkt gewesen. 'Aber natürlich hört niemand zu, wenn man ständig angeschrien wird. Also lernte ich, die Menschen zu verführen, damit sie mir zuhören. Als Gemeinschaft haben wir die Fähigkeit, ein Gefühl von Wärme und Zärtlichkeit zu den Menschen zu bringen, die darunter leiden - inklusive uns selbst.'"
Gegenwartsspaß ohne Geschichtsbewusstsein: "Decameron" (Netflix) "Selten ist aus etwas so Großartigem etwas derart Missratenes und Dämliches entstanden", schnaubt Dirk Schümer in der Welt nach der Netflix-Serie "Decameron" auf loser Grundlage von Boccaccios gleichnamiger Novellensammlung aus der Frührenaissance. Hatte Boccaccio noch "allem Todestrieb eine Absage erteilt und stattdessen weiblicheVernunft, individuelleWürde und die natürliche Sinnlichkeit aller Menschen gefeiert", besteht die Netflixvariante nurmehr aus Fäkalhumor und pubertär-verklemmten Fantasien. Traurig und dreist, wie hier "die eigene Denkfaulheit und Ahnungslosigkeit - unterfüttert mit punkigen Klängen à la The Clash - auch noch als witzige Innovation" verkauft wird. Dabei ist die Serie "nur der Beweis, dass, wenn es so weiterläuft, eine ganze Generation dabei ist, jegliches Geschichtsbewusstsein zu verlieren. Es gibt hier nur mehr die Gegenwartsästhetik, die Gegenwartsmoral, den Gegenwartsspaß als Kostümparty. Dabei brach mit Boccaccio und seinem Zeitgenossen Francesco Petrarca einst eine Epoche an, in der Vernunft und Skepsis die fundamentalistische Ideologie des mittelalterlichen Christentums ablösen konnten."
Weitere Artikel: Wilfried Hippen porträtiert für die taz den Bremer Sounddesigner AndersWasserfall, der die Tonspuren von Filmen zum Klingen bringt. Maria Wiesner (FAZ) und Harald Hordych (SZ) gratulieren PierreRichard zum 90. Geburtstag. Außerdem melden die Agenturen, dass die Schauspielerin GenaRowlands im Alter von 94 Jahren gestorben ist.
Besprochen werden Jane Schoenbruns bislang nur in Berlin gezeigter Horrorfilm "I Saw the TV Glow" (Perlentaucher), ChristelBuschmanns auf DVD wiederentdeckter "Gibbi Westgermany" von 1980 (taz, mehr dazu bereits hier), Fede Alvarez' Horror-Science-Fiction-Film "Alien: Romulus" (Perlentaucher, NZZ, FD, taz, FR), Fanny Liatards und Jérémy Trouilhs französischer Coming-of-Age-Film "Gagarin" (FAZ, Freitag, FD), Sean Wangs Komödie "Dìdi" (taz), Oz Perkins' "Longlegs" (Freitag, unsere Kritik), die Amazon-Serie "Perfekt verpasst" mit BastianPastewka und AnkeEngelke (FAZ, taz) und JustinBaldonis Verfilmung von ColleenHooversTiktok-Bestseller "It Ends with Us" (FR, Standard). Außerdem verschaffen SZ und Filmdienst einen Überblick zur aktuellen Kinowoche.
Irene Genhardt zieht im Filmdienst Zwischenbilanz nach der ersten Halbzeit des Filmfestivals in Locarno, dessen Wettbewerb einen auffälligen Fokus auf durch Eltern widerfahrenes Kinderleid legt. Mit der Locarno-Jurypräsidentin JessicaHausnerspricht derweil Jakob Thaller im Standard. Andreas Scheiner erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit dem Schauspieler TimBlakeNelson in Locarno, der "eines der interessantesten Gesichter Hollywoods" hat. JamieLeeCurtis hat vom American Film Institute die Ehrendoktorwürde erhalten, berichtet Nina Rehfeld in der FAZ. Francesco Giammarco (Zeit Online) und David Steinitz (SZ, aber online beim TA) staunen über TomCruise, der es sich bei der Olympia-Abschlussfeier nicht nehmen ließ, sich selbst noch im Alter von 62 Jahren von der Kuppel der Veranstaltungshalle abzuseilen, um die olympische Flagge für die USA in Empfang zu nehmen.
Besprochen werden M. Night Shyamalans experimenteller Psychothriller "Trap" ("ein mutigerBruch den das klassische Hollywood-Kino nur allzu gut brauchen kann, um sich neu zu erfinden", jubelt Kira Kramer in der FAZ), Pierre-HenrySalfatisvon Arte online gestellte Dokumentation "Der Mythos vom Ewigen Juden" (Tsp), die zweite Staffel von "House of the Dragon" (Freitag) und KurdwinAyubs beim Filmfestivla in Locarno gezeigter Film "Mond" mit der Performancekünstlerin FlorentinaHolzinger (Standard).
Dass David Lynch kürzlich via Twitter und einem Interview in der britischen Filmzeitschrift Sight & Sound der Öffentlichkeit mitteilte, an einem Lungenemphysem erkrankt zu sein und kaum mehr in der Lage ist, seine Villa auf den Hollywood Hills zu verlassen, konnte angesichts des erheblichen Tabakkonsums, den der Regisseur quasi zu seinem Markenzeichen gemacht hatte, kaum überraschen. Schockiert hat es die Filmwelt dennoch: Mit weiteren Filmen oder einer weiteren "Twin Peaks"-Staffel ist wahrscheinlich nicht mehr zu rechnen. Daniel Moersener schreibt auf Zeit Online daher schon einmal einen Nachruf zu Lebzeiten und gräbt sich nochmal tief ein in Lynchs morbid-kryptische Filmwelten, die seit jeher zu ambitioniertenDeutungen provoziert haben. Doch "wäre an David Lynch nicht auch hochzuhalten und zu erinnern, dass das Geheimnis, das Sichtbare und all ihre komplizierten Verwandtschaftsverhältnisse in seinen Filmen vor allem auf eines abzielen - nämlich auf rare Momente der Verzauberung einer entzauberten Welt? Momente, in denen das Geheimnis ein Geheimnis bleiben darf, weil alle es bereits kennen. Momente, in denen man sich nicht zu entscheiden braucht, zwischen Tränen, blauem SamtoderblauemRauch. Die Dinge und das Kino ein wenig rätselhafter zurückzulassen, als man sie vorgefunden hatte, das ist Lynchs großes Verdienst."
Vor kurzem ist David Lynchs neues, gemeinsam mit Chrystabell aufgenommenes Album "Cellophane Memories" erschienen. Ein Musikvideo dazu erinnert an David Lynchs allererste Kurzfilme:
Weitere Artikel: Im Filmdiensterinnert Leo Geisler an MichaelManns Frühwerk "The Thief" mit JamesCaan. Wenn TimothéeChalamet für seine Darstellung von BobDylan in "A Complete Unknown" keinen Oscar bekommen sollte, dann gelingt ihm dies ja vielleicht mit einer Darstellung von WolfgangNiedecken, ulkt Daniel Gerhardt auf Zeit Online. Nathalie Mayroth (taz) und Jakob Thaller (Standard) gratulieren ShahRukhKhan zur Auszeichnung fürs Lebenswerk beim FilmfestivalLocarno. Katrin Nussmayr staunt in der Presse über den Hollywood-Erfolg von RyanReynolds und BlakeLively.
Besprochen werden ViggoMortensens Western "The Dead Don't Hurt" (Tsp, mehr dazu bereits hier) und die beliebtesten Kurzfilme von KarlValentin als Kino-Wiederaufführung (taz).
Nicht im Kino, aber per VoD auf der Plattform EDGLRD zu sehen ist Harmony Korines neuer Film "Aggro Dr1ft". Nino Klingler bespricht auf critic.de dieses Ausnahmewerk, das durchweg mit einer Infrarotkamera aufgenommen wurde und eine Gangstergeschichte erzählt, die mit allerlei Artefakten der Webkultur durchsetzt ist: "Unter all den verschmierten Farbflächen, unter all der unleugbaren Hässlichkeit und dem drastischen Chauvinismus quillt da ein unausgegorener Ruf nach Gefühlen und Nähe hervor. Die Thermalbilder des Filmes sind auf den ersten Blick vielleicht frustrierend arm an Informationen, aber sie zeigen dafür ganz unmittelbar die Wärme von Körpern. Sie scheinen heller, je intensiver sie kämpfen, rennen, morden. 'We live in a heated world', sagt der Loner-Hero, und damit könnte er das planetare oder das politische Klima meinen."
Weitere Artikel: Mariam Schaghaghi unterhält sich in der FAS mit der Regisseurin Marjane Satrapi über deren neuen Film "Paris Paradies" (unsere Kritik). Hanns-Georg Rodek porträtiert in der Welt den Filmproduzenten Günter Rohrbach anlässlich dessen 95. Geburtstags. Jakob Thaller erkundet im Stadard das Programm des diesjährigen Filmfestival Locarno. Anne Vollmer blickt in der FAZ auf den 15 Jahre alten Film "Kleine Verbrechen" zurück.
Besprochen werden der Horrorfilm "Longlegs" (SZ) und die Apple TV+-Serie "Bad Monkey" (Welt).
Die Feuilletons verabschieden sich von Synchronlegende RainerBrandt, der mit seinem "Schnodderdeutsch" die hiesige Auffassung von Unterhaltungskino jahrelang geprägt hat: Belmondo, Spencer und Hill - sie alle klopften in den deutschen Versionen ihrer Filme Sprüche, die ihnen Brandt in den Mund gelegt hat. "Dieser Klang", erinnert sich Bernhard Heckler in der SZ wehmütig. "Diese ganz bestimmte Textur, das Raue, Rausgerotzte, diese Audiotapete, die über so vielen Komödien der Achtziger- und Neunzigerjahre lag. Diese schräge, rhythmische, eingängige Kneipenslang-Jugend-Macho-ich-hau-dir-aufs-Maul-Sprache in den Stimmfarben von Thomas Danneberg (Terence Hill) und Arnold Marquis (Bud Spencer). Diese bis in die Gegenwart hinein klingende Spencer-Hill-Lingo hat ihren Schöpfer verloren."
Er "beherrschte die feine Kunst, auf der Leinwand gesprochene und vorher minutiös durchkomponierte Sprache glaubwürdig als urwüchsig und spontan zu verkaufen", schreibt Axel Weidemann in der FAZ. Es war "eine Sprache, die gestalterisch mehr Wert darauf legt, was gemeint ist, als was gesagt wird. 'Ganz ruhig, sonst drücken wir das Köpfchen in deinen Hals' ('Vier Fäuste gegen Rio' 1984) - das zeugt von einer fundamentalen Nächstenliebe, die stets daran scheitern muss, dass der Nächste leider allzu oft im Weg steht." Für Peter Huth von der Weltgehört Brandt "in eine Reihe mit Ringelnatz, Erhardt, Gernhardt sowie Wagner (Franz und Richard)."
Weitere Artikel: Marta Moneva resümiert für Artechock das 59. Filmfestival in KarlovyVary. Ulrich Mannes empfiehlt auf Artechock den Fokus der 72. Filmkunstwochen in München zu Geschichte der Schweizer Produktionsfirma Praesens-Film. Leo Geisler erinnert im Filmdienst an SidneyLumets Thriller "Hundstage" von 1975. Oliver Jungen führt sich für die FAZ nochmal die alten "Dudu"-Filme zu Genüte.
Besprochen werden OzPerkins' Horrorfilm "Longlegs" (Standard, Artechock, unsere Kritik), ViggoMortensens Western "The Dead Don't Hurt" (Artechock, mehr dazu hier), die Netflix-Serie "Das Decameron" (Freitag, Welt) und die britische Doku "Tabloids on Trial" über die Opfer von Boulevard-Bespitzelungen (taz).
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